Dovah jud - Drachenkönigin

GeschichteDrama, Familie / P18
26.05.2017
05.10.2018
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„Menschen sind nur Fleisch und Blut, sie kennen ihr Schicksal, aber nicht ihre Stunde." - Uriel Septim


„Seht die Zukunft! Seht die Thalmor!“ - Statthalter der Thalmor


Er ist der Bewahrer aller Völker, der Drache des Nordens, Schutzheiliger aller Nord. Und trotz der Kaiserlichen und ihres Vertrages wird Er immer einer der neun Göttlichen bleiben. Ein gläubiger Nord würde lieber im Kampf fallen und die Erde mit seinem Blut tränken, als dem Kaiserreich zu erlauben, Talos’ Namen aus der Liste der Gottheiten zu streichen.“ - Nura Schnee-Schuh


Ihr bevorzugt also die Stille? Genau wie ich, mein Kind. Genau wie ich. Denn ist nicht die Stille die Symphonie des Todes, die Instrumentation von Sithis selbst?“ - Lucien Lachance


„Geht jetzt. Alles wird fallen. Geht wie Ihr kamt, oder auch Ihr werdet fallen.“ - Azura


„Seht Ihr nach links, blickt Ihr in eine Richtung. Seht Ihr nach rechts, blickt Ihr in die andere. Doch keine davon wiegt schwerer als das Gegenstück. Doch die Schriftrollen der Alten ... im Strom der Zeit blicken sie nach links und rechts. Zukunft und Vergangenheit sind eins. Manchmal blicken sie gar nach oben.“ - Septimus Signus


„Viele geschichtliche Zeugnisse und Legenden weisen auf ein offenes Eingreifen eines oder mehrerer Götter in Zeiten großer Not hin. [] In vielen Fällen unternehmen die Götter allerdings nichts angesichts von Tod und Leiden, da sie offenbar nicht das Bedürfnis haben, sich einzumischen.“ - Bruder Hechfeld, Übersicht über Götter und Kulte


Jede Tat ist von der Prophezeiung vorausgesagt. Doch ohne Helden gibt es keine Taten.“ - Arctus, König der Unterwelt


„Ihr kennt ja die Redensart: Zuhause ist dort, wo du den Kopf deines Feindes aufhängst.“ - Gogron gro-Bolmog


„Das Herumhantieren mit dunklen Geheimnissen, selbst schon deren Lektüre, kann sehr gefährlich sein.“ - Martin Septim



- Prolog -


Es herrschte Stille. Keine Stille, die der Abwesenheit von Geräuschen geschuldet war, sondern eine andere, grauenhaftere Stille. Die Abwesenheit von Leben.
Der Himmel, der sonst immer klar und sternenübersät war, war von dicken Wolken bedeckt, aus denen unentwegt Regen strömte. Das Herz des Reiches, der hohe weiße Palast, war zerstört, die liebevoll gestalteten Fenster zerschmettert. Weder Wind- noch Luftgeister tanzten umher, alles war in dem plötzlichen Akt von Gewalt und Grausamkeit erstarrt. Kein Lufthauch regte sich.
Das, was von diesem Reich noch übrig geblieben war, stand in Flammen, selbst die Gewässer brannten. Alles wurde nach und nach von dunklem Feuer verzehrt.

Die gewaltigen Regenschauer erreichten den zertrümmerten und aufgerissenen Boden nur an einer Stelle nicht: an der er stand. Das Wasser verdampfte, bevor es ihn berührte. Das kupferrote Haar, aus dem vier Hörner ragten, war der einzige Farbklecks im gewitterschwarzen Himmel. Akatoshs Blick glitt langsam über das, das einmal eine der schönsten Zufluchten gewesen war, die er kannte.

Ein Körper wurde über den Boden geschleift. Akatosh landete auf der Erde und faltete die großen Flügel eng an den Körper, den er fast menschengleich gehalten hatte, wären da nicht die unzähligen goldenen Drachenschuppen, die seine Haut bedeckten.
Langes Haar, das einst die Farbe von reinstem Schnee hatte, jetzt jedoch wie ein alter, unreiner Lapislazuli wirkte, versteckte den Großteil ihres einst so anmutigen Gesichtes und schleifte über den zerstörten Boden.
Die Pupillen in seinen goldfarbenen Augen zogen sich zu einer kaum noch sichtbaren Nadel zusammen. „Lasst sie los.“
Sein Gegenüber gehorchte umgehend und ließ das zerschmetterte Genick los, bemühte sich, die schwarzen Krallen aus den verfilzten Haaren zu befreien. „Wer wird der nächste?“, fragte eine raue, weibliche Stimme und menschliche Lippen verzogen sich zu einem abschätzigen Lächeln. „Wie wäre es mit Stendarr? Was machen die Sterblichen ohne Gerechtigkeit? Oder lieber Mara? Das wäre wesentlich… amüsanter.“
Er knurrte warnend und das Lächeln wurde ein leises Auflachen. „Es ist zu spät.“
„Das ist es nie.“ Er würde der Kreatur gegenüber, die er einst geliebt hatte, keine Gnade walten lassen.
„Wenn Ihr mich fangen könntet, mein Liebster, wären wir nicht hier. Und all das wäre nie geschehen.“
Feuer loderte auf, zuerst in seinen Augen, dann an seinem ganzen Körper. Es war hell und heiß und um ihn herum begann die Luft zu zischen. „Ihr zwingt mich dazu, Euch zu vernichten, Aldiilah.“
Die Frau, halb Mensch, halb Drache, sah ihn belustigt an. Schwarze Strähnen durchzogen das Weiß ihrer langen Haare, das rote Auge zeigte eine Drachenpupille, das grüne nicht. „Ich zwinge Euch zu überhaupt nichts, Liebster.“ Sie bedachte den reglosen Körper zu ihren Füßen. „Und jetzt habe ich dringende Angelegenheiten zu klären.“

Akatosh machte keine Anstalten, sie aufzuhalten, als sie ein Portal erschuf und die Dimension verließ. Er würde die Jagd auf sie verschieben, denn sie hatte Recht. Es war ihm bisher nicht gelungen, sie einzufangen.
Stattdessen kniete er sich neben den reglosen Frauenleib und strich die schmutzig-weißen Haare aus einem übel zugerichteten Gesicht. Sein Feuer erlosch, jetzt benetzte der Regen seine Haut, perlte an seinen Schuppen ab. „Wir werden Euch neu formen“, versprach er Kynareth und hob sie sanft auf seine Arme. Ihr gebrochenes Genick gab Hals und Kopf keinen Halt mehr und letzterer kippte über seinen Arm zurück.

Er hatte das Wüten von Aldiilah schon längere Zeit verfolgt und musste sich nun eingestehen, dass er seine eigene Schöpfung zu sehr unterschätzt hatte. Sie hätte niemals in der Lage sein dürfen, eine Aedroth zu vernichten. Kynareth war eine mächtige Göttin, trotzdem war es der vergleichbar jungen Aldiilah gelungen, ihr Reich in Trümmer zu zerlegen. Und sie wird nicht aufhören. Ihre Wildheit und ihre Wut kannten keine Grenzen mehr. Er, der Höchste der Neun, hatte zugelassen, dass sie etwas in ihm berührte, dass sie ihn Dinge spüren ließ, von denen er geglaubt hatte, er wäre nicht in der Lage, sie zu empfinden. Dann hatten sich ihre Finger darum geschlossen und es mit einem Ruck aus ihm herausgerissen. Ein leises Knurren stieg in seiner Kehle auf. Verrat schmerzte nur deshalb so sehr, weil er nur von Nahestehenden begangen werden konnte. Es war beinahe lachhaft, dass er von dieser absurd jungen Kreatur hatte daran erinnert werden müssen.

Akatosh konzentrierte sich wieder auf den zerschlagenen Körper in seinen Armen. Kynareth war nicht verloren, nicht, wenn er sich um sie kümmerte. Aber es würde ihn Kraft kosten, jene Kraft, die er dazu verwenden sollte, die Jagd auf die angehende Drachengöttin auszurufen. Somit könnte Kynareths Neuformung lange Zeit in Anspruch nehmen… wenn nicht sogar Äonen.

- Prolog Ende -



„Nein. Nein, nein, nein!“ Großkönig Ulfric Sturmmantel schlug mit der Faust auf den Tisch. „Ich denke nicht im Traum daran!“
Die Frau, die ihm gegenüber saß, sah ihn ärgerlich an. „Das war keine Bitte, Ulfric!“
„Die Antwort ist immer noch-“
„Die Antwort ist ein Elfenhaar in Eurer Suppe, wenn Ihr nicht bald Euren närrischen Stolz herunterschluckt und einen Schritt auf das Kaiserreich zumacht!“ Nathaira lehnte sich nach vorn und stach mit einer Gabel nach ihm. „Wir führen diese Diskussion seit nunmehr drei Stunden und ich bin mit meiner Geduld am Ende! Das Kaiserreich macht endlich einen Schritt auf Euch zu und Ihr wollt Euch nicht dazu herablassen, ihnen wenigstens einen Finger zu reichen?“
„Weil sie mir sofort den Arm abbeißen würden!“
Sie schob die Gabel noch etwas näher an sein Gesicht. „Dann nehmt lieber das in Kauf als einen abgetrennten Kopf!“ Es hätte sie nicht überraschen dürfen, dass ihr Treffen (um das er gebeten hatte) mit einem lautstarken Streit endete. Das tat es immer.
Ulfric grinste plötzlich und die dunkelgrünen Augen funkelten. „Na schön.“
Ihre Stirn legte sich in Falten. „Ihr stimmt also zu?“
„Bevor Ihr mir ein Auge ausstecht.“
Nathaira rümpfte die Nase. Auch das war keine Überraschung; ihre Beziehung bestand darin, dass sie sich gegenseitig anbrüllten und schließlich abrupt eine Lösung fanden. Manche Dinge ändern sich nie. Und die Nord schon gar nicht, dachte sie und musterte Ulfric unter gesenkten Lidern. Sein Bart zeigte silbrige Härchen, ansonsten hatte er sich in den letzten Jahren kaum verändert. Sein Haar war nach wie vor dunkelblond und sein Körper schien kaum dem Verfall des Alters anheimgefallen zu sein. Sie beide wussten, dass es widernatürlich war, schließlich war der Bürgerkrieg siebzehn Jahre her und er schien kaum einen Tag gealtert. Nathaira war dieses seltsame Phänomen bereits bei zwei anderen Männern aufgefallen.

„Gibt es noch etwas, das wir zerreden können?“ Er prostete ihr mit dem Metbecher zu. Sie gab sich absichtlich desinteressiert, konnte in Wahrheit aber ein Schmunzeln kaum zurückhalten. Ihre Bindung zueinander war bereits von Anfang an irreparabel beschädigt worden und ihre vielen Versuche, zueinander zu finden, waren allesamt kläglich gescheitert. Trotzdem war sie hier. Trotzdem suchten sie die Nähe des anderen. Trotzdem verbrachten sie Zeit miteinander, als würden sie gar nicht anders können.
„Eure einzige Sorge sollte momentan die Botschafterin des Kaiserreichs sein“, erwiderte sie schließlich grantig, „denn Himmelsrand braucht Verbündete. Es ist ein Wunder, dass wir den Angriffen nach dem Krieg standhalten konnten, Ulfric. Die Beziehung zu Hammerfell ist bestenfalls wackelig und die zu Hochfels desaströs. Das Kaiserreich steht seit Jahren ohne Kaiser da und der Aldmeri-Bund-“
„Verschont mich damit“, brummte Ulfric, „ich tue ja schon, was Ihr verlangt.“
„Nicht, was ich verlange. Was notwendig ist. Außerdem zankt Ihr Euch ständig wie ein altes Weib. Ich versuche nur, Eure politische Sicht ein wenig… auszuweiten.“ Es hatte sie ebenso sehr überrascht wie Ulfric, dass das Kaiserreich auf sie zukam. Sie misstraute der Sache, wollte die Botschafterin und ihr Gefolge jedoch nicht vor den Kopf stoßen… noch nicht. Nach dem Bürgerkrieg war Cyrodiil schwer angeschlagen gewesen und der Druck des Aldmeri-Bundes wurde immer größer. Nach der Ermordung von Titus Mede II. durch die Dunkle Bruderschaft hatte es keinen Nachfolger gegeben. Die Mede-Dynastie war am Ende und jeder potentielle neue Kandidat für den Kaiserthron verschwand und ward nie wieder gesehen. Nathaira durchblickte die Motive der Dunklen Bruderschaft nicht, aber sie würde sich nicht einmischen. Cyrodiil war immer noch schwach und in der Umklammerung des Aldmeri-Bundes gefangen. Wollten sie sich davon befreien oder strebten sie ein politisches Manöver an? Sollten sie in eine Falle gelockt werden? Das wusste sie noch nicht, aber Ulfric konnte sich darum kümmern, das war schließlich seine Aufgabe. Er hatte einen Stab an Beratern, doch für ihn zählte lediglich die Meinung seines ältesten Freundes Galmar, an dem der Zahn der Zeit sichtbar genagt hatte. Und hin und wieder trat er an sie heran, um Dinge in Erfahrung zu bringen, die man auf den offiziellen Wegen nicht erfuhr. Ihre Mitarbeit war freiwillig und sie versicherte sich bei jedem Besuch, dass ihm dieser Umstand vor Augen geführt wurde.

„Wenn ich mich recht entsinne“, riss der Großkönig sie aus ihren Gedanken, „haben meine Nichten morgen Geburtstag.“
Ihre schneeweißen Augenbrauen hoben sich. „Dieses Thema hatten wir bereits.“
„Du kannst es nicht leugnen.“ Er stützte seinen Kopf auf einer Hand ab.
Die vertrauliche Ansprache ließ sie mit den Zähnen knirschen. „Ich sagte Nein.“
„Brynja ist perfekt geeignet für die Sturmmäntel und das weißt du. Sie ist eine wahre Nord. Sie ist vermutlich sogar mehr Nord, als es Galmar ist.“ Sein Blick glitt umher, als befürchtete er, sein alter Freund hätte seine Worte gehört. „Sie braucht mehr als das, was du ihr bietest.“ Er lachte leise. „Sie erinnert mich daran, wie ich früher gewesen bin.“
„Ulfric.“ Nathaira legte die Hände auf den Tisch, um sie nicht versehentlich um seinen Hals zu schließen. „Du wirst meine Tochter nicht in irgendeinem Krieg als Katapultfutter verheizen. Greif dir gefälligst andere Töchter und Söhne, von meiner lässt du die Finger.“
„Was ist, wenn sie sich freiwillig dafür entscheidet?“ Er sah nicht abgeschreckt aus, zumal dieses Thema von ihnen beiden mehrere Male durchgekaut worden war.
„Sie ist zu jung.“
„Sie wird morgen fünfzehn Jahre. Was hast du gemacht, als du in ihrem Alter warst?“
Ihr blasses Gesicht wurde noch bleicher. Das Silber ihres linken Auges funkelte wild, während das Dunkelgrün des rechten beinahe schwarz wurde. „Finger weg“, flüsterte sie, „von meiner Tochter.“
Ulfrics Hand legte sich über die ihre. Eine schweigende Geste, die sie vermutlich beruhigen sollte. Vorerst würde er nachgeben.

Die angespannte Stille wurde von heulendem Wind vertrieben. Beide hoben den Kopf und der Großkönig zog seine Hand zurück.
Nathaira stieg von der Bank. „Ich werde wohl aufbrechen“, murmelte sie und ihr Bruder erhob sich mit ihr.
Die großen Türen fielen wieder ins Schloss und sperrten den Schneesturm aus. Die beiden eingetretenen Gestalten schüttelten den Schnee ab, eine verharrte bei der Tür, die andere kam zu ihnen.
Es war unfassbar, wie schnell der Junge gewachsen war. Nathaira schlenderte zur Tür, behielt aber Ulfric und den Jungen im Auge. Unter der Kapuze kamen wirre, braune Haare ans Licht und große, grüne Augen. Ulfric grinste schief. „Hast du alles erledigt?“
„Ja, Vater.“ Er zögerte. „Vilkas sagt, wir müssen wieder zurück. Ich werde aber bald zurückkommen.“
Das Grinsen seines Vaters wurde weicher. „Natürlich wirst du das.“ Er gab ihm einen sachten Stoß. „Dann eile dich lieber. Sei anständig, hörst du?“
Der Junge nickte und lächelte zögerlich.
Nathaira streckte den Arm nach ihm aus. „Komm, Nathann.“ Sie legte einen Arm um ihren Neffen, der inzwischen beinahe so groß wie ihre Töchter sein musste.
Seine Namenswahl war einer von zahlreichen Versöhnungsversuchen gewesen und sie wusste diese Geste sehr zu schätzen, auch wenn sie nicht viel gebracht hatte. „Bis zum nächsten Mal, Ulfric.“
Er nickte ihr zu und sie verließen zu dritt den Palast der Könige.

„War der Auftrag schwierig?“, erkundigte sich Nathaira sanft und Nathann schüttelte den Kopf. Er fügte auch nichts hinzu, also fragte sie nicht weiter nach. Er war schon immer ein schweigsamer Junge gewesen.
„Das Wetter ist furchtbar.“ Glühende Augen richteten sich auf ihr Gesicht. „Es ist immer schlimmer geworden.“
Sie nickte zustimmend. Ein solcher Schneesturm war selbst für Windhelm unüblich. Die hohen Mauern boten wenigstens etwas Schutz, doch der kalte Wind pfiff aus jeder Ritze, während er dabei unendlich viel Schnee durch die Gegend wedelte.
Ihre Muskeln versteiften sich, als Vilkas einen Arm um ihre Schultern legte. Das war eine Art Intimität, die sie in der Öffentlichkeit normalerweise nicht duldete. Ein Blick in sein Gesicht zeigte ihr, dass seine Augen beinahe gelb glitzerten. Bei zunehmendem Mond wurde seine Bestie unruhig und der Vollmond stand kurz bevor, also ließ sie seinen Arm, wo er war.

Sie kämpften sich durch den Sturm, der an ihren Umhängen zerrte. Kaum, dass sie die schützenden Mauern Windhelms hinter sich gelassen hatten, hatte Nathaira das Gefühl, sie würde augenblicklich fortgeweht. Sie zog Nathann näher und stemmte sich gegen diese ungewöhnliche Laune der Natur.
In den Ställen atmete Nathann auf. Sein Gesicht war vor Kälte gerötet. Er sah seine Tante an, die den Schnee abputzte. „Brynja und Barenziah haben morgen Geburtstag“, begann er und warf einen nervösen Blick zu Vilkas, „darf ich mitkommen? Ich würde ihnen gern gratulieren.“
„Das kann ich nicht entscheiden.“ Nathaira trat beiseite und Nathann wiederholte seine Bitte gegenüber dem Gefährten. Er verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln und fuhr durch das völlig wirre Haar. „Von mir aus. Aber du bleibst nicht länger als zwei Tage in Rift.“ Das Lächeln wurde wölfisch. „Und ich muss darauf bestehen, dass Ihr ihn zurückbringt.“
Nathaira lächelte ihn spöttisch an. „Ich werde es versuchen.“
Vilkas beugte sich vor. Wenige Zentimeter vor ihrem Mund hielt er an. „Es wäre besser für Euch.“
„Droht Ihr mir?“
Seine Augen glühten nach wie vor. „Ja.“ Er überwand auch noch die wenigen Zentimeter und küsste sie. Nathann drehte sich mit einem gut hörbaren angewiderten Laut von ihnen weg.
Nathaira schob Vilkas schließlich zurück. „Ihr brecht die Regeln“, bemerkte sie mit einem leichten Lächeln.
Er erwiderte es. „Ihr lasst mich.“
Offiziell gab es natürlich keine Regeln zwischen ihnen, doch sie wollte nicht, dass das Gerücht aufkäme, sie wären ein Paar, denn das waren sie nicht. „Wir sehen uns dann in Weißlauf.“
Er nickte und wandte sich endgültig um, zog seinen Umhang enger, die Kapuze über und schwang sich auf das Pferd, das ihn hergebracht hatte.
Nathann winkte ihm kurz zu und stieg dann auf die helle Stute, die gelassen in einer Box wartete. Nathaira spürte den missmutigen Blick von Schattenmähne im Rücken. Das schwarze Pferd hatte sich in die hinterste Ecke verkrümelt und seine glühend roten Augen zeigten seine Unzufriedenheit, bei diesem Wetter das Land durchqueren zu müssen. Sie tätschelte seinen Hals und schwang sich in den Sattel. „Wir sollten uns beeilen. Wenn wir Glück haben, wird das Wetter in Rift besser.“
Ihr Neffe nickte zustimmend und trieb seine Stute an, Nathaira folgte ihm. Selbst in seiner leichten Rüstung und dem dicken Umhang war zu erkennen, dass er groß und schlaksig war. Seit zwei Jahren lebte er bei den Gefährten in Weißlauf. Ihre Meinung darüber hatte sie Ulfric gegenüber für sich behalten. Die Erziehung seines Sohnes war das einzige Thema, in das sie ihm nicht hineinzureden wagte. Sie liebte Nathann, trotzdem konnte sie nur hilflos dabei zusehen, wie die Kluft zwischen ihm und seinem Vater immer breiter wurde. Sie wusste, dass der Junge Ulfrics Ein und Alles war und dass er ihn aus der Politik heraushalten wollte – etwas, das sie gern unterstützte. Die Art und Weise, wie er es tat… nun, sie hatte geschworen, sich nicht einzumischen.

Das heftige Schneetreiben verlangsamte sie. Die Pferde stemmten sich mühsam in den Wind, der ständig seine Richtung änderte.
„Wird Vater die Botschafterin anhören?“, fragte Nathann irgendwann. Sein Atem kondensierte und seine Nasenspitze war rot.
„Wird er“, bestätigte seine Tante, „auch wenn es harte Arbeit war, ihn zu überzeugen.“
„Weißt du, was Cyrodiil vorhat?“ Er warf ihr einen schnellen Seitenblick aus seinen großen Augen zu. „Weshalb sollten sie an Himmelsrand herantreten? Es gibt genug andere Länder, die sie um Hilfe ersuchen könnten, wenn sie denn welche benötigten.“
Er war zu klug für einen Dreizehnjährigen, unter Umständen konnte dies ein Problem oder vielmehr eine Gefahr für ihn selbst werden. „Nein“, antwortete sie zögernd, „ich weiß es nicht.“
Das war offenbar nicht das, was er hatte hören wollen. Sie konnte sein Stirnrunzeln regelrecht hören. Seufzend zog sie ihre Kapuze wieder tiefer. Manchmal wünschte sie sich, ihre Tochter Brynja würde sich ebenfalls mit solchen Themen befassen, denn für sie war es wichtig. Doch sobald es um Politik ging, steckte sie sich die Finger in die Ohren und rief „Bla bla bla!“.

Als sie die Grenze zu Rift überquerten, verwandelte sich das Schneetreiben in heftige Regenfälle. Bereits nach wenigen Minuten waren sie bis auf die Haut nass. Der Wind peitschte nach wie vor und machte aus den großen Regentropfen Geschosse.
Die meisten Seen und Flüsse waren über die Ufer getreten.
„Es ist total verrücktes Wetter!“ Nathann schüttelte sich.
Nathaira stimmte ihm zu. Aber es waren weder der heftige Regen oder der extreme Schneesturm, die sie beunruhigten. Vielmehr hatte sie den Drachenschrei Wolkenloser Himmel bei ihrer Abreise aus Rifton angewandt, denn selbst zu diesem Zeitpunkt hatte es schon wie aus Eimern geschüttet. Ihr Schrei war wirkungslos in der Luft verklungen. Das wiederum bedeutete sicher nichts Gutes und war ein sicheres Zeichen dafür, dass sich mehr zusammenbraute als nur Unwetter. Es erklärte die seltsamen Schwingungen, die sie bereits seit einiger Zeit auffing, und die unguten Vorahnungen. Das Wetter war nur ein Omen für irgendetwas, dessen war sie sich sicher. Es bedeutete außerdem, dass sie sich wohl oder übel bald nach Winterfeste aufmachen würde, um die Akademie aufzusuchen.

Endlich ließ der Regen nach und die Tropfen prasselten nicht mehr wie Hagelkörner auf sie nieder. Der Wind war kalt und schneidend, riss ihnen jedoch nicht die Kapuzen herunter.
„Was schenkst du Bryn und Ziah?“, wollte Nathann nun wissen. Obwohl er mit den Gefährten regelmäßig reiste, sah er sich dennoch aufmerksam um.
„Nur Nützliches.“ Sie grinste. Ihr Neffe tat es ihr nach. „Alles andere besorgen sie selbst, nicht wahr?“
Nun, sie hatte ja bereits festgestellt, dass er ein helles Köpfchen war. Offiziell hatte sie natürlich keine Verbindung zur Diebesgilde, ihre Töchter erst recht nicht. Nathann sah sie nicht oft und nie in Gildenkleidung, doch offenbar hatte er sich einige Dinge zusammengereimt. „So ist es“, bestätigte sie. Sie sah keinen Grund, ihrem Neffen etwas vorzumachen.
„Und was ist nützlich für sie?“
Nathaira zählte die Dinge auf, die sie an ihre Mädchen verschenken wollte. Es war nicht viel, denn der Junge hatte richtig angemerkt, dass sie das meiste, das sie wollten, bereits auf anderen Wegen erwarben. Nathann nickte hin und wieder. Er blinzelte sich die Regentropfen aus den Augen. „Ich habe für Ziah eine Flöte“, gestand er dann und seine Wangen wurden noch eine Nuance dunkler, „eigentlich ist sie meine, aber ich wusste ja nicht, dass ich mitkommen darf. Sie kann sie gern haben. Für Bryn habe ich aber nichts. Was kann sie noch gebrauchen?“
„Du musst ihnen überhaupt nichts schenken, schon gar nicht dein Eigentum“, erklärte Nathaira lächelnd, freute sich dennoch über sein Vorhaben. „Aber wenn du unbedingt willst, halte Ausschau nach ein paar Tieren und erledige sie. Brynja braucht Felle.“ Bevor er fragten konnte, fügte sie hinzu: „Ich weiß nicht, wozu.“
Nathann lachte und löste den schlichten Kurzbogen von seinem Sattel, um sich bereit zu halten.

Sie erreichten Rifton mit zwei Ziegenfellen und einem Bärenfell. Nathaira war beeindruckt von den Fähigkeiten ihres Neffen. Als er den Bär ins Visier genommen hatte, hatte sie damit gerechnet, eingreifen zu müssen, doch ihre Sorge war unbegründet gewesen. Drei Pfeile hatten gereicht, um das große Tier zu stoppen. Lediglich mit einem gut geschärften Dolch hatte er die Ziegen und den Bär zügig gehäutet. Offenbar hatte Aela ihr Wissen mit ihm geteilt und er war äußerst fähig, es anzuwenden.
„Möchtest du im Gasthaus oder in meinem Haus-“
„Im Gasthaus“, fiel er ihr ins Wort und stieg von der Stute. Er verzog das Gesicht und dehnte seine Beine.
„Einverstanden.“ Nathaira ahnte, weshalb er in den Bienenstich wollte: um Gerüchte aufzufangen. Er würde sich als zukünftiger Außenposten der Diebesgilde hervorragend eignen, doch sie vermutete, dass Ulfric seinen Sohn in einer… angeseheneren Position sah. Vielleicht würde er eines Tages der Herold der Gefährten?
Die Stadtwachen, die einen Unterstand vor den Regenmassen gesucht hatten, schenkten ihnen kaum Beachtung. Ihre Lippen kräuselten sich. Sie kannte jeden Mann, jede Frau in der Stadtwache, wenngleich ihre Gesichter momentan von den Helmen verdeckt waren.

Rifton wirkte wie ausgestorben. Das lag zum einen am schlechten Wetter, zum anderen an der späten Abendstunde. Seit Jahren regierte die Diebesgilde diese Stadt, wenn auch auf dem Jarlstuhl Laila Recht-Sprecher saß. Ihre Wiedereinsetzung nach dem Bürgerkrieg hatte fast zwei Jahre in Anspruch genommen. Nathaira nutzte ihre Verbindung zu Ulfric ungern aus, weil sie befürchtete, dass sie eines Tages ans Licht kommen und ihr einen Strick drehen würde. In diesem Fall aber hatte sie darauf bestanden, dass Laila Recht-Sprecher auf ihr Amt noch längere Zeit verzichten musste. Die anderen Jarl hießen den Schachzug von Ulfric nicht gut, schließlich war die Nachfolgerin, Maven Schwarz-Dorn, der kaiserlichen Seite zugeneigt. Nach dem Machtwechsel auf dem Thron von Himmelsrand hatte sie sich den Gegebenheiten angepasst.
Bis Ulfric Sturmmantel zum Großkönig gewählt worden war, war ebenfalls etliche Zeit ins Land gezogen. Es hatte große Uneinigkeiten in der Versammlung der Jarl gegeben und Nathaira hatte einen nicht unbescheidenen Beitrag geleistet. Sie brauchte Ulfric als Großkönig, andernfalls hätte sie ihre Pläne nicht umsetzen können. Pläne, die unter anderem vorsahen, Maven Schwarz-Dorn und ihre gesamte Familie aus Rift zu verbannen. In der Gilde war dieser Schritt heftig diskutiert worden. Es war die einzige Sache, die Nathaira ohne volle Unterstützung durchgeführt hatte. Sie hasste die Schwarz-Dorn-Familie, hatte es gehasst, auf die Gunst von Maven angewiesen zu sein, hatte die Brücken in die Vergangenheit, die eine Kooperation mit Maven bedeuteten, abreißen wollen.
Sie hatte Maven aus dem Amt gehebelt und war keinesfalls von mehrfach erfolgten Vergeltungsschlägen überrascht gewesen. Sie gingen stets ins Leere; die letzten Jahre war es ruhig geworden.
Nach dieser Zeit war Laila wieder ins Amt berufen worden, somit hatte Ulfric nunmehr alle Jarl hinter sich vereint. Innenpolitisch war er auf der sicheren Seite, lediglich ein Attentäter hätte ihn zu Fall bringen können. Sie hatte dafür gesorgt, dass die Dunkle Bruderschaft ihn nie zu einem Ziel machen würde, egal, wer den Auftrag dafür gab. Der Zuhörer der Bruderschaft wusste, dass sie andernfalls einen Krieg mit ihnen begonnen hätte. Ulfric Sturmmantel als Großkönig von Himmelsrand hatte ihr Möglichkeiten eröffnet, von denen sie nie zu träumen gewagt hatte. Ulfric wiederum wusste, dass sie die mächtigste Waffe in seinem Arsenal war, seine Macht zu sichern, weshalb sie sich beide darum bemühten, ihre Beziehung irgendwie intakt zu halten.

Bevor sie die kurze Brücke zum Bienenstich überquerten, fiel ihr Blick reflexartig auf die große Gestalt, die an dem Gasthaus entlangging. Sie trafen sich auf der Brücke. Nathann, der vor ihr lief, musterte den Mann zwar kurz, entschied dann wohl, dass er seiner Aufmerksamkeit nicht weiter wert war, und ging weiter. Nathairas Lippen wurden schmal. Es war nicht unmöglich gewesen, ihm immer wieder zu begegnen, aber sie wich ihm so gut wie möglich aus. Unmid Schnee-Schuhs Augen trafen sie und er erkannt sie zweifellos in der Dunkelheit. Einen kurzen Augenblick lang sahen sie sich an, dann war sie an ihm vorbeigegangen.
Eine sachte Berührung an ihrer Hand ließ sie zusammenzucken. Sie drehte sich um, doch der Huscarl der Jarl setzte seinen Weg fort.
Sie schloss ihre Finger um das Stück Pergament, das er ihr hatte zukommen lassen, und folgte ihrem Neffen hinein in den Bienenstich.
Unmid hatte inzwischen Anuriel, den Vogt der Jarl, zur Frau genommen. Sie hatten drei Kinder; zwei Jungen, ein Mädchen, alle etwas jünger als Nathann, der älteste war elf. Nathaira freute sich für ihn, aber sie hatten nie eine Möglichkeit gefunden, wieder miteinander umgehen zu können. Ist vielleicht besser so.

Die Wärme im Bienenstich war angenehm, die Geräuschkulisse bekannt und ein Stück weit Heimat.
Nathann, der seine Kapuze abgezogen und das Argonierpärchen hinter dem Tresen beobachtet hatte, fragte: „Legen Argonier Eier?“
Nathaira starrte ihn einen Moment an, dann brach sie in Gelächter aus.
Mehrere Köpfe drehten sich nach dem kehligen Frauenlachen um. Nathaira kümmerte sich nicht darum, da die meisten ihren Blick ebenso schnell wieder abwandten. Sie lehnte sich gegen den Tresen. „Abend, Talen-Jei. Habt Ihr noch ein hübsches Zimmer für mich übrig?“
Der Argonier wirkte nicht wirklich erfreut, sie zu sehen, schob jedoch ohne Widerworte einen Schlüssel über das Holz. „Bitte sehr.“
Sie nickte Keerava kurz zu, bedankte sich und nahm den Schlüssel. Nathann kletterte die schmale Treppe nach oben. Nathaira überreichte ihm im oberen Stockwerk den Schlüssel und zeigte auf jenes Zimmer, das er öffnete. Sie kannte jeden Schlüssel im Bienenstich… und jedes Schloss. Talen-Jei und Keerava wussten darum, doch sie bemühten sich gar nicht erst, die Schlösser auszutauschen.

Sie hatte die ersten Jahre nach dem Bürgerkrieg damit zugebracht, den Ruf der Gilde wiederherzustellen, auf eine Art und Weise, wie es den vorhergehenden Gildenmeistern nur selten gelungen war. Neben Furcht, Sorge und Misstrauen schlug ihnen inzwischen auch Respekt entgegen. Es hatte schon immer Bewohner in Himmelsrand gegeben, die an die Gilde geglaubt hatten; die Kontakte von Delvin Mallory waren in Gold nicht aufzuwiegen. Es war jedoch etwas ganz anderes, ein ganzes Land für sich zu gewinnen, wenn auch nur im übertragenen Sinne. In Rifton wusste man inzwischen, dass man, wenn man sich der Gilde nicht in den Weg stellte, nur Vorteile erlangen konnte. Das hieß nicht, dass die Gilde die Anwohner ihrer Stadt nicht bestahl oder erpresste, im Gegenteil. Doch sie genossen so etwas wie… Schutz. Zwielichtige Konkurrenten verschwanden. Übernatürliche Bedrohungen wurden von der Stadt ferngehalten. Unbezahlbare Dokumente tauchten wieder auf. Nathaira hatte schlicht dafür gesorgt, dass die Stadt in der Schuld der Gilde stand.

Nathann warf seinen durchnässten Mantel über einen Stuhl und die ebenfalls nasse Fellweste hinterher. „Ich bin froh, dass wir im Trockenen sind.“ Er zerrte sich die Stiefel von den Füßen und tappte zur Waschschüssel, die mit Wasser gefüllt war. Nathaira kannte diese Eigenart von Keerava, immer frisches Wasser in den Zimmern bereit zu halten.
Ihr Neffe legte seine Handflächen an die große Schüssel und blieb abwartend davor stehen, bis im Wasser kleine Bläschen zu sehen waren. „Willst du auch?“
„Nein, ich brauche kein warmes Wasser.“ Sie lächelte und legte einige Münzen auf den Nachttisch. „Hier, wenn du Essen bestellen willst oder ein Getränk.“ Mahnend hob sie den Finger. „Keinen Met! Du bist noch zu jung!“
Nathann verdrehte die Augen. „Schmeckt mir sowieso nicht“, murmelte er und bespritzte sich mit dem erhitzten Wasser.
Natürlich war es irrational, ihm den Alkohol zu verbieten, wenn er bei den Gefährten lernte, gefährliche Waffen zu führen. Er sollte töten, aber keinen Alkohol trinken können? Seinen Worten entnahm sie, dass er es ohnehin schon versucht hatte.
„Ich gehe mich umziehen und bringe dir frische Kleider mit, ja?“
„Danke.“ Er wies mit dem Ellenbogen aufs Bett, da er die Hände abermals mit warmem Wasser füllte. „Ich werde mich hinlegen, bin müde.“
„In Ordnung.“
Sie griff nach dem Türknauf.
„Willst du nicht den Schlüssel mitnehmen?“ Nathann sah auf, Wasser lief über sein Gesicht.
„Ich brauche keinen Schlüssel, Süßer. Bis gleich.“ Nathaira verließ das Zimmer, blieb jedoch vor der Tür abermals stehen. Mit einem kurzen Blick versicherte sie sich, dass sie allein war, dann faltete sie das Pergament auseinander. Die wenigen Worte ließen sie den Mund verziehen. Sie verstaute den Zettel in ihrer Hosentasche und hoffte, die Tinte würde aufgrund der Nässe nicht sofort verlaufen.

Nathaira befand sich noch auf der Treppe nach unten, als sie das sachte Ziehen in ihrer Magengrube spürte. Es breitete sich rasch zu einem unangenehmen Gefühl aus, dann zerrte es an ihren Muskeln.
Fluchend rannte sie hinaus in den Regen und verließ Rifton wieder.
In all den Jahren seit dem Bürgerkrieg waren sie nur einmal zum Dämmergrab gerufen worden. Ein paar Banditen hatten es sich darin gemütlich gemacht. Sie waren nicht eben sanft mit der heiligen Stätte umgegangen. Einer hatte gerade an Nocturnals Statue uriniert. Nathaira hatte diesen Umstand eigentlich zum Brüllen komisch gefunden, Karliah hingegen war entsetzt gewesen und hätte den armen Kerl beinahe entmannt. Danach hatte sie Nathaira einen Vortrag über ihr unangemessenes Gelächter gehalten und sie dazu verdonnert, die Schweinerei zu beseitigen. Das wiederum hatte Brynjolf vor Lachen fast platzen lassen.
Der Ruf, der sie jetzt ereilte, war wesentlich prägnanter als damals. Sie würden es also vermutlich nicht nur mit ein paar betrunkenen Idioten zu tun bekommen.

Karliah begrüßte sie in der Nachtigallhalle. Sie sah nicht besorgt aus, hatte sich jedoch bereits mit ihren Waffen ausgerüstet. „Brynjolf ist vorgegangen“, sagte sie und strebte die Initiationskammer an, in der sich stets ein Portal öffnete, wenn sie zum Dämmergrab reisen wollten oder mussten. „Es fühlt sich dieses Mal drängend an, nicht wahr?“
„Bin gespannt, was wir finden werden.“ Nathaira griff sich den Bogen, den sie hier zurückgelassen hatte, und hängte ihn um. „Ich brauche dann ein paar trockene Sachen.“
„Da stimme ich Euch zu.“ Karliah lächelte.
„Nicht nur für mich. Nathann wollte mitkommen. Er ist im Bienenstich und wartet auf frische Kleidung.“
„Wie geht es ihm?“ Die Dunmer machte sich nicht die Mühe, ihre Kapuze überzustreifen, sie fasste lediglich ihr braunes Haar zusammen und stopfte es etwas unter die Nachtigallrüstung, die sie so gern trug.
„Gut, denke ich. Er wird unfassbar schnell groß.“
Ihr Gespräch machte eine Pause. Das Portal hing schimmernd vor ihnen in der Luft, ein mannshohes Loch, einfach in die Realität gestanzt. Karliah glitt hindurch, Nathaira folgte ihr unmittelbar.

Im Dämmergrab war etwas anders. Die Dunmer legte lauschend den Kopf schief, die hellen Augen glitten wachsam umher. „Was ist das?“ Sie flüsterte fast.
Aufgrund ihrer Natur waren Nathairas Sinne feiner, doch auch sie konnte den Ursprung des Drucks, der plötzlich auf ihnen lastete, nicht finden.
„Da seid Ihr ja. Kommt, Mädchen, das solltet Ihr Euch ansehen.“ Brynjolf winkte ihnen flüchtig zu. Er trug ebenfalls die Rüstung der Nachtigallen und sein Gesicht war noch immer von der Maske verdeckt.
Die beiden Frauen schlossen zu ihm auf und er führte sie zum Schattensee.
„Bei den Göttern!“ Karliah schlug erschrocken eine Hand vor den Mund. Ungläubig trat sie näher.
„Es war alles schon so, als ich ankam.“ Brynjolf zog sich die Maske und die Kapuze herunter. „Und ich habe keine Ahnung, was das zu bedeuten hat.“
Nathaira schritt eine halbe Runde um den Schattensee, der normalerweise in den Farben der Nacht schimmern sollte. Jetzt bewegte sich die Oberfläche wie zähes, rostbraunes Blut. In ihrem Unterkiefer begann es zu pochen, ihre Eckzähne im Oberkiefer drängten sich weiter aus dem Zahnfleisch. Mit einem kaum hörbaren Knurren sank sie in die Hocke. Das, was dort schwamm, war kein Blut, trotzdem reagierte ihr Körper auf den ähnlichen Anblick. Ihr Bluthunger wurde von Monat zu Monat schlimmer und bisher war ihr keine Lösung dafür eingefallen.
Nathaira beugte sich über die sonst spiegelnde Oberfläche, achtete aber darauf, sie keinesfalls zu berühren. „Es riecht nach…“ Sie runzelte die Stirn. Eine flüchtige Erinnerung schoss ihr durch den Kopf, die sie nicht zu greifen bekam. Sie kannte diesen Geruch, doch woher? „Nach…“ Mühsam versuchte sie, den losen Gedanken festzuhalten.
Die beiden anderen Nachtigallen tauschten einen flüchtigen Blick. Karliah kam zu ihr und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Schon gut.“
„Nichts ist gut.“ Nathaira stemmte sich wieder nach oben. „Ich kann mich nicht erinnern.“ Der Erinnerungsfetzen blieb in ihrem Hinterkopf haften wie ein Name, der einem auf der Zunge lag und doch nicht herauskam.
„Die Frage ist wohl, was das zu bedeuten hat.“ Brynjolf umrundete den Schattensee langsam. „Das Dämmergrab ist nicht in Gefahr. Vorn in der Halle ist niemand. Allerdings sind auch keine Nachtigallwächter aufgetaucht.“
„Nun, da sie das früher auch nie getan haben, sollten wir uns deshalb nicht den Kopf zerbrechen.“ Karliah hob die schmalen Schultern. „Wir müssen es im Auge behalten.“
Tatsächlich wurden sie immer wieder von den Geistern der ehemaligen Nachtigallen besucht. Nachdem der Schattensee wieder geöffnet worden war, hatten sie sich erholt und saßen manchmal einfach bei ihnen oder durchschritten die Gänge. Sie waren stets stumm, doch sie zeigten oftmals Gesten, ein Kopfnicken, ein kurzes Winken, manchmal sogar eine angedeutete Verbeugung, wenn einem von ihnen ein großer Coup gelungen war.
„Nocturnal hätte uns nicht hergerufen, wenn es nicht wichtig wäre.“ Brynjolf blieb schließlich bei den Frauen stehen. „Schade nur, dass sie keine Erklärung bereitgelegt hat. Wollte sie uns informieren? Oder uns warnen?“
Die Vampirin unter ihnen grollte unzufrieden. „Sogar Molag Bal ist einfacher zu verstehen als diese-“
„Nathaira“, mahnte Karliah, ohne die Stimme zu erheben.
„… als unsere ehrwürdige Nachtherrin!“ Nathaira glaubte, leises Gelächter zu hören, das keinesfalls zu den beiden anderen Nachtigallen gehörte. Nocturnal hatte ihre eigenen Wege, zu ihren Dienern Kontakt aufzunehmen. Während Brynjolf hin und wieder von ihr träumte, behielt Karliah ihre alte Verhaltensweise, zu Nocturnal zu sprechen, bei. Offenbar bekam sie gelegentlich eine Antwort. In Nathairas Fall war das gar nicht nötig. Nocturnal raste in großen, unregelmäßigen Abständen regelrecht in sie hinein. Sie hasste es, ihr Bewusstsein mit der Daedroth teilen zu müssen, aber noch schlimmer war es, wenn Nocturnal sie in das Reich des Vergessens auf ihre Oblivionebene zerrte. Das Interesse der Nachtfürstin lag nicht direkt auf ihr; es waren Brynja und Barenziah, die ihre Aufmerksamkeit fesselten. Natürlich waren ihre Töchter ohnehin Besonderheiten, doch sie waren vor allem eines: die Kinder zweier Nachtigallen. Das hatte es in all der Zeit noch nie gegeben. Die Mädchen hatten ihr versichert, dass Nocturnal ihnen nie etwas antat oder sie in irgendeiner Form drangsalierte. Andernfalls wäre eine vollgepinkelte Statue auch das geringste Problem der Daedroth gewesen.

Unwillkürlich fiel ihr Blick auf Brynjolf. Er beobachtete nachdenklich den Schattensee. Auch ihm hatten die beiden letzten Jahrzehnte kaum etwas anhaben können. Die Fältchen in seinen Augenwinkeln waren etwas tiefer geworden, dann war sein natürlicher Alterungsprozess plötzlich wie von Geisterhand gestoppt worden. Genau wie bei Ulfric. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und wurde unerbittlich daran erinnert, dass sie immer noch in durchgeweichter Kleidung steckte. Der dritte Mann, der scheinbar in den Jungbrunnen gefallen war, war der Zuhörer der Dunklen Bruderschaft, Hatir Riot. Abgesehen von ihrer Verbindung hatten diese drei unterschiedlichen Männer nur einen einzigen gemeinsamen Nenner: das Drachenblut. Ihre Lippen verzogen sich. Reliele Arbell schien mit der Unsterblichkeit zu experimentieren und das gefiel Nathaira überhaupt nicht. Nicht, dass sich ihre Adoptivschwester in ihr Handwerk reden ließe. Wann hatte sie das letzte Mal mit Reliele gesprochen? Vor einem halben Jahr? Oder war es länger her?

„Es klart auf.“
Dankbar, dass Karliah sie von weiteren Grübeleien abhielt, beobachtete sie den Schattensee. Nach und nach wurde das schlammige Rot wieder von den schimmernden Farben der Nacht ersetzt.
„Eigenartig.“ Brynjolf schüttelte den Kopf. „Vielleicht sollten wir in den kommenden Wochen öfter vorbeisehen. Nur zur Sicherheit.“
„Apropos.“ Nathaira griff in ihre Hosentasche und zog den Fetzen Papier heraus. „Wir sollten die Augen überhaupt ein wenig offenhalten. Ein Vögelchen hat mir gezwitschert, dass Sibbi Schwarz-Dorn in der Umgebung gesehen wurde.“
Der rothaarige Nord nahm ihr im Vorbeigehen den Zettel ab. Er lächelte sie spöttisch über die Schulter hinweg an. „Ein Vögelchen namens Unmid Schnee-Schuh?“
„Außerdem“, fuhr sie fort, ohne ihn zu beachten, „habe ich Nathann mitgebracht. Für die Feier. Er wollte den Mädchen gerne gratulieren.“
„Der Prinz von Himmelsrand beehrt den Geburtstag meiner Töchter“, seufzte Brynjolf und Karliah versteckte ein Lächeln schnell hinter ihrer Hand, „sagt mir, Gildenmeisterin, soll ich den samtenen Teppich ausrollen?“
„Er ist kein Prinz.“ Offiziell hatte Ulfric Sturmmantel nämlich keinen Sohn. „Seid nett zu ihm.“
„Ich bin immer nett zu ihm“, erwiderte die Nachtigall mit einem Grinsen. „Ich mag ihn. Er ist das ganze Gegenteil seines Vaters.“
Nathaira verdrehte die Augen, aber im Prinzip hatte Brynjolf Recht. Nicht, dass er Ulfric persönlich kannte, dennoch war Nathann so pflegeleicht, dass man ihn nur lieben konnte. Hatte man ihn als Kleinkind aus den Augen gelassen, konnte man sicher sein, dass man ihn fand, wo man ihn abgesetzt hatte. Wenn sie an Brynja zurückdachte, so waren ihre größten Hoffnungen stets, dass sie nichts angezündet, keine Seelensteine verspeist oder die halbe Einrichtung umgeräumt hatte.
„Er hat sich als Kind keine Seelensteine in den Mund gestopft“, fügte Brynjolf schließlich noch hinzu und sie lachte leise auf. Ihm war wohl Ähnliches durch den Kopf gegangen.
„Nun, ich sehe keinen Grund, noch länger zu bleiben. Lasst uns zurück in die Gilde gehen und nachsehen, ob die Vorbereitungen abgeschlossen sind.“ Karliah schwang die Arme, als wolle sie eine Horde Kinder antreiben. „Außerdem muss ich noch Kuchen für Eure Kinder abholen.“
„Danke für Eure Mühen.“ Brynjolf lächelte ihr zu.
„Das sind keine Mühen“, widersprach Karliah und war in Gedanken wieder bei der Planung der Geburtstagsfeier. „Bleibt es dabei, dass die Mädchen Würzwein probieren dürfen?“
Brynjolf nickte und sah zu seiner Gildenmeisterin, doch deren Aufmerksamkeit lag auf dem schmalen Portal, das sich geöffnet hatte. Er kannte den Ausdruck in ihrem Gesicht. Augenblicklich wurde er wachsam. „Was ist?“
Nathaira öffnete den Mund, sagte jedoch keinen Ton. Stattdessen wandte sie sich ruckartig um und rannte beinahe durch das Portal. Brynjolf und Karliah folgten ihr eilig und zu ihrer großen Überraschung landeten sich nicht in der Nachtigallhalle, sondern in der Eingangshalle des Dämmergrabs. Die Feuerschalen warfen Schatten an die steinernen Wände, ansonsten herrschte Stille.

Die Vampirin durchquerte die weitläufige, hohe Halle und schob mit kribbelnden Fingern die Tore auf, die sie wieder hinaus in die Schlucht bringen würden, die zum Dämmergrab führte.
Der Regen hatte aufgehört und der Wind blies nicht mehr. Kein Baumwipfel bog sich mehr zur Seite, dafür bauschten sich dicke graue Wolken am Himmel.
Und dort, auf dem steinigen Weg vor dem Dämmergrab, lag ein schwarzer Falke mit silbernem Schnabel.
„Rabenherz“, flüsterte Nathaira und musste sich zwingen, die wenigen Schritte, die sie von ihrem Vogel trennten, zu gehen, weil die unausweichliche Wahrheit bereits in ihrem Nacken saß. Sie sank auf die Knie und strich über die weichen Federn. Der Leib des Tieres war zusammengesunken, die Augen geschlossen. Die silbrigen Füße hingen leblos herab, die Krallen zusammengekrümmt.
Tränen brannten in ihren Augenwinkeln und sie schloss kurz die Augen, um sich zu sammeln.
Neben ihr ließ sich Karliah nieder. Keine Sekunde später hockte sich auch Brynjolf neben sie.
„Er hat keine Verletzungen.“ Der Falke machte den Eindruck, vom Himmel geschossen worden zu sein, doch da war nirgendwo eine Wunde, kein Blut, keine Brüche.
„Er war alt. Vielleicht war es an der Zeit.“ Karliah lehnte ihre Schulter sanft gegen die ihre.
Alt war gar keine Beschreibung für Rabenherz. Er war kein gewöhnlicher Falke. Das Durchschnittsalter dieser Raubvögel betrug ungefähr fünfzehn Jahre, außerdem hatte keine Falkenart einen silbernen Schnabel. Er war ihr Begleiter gewesen, seit sie selbst auf der Schwelle zwischen Mädchen und Frau gestanden hatte.
„Wollen wir ihn hineinbringen? Er verdient einen Platz am Schattensee.“ Karliah zog ihren Umhang nach vorn und bettete den Kadaver sacht darauf.
„Ja.“ Nathaira kam auf die Beine. „Gute Idee.“
Karliah ging voraus. Brynjolf runzelte die Stirn. „Geht es… Euch gut?“
Die Vampirin blinzelte. „Ich habe es nicht kommen sehen“, sagte sie nur und folgte der Dunmer.

Dieses Mal öffnete sich kein Portal, so wanderten sie schweigend zurück zum Schattensee. Es gab diverse Abkürzungen, die sie im Lauf der Jahre entdeckt hatten, und sich jetzt zunutze machen konnten.
Nathaira nahm Rabenherz schließlich, drückte ihn noch einmal kurz an sich und legte ihn auf den Schattensee. Langsam versanken die schwarzen Federn, als bestünde der Untergrund aus Treibsand. Der Geruch, der dabei entstand, ließ Karliah leise aufseufzen. Durch die Halle drangen die Düfte von Freiheit, spielerischem Wind, von Leichtigkeit und sogar ein Hauch von Herrlichkeit.
Der Gedanke, der sich bisher verborgen in Nathairas Hinterkopf bewegt hatte, knallte jetzt mit voller Wucht auf sie ein. Sie keuchte auf und erinnerte sich endlich daran, woher ihr der vorhergehende Geruch bekannt war. Sie hatte ihn nur einmal in ihrem ganzen Leben eingeatmet: als sie das erste Mal gezwungen war, ihre Drachenflügel zu spreizen und zu fliegen. Nur, dass der Duft ihres treuen Falken klar und rein war, während der Schattensee wie eine verdorbene Version dessen gestunken hatte.
Karliah nahm ihre Hand und Nathaira hielt sich an ihr fest, während Nocturnal sich des Tieres annahm.

Sie bedankte sich bei den beiden Nachtigallen für ihre Anwesenheit, sobald Rabenherz endgültig versunken war. Der plötzliche Tod ihres treuen Begleiters hatte etwas in ihr in Schockstarre verfallen lassen, aber ihr Verstand arbeitete auf Hochtouren.
Sie hielt Brynjolf zurück, nachdem Karliah abermals durch das Portal getreten war. „Ich weiß es wieder“, sagte sie eindringlich, „und ich glaube, wir bekommen Probleme.“
„Angesichts dessen, was hier gerade passiert ist, stimme ich Euch zu. Was habt Ihr vor?“
„Wir müssen nach Winterfeste, zur Akademie. Ich muss unbedingt mit Reliele sprechen.“ Und noch dringender mit Hatir. Unter all den Leuten, die sie kannte, hatte der Zuhörer die engste Verbindung zu Kynareth.
„Ich hatte befürchtet, dass Ihr das sagt.“ Der Dieb sah wenig begeistert aus.
Nathaira schnaubte und drehte sich um. „Ich hätte schon ein bisschen mehr Begeisterung erwartet, Bryn. Immerhin besuchen wir Eure Gattin.“
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