Second Ghost - Wogen des Wahnsinns

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18
Gestaltwandler Werwölfe
24.05.2017
11.01.2019
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Hi :) und herzlich willkommen zu einem kleinen freien Projekt von mir. Updates werden eher unregelmäßig erscheinen, da ich meine Kapitel doch lieber etwas ausfürhlicher mag. Also lieber Lesemuffel :P hier bist du leider verkehrt XD Natürlich freue ich mich wahnsinnig über jedes Review und jede MAil - Feedback ist ja so unglaublich wichtig ;)

Viel Spaß beim neuen Kapitel

Kiana

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Seufzend blickte die junge Frau auf die Straße. Verstohlen wischte sie sich eine Träne von der Wange, welche sich aus den braunen Augen stahl. Sie konzentrierte sich nach wie vor auf den Verkehr vor ihr, auf den Straßenverlauf und den Sprecher im Radio. Nur das leichte Zittern ihrer Hände verriet, das etwas nicht stimmte. Nichts deutete darauf hin, wie sehr sie bemüht war, endlich Ordnung in ihre Gedanken zu bringen. Nie hätte sie gedacht, dass ein einziger Anruf sie so aus dem Konzept werfen würde. Auf der anderen Seite, sie hätte niemals mit diesem Anruf gerechnet. So etwas geschah nicht im Rudel, so etwas geschah nicht in seinem Rudel. Ihre schmalen Finger bohrten sich krampfhaft in das lederbezogene Lenkrad des schwarzen BMW. Die langen dunkelbraunen Locken waren noch immer zu einem praktischen Dutt gebunden, die Uniform ihrer Schule zierte nach wie vor ihren schmalen Körper. Sie hatte sie extra ändern lassen, als sie endlich die Ausbildungsbefähigung erhalten hatte. Bei dem Gedanken an ihre Klassen, die sie eigentlich morgen unterrichten sollte, musste sie ein wenig schmunzeln. Doch wirkte es weniger belustigt, mehr traurig und niedergeschlagen. Sie war noch immer irritiert, hätte nie damit gerechnet, dass es sie so treffen würde. Die junge Frau schluckte schwer, als sie von der Schnellstraße abbog und der schmalen asphaltierten Straße folgte. Gefühlt war es Ewigkeiten her, dass sie diese das letzte Mal genutzt hatte. In Wahrheit war es um die 7 Jahre. Hals über Kopf war sie damals dem Rudel entflohen, das sie einst aufgenommen hatte. Nur schwer gelang es ihr, die erdrückenden Erinnerungen zu verdrängen, die sie mit diesem Ort verband. Anders als ihr älterer Bruder war sie nie dort angekommen, hatte sich nie dort heimisch gefühlt. Dabei waren sie alle davon ausgegangen, dass es dem sechsjährigen Mädchen leichter fallen würde als ihm.

Energisch schüttelte sie den Kopf und schüttelte die Erinnerungen ab. Dem Asphalt war Schotter gewichen, die Straße wurde zu einem Schmalen Weg der zu nächst durch endlos lange Wiesen führte, ehe er sie tiefer und tiefer in einen dichten Wald brachte. Sie verlangsamte das Fahrzeug, passte ihre Geschwindigkeit den Gegebenheiten an. Sie drehte die Musik leiser, machte das Radio aus und lies die Fenster herunter. Der leichte Fahrtwind brachte die kühle Luft des Waldes mit all seinen Gerüchen mit sich. Es lösten sich vereinzelt ein paar Strähnen ihrer Haare und tanzten ihr um die Nasenspitze. Nichts war mehr von dem Lärm der Stadt zu hören, der sie dort dauerhaft umgab. Kein Fluchen, kein Verkehrslärm, keine Hektik und keine Aggression die dort allgegenwärtig war. Nur die Stille der Natur. Wie sehr sie diese Stille damals gehasst hatte. Doch jetzt, in diesem Moment, tat sie unglaublich gut. Sie konnte es noch immer nicht glauben und sie wollte es auch nicht glauben. Schon als man sie aus ihrer Klasse gerufen hatte und sie im Büro des Direktors dieses Telefonat entgegen nahm, hatte sie dieses Gefühl verfolgt wie ein hässlicher Schatten. Noch nie hatte sie einen Anruf erhalten, nie hatte jemand an sie gedacht oder nach hier gefragt. Es war ihr recht gewesen, schließlich war sie nicht ohne Grund Hals über Kopf geflohen. Natürlich hatte sie gewusst, dass man sie früher oder später finden würde. Sie hatten sie gefunden, waren in ihre Wohnung eingedrungen nur um einen einzigen Brief dort zulassen. Fortan hatte sie sich in dieser Wohnung nicht länger sicher gefühlt und war ganz in die Akademie gezogen. Dieser unscheinbare Brief lag noch immer gut verwahrt in ihrem Schreibtisch, auch wenn er so viel zerstört hatte.

Sie war fort an eine Verstoßene, nicht nur vom Rudel verstoßen und für Vogelfrei erklärt – nein. Selbst ihr eigener Bruder, ihr einzig noch lebender Verwandter hatte sich auf brutalste und verletzendste Weise von ihr losgesagt. Der Schmerz über diese Wort saß noch mindesten genauso tief, wie der Schmerz über den Verlust ihrer leiblichen Eltern. Man hatte ihr deutlich gemacht, dass sie nicht länger im Kreise des Rudel willkommen war. Würde sie zurückkehren, musste sie auf die Gnade ihres Alphas, seiner Gnade, hoffen. Einen Alpha, den sie nie als solchen hatte akzeptieren konnte und es auch bis heute nicht kann. Zu gut erinnerte sie sich an jenen Streit, kurz vor ihrer Flucht. Sie hatte ihm furchtbare Dinge an den Kopf geworfen, ihn provoziert und zum Handeln zwingen wollen. Sie wollte doch, das er sie endlich bestrafte, so wie er einst ihren Vater bestraft hatte. Er aber blieb gelassen, hatte sie mit diesem Blick angesehen, mit dem sie alle ansahen. Als wäre sie nur ein kleines, aufgebrachtes Kind, das jedermanns Güte so dringend brauchte. Niemand hatte das fünfzehnjährige Mädchen gesehen, das sie bereits war. Niemand hatte geklaubt, dass sie jemals gegen ihren Alpha und das Rudel, gegen ihn, rebellieren würde. Man hatte es schlicht als leere Drohung angesehen. Doch alles kam anders. Während das Rudel die Nacht bei einer wilden Hetzjagd genoss, schlich sie sich davon. Sie hatte es bereits bereut, da hatte sie gerade das Heimatrevier des Rudels verlassen. Doch gekränkt in ihrem Stolz, war sie nicht bereit das zu akzeptieren.

Sie zwang sich heraus aus dem Strudel der Erinnerungen und zurück in die Gegenwart. Ihr Weg führte sie abseits der Straße weiter in Richtung Norden. Sie wusste, man würde sie töten wenn sie ihr Revier einfach wieder betrat. Sie hatte sich vom Rudel losgesagt und eine unmissverständliche Botschaft hinterlassen. Doch sie musste zu ihn, sie konnte nicht anders. Er war alles, was ihr an Familie geblieben war. Unweit einer Lichtung stellte sie das Auto am Waldrand ab und machte sich zu Fuß auf, den restlichen Weg zu bestreiten. Sie ging zügigen Schrittes, den Blick klar auf ihren Weg fokussiert. Doch als sie endlich vor jenem alten Haus stand, dessen Dach bereits eingestürzt und deutlich gezeichnet war, da ging ihre Kontrolle verloren. Sie war seit jener Nacht nicht mehr hier gewesen. In jener Nacht als sie ihre leiblichen Eltern töteten, nach dem er ihrem Vater das Leben raubte. Nach den Gesetzen ihres Volkes geschah dies zurecht, aber sie konnte es diesem Rudel nie verzeihen. Ihr Vater hatte nichts Schlechtes getan. Er hatte nicht gejagt, keinen Menschen verletzt oder gegen das Abkommen verstoßen. Er hatte nur mit seiner Gefährtin und seinen Kindern in Ruhe leben wollen. Doch dann war ihm dieser schrecklich dumme Fehler unter laufen und es war ihre Schuld gewesen. Sie hatte im Wald gespielt, sich viel weiter entfernt als sie es durfte. Dann war dort plötzlich dieser wilde Wolf gewesen. Noch ehe sie hatte schreien können oder gar davon laufen, hatte ihr Vater ihn bereits getötet. Er hatte sich im Territorium eines fremden Rudels verwandelt, hatte auf ihrem Grund und Boden Blut vergossen. Sie hatte damals nicht verstanden, warum alle auf einmal so hektisch gewesen waren. Ihr Mutter hatte wahllos Sachen in Taschen gepackt ihr Vater war nervös auf und ab gelaufen und hatte immer wieder in den angrenzenden Wald gestarrt. Dann kam er und mit ihm sein Rudel. Sie versteckte sich mit ihrem Bruder in einem Wandschrank. Der Kampf war kurz und schnell beendet. Erst später hatte man die Kinder entdeckt. Die ganze Zeit über hatte sie in seinen Armen gelegen und versucht nicht zu weinen. Auch dann nicht, als der tote Körper ihrer Mutter mit einem stumpfen Knall vor jenem Schrank zu Boden fiel. Kein Muchs hatten die Kinder von sich gegeben, ganz so wie es ihre Mutter ihnen gesagt hatte.

Sie schüttelte die schmerzhafte Erinnerungen ab schritt die Treppen zu der kleinen Veranda hinauf. Neben der Tür stand noch immer der alte Schaukelstuhl auf dem ihre Mutter immer gesessen hatte, während sie ihre beiden Kinder beim Spielen beobachtet hatte. Die alten maroden Holzlatten knarrten gefährlich unter den leichtfüßigen Schritten der jungen Frau. Sie zögerte, zog die Hand sogar etwas zurück, als sie vor der alten verwitterten Eingangstür zu stehen gab. Sie hing noch immer nur zur Hälfte in den Angeln, deutlich konnte man die Spuren von langen und scharfen Krallen sehen. Noch einmal holte sie tief Luft, zwang ihre aufkeimenden Gefühle bei Seite. Mit festen griff schob sie die Eingangstür bei Seite und erstarrte augenblicklich in ihrer Bewegung. Vor ihr, direkt in der Mitte des Eingangsbereiches lag das ausgedörrte und vertrocknete Skelett eines Wolfes. Man konnte die Spuren fremder Zähne deutlich an den Knochen erkennen, doch den Beweis für den unnatürlichen Tot fand man etwas abseits. Ein leises Wimmern durchbrach die gespenstische Stille in dem alten Haus. Kurz drohten ihr, ihre Beine den Dienst zu versagen. Beängstigend weich war ihre Knie bei dem Anblick geworden. Einige Sekunden vergingen, ehe sie sich sammeln und neu fokussieren konnte. Ihr Blick folgte jenen dunklen Flecken die sich tief in das alte Holz gefressen hatten. Dort, in der Tür zu Wohnzimmer lag er, der knöcherne Schädel eines Wolfes. Achtlos in die Ecke geworfen lag er fernab seines restlichen Körpers. Sie tat einen Schritt nach vorn, wollte an dem knöchernen Leichnam vorüber gehen, doch sie konnte es nicht. Mit behutsamen aber sehr unsicheren Schritten visierte sie den Schädel des Verstorbenen an. Sie konnte ihn nicht dort liegen lassen, es war entwürdigend.  Mit zitternden Fingern ging sie in die Hocke, griff behutsam nach dem Schädel und hob ihn auf. Für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen und Ekel stieg ihr die Kehle hoch. Schluchzend drückte sie den Schädel fest an ihre Brust, während sie ihn behutsam zurück zu seinem Körper trug. Ganz langsam und sacht legte sie ihn an der richtigen Stelle ab, strich noch einmal über die knöcherne Stirn.  „Ich hab dich lieb, Daddy“ nicht mehr als ein Flüstern verhallte in der eisigen Stille, die über diesen Ort lag. All der Zorn, den sie Jahre lang in Zaum gehalten hatte, kam nun mit geballte Kraft zurück. Er drohte sie zu überfluten und ihr die Kontrolle zu entreißen. Doch mit geballten Fäusten gelang es ihr, jenen Zorn unter Kontrolle zu bringen während unaufhaltsam vereinzelte Tränen auf dem staubigen Boden aufschlugen.

Sie schüttele den Kopf, besann sich darauf das jetzt nicht der Zeitpunkt war um zu Trauern. Er brauchte sie, sie konnte es überdeutlich spüren. Zielstrebig ging sie die Treppe hinauf zu ihrem damaligen Kinderzimmer. Sie ging bewusst an jeder Tür vorbei, hinter der sich das Schlafzimmer ihrer Eltern verbarg. Sie hatte nicht die Kraft auch noch ihre Mutter so zusehen. Sie blieb vor jenen beiden Türen stehen über denen in bunten handgefertigten Buchstaben die Namen zweier Kinder standen. An den Türen selbst klebten zahlreiche, längst verblasste Fotografien glücklicher Kinder die lachend durch das Leben schritten. Andächtig strich sie über das Holz jener Tür die einst ihr kleines reich abgegrenzt hatte. Entschlossen drückte sie Klinke herunter und betrat das einstige Kinderzimmer. Es sah noch genauso aus wie vor jener schicksalhaften Nacht. Zwar war alles unter einer dicken Staubschicht begraben und die Farben an den Wänden deutlich verblasst, doch ihr Zimmer hatte sich nicht wirklich verändert. Müde lächelnd sah sich kurz in dem Raum rum. Sie viele Erinnerungen lagen hier verbogen. Ihr Blick blieb einem alten und verstaubten Wandspiegel hängen. Wie oft hatte sie früher in den selbstgenähten Kleidern ihrer Mutter davor gestanden und so getan, als wäre sie eine Prinzessin. Langsam schritt sie auf den Spiegel zu, besah sich ihr verstaubtes Spiegelbild. Gedankenverloren strich sie über den prunkvoll verzierten Rand des Spiegels von dem sich langsam die goldene Farbe löste. Entschlossen griff sie u diesen Rand und zog den Spiegel unter dem Quietschen der Scharniere von der Wand weg.  Hier hatte sie mit ihrem Bruder und ihrer Mutter die wertvollsten Schätze versteckt, die sie damals besessen hatte. Geschützt in einer luftdichten Box hoffte sie, diese noch immer dort zu finden. Tatsächlich befanden sie sich noch immer hinter der losen Wanddiele hinter dem Spiegel. Mit zittrigen Händen griff sie nach der verstaubten, bunt verzierten Metallbox. Sie ließ sich an der Wand zu Boden gleiten, zog die Beine fest an den Körper und strich andächtig den Staub von der Box. Leise seufzend schob sie den Verschlussmechanismus auf und öffnete den Deckel der Dose. Mit Tränen in den Augen betrachtete sie die Fotos einer glücklichen Familie, die gut verwahrt auf sie gewartet hatten. Sie waren glücklich gewesen, ihre Eltern liebevoll und gerecht. Eines nach dem anderen legte sie die Fotos behutsam bei Seite. Mittlerweile lies sie die Tränen zu, die unaufhörlich über ihre Wangen flossen. Sie schluchzte leise, als sie ein Foto in den Händen hielt, das sie mit ihrem Bruder beim Kuscheln zeigte. Dann fand sie ihn, ganz unten in der Box, ein kleiner alter Teddybär, nicht mehr sehr schön anzusehen. Doch sie hatte ihn damals unbedingt haben wollen, als sie einkaufen waren. Ihr Bruder hatte ihn von seinem eigenen Taschengeld bezahlt und ihr vor dem zu Bett gehen geschenkt.

Sie betrachtete den Bären eine ganze Zeit lang, all die Sehnsucht der letzten Jahre brachen nun über sie herein. Sie hätte niemals fort gehen dürfen, hätte ihn niemals allein lassen dürfen. Schluchzend wischte sie sich ein paar Tränen aus dem Gesicht und drückte den Bären fest an ihre Brust. Wie sehr hatte sie diese Gefühle verdrängt, sich eingeredet sie würde ihn hassen. Genau wie den Rest des Rudels. Mit tränenverschleierten Blick entsperrte sie ihr Handy, suchte jenen Kontakt heraus und zögerte letztendlich doch. Sie wusste, es würde kein Zurück mehr geben. Wenn sie jetzt anrief und man sie zu ihm lies, würde sie nicht wieder davon laufen können. Sie würde alles aufgeben müssen, dass Leben das sie führte und für welches sie so hart gearbeitet hatte. Ihre Freiheit würde verloren gehen. Er würde sie nicht wieder gehen lassen. Er konnte es auch gar nicht. Ebenso wie er sie bestrafen musste, für das was sie getan hatte. Sie hatte ihn und das Rudel verraten, hatte sich seinen Worten wiedersetzt. Und seine Worte waren das Gesetz des Rudels. Aber er war der Marrok, der Herr der Bestien, sein Wort war Gesetz aller Gestaltwandler auf diesem Kontinent und in anderen Teilen dieser Welt. Selbst wenn er sie gehen lassen wollte, er könnte es nicht. Doch damit rechnete sie auch nicht. Er war der Marrok und der Marrok lies selten Gnade vor Recht walten. Wenn er sie nicht töten würde, so würde es sie betrafen und sie würde ihr Fortgehen bitter bereuen.



- so, das war es dann auch schon. Was sagt ihr zum ersten Kapitel, wer wird das ganze weiter verfolgen? -
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