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Über uns nur der Himmel

GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Bobby Singer Castiel Dean Winchester Sam Winchester
27.05.2017
17.05.2018
5
21.942
41
Alle Kapitel
54 Reviews
Dieses Kapitel
9 Reviews
 
31.05.2017 3.890
 
Hallo, ihr Lieben,

zunächst einmal möchte ich mich bei Landei, Nadenya und Wildcat für die lieben Reviews bedanken! <3 Freut mich, dass euch das erste Kapitel gefallen hat. :) Aber auch vielen lieben Dank für die unzähligen Aufrufe und die vielen Favoriteneinträge, die sich nach dem ersten Kapitel angesammelt haben. Und natürlich auch ein Dankeschön für das Sternchen. :3 Ich freue mich riesig darüber und hätte nie gedacht, dass die kurze Geschichte so viel Anklang findet.

Heute kommt das zweite von vier Kapiteln. Viel zu sagen gibt es eigentlich nicht dazu. ;) Ich bin gespannt, wie es euch gefällt und würde mich über eure Meinungen wie immer wahnsinnig freuen. Viel Spaß beim Lesen. :)

Liebe Grüße,
eure Phoenix



*** *** ***** *** ***


ZWEITES KAPITEL

Engelsterben



Sieben Meilen südlich von Stockton, Minnesota


Als Dean das Waldstück erreichte, färbte die untergehende Sonne den Himmel über ihm in ein sachtes, dunkles Violett. Hier war es angenehm kühl und der Geruch von Moos und Holz drang durch die offenen Fenster in den Innenraum. Im Wagen war es still, die Musik hatte er längst ausgemacht. Der unebene Feldweg rüttelte den Impala ordentlich durch und die Steine knirschten leise unter den Reifen.

Nervös griff er nach seinem Handy und überprüfte zum wiederholten Male den genauen Standort, den Sam ihm vor Stunden genannt hatte. Er war auf dem richtigen Weg. Nur noch wenige Minuten, dann müsste er Castiel erreichen. Vor einer Viertelstunde hatte er vergeblich versucht, ihn anzurufen, aber seine merkwürdige Ansage auf der Mobilbox war alles, was er zu hören bekommen hatte. Seine Beunruhigung stieg mit jeder Meile, die er hinter sich brachte.

Hoffentlich ist nur der Akku leer, schoss es ihm durch den Kopf.

Dean versuchte, sich zur Ruhe zu zwingen, aber es gelang ihm nicht. Der bloße Gedanke, Castiel könnte einer jener Engel sein, die heute durch Raphael und seine Anhänger das Leben verloren hatten, jagte ihm Angst ein. Es wäre nicht minder schlimm als Sam zu verlieren, sogar ungeachtet seiner tieferen Gefühle. Castiel war ein Teil von ihnen. Er gehörte zu ihrer merkwürdigen Familie, die nicht beim Blut begann und auch nicht damit endete.

Mit einem leisen Piepsen verkündete Deans Handy, dass er am Ziel angekommen war. Gespannt stierte er aus der Windschutzscheibe. Seine Atmung stockte, als sich im Scheinwerferlicht ein großer Krater auftat, umringt von umgestürzten Bäumen. Das Loch wies locker einen Durchmesser von fünfzig Metern auf, wirkte äußerst unnatürlich und war tief genug, um einen Wagen gänzlich zu verschlingen.

Unsanft brachte Dean das Auto zum Stillstand und stellte den Motor ab. Alarmiert nahm er die Engelsklinge vom Beifahrersitz und holte eine Taschenlampe aus dem Handschuhfach, bevor er mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend ausstieg. Die kühle Luft fühlte sich auf der verschwitzten Haut kalt an und ließ ihn frösteln.

Ungläubig starrte er auf die gewaltigen Bäume, die der Länge nach kreuz und quer vor ihm lagen. Ihre beachtliche Größe und die riesigen Wurzeln ließen ihn nur erahnen, wie alt sie sein mochten. Es roch nach Asche und die Erde war verbrannt und aufgewühlt, als schien etwas unglaublich Mächtiges in diesem Wald gewütet zu haben. Inmitten des Kraters lagen zwischen all den teilweise angesengten Stämmen die reglosen Leiber der Engel.

Verdammt… was zum Teufel ist hier passiert? fragte er sich entsetzt, als er einen Fuß auf die verbrannte Erde setzte.

Auf den ersten Blick konnte er zwei Dutzend Engel erkennen, die leblos auf der eigentümlichen Lichtung verteilt lagen. Neben ihren toten Körpern waren die Abdrücke ihrer gewaltigen Flügel zu erkennen, die sich wie heißes Feuer in den Boden gefressen hatten. Pechschwarz und unverkennbar.

»Cas?«, rief er nach dem Engel. Seine Stimme durchschnitt die Stille wie ein Messer. Um ihn herum blieb es ruhig. Gespenstisch ruhig. Sogar das Zwitschern der Vögel war verstummt und Dean wusste nicht, ob es an der weit fortgeschrittenen Abenddämmerung lag oder viel mehr daran, was vor einigen Stunden hier vorgefallen sein musste.

Himmel, Cas…, dachte er, während er angespannt und besorgt zugleich über die Lichtung ging.

Mit jedem weiteren Schritt kamen die Panik und die damit verbundene Übelkeit stärker zum Vorschein. Die Ruhe um ihn herum war erdrückend. Dean konnte fühlen, wie sein Herz hinter seiner Brust hämmerte wie eine Trommel und sich seine Atmung unbewusst beschleunigte.

Die Kiefer hart aufeinandergepresst, begutachtete er jeden der hingerichteten Engel und hoffte bei jedem einzelnen, nicht in das bleierne Gesicht Castiels blicken zu müssen. Männer, Frauen, Kinder… sämtliche Hüllen lagen erschlafft vor ihm wie Puppen. Sie wiesen teilweise schwere Verletzungen auf, die offenkundig von Engelsklingen stammen mussten. Ihre Körper und die Kleidung waren mit rotem Blut überzogen.

Dean zählte siebenundzwanzig Engel, die an diesem Tag ihr Leben gelassen hatten. Doch Castiel war keiner von ihnen. Der Jäger atmete hörbar aus und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Die Erkenntnis fühlte sich an, als wäre ein zentnerschweres Gewicht von seinen Schultern gefallen.

»Cas, wo steckst du?«, rief er in die Stille hinein. Wieder erhielt er keine Antwort.

Castiel musste hier sein. Die Position stimmte, die toten Engel und der Krater bestärkten ihn in seiner Vermutung. Sollte er Castiel nicht finden, konnte das nur eines bedeuten. Raphael oder ein anderer seiner Gefolgsleute mussten zurückgekommen sein. Womöglich hatten sie ihn gefangen genommen, um ihn zu foltern und dazu zu bringen, den Widerstand aufzugeben. Oder er war längst tot.

Daran wollte er nicht einmal denken. Mit einem Kopfschütteln versuchte er, die niederschmetternden Gedanken zu verdrängen und sich auf sein Vorhaben zu konzentrieren. Castiel war ein Kämpfer durch und durch. Er mochte schwach sein, aber er ließ sich nicht ohne Gegenwehr töten. Zumindest redete sich Dean das ein, um seine Nerven und den aufgewühlten Verstand zu beruhigen. Es versprach nur wenig Besserung.

Tief durchatmend beschloss er, die nähere Umgebung abzusuchen. Im Halbdunkel war nur wenig zu erkennen, die glänzende Flüssigkeit, die an einem umgefallenen Baumstamm klebte, konnte er im Licht der Taschenlampe dennoch ausmachen. Die Spur wies die Form eines Handabdrucks auf und war zu weit von den anderen Engeln entfernt, um von ihnen stammen zu können. Als er mit den Fingerkuppen über die Rinde fuhr und sie anschließend in den Lichtkegel schob, klebte eindeutig Blut auf seiner Haut.

Scheiße, Cas, dachte er.

Die Besorgnis kehrte einem unsanften Schlag ins Gesicht gleich zurück. Er ließ den Lichtstrahl weiterwandern und erspähte auf dem moosigen Untergrund einige Blutspritzer, die tiefer in den Wald hineinführten. Sollte es sich dabei um Castiels Blut handeln, hatte er sich vom Schlachtfeld entfernt.

Unbewusst festigte sich sein Griff um die Klinge, als er hastig über den Stamm hinweg stieg und der Spur zwischen den Bäumen hindurch folgte. Je stärker die Anspannung stieg, umso schneller wurde der Rhythmus, mit dem Deans Herz hinter den Rippen hämmerte. Bei der Menge an Blut mussten ihm Raphaels Gefolgsleute schwere Wunden zugefügt haben.

Als der helle Schein der Taschenlampe über zwei ausgestreckte Beine glitt, erstarrte der Jäger in den Bewegungen. Mit angehaltener Atmung ließ er den Lichtstrahl weitergleiten. Der Anblick, der sich ihm bot, versetzte ihm einen schmerzlichen Stich. Es fühlte sich an, als hätte ihm jemand eine Schneide in den Leib gerammt, brennend heiß und unbeschreiblich grausam.

Vor ihm lag der gesuchte Engel, einige Meter vom Schlachtfeld entfernt und rücklings gegen einen mannshohen Felsbrocken gelehnt. Sein einst weißes Hemd war zerfetzt, blutig und mit Schmutz besudelt, der zerschlissene Trenchcoat hing halb von seiner Schulter. Mit gesenktem Kopf und geschlossenen Lidern kauerte er vor ihm, in der Hand hielt er sein Handy.

Neben ihm lag ein weiterer toter Körper, die Augen weit aufgerissen und die Glieder erstarrt. In seiner Brust steckte noch die blutverschmierte Engelsklinge, mit der Castiel ihn niedergestreckt haben musste.

Castiel selbst sah kaum besser aus. Neben großen und kleinen Schnitten, die zwar bluteten, aber nicht lebensbedrohlich waren, konnte er eine besorgniserregende Stichwunde in seiner Magengegend ausmachen. Sie stammte garantiert von einer der himmlischen Waffen. Die Befürchtung, ihn dieses Mal endgültig verloren zu haben, brachte Deans Hände zum Zittern.

»Cas?!«, brachte er krächzend hervor. Augenblicklich kehrte wieder Leben in seine gelähmten Glieder. Mit großen Schritten überwand er die letzte Distanz, ließ Lampe und Waffe fallen und ging neben ihm in die Knie. Behutsam umfasste er Castiels Gesicht, hob vorsichtig den Kopf an und tätschelte seine Wange. Ein paar Schlieren feuchter Erde klebten auf der Stirn und der dünne Blutfaden, der seinen Mundwinkel hinab lief, hob sich vor der erschreckend blassen Haut dunkel ab. »Cas, hörst du mich? Komm schon, mach die Augen auf.«

Es vergingen einige Sekunden, bis die Lider flackerten und er in müde, blaue Augen spähen konnte. Dean atmete erleichtert auf. Er war am Leben und das war für diesen Augenblick alles, das von Bedeutung war. Castiel blinzelte einige Male und sah sich benommen um, bis sein Blick den Jäger fixierte. Trotz seiner Schwäche brachte er ein vages Lächeln zustande.

»Hallo, Dean«, drangen die leisen und ächzenden Worte an Deans Ohren. Worte, die er bereits unzählige Male aus seinem Mund gehört hatte, über die er jedoch nie derart froh gewesen war wie in diesem Moment.

Die ganze Fahrt hatte er gebangt und gehofft, hatte ungeachtet der Konsequenzen jedes Tempolimit überschritten und sich vorgestellt, ihn zu finden und in Sicherheit zu bringen. Die vielen toten Engel hatten diese Vorstellung und die schwache Zuversicht beinahe gänzlich ausradiert. Ihn jetzt vor sich zu haben löste eine schier grenzenlose Erleichterung in ihm aus, die er kaum in Worte fassen konnte. Castiel war schwach, aber am Leben.

»Gott sein Dank«, murmelte Dean aufrichtig beruhigt. Abgekämpft schloss er die Augen und ließ den Kopf kurz sinken. Um sich selbst wieder halbwegs zu beruhigen, atmete er einige Male tief ein und wieder aus. Als sich sein Herzschlag einigermaßen normalisiert hatte, sah er erneut auf. »Verdammt, hast du eine Ahnung, was für Sorgen wir uns gemacht haben?«

»Tut mir… leid«, sagte er und entlockte Dean ein beinahe belustigtes Schnauben. Es gab nichts, wofür er sich entschuldigen musste. Er lebte, das war die Hauptsache.

»Du siehst echt beschissen aus, Cas«, erwiderte er scherzend. Er wollte in irgendeiner Form aufheiternd klingen, doch der Versuch scheiterte kläglich. Castiel schwieg daraufhin, legte die blutige Hand auf die schmerzende Stichwunde und verzog das Gesicht zu einer qualvollen Grimasse. Dean schluckte hart. »Was zum Teufel ist hier passiert?«

»Raphael…«, war die einzige Antwort, die er erhielt.

Eine wenig aussagekräftige Erklärung, aber zu mehr schien er kaum imstande zu sein. Dean ließ es darauf beruhen. Er wusste, welche Missstände im Himmel herrschten. Castiel versuchte, all die Probleme zu lösen, gegen einen Erzengel anzukommen war jedoch leichter gesagt als getan. Er und seine Anhänger lebten in ständiger Gefahr.

»Könnte er hier auftauchen?«, fragte er und sah sich beinahe gehetzt auf der Lichtung und im Wald um. Zu seiner Erleichterung waren sie allein, aber wer wusste schon, wie lange noch. Sollte Raphael wieder zu Kräften kommen, würde er schneller hier auftauchen als ihnen lieb war, und der Jäger wäre vermutlich der erste, der daran glauben musste. Dicht gefolgt von Castiel.

»Wäre möglich…«, äußerte der Engel keuchend, ehe ein Husten seiner Kehle entwich. Es klang trocken und rau wie ein Reibeisen. Angespannt verzog Dean den Mund zu einem dünnen Strich. Sie mussten hier weg, und zwar schnell.

»Du musst dich heilen«, drängte er. Insgeheim jedoch wusste er, wie wenig hilfreich sein Vorschlag war. Ein Blick in Castiels skeptisches Gesicht zeigte, dass er genau dasselbe dachte.

»Denkst du nicht, ich… hätte das nicht längst getan, wenn ich… es könnte?«, konterte er und brachte Dean dazu, sich auf die Unterlippe zu beißen.

»Teleportieren klappt wohl auch noch nicht, was?«, hakte er weiter nach. Seine schwache Hoffnung wurde durch ein kaum merkliches Kopfschütteln zerschmettert. Unzufrieden verzog er das Gesicht. »Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als dich im Impala hier wegzuschaffen. Kannst du aufstehen?«

»Es… es wird gehen«, meinte Castiel.

Dean wirkte nur wenig überzeugt, verstaute die Taschenlampe jedoch in seiner Hosentasche und hob die Engelsklinge auf. Mit der freien Hand griff er ihm beherzt unter die Arme und zog ihn auf die Beine. Ein Ächzen entwich dem Engel und obwohl sein Stand unsicher war, konnte er sich mit Deans Hilfe aufrecht halten.

Vorsichtig setzten sie einen Fuß vor den anderen. Jeder Schritt schien dem Engel enorme Schmerzen zu bereiten, hin und wieder entwich ihm ein ersticktes Keuchen. Seine noch verbliebenen Kraftreserven schwanden schneller dahin als ihm lieb war.

»Es ist nicht weit. Du hast es bald geschafft«, redete er beruhigend auf ihn ein. Castiel antwortete nicht. Er war zu sehr darauf konzentriert, das Gleichgewicht zu bewahren und sich weiter einen Weg durch den Wald zu kämpfen.

Als sie die Lichtung erreichten, hielt Castiel kurz inne und zwang somit auch Dean zum Anhalten. Fragend sah der Jäger auf ihn hinab und bemerkte, wie sein schläfriger Blick über die toten Engel wanderte. Ein trauriger und schuldbewusster Ausdruck legte sich über die blassen Zügen. Um Raphael aufzuhalten, waren Opfer vonnöten, das war ihnen allen bewusst, aber so viele seiner Geschwister auf einen Schlag zu verlieren, setzte Castiel arg zu. Vollkommen egal, auf welcher Seite sie standen.

»Komm, Cas. Gehen wir weiter. Du kannst nichts mehr für sie tun«, meinte Dean gutmütig und verständnisvoll zugleich. Ein letztes Mal musterte Castiel die leblosen Körper und die Abdrücke ihrer Flügel, die in der herankriechenden Nacht kaum noch zu erkennen waren, dann nickte er schwach.

Dean führte ihn um den Krater herum, weil er glaubte, dieser Weg war leichter für Castiel. Obwohl der Impala nicht weit entfernt stand, zog sich die Entfernung mit ihm im Schlepptau wie eine gefühlte Ewigkeit. Der Engel war schwerer als er angenommen hatte. Als sie den Schotterweg erreichten und das Auto in sein Blickfeld trat, atmete er erleichtert auf.

Der Jäger hatte sich zu früh gefreut. Abrupt verharrte er in seinen Bewegungen, als sich vor ihm wie aus dem Nichts ein Engel materialisierte. Die Frau war schlank und trug ein weißes Sommerkleid, das mit Blut und Schmutz besudelt war. Sie wies nur wenige Verletzungen auf, der Ausdruck in ihren dunklen Augen war grimmig. Zu allem entschlossen festigte sie den Griff um die Engelsklinge in ihrer Hand.

»Haziel…«, brachte Castiel stockend hervor.

»Ich dachte, du wärst längst tot«, erwiderte Haziel mit einer Kälte in ihrer Stimme, die Deans Nackenhaare zu Berge stehen ließ. Sie gehörte offenbar zu Raphaels Leuten.

»Tut mir leid, dich… enttäuschen zu müssen«, sagte Castiel ungerührt. Er bemühte sich, ruhig zu klingen, aber die Schwäche ließ seine Stimme hörbar zittern.

»Wie tief bist du nur gesunken, Castiel? Du rufst einen mickrigen Menschen um Hilfe?«, spottete sie. Ein fieses Grinsen schlich sich auf ihre Züge. »Du hättest besser deine verbliebenen Anhänger um Hilfe bitten sollen. Sie könnten dich vielleicht retten.«

Castiel antwortete nicht und sah ihr so zornig wie möglich entgegen. Der Jäger wusste genau, warum er sie nicht gerufen hatte. Er wollte keinen weiteren Kampf provozieren. Vermutlich hatten Raphaels Anhänger nur darauf gewartet, um so viele wie möglich auf einmal auszuschalten und Castiels Plan zu vereiteln. Aber er war schlau genug, um seine Geschwister auf Distanz zu halten, vollkommen egal, wie sehr er selbst dafür leiden musste. Dean anzurufen mochte nicht die beste Wahl gewesen sein, aber die sicherste für seine Leute. Es zeigte, wie sehr der Engel ihm vertraute.

»Denkst du, ich bin nur hier, weil ich unverschämt gut aussehe? Du wärst nicht der erste Engel, den ich kalt mache«, zeigte sich Dean gelassen. Haziel schnaubte belustigt und schüttelte langsam ihren Kopf.

»Was willst du schon gegen mich ausrichten? Ich bin zwar verletzt, aber immer noch ein Engel.«

Mit diesen Worten hob sie hastig ihren rechten Arm an. Dean spürte, wie er von einer überwältigenden Macht eingehüllt und von den Beinen gerissen wurde. Castiel und die Engelsklinge entglitten seinem Griff, bevor er rücklings gegen einen massiven Baumstamm geschleudert wurde. Die Wucht des Aufpralls jagte sämtliche Luft aus seinen Lungen und ein quälendes Pochen breitete sich in seinem Rücken aus.

Er verdrängte die Schmerzen und versuchte verbissen, sich aus der unsichtbaren Umklammerung zu befreien, aber er konnte nicht einmal den kleinen Finger rühren. Vollkommen bewegungsunfähig musste er hilflos dabei zu sehen, wie sich Haziel in Bewegung setzte. Dem am Boden kauernden Castiel würdigte sich kaum eines Blickes. Er war zu schwach, um eine ernsthafte Bedrohung für sie darzustellen. Mit einem überheblichen Lächeln blieb sie vor Dean stehen.

»Was ist los, Dean Winchester? Gibst du so schnell auf? War wohl doch nur heiße Luft…«, stellte sie beinahe bedauernd fest, als hätte sie auf mehr Widerstand gehofft. Dean schnaubte grimmig und musterte sie hasserfüllt. »Weißt du, was ich mit Castiel vorhabe? Ich werde ihn gefangen nehmen und ihn foltern, bis sich seine Leute ergeben oder sich uns im Kampf stellen. So oder so, Raphael wird früher oder später gewinnen.«

Dean hielt ihrem Blick stand und zeigte sich unbeeindruckt von ihren Worten. Stattdessen grinste er frech und ließ seine Augen abfällig über ihre zerlumpte Erscheinung wandern. Er sah ihr an, wie sein anmaßender Gesichtsausdruck Zorn in ihr aufsteigen ließ.

»Wieso schickt er… einen angeschlagenen Engel, um eine… so wichtige Aufgabe… zu erledigen?«, provozierte er sie lachend. Die Energie, die ihn gefangen hielt, schnürte ihm beinahe gänzlich die Luft ab. Seine Worte klangen bei weitem nicht so herablassend, wie er es wollte. »Es scheint so, als wären nicht mehr… allzu viele seiner Leute übrig.«

Darauf wusste Haziel offenbar nichts zu sagen. Sie blieb an Ort und Stelle stehen und musterte ihn wütend. Allein die Tatsache, dass Raphael jemanden schickte, um diesen Auftrag zu erledigen, zeigte ihm, wie geschwächt der Erzengel sein musste. Deshalb hatte er zumindest bisher kein weiteres Mal angegriffen. Er musste seine Kräfte schonen und seine übrigen Untergebenen nach den letzten Verlusten neu sortieren.

Anstatt verbal darauf zu reagieren, schloss Haziel ihre dünnen Finger fester um die Engelsklinge. Mit einem zornigen Schnauben hob sie die Waffe an und holte zu einem tödlichen Hieb aus. Ein letztes Mal versuchte Dean, sich aus dem Einfluss ihrer himmlischen Kräfte zu befreien, doch seine Anstrengungen blieben vergebens. Ein bösartiger Ausdruck schlich sich auf ihre Züge, als sie mit einem wütenden Aufschrei zustach. Dean kniff die Augen zusammen, drehte den Kopf zur Seite und wartete. Wartete auf den Schmerz, der nie kam.

Von einer Sekunde auf die andere verstummte Haziels Schrei und Dean hörte, wie sich die Spitze der Waffe nur knapp von seinem Gesicht entfernt dumpf in den Baumstamm bohrte. Panisch riss er die Augen auf und blickte in das erstarrte Gesicht seiner Gegnerin. Grelles, weißes Licht drang aus ihrem Körper, ehe es mit einem leisen Zischen verpuffte. Zurück blieb eine leblose Frau, die in sich zusammenbrach und reglos liegen blieb.

Mit ihrem Tod perlte auch die Wirkung ihrer Kräfte von ihm ab wie Wassertropfen, die plötzliche Befreiung aus seiner Starre ließ ihn gefährlich schwanken. Es gelang ihm gerade noch rechtzeitig, sein Gleichgewicht zu bewahren und sich aufrecht zu halten. Beinahe apathisch schnappte er nach Luft und umfasste mit den Händen seinen brennenden Hals. Sein Atem drang rau und keuchend über die Lippen.

Ungläubig ließ Dean den Blick über die tote Frau zu seinen Füßen wandern. Ihr Gesicht war zu einer Fratze verzerrt und in ihrem Rücken steckte eine Engelsklinge, die sich bis zum Ansatz in das menschliche Fleisch gebohrt hatte. Der weiße Stoff sog sich mit dunklem Blut voll. Mit gekräuselter Stirn sah er zu Castiel.

Wankend kniete er einige Schritte von ihm entfernt auf dem Feldweg. Trotz der vorherrschenden Dunkelheit konnte er deutlich den entschiedenen Ausdruck auf seinem müden Gesicht erkennen. Er atmete schwer und wirkte noch erschöpfter als vorhin, dennoch war es ihm gelungen, die Waffe zielgenau in Haziels Richtung zu schleudern und sie auszuschalten. Trotz seines eigenen Zustands hatte er dem Jäger das Leben gerettet. Mit Deans Waffe, die ihm aus der Hand geglitten war.

Noch bevor Dean in irgendeiner Weise auf die jüngsten Ereignisse reagieren konnte, entwich Castiel ein gequältes Stöhnen. Er verdrehte die Augen und drohte, endgültig das Gleichgewicht zu verlieren. Mit flackernden Lidern und vor Schmerz verzerrtem Gesicht kippte er rücklings um und blieb zitternd auf dem Feldweg liegen. Die Verletzung und die Anstrengungen forderten ihren Tribut.

»Scheiße, Cas!«, entwich es Dean besorgt. Panisch setzte er sich in Bewegung und ließ sich neben ihm auf die Knie fallen. Hilflos musste er dabei zu sehen, wie sich Castiels Brust hektisch hob und wieder senkte und er unter Qualen die Kiefer hart aufeinander krampfte. Er hörte die raue Atmung, die zischend zwischen den Zähnen hindurchglitt und seine Arme streifte. Castiel war am Ende und es gab nichts, das Dean tun konnte, um seine Schmerzen zu lindern.

Erst, als die Ohnmacht den Engel zu übermannen drohte, kam die Luft deutlich langsamer über die spröden Lippen und die verkrampfte Miene entspannte sich langsam. Dean war mit der Situation vollkommen überfordert. Vor ihm lag nicht sein Bruder, den er schon unzählige Male zusammengeflickt hatte, sondern ein Engel. Er bezweifelte, herkömmliche Methoden würden in irgendeiner Form Wirkung zeigen.

»Cas? Nicht einschlafen, hörst du?«, bat Dean ihn beunruhigt und tätschelte erneut seine Wange. Castiel antwortete nicht. Er öffnete seine Augen einen Spalt und musterte ihn unendlich müde, bevor die Lider zitternd zu fielen. Der Schmerz wich von seinen Zügen und sein Körper entspannte sich spürbar in Deans Griff. »Cas? Komm schon, lass mich nicht hängen.«

Verunsichert redete Dean auf ihn ein, doch seine Bemühungen blieben erfolglos. Castiel wachte nicht auf. Besinnungslos und mit schwacher Atmung lag er vor ihm auf dem staubigen Boden und Dean hatte absolut keine Ahnung, was er tun sollte. Er wollte ihm helfen, aber er musste einsehen, wie machtlos er war. Der Engel musste es allein schaffen.

Resigniert atmete der Jäger aus, ließ die Schultern hängen und sah sich im Wald um. Das fehlte gerade noch. Er befand sich mitten im Nirgendwo und sein einziger Begleiter war ein bewusstloser Engel, der von seinem eigenen Bruder gejagt wurde. Keine guten Vorrausetzungen, um Castiel sicher hier wegzuschaffen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als ihn die letzten Meter zum Impala zu tragen.

Tief Luft holend rappelte sich Dean auf. Ohne eine Miene zu verziehen, zog er die Klinge aus Haziels totem Leib, ging zu seinem Wagen und legte die Waffe und die Taschenlampe auf den Beifahrersitz. Anschließend öffnete er vorausschauend die hintere Tür, bevor er zu dem am Boden liegenden Engel zurückkehrte. Vorsichtig schob er die Arme unter seinen Rücken und die Kniekehlen und hob ihn achtsam hoch. Das Gewicht überraschte ihn, ließ ihn angespannt die Luft anhalten und ungelenk einen Fuß vor den anderen setzen.

»Du bist… verdammt schwer, weißt du das?«, beschwerte er sich japsend. Er wusste, Castiel konnte ihn nicht hören, aber es war ihm egal. Es half ihm, sich zumindest einigermaßen zu beruhigen. »Gewöhn dich bloß nicht daran. Das nächste Mal… kannst du selber laufen.«

Die Strecke war nur kurz, dennoch kostete es ihn viel Mühe, den verletzten Castiel zum Impala zu tragen und ihn behutsam durch die bereits offene Tür auf die Sitze zu legen. Rücklings an die Hintertür gelehnt kauerte der Verwundete vor ihm, in der Dunkelheit der Nacht wirkte er noch blasser als sonst. Ein letztes Mal musterte er ihn besorgt, bevor er aus dem Auto kroch und sich für einige Sekunden auf der offenen Tür abstützte.

»Nichts wie weg von hier«, sagte er mehr zu sich selbst, als sich seine Atmung einigermaßen beruhigt hatte.

Beinahe geräuschlos schloss er die Tür und setzte sich hinter das Lenkrad. Mit einem Seufzen fuhr er sich fahrig über das Gesicht und startete schließlich den Motor. In der Stille der Nacht hörte sich das vertraute Grollen gespenstisch laut an. Er warf einen letzten prüfenden Blick in den Rückspiegel und beäugte den schlafenden Engel, bevor er umkehrte und dem Feldweg in die andere Richtung folgte.
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