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Der wahre Wert des Geldes

GeschichteAbenteuer, Familie / P6
25.05.2017
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Der wahre Wert des Geldes



[Duck Tales] Die Expedition, zu der sich Dagobert und seine Neffen aufmachen wollen, scheint anfangs klar: Schatzsuche in einem bislang unerforschtem Palast am Nordpol. Doch dann geraten sie in eine Situation, in der das Gold auf einmal zur Nebensache wird. Sogar für die reichste Ente der Welt.




„Habt ihr heute in Mathe irgendwas kapiert?“, fragte Trick wenig hoffnungsvoll. Seine Brüder verneinten.
„Nicht die Bohne“.
„Noch weniger, als letzte Stunde.“ Ein kollektives Seufzen folgte.
„Und was machen wir dann wegen der Arbeit morgen?“ Auch daraufhin bekam er nicht mehr, als ein ratloses Schulterzucken zur Antwort. Trick wurde fast übel, von der rumorenden Angst in seinem Magen. Er hasste schriftliche Tests. Besonders in Mathe. Ein gutes, warmes Mittagessen von Frieda, ihrer Haushälterin, würde bestimmt helfen, versuchte er sich Mut zu machen. Dann könnten sie sich die Aufgaben ja noch einmal in Ruhe anschauen. Und die Erwachsenen um Rat fragen. Wenn sich jemand mit Zahlen auskannte, dann war es Onkel Dagobert.
Sie hatten die Villa gerade erreicht, da wurde ihnen die Tür auch schon vor dem Schnabel aufgerissen. Allerdings nicht von ihrem Butler, sondern dem Hausherrn höchstpersönlich.
„Wie oft, hab ich euch schon gesagt, dass ihr auf dem Nachhauseweg nicht trödeln sollt? Kommt rein! Das Essen steht seit zwei Minuten auf dem Tisch. Und dann muss ich euch unbedingt etwas erzählen!“ Trotz des Tadels, klang Dagobert überhaupt nicht böse. Im Gegenteil, er schien ausgesprochen gute Laune zu haben.
„Gute Neuigkeiten, Onkel Dagobert?“, fragte Track neugierig. Schmunzelnd geleitete ihr Onkel sie zum Speisesaal: „Sogar ausgesprochen Gute!“

Trick hatte den Geschmack des Schokoladenpuddings noch auf der Zunge und den Mathetest schon fast vergessen, als Dagobert die Tageszeitung vor sich ausbreitete.
„Hier, seht euch das an!“, frohlockte er und wies auf die Titelseite, „Im entferntesten Winkel des Nordpols, mitten im ewigen Eis, wurde durch den Hubschrauber einer Polarstation zufällig ein prachtvolles Schloss entdeckt …“
„Ein Schloss?“, unterbrach Tick verwundert, „Wer baut denn sowas am Nordpol?“
„Der Weihnachtsmann?“, mutmaßte Track und musste gleich darauf über seine eigene Idee kichern.
„Vielleicht steht das ja schon hunderte von Jahren da und ist völlig unbewohnt!“ Der Einwand kam von Trick. Dagobert gab ihm Recht: „Das halte ich auch für am wahrscheinlichsten. Sicher ist jedenfalls, dass durch die starken Schneestürme, bisher noch niemand die Gelegenheit hatte, dieses Schloss zu erforschen.“
„Ha!“, Track schnippte mit den Fingern, „Und dein Bauch sagt dir, dass es da jede Menge Schätze gibt!“
„Ganz recht!“, Dagobert lächelte milde und auch ein wenig geschmeichelt. Es freute ihn, wie gut ihn seine Neffen inzwischen einschätzen konnten. Aber das würde er ihnen natürlich nie verraten.
„Wir müssen sofort aufbrechen. Ich will nicht, dass mir irgendjemand zuvorkommt!“ Auf diese Aussage, wurde er von drei Augenpaaren angestrahlt: „Wir dürfen mit?“
„Aber natürlich. Ich dachte, das sei inzwischen selbstverständlich?“
„JA!“, Track vollführte von ihnen den höchsten Luftsprung.
„Endlich wieder ein Abenteuer!“
„Und keine blöde Mathearbeit morgen!“, jubelte Trick, schlug sich aber gleich darauf ertappt die Hände vor den Schnabel, „Ups!“ Schon fand er sich Auge in Auge mit einem streng dreinblickenden Dagobert.
„Die ihr natürlich sofort nachschreiben werdet, wenn wir wieder zurück sind!“, ordnete ihr Onkel unerbittlich an, „Und das hoffentlich mit einem besseren Ergebnis, als bei der Letzten. Packt eure Hefte mit ein! Der Flug ist lang. Ihr werdet genug Zeit zum Üben haben.“
„Sicher, Onkel Dagobert!“, antworteten sie unisono. Es wäre vergebens gewesen, zu protestieren.

*

Und Dagobert sollte Recht behalten. Es wurde tatsächlich eine lange Reise. So lang, dass die Drillinge freiwillig ihre Hausaufgaben erledigten. Und als in Onkel Dagobert die Vorfreude bezüglich des Goldschatzes auf ein normales Level abgeflaut war, nahm er sich sogar die Zeit, ihnen beim Lernen zu helfen. Er konnte viel besser erklären, als ihre Lehrerin – fand zumindest Trick. Und so machte die ganze Sache fast ein wenig Spaß.
Es war Tick, der den Rauch vor den Seitenfenstern zuerst bemerkte.
„Äh, Quack …“, rief er, noch während er durch das runde Glas spähte, „Da kommt Qualm aus unserem Triebwerk!“
Der selbsternannte Bruchpilot warf ihnen nur einen gut gelaunten Blick über die Schulter zu.
„Na endlich! Und ich hatte mich schon gefragt, wann es so weit ist“, lachte er, „Genau zur rechten Zeit, wir sind ohnehin gleich da. Anschnallen, Leute – das wird eine Eins-A-Bruchlandung!“ Er betätigte ein paar Schalter und packte das Steuer fester.
Während die Jungs zu ihren Sitzen stürzten, stieß Dagobert einen tiefen Seufzer aus.
„Ich dachte, Sie hätten die Maschine im Vorfeld gewartet?“, zischte er dann und nahm seinen Platz im Cockpit ein.
„Sicher, Herr Duck! Aber Sie kennen mich doch: Ich kriege jeden Vogel zum Abstürzen!“ Die Nase des Flugzeugs neigte sich nun immer weiter zur Erde. Unkontrolliert rauschten sie in die Tiefe, Quacks Versuche die Geschwindigkeit zu drosseln blieben erfolglos. Tick, Trick und Track schrien auf und Dagobert klammerte sich an die Armlehnen seines Sitzes.
„Na schön, aber versuchen Sie wenigstens an Land und nicht im Wasser zu landen! Ich hab keine Lust, als Eis-Ente zu enden!“, rief er.
„Wird erledigt, Herr Duck!“
Quack schaffte es tatsächlich. Keine Sekunde später gab es einen heftigen Schlag und ihre Maschine schlitterte noch ein paar Meter über eisigen Boden. Der Aufprall war so hart, dass es die Drillinge und ihren Onkel von den Sitzen schleuderte. Ohne Sicherheitsgurt wäre Letzterer wahrscheinlich durch die Windschutzscheibe geflogen.
„Praktisch!“, kommentierte Quack, als sie endlich zum Stehen gekommen waren, „Bei so einer Eisbahn spart man sich das Räderausfahren!“ Niemand antwortete ihm. Dagobert stöhnte nur leise und legte eine Hand an sein schmerzendes Kreuz.
„Vielleicht wäre eine Landung im Wasser ja doch besser gewesen, Onkel Dagobert.“, kam es kläglich von Tick.  

„Sie, Quack, bleiben hier und reparieren das Flugzeug!“, befahl Dagobert, während er ein letztes Mal die Ausrüstung in seinem Rucksack überprüfte, „Ich und die Kinder machen uns auf die Suche nach diesem Schloss. Weit können wir davon nicht entfernt sein.“ Ihr Pilot beschränkte sich auf ein knappes Nicken und salutierte. Track stand bereits in der Öffnung der Ausstiegsluke.
„Wir haben richtiges Glück mit dem Wetter.“, sagte er und deutete nach draußen, „Der Himmel ist ganz blau. Keine Wolke in Sicht.“
„Lasst euch von dem Sonnenschein nicht täuschen, Jungs, und packt euch warm ein!“, mahnte Dagobert. Er selbst hatte sich bereits in einen fellbesetzten Mantel gehüllt und seinen Zylinder gegen eine Pelzmütze ausgetauscht.

„In welche Richtung müssen wir eigentlich?“, fragte Track, nachdem sie die geschlossene Eisdecke hinter sich gelassen hatten. Dagobert hielt einen Kompass in der Hand.
„Nach Osten. Ich hab mit dem Leiter der Polarstation telefoniert. Er konnte mir eine ungefähre Wegbeschreibung geben. Und ein Schloss ist schließlich nicht zu übersehen.“
Eine geraume Zeit stapften sie durch knöcheltiefen Schnee, ohne viel zu sagen. Auf Dagoberts Stirn erschien nach und nach eine tiefe Zornesfalte. Sie kamen nicht so schnell voran, wie er es sich gewünscht hatte. Da hielten die Jungs lieber den Schnabel.
„Da drüben!“, rief Dagobert plötzlich aus, „Hinter diesen beiden Eisbergen, müsste es eigentlich sein!“ Sein Gesicht hatte sich aufgehellt und er begann zügiger auszuschreiten.
Als die vier dann jedoch davorstanden, stockte ihnen der Atem. Sagen konnten sie nichts. Nur mit offenen Schnäbeln dieses Wunderwerk bestaunen.
„Irre! Das ist ja ganz aus Eis …“, Tick fand als Erster seine Sprache wieder. Das Schloss war tatsächlich imposant. Imposant und wunderschön. Es wirkte wie eine gigantische Skulptur. Geschaffen aus einem Stück. Drei schmale Türme ragten weit in den Himmel. Dächer, Zinnen, Erker und sogar das Eingangsportal – es war alles aus reinstem Eis. Das Licht brach sich auf der glatten Oberfläche, dass es fast blendete.
„Aber, wie geht denn sowas?“, verwirrt schüttelte Trick den Kopf, „Onkel Dagobert?“ Doch der hörte gar nicht zu.
„Es glitzert, als wäre es aus tausend Diamanten …“, hauchte er ehrfürchtig, „Da müssen einfach Schätze zu finden sein!“ Wie hypnotisiert setzte er sich in Bewegung. Die Drillinge folgten ihm auf dem Fuße.   
 
Die Eingangshalle war riesig - aber leer. Und zudem totenstill. Zweifelnd betrachtete Tick die vielen Gänge, die von ihr abgingen.
„Meint ihr nicht, dass es besser wäre, wenn wir uns aufteilen? Das dauert doch sonst Stunden, bis wir das Alles abgesucht haben.“ Dagobert hatte wieder zu sich selbst zurückgefunden. Jetzt wiegte er zögernd den Kopf, musste dem Vorschlag seines Neffen dann aber doch zustimmen. Was sollte den Kindern hier auch schon groß passieren?
„Du hast vermutlich Recht, Tick. Ihr nehmt den linken Flügel und ich den Rechten. Wenn die Sonne anfängt unterzugehen, treffen wir uns wieder hier.“

*

Tick strich mit den Fingern an der Wand des Ganges entlang.
„Man könnte fast meinen, es wäre Glas – findet ihr nicht?“, er war immer noch fasziniert von dem ganzen Eis. Track dagegen, zerrte die Eintönigkeit, durch die sie seit einer gefühlten Stunde wanderten, inzwischen eher an den Nerven.
„Ja – wenn es nur nicht so verflixt kalt wäre!“, schnaubte er, „In diesem Labyrinth sieht alles gleich aus. Lasst uns umkehren, ehe wir uns noch verlaufen.“
„Lass uns wenigstens noch in einen der Türme hochgucken.“, bat Tick, „Was glaubst du, wie stolz Onkel Dagobert auf uns ist, wenn wir den Schatz vor ihm finden!“ Gegen dieses Argument ließ sich schwerlich etwas entgegnen. Track kratzte innerlich seine letzten Reste Motivation zusammen: „Na gut …“
„Ich frage mich, wie etwas so Großes so lange unentdeckt bleiben konnte.“, meldete sich Trick zu Wort, ohne auf die Meinungsverschiedenheit seiner Brüder einzugehen.
„Wir sind hier am entlegensten Winkel der Erde, vergiss das nicht.“, gab Tick zur Antwort.
„Aber irgendwer muss das hier doch gebaut haben! Es wird ja wohl kaum von selbst aus dem Boden gewachsen sein.“
Darauf konnte Tick nur ratlos mit den Schultern zucken.
„Hey, schaut mal da!“, Track packte ihn plötzlich aufgeregt am Arm. Sie waren um eine Kurve gebogen und standen jetzt in einer Sackgasse. Wäre da nicht rechter Hand das mannshohe Loch in der Wand gewesen.
„Ein Tunnel.“, Tick spähte hinein.
„Kannst du was erkennen?“
„Nein. Nur, dass es bergab geht.“, er suchte Halt am Rand und lehnte sich nach vorne, soweit es ging, „Kein Ende in Sicht, Jungs.“ Trick stellte sich auf die Zehenspitzen und lugte seinem Bruder über die Schulter. Dabei kam er ihm jedoch zu nahe. Tick war für einen Moment abgelenkt und verlor das Gleichgewicht. Der rutschige Boden tat sein Übriges. Er fiel vornüber. Trick und Track, versuchten zwar noch ihn festzuhalten, wurden aber nur hilflos mitgerissen.

Wären sie nicht so erschrocken gewesen, hätte ihnen diese Rutschpartie vielleicht sogar Spaß gemacht. So aber, klammerten sie sich nur aneinander fest und schrien jedes Mal auf, wenn ihnen in einer Biegung der Magen absackte. Immer schneller sausten sie über das Eis und wären dabei manches Mal aufgrund der Fliehkräfte fast bis zur Decke geschossen. Irgendwann spuckte der Tunnel sie wieder aus. Sie fielen etliche Meter in die Tiefe und schlugen hart auf dem Boden auf. Beziehungsweise, Tick. Der Sturz der Anderen war weniger schmerzhaft. Sie waren auf ihm gelandet.
„Aua …“, stöhnte er kläglich.  
„Bist du in Ordnung?“, fragte Track, als er und Trick ihm unter die Arme griffen, „Irgendwas gebrochen?“
„Glaube nicht.“, nuschelte er und fasste sich an den Kopf, „Spinn ich, oder ist das da Gold hinter Gittern?“ Die anderen Beiden warfen einen Blick über die Schulter. Und tatsächlich: Der riesige, unterirdische Saal, in dem sie sich befanden, wurde durch eine Reihe von eisernen Gitterstäben in zwei Hälften zerteilt. Und auf der anderen Seite glitzerte wahrhaftig ein beachtlicher Berg an Goldtalern.
„Irre!“, die Jungs stürzten soweit es ging darauf zu. Trick war der Erste, der die Stäbe erreichte und seinen Schnabel hindurchsteckte: „Wir haben ihn tatsächlich gefunden! Das müssen wir sofort Onkel Dagobert sagen!“  
„Ja, schon …“, Tick war nicht ganz so enthusiastisch – ihm tat immer noch alles weh, „Aber wie?“ Besorgt legte er den Kopf in den Nacken und schaute zu dem Loch empor, durch das sie eben gefallen waren. Trick verstand, was er meinte.
„Das ist viel zu hoch!“, stellte er schluckend fest, „Da hilft nicht mal eine dreifache Räuberleiter.“
„Und selbst wenn – diese Rutsche kommen wir niemals nach oben!“, Track griff nach Ticks Ärmel. Ihm war plötzlich ganz flau im Magen. Und eine zugeschnürte Kehle hatte er auch. Aber er musste der Wahrheit ins Auge sehen: Sie saßen fest! Sie kamen hier nicht mehr heraus.
„Meint ihr, wir sind im Verlies gelandet? Wo alle Gefangenen runtergeschubst worden sind, um sie dann jämmerlich erfrieren zu lassen?“, bibbernd rieb Tick sich die Oberarme.
„Es ist tatsächlich kälter, als oben.“, gab Trick ihm Recht, „Die Wände sehen auch viel dicker aus. Wir sitzen in einem gewaltigen Gefrierschrank, Leute.“
„Und können nichts weiter tun, als um Hilfe zu rufen.“, fügte Track hinzu. Eine andere Möglichkeit gab es wirklich nicht.
„Onkel Dagobert!“
„Hier sind wir! Hallo!“
„Hol uns hier raus! Hilfe!“

Sie schrien sich die Kehlen heiser, aber ohne Erfolg.
„Er hört uns nicht.“
„Wie denn auch? Er ist schließlich in einem ganz anderen Teil des Gebäudes.“
„Schnabelhaft!“, schimpfte Tick und stemmte die Hände in die Seiten, „Wer ist bitte noch mal auf die Idee gekommen, sich aufzuteilen?“
„Na, du!“, gab Track zur Antwort, aber ohne Vorwurf. Er war erschöpft und wollte nicht streiten.
„Wenn wir nicht zur vereinbarten Zeit am Treffpunkt auftauchen, macht er sich bestimmt Sorgen.“, versuchte Trick ihnen, und sich selbst, Mut zuzureden, „Dann wird er uns suchen.“
„Ja, schon – aber das kann dauern.“, murmelte Track. ´Vielleicht zu lange`, dieser Satz hing unausgesprochen zwischen ihnen in der Luft. Sie ließen die Köpfe hängen und rückten unwillkürlich näher zusammen.

*

Zielstrebig wanderte Dagobert durch die Gänge, inspizierte alle Räume und lugte um jede Ecke. Aber er fand nur nacktes Eis, keinen Schatz. Von dem gleisenden Weiß überall, begannen ihm die Augen weh zu tun und er musste mehrmals stehenbleiben, um seine Sicht zu klären. Doch aufgeben kam nicht infrage!
„Das darf doch wohl nicht wahr sein!“, ärgerlich betrat er gerade einen weiteren, der unzähligen Säle und sah sich um. Hier wurde die Decke von mehreren schlanken Säulen gestützt, ansonsten herrschte gähnende Leere. Und doch war irgendetwas anders. Dagobert hatte früh gelernt, seinem Instinkt zu vertrauen. Daher verlangsamte er jetzt seine Schritte, blieb schließlich mitten im Raum stehen und horchte in sich hinein. Er kannte dieses Gefühl. Eine leise, vibrierende Ahnung, die ihm sagte, dass er fast am Ziel war.
„Aber hier ist nichts.“, flüsterte er in die Stille, „Es muss aber irgendwo was sein. Es fühlt sich ja fast an, als würde ich bereits auf dem Geld sitzen …“ Im selben Moment sog er scharf die Luft ein, richtete seinen Blick nach unten und machte vor Überraschung einen Satz zur Seite. Durch den Boden hindurch, war ein schwaches, goldenes Schimmern zu erkennen. Ohne jeden Zweifel.
„Das gibt’s nicht!“, jubelte Dagobert. Er ließ sich auf die Knie fallen und rubbelte eilig mit seinem Ärmel über die Eisplatte. Dann beugte er sich so weit darüber, wie es möglich war und starrte aus zusammengekniffenen Augen in die Tiefe. Oder zumindest versuchte er es.
„Meine Sehkraft ist nicht mehr die Beste, und das Eis verzerrt zusätzlich …“, murmelte er vor sich hin, „Aber dieses Glitzern würde ich überall erkennen. Es muss im Raum unter mir sein.“ Entschlossen legte er seinen Rucksack ab und begann mit einer Spitzhacke den Boden zu bearbeiten. Je tiefer das Loch wurde, umso härter schlug er zu. Auf die Risse, die sich dabei bildeten, achtete er nicht. Der letzte Schlag schlussendlich, war einer zu viel. Bevor Dagobert überhaupt begreifen konnte, was geschah, brach das Eis auch unter ihm zusammen und er stürzte mit einem Aufschrei in die Tiefe.

Er landete mitten in einem Berg aus Goldmünzen. Das war sein Glück. Seine Fähigkeit, im Geld schwimmen zu können, hatte ihm vermutlich diesmal das Leben gerettet. Er ging in den Talern unter, wie in einem Meer aus Daunenkissen. Ohne einen Kratzer kam er wieder an die Oberfläche und spuckte zwei Münzen zurück zu den anderen.  
„Hab ich es doch gewusst!“, freute er sich, „In alten Schlössern gibt es immer Goldschätze. Und jetzt gehört er mir!“ Er wollte sich gerade wieder in die Münzen wühlen, als ein kläglicher Ruf ihn innehalten ließ.
„Onkel Dagobert?“
„Jungs?“, augenblicklich fuhr er herum, und konnte seine Neffen tatsächlich hinter einer Wand aus Gitterstäben stehen sehen: Klein, verloren und am ganzen Leib zitternd! Ihm setzte das Herz aus.
„Grundgütiger!“, hastig rappelte er sich auf, „Eure Schnäbelchen sind ja ganz blau. Wie lange sitzt ihr denn schon in diesem Loch? Hat euch jemand was getan?“ Besorgt – und auch weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte – streckte er ihnen die Arme entgegen. Sie an sich drücken, war ihm nicht möglich. Tick und Track griffen danach. Trick war derjenige, der seine Fragen beantwortete.
„Wie lange, wissen wir nicht.“, schüttelte er den Kopf, „Aber begegnet sind wir keiner Menschenseele. Es war unsere eigene Schuld, dass wir hier runtergefallen sind. Tut uns Leid!“
„Fällt dir nichts ein, wie du uns befreien könntest?“
„Bitte! Es ist so kalt!“, Track kämpfte sichtlich mit den Tränen, während er sein Gesicht in die Armbeuge seines Onkels schmiegte, „Wenn diese dummen Stäbe nicht wären, könnten wir uns wenigstens an dich kuscheln.“
Das brachte Dagobert für einen Moment zum Lächeln.
„Ich überleg‘ mir was.“, versprach er und öffnete dann seinen Mantel, „Nehmt ihr solange den hier.“
„Aber du wirst frieren …“, protestierte Trick, als er ihnen das Kleidungsstück hinüberreichte. Doch davon wollte Dagobert nichts hören. Ungehalten schnitt er ihm das Wort ab.
„Das tue ich sowieso bereits. Jetzt nehmt ihn schon, solange er noch warm ist!“

Als allererstes kletterte Dagobert zurück auf den Münzhaufen. Er sah sofort, was er suchte: Die Spitzhacke. Sie war auf der anderen Seite hinuntergerutscht, aber sie war da.
„Dem Himmel sei Dank!“, murmelte er erleichtert, als er das Werkzeug wieder in Händen hielt. Wenigstens eine kleine Chance. Sogleich machte er sich an die Arbeit und begann auf die Wand einzuhacken.  
„In meinem Rucksack … ist ein Seil …“, erklärte er, zwischen den einzelnen Schlägen, „ich muss es nur … nach oben schaffen …“. Dann könnte er ein zweites Loch in den Boden schlagen – vorsichtiger diesmal – und die Jungs befreien. Den Schatz würde er auf die gleiche Weise nach und nach bergen. Und dann nichts wie nach Hause!

Doch so einfach, wie Dagobert sich das vorstellte, wurde es leider nicht: Die ersten provisorischen Stufen und Griffe, die er ins Eis schlug, waren kein Problem – aber als er an denen versuchte Halt zu finden, um sich weiter hoch zu arbeiten, rutschte er immer wieder ab. Zudem konnte er mit nur einem Arm nicht kraftvoll genug zuschlagen. Und ihm wurde kalt. Entsetzlich kalt. Sein Gehrock war viel zu dünn, für diese Minusgrade. Nicht lange, und er konnte den Eispickel kaum noch richtig festhalten, weil seine Finger vor Kälte zu schmerzen anfingen. Der fehlende Mantel machte sehr wohl einen Unterschied.
„Das bringt doch nichts, Onkel Dagobert!“, hörte er Tick rufen, als er sich erneut in die tauben Hände hauchen musste.
„Unsinn!“, schimpfte er und hob sein Werkzeug wieder vom Boden auf. Vielleicht sollte er die untersten Tritte doch noch etwas vertiefen? Dann hätte er einen besseren Stand.
„Ich werde euch … hier rausholen …“, er führte zwei Schläge aus, mit aller Kraft, die er hatte, „und das Gold auch!“ Eissplitter flogen ihm um die Ohren. Er scherte sich nicht darum.
Aber Tick hatte Recht: Es brachte nichts. Ganz egal, wie sehr er sich auch anstrengte. Keuchend blickte Dagobert nach oben und versuchte, der Panik in seinem Inneren Herr zu werden. Er würde es nicht schaffen. Er hatte angefangen zu schwitzen. Dadurch kühlte er jetzt nur umso schneller aus. Und der rettende Ausgang war weiter entfernt, als je zuvor. Schnatternd, und die Arme um sich geschlungen, kauerte Dagobert sich neben die Goldtaler. Aber deren vertrautes Klimpern brachte diesmal keinen Trost. Die Münzen waren genauso kalt, wie das Eis um ihn herum. Er musste aufgeben: „Es tut mir Leid, Kinder!“ Doch er wusste nicht, ob sie ihn vor lauter Zähneklappern überhaupt verstanden hatten.  

*

Genüsslich verspeiste Quack sein zweites Sandwich.
„Die Dinger haben noch nie so gut geschmeckt!“, sagte er und leckte sich die Mayonnaise von Daumen und Zeigefinger, „Aber ist ja auch kein Wunder: Die Arbeit an dieser arktischen Luft macht einen Mordskohldampf.“ Er wollte sich gerade das Dritte aus der Lunchbox nehmen, als ihn ein Gedanke innehalten ließ: „Aber Herr Duck und die Kinder haben bestimmt auch Hunger, wenn sie wieder zurückkommen. Ich sollte ihnen was übriglassen.“ Mit einem Mal fiel ihm auf, wie viel Zeit vergangen war, seit sie zu ihrer Expedition aufgebrochen und ihn hier zurückgelassen hatten. Beunruhigt warf Quack einen Blick aus dem Fenster. Die Nacht begann sich bereits über das Land zu senken.
´Sie sind schon ganz schön lange fort. Vielleicht finden sie im Dunkeln den Weg nicht mehr? `, überlegte er.
„Ich gehe sie besser suchen!“, beschloss er und ging nach vorne in Richtung Cockpit, „Herr Duck hat mir schließlich nur befohlen, den Flieger zu reparieren – und das hab ich getan!“ Er nahm hinter dem Steuer Platz, drückte routiniert ein paar Knöpfe und startete die Motoren. Das Triebwerk hörte sich gut an. Problemlos hob die Maschine vom Boden ab, in einen sternenklaren Himmel.

*

Anfangs war es nur ein gelegentliches Schniefen, welches sich in das Bibbern und Zähneklappern mischte. Doch nach und nach wurde es zu einem Schluchzen. Track hörte es als Erster. Er hatte sich, so gut es eben ging, mit seinen Brüdern in Dagoberts Mantel gekuschelt. Das Kleidungsstück war tatsächlich wundervoll warm gewesen und er hatte sich nicht mehr ganz so alleine gefühlt – auch wenn ihre Lage noch genauso hoffnungslos war, wie zu Beginn. Jetzt lugte er aus dem hochgeschlagenen Fellkragen, zur anderen Seite des Gitters hinüber.
„Onkel Dagobert?“, fragte er unsicher, „Weinst du etwa?“  
Der Angesprochene fuhr sichtlich erschrocken zu ihnen herum.
„Was? Nein, ich … ich …“, schnell wischte er sich über die Augen. Die Geste war zu eindeutig, das musste er sich gleich darauf selbst eingestehen. Aber eine rechte Erklärung wollte ihm nicht einfallen. So zuckte er nur resigniert die Schultern: „Na ja …“
Nun waren auch Tick und Trick aufmerksam geworden.
„Nicht aufgeben, Onkel Dagobert!“, baten sie eindringlich und kamen auf die Beine.
„Ja.“, sagte Track, „Quack ist doch immer noch da draußen – vergiss das nicht!“ Doch damit entlockte er seinem Großonkel nur ein freudloses Auflachen.
„Ich glaube nicht, dass der uns hier unten findet.“, schüttelte Dagobert den Kopf und ließ zu, dass Tick nach seinen eiskalten Fingern griff und versuchte sie warm zu reiben. Ihm stiegen dabei schon wieder die Tränen in die Augen.
„Ich weiß, es ist töricht, aber … ich f-fühle mich so verloren, Kinder.“, gestand er ihnen mit erstickter Stimme, „Diese verfluchte Kälte. Da sitze ich hier, mit so einer Unmenge an Geld – und alles was ich will, ist euch in die Arme zu nehmen und nie wieder los zu lassen. Am liebsten in einem gemütlichen Sessel, vor einem p-prasselnden Kaminfeuer.“ Jetzt mussten auch die Drillinge schlucken. Es geschah nicht oft, dass ihr Onkel so offen zugab, wie wichtig sie ihm waren. Tick umklammerte seine Hand unwillkürlich fester und wusste nicht, was er sagen sollte.
„Wir doch auch, Onkel Dagobert!“, versuchte Track zu trösten, „Das ist nicht töricht.“
„Genau! Hundert Mathearbeiten würde ich mitschreiben, wenn ich dich dafür jetzt richtig umarmen könnte.“, versicherte Trick. Endlich zeigte sich ein Lächeln auf Dagoberts Gesicht. Er hob den Arm und streichelte ihm über die Wange.
„Und das aus deinem Mund …“, sagte er liebevoll.

*

Ohne dass sie es geahnt hätten, waren sie in den letzten Stunden beobachtet worden. Der Eispalast war nämlich, trotz aller Einsamkeit, keinesfalls unbewohnt: Im westlichen Turmzimmer hatte sich Gundel Gaukeley häuslich eingerichtet. Ihre Zauberbücher standen ordentlich aufgereiht in Regalen an den Wänden und ein magisches Feuer prasselte grünlich schimmernd in einem Kamin, der ebenso aus Eis war, wie der Rest des Schlosses. Den Kessel, mit dem Schlechtwetter-Sud hatte sie schon längst von den Flammen genommen und zur Seite geschoben. Sie brauchte ihn nicht mehr. Dagobert Duck war da, wo sie ihn haben wollte. Hämisch grinsend beugte sie sich weiter über ihre Kristallkugel, in welcher sie gerade sehen konnte, wie Dagobert seinen Mantel von den drei Entchen zurückbekam.
„Eine ausgesprochen grandiose Idee, ihn von seinen Lieben zu trennen - jetzt leidet er sogar noch mehr. Was bin ich doch für ein Genie!“, frohlockte Gundel, ehe sie in ein gehässiges Lachen ausbrach. Der Einfall, mit den Gitterstäben war ihr nämlich erst gekommen, als die vier sich voneinander getrennt hatten. Aber was machte das schon? Wichtig war schließlich nur das Ergebnis.
„Bertel zu ködern, war einfacher, als einem Kleinkind den Lolli wegzunehmen. Und der Narr merkt nicht mal, dass er in einem Zauber festsitzt! Je länger ich ihn da unten gefangen halte, umso lauter wird er darum betteln mir seinen Kreuzer Nummer Eins geben zu dürfen. Und dann bin ich endlich am Ziel, Nimmermehr!“ Doch so ganz wollte der zahme Rabe seiner Herrin da noch nicht zustimmen. Er flatterte ihr auf die Schulter und krächzte ermahnend. Gundel verdrehte die Augen.
„Ja, ich weiß, dass ich ihn lebend brauche! Wie soll er mir denn sonst die Kombination von seinem Geldspeicher verraten?“, ärgerlich scheuchte sie den Vogel von sich weg, nur um gleich darauf wieder versonnen in die Tiefen ihrer Kugel zu blicken.
„Lass mich diesen Anblick noch ein klein wenig genießen. Ein Stündchen lang noch.“, bat sie.

Sie hatte die Worte kaum ausgesprochen, da krachte es plötzlich hinter ihr. So ohrenbetäubend, dass sie sich vor Schreck fast an ihrer eigenen Spucke verschluckt hätte. Das ganze Turmzimmer bebte. Die Decke fing an zu bröckeln und Gundel konnte sich nur durch einen beherzten Sprung hinter ihren Kessel, vor einem umstürzenden Regal retten. Die Kristallkugel hüpfte von ihrer Halterung und rollte ins Feuer, das ihr zum Glück nichts anhaben konnte. Und durch all dieses Chaos flatterte ein aufgeregter Nimmermehr, um nur ja von nichts getroffen zu werden.
Als, bis auf ihren rasenden Herzschlag, wieder Ruhe eingekehrt war, lugte Gundel vorsichtig über den Kesselrand – und traute ihren Augen kaum.
Mitten im Zimmer war ein Flugzeug gelandet! Es steckte in der Wand und füllte mit seiner vorderen Hälfte fast den ganzen Raum aus. Beide Triebwerke hörten gerade auf sich zu drehen. Die Nase der Maschine befand sich nur wenige Zentimeter vor Gundels eigenem Schnabel. Sie schnappte nach Luft und musste dagegen ankämpfen ohnmächtig zu werden.

Das gläserne Verdeck des Cockpits begann sich zu öffnen und sie erkannte Dagoberts trotteligen Piloten, der sich ein wenig desorientiert umsah.
„Donnerwetter!“, sagte er schließlich und richtete sich auf, „Bruchlandung in eine Hexenküche – das ist auch neu! Aber was will man auch anderes erwarten? Immerhin war das hier, das einzig erleuchtete Fenster.“ Er führte Selbstgespräche. Gundel schien er noch nicht bemerkt zu haben. Die kam mit einem bitterbösen Blick hinter ihrer Deckung hervor. Mehr als das, würde sie für diesen Idioten nicht brauchen.
„Was willst du hier?“, zischte sie angriffslustig.  
Quack sah sie, erkannte sie, und fuhr zusammen.
„Gundel Gaukeley!“, rief er erschrocken, „Die Hexe!“ Doch mit einem Mal verfinsterte sich sein Gesichtsausdruck. So plötzlich, dass selbst Gundel nicht wusste, wie sie reagieren sollte. Quack wurde todernst und stach mit dem Zeigefinger in die Luft: „Moment mal! Ich weiß inzwischen, wie das läuft: Sobald Sie irgendwo drinstecken, steckt Herr Duck meist in ernsten Schwierigkeiten! Wo ist er?“
„Krah!“, antwortete Nimmermehr an ihrer Stelle. Er hatte den ungebetenen Eindringling bis eben noch umkreist, wie ein Aasgeier. Jetzt ging er zum Angriff über. Pickte nach ihm, rupfte an Quacks Haaren und versuchte ihm mit seinen Krallen übers Gesicht zu fahren. Gundel war selten so stolz auf ihren tierischen Begleiter gewesen. Doch dann hatte Quack Glück: Bei seinen Bemühungen, den Vogel von sich fernzuhalten, bekam er Nimmermehr an der Gurgel zu fassen.
„So. Schluss mit dem Unfug, du blödes Federvieh!“, schimpfte er und hielt Nimmermehr unerbittlich fest, „Ich will ein paar Antworten haben: Wo sind Herr Duck und die Kinder? Und was haben Sie mit ihnen gemacht? Los, sagen Sie’s mir oder Ihr Rabe hat zum letzten Mal einen Ton von sich gegeben!“ Gundel lächelte nur schnippisch. Völlig unbeeindruckt verschränkte sie die Arme vor der Brust: „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass du mit dieser müden Drohung irgendetwas erreichst? Du hättest nicht mal den Mumm, einer Fliege etwas zu leide zu tun.“
„Wenn es um meine Freunde geht, schon!“, konterte Quack und schnürte Nimmermehr weiter die Luft ab. Das panische Krächzen erstarb zu einem Röcheln. Er meinte es sehr wohl ernst. Gundel stieß einen spitzen Schrei aus: „Halt! Stopp! Was ist denn eine Hexe, ohne ihren Raben? Du hast ja gewonnen. Ich ziehe mich zurück und lasse euch in Ruhe, ehrlich!“ Sie flehte, aber das war ihr im Moment egal. So hartherzig sie sonst auch war – Nimmermehr wollte sie nicht auf dem Gewissen haben.
Quack lächelte triumphierend und ließ den Vogel frei, der augenblicklich auf die Schulter seiner Herrin zuflog. Dann wiederholte er seine Frage: „Wo sind meine Freunde?“
Doch kaum war Nimmermehr wieder bei ihr, hatte sich Gundel auch schon wieder gefangen.
„Irgendwo hier in diesem Palast.“, lächelte sie undurchsichtig und streckte die Hände aus. Schwarzer Rauch begann sie einzuhüllen. Ja, sie würde ihre Abmachung einhalten und sich zurückziehen. Mehr aber auch nicht.
„Und ich an deiner Stelle, würde mich mit dem Suchen ein bisschen beeilen!“, riet sie Quack noch, ehe sie endgültig verschwand.

Der Bruchpilot stand wie angewurzelt und war noch dabei, die Situation zu verarbeiten, als sich plötzlich die Inneneinrichtung des Zimmers auflöste. Jeder Gegenstand – die Regale, der Kessel und sogar das Feuer - wurde zu feinpulvrigem Schnee, der langsam zu Boden rieselte.
´Hoppla`, staunte Quack, ´Da hat wohl ein Zauber aufgehört zu wirken …` Weitere Gedanken dazu konnte er sich nicht machen, denn hinter seinem Rücken knirschte es auf einmal unheilvoll. Er fuhr auf dem Absatz herum und sah gerade noch, wie seine geliebte Maschine nach hinten kippte und abstürzte. Ein Wunder, dass sie in dieser ungünstigen Position überhaupt so lange Halt gefunden hatte. Der Schlag, mit dem das Flugzeug am Boden ankam, ließ Quack leidend das Gesicht verziehen. Mit Bedacht näherte er sich dem Loch in der Wand und schaute nach unten.
„Eine Bruchlandung, ohne selbst am Steuer gesessen zu haben – ich übertreffe mich heute wirklich selbst.“, murmelte er und rief dann in die Tiefe, „Um dich kümmere ich mich später. Zuerst muss ich Herrn Duck finden!“ Das, was Gundel da zuletzt gesagt hatte, gefiel ihm nämlich gar nicht. Es hatte nach Gefahr geklungen. Nach Leben und Tod. Quack spürte, wie sich ihm sämtliche Federn sträubten.
„Also gut!“, er schluckte und atmete dann tief durch, „Wenn ich eine schwarzgekleidete Schwarzmagierin wäre, wo würde ich meinen schlimmsten Erzfeind dann hinstecken? Blöde Frage – ins Verlies natürlich! Und die sind normalerweise im Keller. Also ab nach unten!“ Entschlossen und mit neuem Mut machte er sich auf den Weg.  

*

Dagobert konnte keinen Muskel mehr rühren. Nur noch zittern. Den Schnabel hatte er zwischen seine verschränkten Arme geschoben und saß zusammengekauert an die Eisenstäbe gedrückt. So nah wie möglich bei seinen Jungs. Dass ihm kalter Pulverschnee in den Nacken rieselte, als das Gitter sich auflöste, spürte er schon gar nicht mehr. Und dass die Goldtaler vor seinen Augen zu Schnee wurden, hielt er für ein Trugbild. Er war am Ende seiner Kräfte. Ihm war alles egal. So reagierte er nicht einmal mehr auf die ferne Stimme, die seinen Namen rief.
„Ist das nicht Quack?“, murmelte Tick, als sie deutlicher zu hören war. Track rappelte sich mühsam auf und lauschte.
„Ich glaube schon.“, sagte er dann. Wie auf Kommando begannen die Drei zu rufen: „Quack, hier sind wir! Hier unten!“
Erst da hob Dagobert langsam den Kopf und blickte auf ein Seil, das fast bis auf den Boden reichte. Das Seil aus seinem Rucksack. Mit seinem Piloten, der sich daran nach unten gleiten ließ. Dagobert brauchte eine Weile, um dieses Bild zu begreifen.
„Sie hier …?“, hauchte er schließlich.
„Herr Duck! Jungs!“, Quack sprang den letzten Meter, so erleichtert war er, „Ein Glück – ich bin rechtzeitig gekommen! Alle noch am Leben.“
„So gut wie“, antwortete Trick und wusste nicht, ob er dabei lächeln oder zu weinen anfangen sollte.

Ohne große Mühe hob Quack Dagobert auf seinen Rücken und kletterte mit ihm wieder nach oben. Dort setzte er ihn vorsichtig neben die Säule, an die er auch das Seil geknotet hatte.
„Quack, die … die Kinder …“
„Keine Sorge, Herr Duck“, Quack blieb optimistisch, „Die habe ich in Nullkommanichts auch befreit!“ Er drückte ihm noch einmal aufmunternd die Schulter, ehe er sich erneut an den Abstieg machte. Und Dagobert war tatsächlich beruhigt. Mehr noch: Ihm fiel ein riesiger Stein vom Herzen. Quack würde die Jungs da rausholen. Alles würde wieder gut werden. Aber erst als der orangerote Schopf gänzlich aus seinem Blickfeld verschwunden war, hörte Dagobert auf gegen die Müdigkeit anzukämpfen und versank in undurchdringlicher Schwärze.

*

„Und dann hab ich dieses Federvieh am Kragen gepackt und kräftig durchgeschüttelt.“, berichtete Quack und demonstrierte seine Heldentat an der leeren Wärmflasche, „´Lassen Sie meine Freunde in Ruhe`, hab ich gesagt und schließlich hat die Hexe aufgegeben und sich in Rauch aufgelöst. Und alles andere wurde zu Schnee, bis auf diesen Eispalast. War gar nicht leicht, euch zu finden. Ich bin durch die Gänge gehetzt, bis mir die Zunge am Boden kleben geblieben ist.“ Das Wasser auf ihrem Campingkocher begann endlich heiß zu werden. Quack füllte es ab und Trick nahm die Wärmflasche entgegen.
„Tut mir Leid für Sie, Herr Duck – aber da hat Gundel Ihnen mal wieder ganz schön was vorgegaukelt.“
„Uns allen.“, berichtigte Trick, „Wir haben ihren Zauber schließlich auch nicht durchschaut.“ Behutsam legte er seinem Onkel die Wärmflasche auf den Bauch und kroch dann mit unter die Wolldecken.  
„Bist du sehr traurig, dass der Schatz nicht echt war?“, fragte er Dagobert leise, nachdem er den Kopf an dessen Schulter gelehnt hatte. Einer der wenigen Plätze, die seine Brüder ihm übrig gelassen hatten. Dagobert, der – so warm in ihre Mitte genommen – schon fast eingeschlafen war, öffnete die Augen noch einmal einen Spalt breit: „Nur ein wenig. Im Moment bin ich erst einmal heilfroh, dass die Sache so gut ausgegangen ist.“
„Na, und wir erst!“, stimmte Track heftig zu, „Du hast uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt, als wir dich da so bewusstlos gefunden haben.“
„Wir dachten schon, wir schaffen es nicht mehr rechtzeig zurück zum Flugzeug und ins Warme.“, Tick klang immer noch zittrig. Beruhigend drückte Dagobert ihn an sich: „Tut mir Leid!“  
„Also gut – dann mache ich mich mal an die Reparatur, damit wir schnell aus dieser Eiswüste rauskommen!“, tatendurstig schritt Quack in Richtung Ausstiegsluke. Seinen Werkzeugkasten nahm er mit.
„Lassen Sie sich Zeit, Quack.“, murmelte Dagobert schläfrig und ließ sich noch tiefer unter die Decken und in die Arme seiner Kinder sinken, „Lassen Sie sich ruhig Zeit.“


 
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