Die Erben

von Caligula
GeschichteDrama, Familie / P18 Slash
28.05.2017
16.05.2019
75
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Kapitel 70 – Mädchenprobleme

Lucys Finger begannen schon zu schmerzen, als sie, angestrengt auf der Lippe herumkauend, eilig die letzten Worte auf ihr Pergament übertrug. „Fertig!“, rief sie triumphierend aus, legte alles zur Seite und streckte sich erst einmal ausgiebig. Puth, der Bibliothekar, warf ihr einen aufmerksamen Blick zu, verzichtete jedoch auf eine Ermahnung. Fred war noch ganz in seine Notizen - ihre Notizen besser gesagt - vertieft und von Langeweile getrieben rieb sie unterm Tisch mit ihrem Fuß, der nicht mehr im Schuh steckte, was Puth zum Glück aber nicht bemerkt zu haben schien, Freds Bein, das sie gerade so erreichen konnte.
Unwirsch schlug zog er das Bein zurück. „Lass das.“
„Mach hinne“, erwiderte Lucy und stützte das Gesicht auf die Hände.
„Professor Edgecombe hat ein Problem mit meiner Handschrift. Und sie hat mir gedroht mir Punkte abzuziehen, wenn sie meine Sauklaue schon wieder nicht entziffern kann“, nörgelte der Cousin.
Lucy grinste. „Also willst du jetzt Professor Edgecombe gefallen?“, fragte sie mit wackelnden Augenbrauen. „Was wird Brenda dazu sagen? Die ist doch schon auf mich eifersüchtig und ich bin deine Cousine.“
„Sie ist doch nicht eifersüchtig auf dich“, wehrte Fred ab, ohne von seiner Arbeit aufzusehen. „Sie kann dich nur nicht wirklich leiden.“
„Oh, na das macht es gleich viel besser. Und für's Protokoll - ich kann sie noch viel weniger leiden. Die Frage ist doch, warum kannst du sie leiden?“
Mit einem genervten Seufzen schrieb er seine letzten Worte, dann schob er Lucy ihren Aufsatz vor die Nase. Seit Jahren praktizierten sie diese Form der Arbeitsteilung, bei der sie die Hausaufgaben untereinander aufteilten und den anderen ihren Part abschreiben ließen. Mit ein paar Umformulierungen war ihnen noch nie ein Lehrer auf die Schliche gekommen. Oder es interessierte sie einfach nicht. Und um seine Hausaufgaben zu machen war Lucy allem Anschein nach wohl noch gut genug, auch wenn sie keine üppigen Brüste hatte wie Brenda. „Kannst du es nicht einfach gut sein lassen?“, bat Fred als hätte er ihre Gedanken gelesen, während er seine Sachen zusammenpackte. „Ich dachte, wir hätten uns darauf geeinigt Brenda einfach Brenda sein zu lassen. Und dass das nichts zwischen uns ändert.“
Nun war es an Lucy genervt den Atem auszustoßen, als auch sie ihre Sachen in ihrer Tasche verstaute. Sie wollte ja gar nicht so auf seiner Liebelei herumreiten, aber mit jedem Tag schien Brenda unerträglicher zu werden. Früher hatte Lucy mit ihrer Nachbarschaft noch weit weniger Probleme gehabt und sie gut ignorieren können. Doch das wurde mit zunehmendem Alter immer schwieriger. Vielleicht weil derzeit außer ihr alle Mädchen im Schlafsaal ihre innere Venus entdeckten und Brenda dabei die Schlimmste von allen war. Und dass Fred das auch noch zu gefallen schien, machte die Sache noch schlimmer. Doch diese negativen Gedanken beiseite schiebend, zwang sie sich zu einem versöhnlichen Lächeln.
Sie hatten sich gerade erhoben, da tauchte ausgerechnet die Wurzel allen Übels auf, ein strahlendes Lächeln auf den Lippen und vor allem allein, was überhaupt kein gutes Zeichen war, schließlich waren Mädchen immer im Rudel unterwegs, es sei denn sie wollten ihren Freund in Beschlag nehmen. Genau das tat Brenda, indem sie sich bei Fred unterhakte. Mit ungläubig gehobenen Brauen wechselte Lucys Blick von Fred zu Brenda und wieder zurück, während sie auf eine Erklärung wartete. Fred verzog leicht gequält das Gesicht. „Ich hab vergessen zu sagen...ich mach heute Nachmittag was mit Brenda“, murmelte er zerknirscht.
„Ey, ist das jetzt dein Ernst?“
Brenda zuckte entschuldigend und ohne ihr blödes Lächeln abzulegen mit den Schultern und führte Fred zur Tür. Lucy blieb nichts anderes übrig als ihnen überfordert, mit fassungslos offen stehendem Mund, hinterher zu starren. Sie wusste nicht wie lange sie so bedröppelt mitten in der Bibliothek herumgestanden hatte, bis sie aus dem Augenwinkel eine Person bemerkte, die neben ihr stehenblieb und die Arme vor der Brust verschränkte. Sie musste gar nicht hinsehen; sie erkannte Blaine an seinem Deo, von dem er immer viel zu viel versprühte.
„Kann ich dir helfen?“, fragte Lucy monoton, den Blick noch immer auf die Tür gerichtet, durch die Fred und Brenda längst verschwunden waren.
„Genau das wollte ich gerade fragen“, erwiderte der Mitschüler.
„Ich geh was raus“, erklärte Lucy und wollte schon wie mechanisch losgehen, als Blaine sie aufhielt.
„Hey, was ist mit deinen Schuhen?“
Schnaufend bückte sie sich nach ihren Schuhen, schlüpfte hinein und stapfte los.

Ihr entging nicht, dass Blaine ihr folgte, aber es war ihr egal. Er würde ihr strammes Tempo ohnehin nicht allzu lange halten können. Sie durchschritt das Portal und trat ins Freie. Der Himmel war von grauen Wolken bedeckt, die noch den ein oder anderen Schauer erahnen ließen, doch da es bislang noch trocken war, warf sie ihre Schultasche ganz bedenkenlos auf den Rasen und lief los. Sie war keine geübte Läuferin und das rächte sich schon bald, als ihre Lungen zu brennen begannen. Trotzdem machte sie weiter, bis sie wirklich nicht mehr konnte und sich dafür verfluchte, dass sie nichts zum Trinken dabei hatte. Die Hände auf die Knie gestützt rang sie schmerzhaft nach Luft, als kurz darauf Blaine wieder neben ihr auftauchte. Über ihr Erstaunen, dass er den Weg offenbar auch gerannt war, und dass trotz seiner überflüssigen Pfunde, ließ sie sogar kurzzeitig ihre eigene Erschöpfung vergessen. Ein Jauchzen ausstoßend ließ sich der Klassenkamerad auf den Boden plumpsen, stützte die Arme hinter dem Körper und kniff wehleidig die Augen zusammen.
„Was...willst du, das nicht auch hätte warten können?“, wollte Lucy ungeduldig wissen.
Blaine wedelte mit der Hand und musste noch mehr Luft holen, ehe er antworten konnte. Sein Gesicht war puterrot und Lucy begann sich ein wenig Sorgen um seine Gesundheit zu machen. Wenn er jetzt dehydrierte oder sonst was würde sie selbst nicht genug Ausdauer haben, um den Weg zurück zum Schloss zu laufen und schnell Hilfe zu holen. „Ich?“, japste er schließlich. „Ich wollte bloß nach dir sehen. Du hast...keinen so guten Eindruck gemacht.“
Überrascht hob sie eine Braue. Also hat er sich Sorgen um sie gemacht? „Bei mir ist alles gut“, erklärte sie und musterte ihn skeptisch. „Ich musste mich nur etwas abreagieren und das war alles, was mir auf die Schnelle eingefallen ist. Rückblickend betrachtet war die Idee bescheuert“, fügte sie grimmig hinzu, weil ihr trockener Mund schwerer zu ertragen war als die Seitenstiche.
„Ja“, stimmte Blaine nickend zu und schaffte es endlich wieder sie anzusehen. „Also fühlst du dich jetzt nicht besser?“
„Ich hab Durst.“
„Ja, ich auch.“
„Komm, gehen wir zurück“, beschloss sie und hielt ihm eine Hand hin um ihm aufzuhelfen. Fast zog er sie auf den Boden, doch dank seiner anderen Hand, mit der er sich abstützte, gelang es ihm auf den Füßen zu landen und sich auf diesen auch zu halten. Mit missbilligend verzogenem Gesicht wischte er sich die Hände ab und begleitete Lucy zu ihrem zurückgelassenen Rucksack.
„Ich hasse Brenda“, durchbrach Lucy nach wenigen Schritten die einsetzende Stille, weil sie das Gefühl hatte, sich rechtfertigen zu müssen.
„Wer nicht?“, schnaubte Blaine amüsiert und weckte damit tatsächlich Lucys Interesse.
„Ach? Ich dachte, alle Jungs würden mittlerweile auf sie abfahren.“
Die Nase rümpfend zuckte Blaine die Achseln. „Ich steh nicht so auf...äh, Mädchen.“
Das Geständnis schien ihn mehr zu beschämen als es Lucy überraschen konnte. Blaine hatte schon immer etwas feminines an sich gehabt und sie hatte auch ihn nie mit Mädchen anbandeln sehen. „Das ist cool“, ermutigte sie ihn und er hob sichtlich verwundert wieder den Kopf. „Mädchen sind furchtbar. Und ätzend. Einfach furchtbar ätzend. Und ich muss es wissen, immerhin lebe ich quasi in einem Hühnerstall.“
„Na ja, manche sind definitiv schlimmer als andere“, wandte er versöhnlich ein.
„Mag sein, aber Brenda gehört definitiv zu den Schlimmeren.“
„Scheint Fred ja anders zu sehen.“
Lucy warf ihm einen bösen Blick zu. Für einen Schwulen war er erstaunlich unsensibel. Vielleicht dachte sie aber auch einfach zu klischeehaft. „Genau das ist ja mein Problem. Damit schließt sich der verdammte Kreis.“
„Du hattest doch auch mal 'nen Freund, wenn ich mich nicht irre“, versuchte er sich stirnrunzelnd zu erinnern. „Timothy, oder?“
Fassungslos raufte sie sich die Haare. „Ich kann nicht glauben, wie viele Leute uns diesen Schwachsinn abgekauft haben! Ich bin nur ein-, zweimal mit Timothy ausgegangen, um nicht wie das fünfte Rad am Wagen hinter Fred und Brenda herzudackeln! Komm schon, der Typ ist schwachsinnig. Niemand würde sich ernsthaft auf den einlassen.“
„Autsch...“, schmunzelte Blaine amüsiert.
„Ich spreche nur aus was alle denken.“
Daraufhin sagte Blaine eine Weile nichts mehr und sie glaubte schon, dass er von ihrer offen zur Schau getragenen Eigennützigkeit abgestoßen war. Überraschenderweise brachte er jedoch ein freundliches Lächeln zustande, als er weiter sprach. „Naja, also...falls du nochmal einen Alibi-Freund brauchen solltest...kannst du mich ruhig fragen.“
Ungläubig hob sie die Brauen. „Wieso solltest du das tun?“
„Ich sag nicht, dass ich es tue“, stellte er verschnupft und mit abwehrend gehobenen Händen richtig. „Ich sage lediglich, im Falle des Falles darfst du mich zumindest fragen.“
„Wow. Danke.“ Und wenngleich sie es mit reichlich Spott in der Stimme sagte, meinte sie es durchaus ehrlich. Auch wenn sie nicht wusste, was ihn zu dieser Großherzigkeit bewegte. Solange sie sich erinnern konnte, war Blaine nie durch seine selbstlose Hilfsbereitschaft aufgefallen, eher im Gegenteil wurde er gemieden, weil er glaubte alles besser zu wissen und zu können und sich in all seiner Arroganz nicht von seinen unterqualifizierten Mitschülern runterziehen lassen wollte. Ein Grinsen schlich sich auf Lucys Gesicht. Er war ein Freund, über den Fred ganz sicher auch den Kopf schütteln würde. Eigentlich genau das, was er verdient hatte.
Als sie Lucys Sachen erreichten, ging Blaine einfach weiter ohne auf sie zu warten, als wäre alles wie immer und als hätte diese seltsame Begegnung gar nicht stattgefunden. Was vollkommen okay für sie war.

Louis war kurz davor den Inhalt seines Kessels im Zaubertränkeklassenzimmer zu verteilen. Den ganzen Tag schon ging ihm Carrie außerordentlich auf die Nerven. Nach ein paar Tagen des Friedens schien sie ihre Periode überwunden zu haben und war noch lustiger drauf als sonst, was er sich aus nächster Nähe geben durfte, weil er nicht von Beatrices Seite weichen wollte. Er begann schon sich nach ihrem gemeinsamen Urlaub in den Sommerferien zu sehnen, wenn er seine Freundin endlich nicht mehr mit diesem Mädchen teilen musste, das allem Anschein nach nur auf die Welt gekommen war, um ihm persönlich das Leben schwer zu machen!
Kichernd schnitt Carrie längs den Stiel eines Pilzes auf, dessen Schleim unabdingbar für ihren Kopfschmerztrank war. Den konnte Louis gut gebrauchen. Da gackerte Carrie auch schon los, als der benötigte Schleim förmlich aus dem Stiel herausspritzte und sich auf dem Tisch verteilte. „Guck mal, Wichser, das bist du!“
Genervt verdrehte er die Augen. Genau das hatte er längst kommen sehen, da sie zuvor beobachtet hatten, wie Hugo sich mit dem Pilzschleim versehentlich selbst vollgespritzt hatte, was Carrie nicht halb so lustig gefunden hatte.
„Kannst du mal eine andere Platte auflegen?“, fuhr Beatrice sie an. „Der Witz setzt schon Rost an.“
„Oh, entschuldige, ich wollte dir den Spaß nicht vorenthalten. Hier, schluckst du?“ Immer noch grinsend hielt Carrie ihr die Fingerspitze voll Schleim vor die Nase.
„Igitt, lass das, Carrie!“, kreischte Beatrice und brachte sich mit geducktem Kopf in Sicherheit. „Etwas mehr Konzentration bitte da hinten!“, wurden sie streng von Professor Edgecombe ermahnt, die es endlich vermochte Carrie das blöde Grinsen aus dem Gesicht zu wischen.
„Australien, also“, wechselte sie so abrupt das Thema, dass Louis und Beatrice einen verdutzten Blick tauschten.
„Ist das ein Problem?“
„Keine Ahnung? Kannst du denn Australisch?“
Sie sah sein verständnisloses Stirnrunzeln nicht, weil sie, eine Hand in die Hüfte gestemmt, konzentriert in ihrem Kessel rührte. „Man spricht Englisch in Australien. Das werden wir wohl gerade so hinkriegen. Wenn du irgendwie auf die Frage abzielst, ob du mitkommen darfst...“
Immer noch ohne aufzusehen, hob Carrie Schweigen gebietend eine Hand und rührte weiter. Erst als sie die vorgeschriebene Zeit eingehalten hatte, sah sie wieder auf. „Auf gar keinen Fall. Ich ertrag euer Geturtel nicht, erst recht nicht, wenn ich am anderen Ende der Welt mit euch festsitze. Davon abgesehen, haben Beatrice und ich ja auch unsere eigenen Pläne, nicht wahr?“ Lächelnd zog sie die schmunzelnde Beatrice in eine Umarmung, drückte sie an sich und legte den Kopf auf ihre Schulter. Louis hob fragend die Brauen. Von diesen Plänen hörte er zum ersten Mal.
„Carries Bruder und dessen Kumpel nehmen uns mit nach Portugal“, erklärte Beatrice.
Skeptisch verschränkte der Ravenclaw die Arme vor der Brust. „Auf einmal?“, hakte er nach.
„Keine Ahnung wieso die ausgerechnet jetzt darauf gekommen sind“, meinte Carrie schulterzuckend und wenig überzeugend. „Aber meine Süße und ich waren nicht dumm genug das Angebot auszuschlagen.“
„Ich wusste gar nicht, dass du einen Bruder hast“, merkte Louis mit einem Hauch Neugier an.
Carrie lächelte verschwörerisch. „Es gibt so einiges das du nicht von mir weißt. Ich bin eben nicht so...freizügig wie du.“
Genervt stieß er den Atem aus. Ständig drehten sie sich im Kreis. Sie machte sich über ihn lustig, ließ sich zwei Sekunden auf ein unverfängliches Gespräch ein, nur um sich gleich darauf wieder auf ihn zu stürzen. Es war ihm ein Rätsel was sie antrieb. Anfangs hatte er ja geglaubt sie wäre eifersüchtig auf ihn, dann hatte es den Eindruck gemacht als sei sie eifersüchtig auf Beatrice und nun konnte er sich überhaupt nicht mehr erklären was sie eigentlich wollte. Und es nervte ihn, dass sie seine Gedanken damit so oft von seiner Freundin auf sie lenkte. Unwillkürlich griff er nach Beatrices Hand. „Naja, so lange das unseren Plänen nicht im Weg steht.“ Beatrice lachte, hob ihre verschränkten Finger an ihr Gesicht und platzierte einen Kuss auf seinem Handrücken.
„Ganz ruhig, ich hab euch ja beide lieb, okay?“

„...und ich verstehe einfach nicht was sie an dieser Schlange findet“, beschwerte sich Louis später beim Abendessen, das er wieder am Ravenclawtisch zu sich nahm, weil er noch mehr Carrie an einem einzigen Tag einfach nicht vertrug. Dominique hatte ihn einfach reden lassen; wenn er ihr auf die Nerven ging, ließ sie es sich zumindest nicht anmerken. Andererseits hatten sie beide einen sehr überschaubaren Freundeskreis und nicht viele Alternativen sich jemandem anzuvertrauen und dessen waren sie sich beide bewusst. Dominique kaute in Ruhe zu Ende und ließ gedankenverloren den Blick durch die Große Halle schweifen.
„Tja, die Beziehung zwischen zwei Mädchen kann sehr kompliziert sein“, erklärte sie so resigniert als hätte sie in diesen Dingen mehr Erfahrung als ihr lieb war und Louis fragte sich von wem genau sie wohl sprach. „Und wenn man dann noch den gleichen Typen mag, wird es richtig kompliziert. Man steht zwischen den Stühlen. Zwischen allen Stühlen.“ Als sie Louis' bohrenden Blick bemerkte, konzentrierte sie sich rasch wieder auf ihr Essen. Er wusste, dass sie mal Liebeskummer gehabt hatte, aber trotz seiner brennenden Neugier wer das Herz seiner anspruchsvollen Schwester erobert haben könnte, hatte er sie nie dazu ausgefragt und sie hatte nie von sich aus etwas erzählt. Und obwohl seitdem so viel Zeit vergangen war, schien es sie immer noch zu beschäftigen.
„Redest du von dir...?“, wagte er ganz direkt zu fragen.
„Ach, Unsinn“, tat sie schnalzend ab mit so ruhiger und gefasster Stimme, dass Louis gewillt war ihr zu glauben. „Meine Frauenprobleme sind anderer Natur.“
Vorsichtig hob er eine Braue. „Wir reden jetzt aber nicht von deinen Tagen, oder?“ Er zuckte zischend zusammen, als Dominique ihm einen Klaps gegen den Arm versetzte.
„Was ist denn bloß los mit dir? Als ob ich so ein Thema beim Essen anschneiden würde! Das ist geschmacklos.“
„Sorry“, grinste er über ihr vor Ekel verzogenes Gesicht und rieb sich die schmerzende Stelle. „Was hast du dann gemeint?“
Bereitwillig und mit düsterem Blick nickte sie zum Slytherintisch. „Sie da. Die mit den schwarzen, fettigen Zöpfen und der Brille. Fünf Plätze links von Malfoy.“ Dessen platinblondes Haar stach tatsächlich ins Auge und bot eine gute Orientierung.
„Die hab ich schon ein paar Mal mit dir reden sehen“, erinnerte sich Louis.
„Ja, ich hab sie auch einmal mit dir reden sehen“, erwiderte Dominique finster und Louis runzelte verwirrt die Stirn. Er konnte sich an kein Gespräch mit diesem Mädchen erinnern.
„Oh warte...“, fiel ihm doch zumindest eine Begegnung mit ihr ein. „Die hat mich mal am Tisch angerempelt. Sie hat sich dann auch entschuldigt, ich war nur verwundert, dass sie meinen Namen kennt.“ Was aber wohl nicht verwunderlich war, wenn sie Dominique kannte.
„Und hat sie dich sonst irgendwann mal belästigt?“, wollte seine Schwester wissen ohne die offenbar verhasste Slytherin aus den Augen zu lassen.
„Belästigt“, wiederholte Louis, die Stirn kraus gezogen. „Ich hatte sonst nie irgendwas mit der zu tun“, beruhigte er sie. „Wieso? Was stimmt denn nicht mit ihr? Abgesehen davon dass sie naja...etwas schlampig aussieht.“ Dominique antwortete nicht; schien ihm gar nicht weiter zugehört zu haben. „Dome?“, riss er sie effektiv wieder aus ihren Gedanken.
„Lass das“, zischte sie gereizt, wie immer wenn jemand ihren Namen abkürzte. „Sie ist einfach ein richtiger, waschechter Slytherin. Du solltest dich einfach von ihr fernhalten.“
Louis zuckte die Achseln. „Ich bin nicht gerade heiß darauf ihre Bekanntschaft zu machen“, meinte er verständnislos.
„Natürlich nicht, das wäre ja auch ein ziemlicher Absturz. Beatrice passt wirklich gut zu dir. Ihr seid ein schönes Paar.“
Er musste husten, als er sich fast an seinem Bratenstück verschluckte und betrachtete seine Schwester verdutzt. Auf ein Kompliment von Dominique konnte man sich wirklich etwas ein bilden, ging sie doch sehr sparsam mit solchen um und ein glückliches Grinsen schlich sich auf sein Gesicht. „Danke.“

Als sich alle Schüler auf den Weg in ihre Gemeinschaftsräume machten, erreichte Louis von einer Mitschülerin überraschend ein Zettelchen. Er überließ den Schülern um ihn herum den Vortritt und las neugierig die Botschaft, die, wie sich herausstellte, von Beatrice war. Als er den Kopf hob, waren sie und Carrie bereits aus der Halle verschwunden. Das alleine machte ihn ebenso stutzig wie ihre Bitte sie um Mitternacht vor seinem Gemeinschaftsraum zu treffen. Warum hatte sie ihn das nicht im Laufe des Tages gefragt, den sie fast ausnahmslos zusammen verbracht hatten? Das hier trug Carries Handschrift und ein mulmiges Gefühl machte sich in Louis breit.
Das mulmige Gefühl war auch geblieben, als er als einer der Letzten noch im Gemeinschaftsraum saß, vorgab etwas zu lesen und dabei doch nur nervös die Zeit im Blick behielt. Nur zwei Minuten vor der sogenannten Geisterstunde verließ er den Gemeinschaftsraum um möglichst wenig Zeit zu riskieren einem patrouillierenden Lehrer über den Weg zu laufen, die eine wesentlich größere Bedrohung darstellten als irgendwelche Geister. Und das Risiko erwischt zu werden sank noch einmal, als er Beatrice bereits am verabredeten Ort vorfand. Sie trug ein Shirt und eine Jogginghose, grinste und presste ein Bündel Klamotten vor ihre Brust. Louis zögerte und überlegte wie er seine Bedenken am besten ansprechen sollte.
„Rollmops“, zerstreute sie diese innerhalb von Sekunden und konnte ihn mit ihrem Lächeln anstecken.
„Was machst du hier? Warum die Geheimniskrämerei?“, wollte er wissen. Die Hände lässig in die Hosentaschen geschoben, lehnte er sich dicht vor ihr an die Wand und kostete die Vorfreude auf ihren Kuss aus. Sein Blick huschte unruhig zwischen ihren schimmernden Lippen und ihren verheißungsvoll funkelnden Augen hin und her und der Drang sie einfach an sich zu ziehen wurde schier übermächtig, als sie auch noch näher an ihn heran rutschte.
„War eine relativ spontane Idee“, erklärte sie und begann mit einer Hand am obersten Knopf seines Hemds rumzuspielen. „Und wir kommen viel zu selten dazu unser Codewort zu benutzen.“
„Ja, weil Carrie ständig da ist“, warf er augenblicklich ein.
„Deswegen bin ich jetzt hier“, blieb Beatrice gelassen. „Ich dachte...ich könnte vielleicht bei dir schlafen.“
Gerne wäre er so cool geblieben wie sie, doch entglitten ihm die Gesichtszüge angesichts einer Wendung, die er nun absolut nicht vorhergesehen hatte. „In...meinem Schlafsaal...?“
„In deinem Bett“, präzisierte sie; ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch, der sein Ohr heiß streifte. Er wandte das Gesicht, um ihr in die verheißungsvoll funkelnden Augen zu sehen, ehe er dem Drang nachgab endlich seine Lippen auf ihre zu legen. Ganz sanft bloß und doch hatte er das Gefühl als würde er verbrennen. Mit der absoluten Gewissheit, dass es Beatrices Kuss war, griff er nach ihrer Hand und zog sie mit sich zurück in den Gemeinschaftsraum. Die wenigen Seelen, die sich dort noch aufhielten, schenkten ihnen keine Beachtung und die Jungs in seinem Schlafsaal hatten das Licht bereits gelöscht, sodass sie den Gast, wenn überhaupt, nur hören konnten. Eilig putzte Louis sich die Zähne, schlüpfte in seine Schlafklamotten und fand Beatrice in seinem Bett in die Decke eingekuschelt vor. Einladend schlug sie die Decke zurück und er schloss die Vorhänge und zog sie so fest an sich als wolle er sie absorbieren. Mit ihrem Duft in der Nase und ihren Fingern auf seiner nackten Haut schlief er schneller ein als ihm lieb war.
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