Nimble Jack

KurzgeschichteHorror, Übernatürlich / P18
23.05.2017
23.05.2017
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~***~


Der Raum ist weiß, ganz weiß.
Und das Mädchen ist müde, ganz müde.
Die Pillen sind in ihren Mund gewandert, denn die Pfleger haben dazu gelernt und kamen diesmal zu dritt, damit sie nicht wieder beißen und um sich schlagen kann.
Was für kluge, gemeine Scheißerchen.
Zwei Männer haben sie festgehalten und ihren Mund ganz weit aufgerissen, damit der dritte ihr die Wunderpillen in den Rachen werfen kann.
Eine kleine, gelbe Pille in der Form von einem Ufo – Whhhoooaa, davon fliegt einem der Kopf weg, whhoooaa!
Eine rosafarbene, langgezogene Kapsel, die im Mund brennt, wenn sie sich auf der Zunge langsam auflöst wie eine Brausetablette – Aua, Aua!
Einen ganz bitteren, klaren Saft, der ihr den Rachen wie Säure verätzt – Igitt, Pfui!
Und zum Schluss die ganz große Tablette, die im Rachen wehtut, wenn man sie herunterschluckt und bei der das Mädchen fühlen kann, wie sie die Speiseleiter wie eine Rutsche hinunter gleitet – Huuiiiii, Tschüßi Tablette!
Jetzt sitzt sie wieder ganz allein in ihrem Zimmer, das ganz weiß ist, es gibt nur sie, das quietschende Bett und ein vergittertes Fenster, welches so hochgelegen ist, dass das Mädchen nur hindurch sehen kann, wenn sie sich auf das Bett stellt und sich ganz groß macht.
Dafür ist sie jetzt aber zu müde, denn von der vielen Medizin fühlen sich ihre Glieder schwer wie Blei an und alles dreht sich.
Alles, alles dreht sich.
Der weiße Raum, das quietschende Bett, die kahlen Wände, sogar die verschlossene Tür und das vergitterte Fenster – alles dreht sich, wie auf einem Karussell.
Ihr Gehirn schwappt in ihrem Schädel hin und her, wenn sie ruckartig vor und zurück wippt, die Beine im Schneidersitz verschränkt, während die Hände im Schoß liegen und unruhig miteinander ringen.

Mal ist die rechte Hand oben, dann gewinnt die linke wieder Oberhand (hihihi, ein Wortwitz), aber das Mädchen will nicht, dass die linke gewinnt, weil die linke die böse Hand ist, die die bösen Sachen macht.
Deshalb schlägt sie auf die linke Hand ein – böses Händchen und setzt sich anschließend auf sie drauf, bis sie ganz taub wird und gar keine schlimmen Dinge mehr machen kann – ein guter Plan!
Ihre Finger beginnen zu kribbeln, als würde ihr Blut zu knistern beginnen.
Sie mag das Gefühl, es ist irgendwie aufregend sich so zu spüren, wenn die Medizin doch alles andere so taub macht.

Das Mädchen stellt sich das Gefühl in ihren Fingern als bunte Farbpunkte hervor, die wie ein Feuerwerk aufplatzen und in der Dunkelheit funkeln und vibrieren.
Sie mag es, wenn sich ihr Körper so anfühlt, wenn sie überhaupt etwas fühlt.
Wenn die linke Hand die bösen Dinge tut (immer die linke Hand, weil die linke Hand am besten schneiden kann, weil die rechte Hand dafür viel zu dumm ist, hahaha), dann brennen ihre Unterarme, ihre Oberschenkel werden ganz warm und feucht, ihr Gesicht ist richtig krebsrot und da ist überall Farbe, diese wunderbare, heiße, rote Milch die nach Kupfer riecht und sich wie flüssiges Feuer anfühlt.

Sie sehnt sich nach diesem Gefühl, nach diesem flattrigen Gefühl in ihrer Brust – tausend bunte Schmetterlinge, die ganz wild mit den papierdünnen Flügeln schlagen – so bunt, so wild, so … lebendig!

Aber all das ist jetzt ganz weit entfernt.
Sie kann nur auf ihrem quietschenden Bett sitzen, den Kopf schläfrig im Nacken zurücklegen und ins Mondlicht blinzeln, welches durch die Gitter vor ihrem rechteckigen Fenster fällt.
Die Pfleger haben sie gepackt, in eine einsame Zelle gesteckt und jetzt darf sie nicht mehr zu den Anderen und sie darf auch gar nicht mehr auf den Hof.

Das Mädchen findet das sehr schade, denn jetzt ist ihm immer langweilig und wenn dem Mädchen langweilig wird, fangen ihre Hände an zu kribbeln – sie wollen Dinge tun, Dinge, die sich ihr kranker Kopf ausdenkt und es fällt ihr sehr schwer, nicht an Klingen und an Blut zu denken.

Das Gitter vor dem Fenster wirft einen langen, schwarzen Schatten auf ihre Beine und knapp unterhalb des Saums ihres Nachthemds sind breite, wulstige Narben zu erkennen, die sie mit dem rechten Zeigefinger nachdenklich entlangfährt.
Es sind glatte, rosafarbene Narben – schon ganz verheilt, nicht alt aber auch nicht mehr neu und die Tatsache, dass sie momentan keine frischen Wunden auf ihrer Haut mit sich trägt, treibt sie richtig in den Wahnsinn.
Da ist kein Gefühl, die Narben sind still, ganz taub und selbst wenn sie mit ihren kurz geschnittenen Fingernägeln in das tote Gewebe kneift, kann sie nichts empfunden – nicht genug empfinden.

Sie sehnt sich nach dem hellen Schmerz (wie der Ton einer Geige, wie das Zucken eines Blitzes), wenn eine scharfe Klinge durch ihr Fleisch gleitet.
Sie sehnt sich nach dem Gefühl, wenn das Blut ihren Körper verlässt (purpurner Schmerz, schwer, so schwer und matt, pulsierend wie ein reißender Fluss).
Sie sehnt sich danach, wieder dieses Kribbeln zu spüren, wenn sich die Wunden schließen und sich Schorf bildet, den sie abkratzen kann (dieses verlockende Jucken auf der Haut, so grell und drängend, es erinnert sie an die Farbe gelb).
Aber jetzt ist da nichts.
Gar nichts.
Kein schrilles Schneiden, kein purpurnes Fließen, kein gelbes Jucken – nur weiß.
Alles hier ist weiß.

Die doofen Pfleger haben ihre Fingernägel zu kurz geschnitten, dass sie sich nicht kratzen kann, aber sie könnte sich auf die Zunge beißen oder auf der Innenseite ihrer Wangen herumkauen, bis das Fleisch dort wie zerfetzte Tapete herunterhängt und kupfernes Blut ihre Mundhöhle flutet.
Ich könnte mir ins Gesicht schlagen, denkt das Mädchen vergnügt und ihre Hände werden feucht vor Aufregung, wenn sie sich den dumpfen Schmerz vorstellt, dieses Hämmern in ihrem Schädel.
Den Schädel gegen die Wand hämmern, gegen die harte Kante des quietschenden Betts …jedoch ist sie zu müde, ihre Glieder wollen sich nicht bewegen.
Aber, blitzt eine Idee in ihrem verschleierten Köpfchen auf, deinen Mund kannst du noch bewegen und die lieben Pfleger haben dir gar nicht die Hab-Mich-Lieb-Jacke angezogen.
Oh, welch glückselige Wendung in dieser düsteren Stunde!
Sie lächelt, hebt den Arm, schiebt den Ärmel ihres Nachthemds nach oben und blickt auf das freiliegende Fleisch, welches mit Narben, kreuz und quer, alt und neu, überzogen ist.
Unter der bleichen Haut erstreckt sich ein blaues Netz an Adern wie eine Landkarte, Flüsse voller Blut verlaufen dort und das Mädchen weiß, wo es beißen muss, um die Flut heraufzubeschwören, mächtig genug, um ihr ganzes Leben hinweg zu spülen.
Aber für heute reicht ein kleiner Strom, ein zaghafter Aderlass, um den Drang loszuwerden und ihre Hände zu besänftigen, die sich nach Klingen, Scherben und spitzen Dingen sehnen.
Sie führt den Arm an ihren Mund, beißt seitlich hinein und sie kann spüren, wie fest das Fleisch ist und wie ihre Schneide- und Vorderzähne besonders viel Druck auf die Haut ausüben.
Sie genießt das Gefühl, dieses Anspannen, der Moment kurz bevor die Dämme brechen.

Das Mädchen presst die Kiefer zusammen, ihre Zähne drücken schmerzhaft zu, dringen durch Haut, treffen auf nacktes Fleisch und plötzlich ist ihr Mund voller Blut, es ist heiß und bitter und obwohl sie ihre Augen bereits vor Ekstase geschlossen hat, weiß sie, dass es feuerrot und herrlich anzusehen ist.
Da ist das Knacken, als die Haut nachgibt und dann flutet Blut ihre Mundhöhle, es umspielt ihre Zähne, ihre Zunge, ihren Gaumen, fließt ihre Kehle hinab, rinnt ihr über die Lippen und das Kinn.
Sie hat das Gefühl, förmlich aufzublühen, denn der Schmerz – so grell und durchdringend, als würde man direkt in die Sonne schauen, lässt ihr Herz wild schlagen, ihren Puls rotieren und ihren Körper zittern.
Der Schmerz durchfährt sie wie ein Geist, berührt sie tief dort, wo sie noch wild und dunkel ist, nimmt von ihr Besitz und erfüllt sie ganz und gar.
Schmerz ist auch Leben, denn wie soll man sonst wissen, dass man nicht schon längst tot ist, wenn man nicht hin und wieder an die eigene Sterblichkeit erinnert wird?
Ihre Nervenbahnen senden Blitze durch ihren Körper, die Muskeln zucken lassen und sie wirft den Kopf weit im Nacken zurück, stöhnt und dabei fließt ihr Blut zwischen den Lippen hindurch.
Zähne haben tiefe Wunden an der Innenseite ihres Unterarms gelassen, die halbrunden Furchen werden mit Blut ausgespült, füllen und füllen sich, bis sie überlaufen und das Blut über ihre Haut rinnt, auf das Bettlaken tropft – plopp, plopp, plopp, wie Regen.
Das Gesicht des Mädchens entspannt sich, ihre Augen sind geschlossen, die Augenlider zittern sanft und im seligen Abklang dieses Höhepunkts, sitzt sie mit einem Gefühl von ewigen Frieden auf ihrem Bett und lauscht den Klängen ihres Körpers, der wie auf Hochtouren arbeitet.
Kirschrotes Pulsieren, ihre Handgelenke und Schläfe hämmern und ihre Haut fühlt sich ganz warm, so wohlig warm an.
Ein Seufzer gleitet über die Lippen des Mädchens.
Ooohh, könnte sie sich nur für ewig so fühlen.
Würde dieser Frieden doch nie vergehen ...

„Ooohhh“, erklingt plötzlich eine Stimme, die weder zu ihren eigenen Stimmen, noch zu denen der Pfleger gehört. „Wie köstlich es hier riecht!“
Das Mädchen öffnet die Augen und sieht das Gesicht eines Mannes, draußen vor dem Fenster, welches sich durch das Gitter geschoben hat.
Das Mädchen blinzelt hektisch, denn es muss sich um eine weitere Wahnvorstellung handeln.
Niemand könnte die Wände erklimmen und von draußen zu ihr herein blicken, aber das Gesicht ist auch noch da, als das Mädchen die Augen wieder öffnet und deswegen muss es wohl echt sein.
Das Gesicht ist hager, ganz bleich, langgezogen und sieht irgendwie albern aus.
Aus diesem knochigen Gesicht schauen sie farblose Augen fröhlich an, die dünnen, grauen Lippen sind zu einem breiten, unnatürlichen Lächeln verzogen, zwischen dem große Zähne hervorblitzen.
„Haaaalllooooo!“, dringt es schrill aus dem grinsenden Mund, ehe sich das Gesicht durch das Gitter zwängt – unmöglich, unmöglich, nicht einmal ein Kind könnte durch den Spalt passen, aber das Gesicht passt und ihm folgend schiebt sich ein schlaksiger Körper zu ihr in den Raum.
Ihre Überraschung ist so groß, dass sie den seligen Frieden wie ein scharfes Schwert durchschneidet und selbst der Schmerz des Bisses ist vergessen.

Die Erscheinung, die sich in diesem Moment leichtfüßig vom Fenster in Richtung Boden gleiten lässt, trägt ein sehr ordentliches, zugeknöpftes Hemd, in einem sehr blendenden Weiß, von dem das Mädchen zunächst blinzelnd den Blick abwenden muss.
Als sie wieder hinsieht, hat der Mann sich zu seiner vollen Größe mitten im Raum aufgebaut, er ist sehr groß´und sehr schlank, seine langen, knochigen Beine stecken in einer schwarzen Stoffhose, an der Hosenträger befestigt sind.
Aber seine Füße sind nackt, fällt ihr auf und diese Tatsache bringt sie leise zum kichern.
Der Mann erwidert ihr kichern und streicht sich eine lange, schwarze Haarsträhne hinter sein Ohr.
„Dieser Ort duftet herrlich!“, seufzt der Fremde erneut und inhaliert ganz tief, wobei sich seine Brust aufbläht, ehe er den Atem seufzend entgleiten lässt. „Das ist ja ein ganzes Buffet! Alles, was man sich nur wünschen kann, leeeckeeer!“
Der Mann reibt sich schmatzend den Bauch und richtet den Blick seiner merkwürdig funkelnden Augen auf das Mädchen, welches noch immer staunend auf dem Bett sitzt.
Er beugt sich halb zu ihr herunter, ein schiefes Grinsen auf den Lippen, eine Haarsträhne fällt ihm erneut ins Gesicht und sie ist sich sicher, dass sie nun komplett übergeschnappt ist.

„Bist du echt?“, fragt sie ihn. „Bist du wirklich hier?“
Seine Augen tasten über ihr verunsichertes Gesicht, weiter hinab, bis zu ihrem blutverschmierten Mund und der noch immer blutenden Wunde an ihrem Arm.
Er leckt sich gierig die Lippen, hinterlässt mit seiner pinken, irgendwie sehr langen, seltsamen Zunge einen feuchten Schimmer auf ihnen und murmelt: „Mmmmhhh.“
Das schummrige Gefühl in ihrem Kopf ignorierend, versucht sich das Mädchen aufzurichten, doch ihre Beine geben sofort nach und sie muss zurück auf die Matratze sinken, die sie mit einem quietschen der durchgelegenen Federn empfängt.
Blut rinnt über ihren Arm, tropft auf das Bett, auf den Boden und der Herzschlag des Mädchens beschleunigt sich, als es zu verstehen beginnt.
Aufregung keimt in ihr auf, es fühlt sich an wie ein pulsierendes Orange in der Nähe ihrer Handgelenke, wie ein anschwellender, heißer Feuerball hinter ihrem Rippenbogen, der zu implodieren droht.

Kann es sein?
Kann es wirklich sein?

Ihr Mund ist mit einmal sehr trocken.

„Du bist es, oder? Du bist es!“, stößt sie euphorisch aus und ihr Gegenüber tänzelt durch den Raum, wobei die nackten Füße des Mannes leise, tapsige Geräusche auf dem Betonboden von sich geben.
Tipp tipp tipp tipp.
„Hahaha, du bist ja lecker. Ich habe dich schon von Weiten gerochen.“ Ein erneutes Lecken der Lippen folgt seinen belustigten Worten. „Ein wahrer Leckerbissen, oh ja!“
Nun hat das Mädchen keinen Zweifel mehr daran, wen sie hier vor sich hat.
Solange hat sie auf sein Eintreffen gewartet, seit Jahren hat sie ihn sich herbei gesehnt und heute ist es endlich so weit.
Er ist hier, endlich hier, auch wenn er anders aussieht, als sie ihn sich vorgestellt hat.
Er ist keine monströse Gestalt in einem langen, schwarzen Mantel, er hat keine glühenden, roten Augen und auch sonst sieht er gar nicht gruselig aus, eher irgendwie komisch.
Und aus einem Schrank ist er auch nicht gekommen, einfach durchs Fenster ist er gestiegen.
Das Mädchen ist beinahe ein wenig enttäuscht, aber die Freude über seine Ankunft überwiegt dennoch.

„Du bist der Schwarze Mann!“, platzt es aus ihr heraus. „Du lebst unter meinen Bett, nein, in meinen Schrank! Tust du doch, oder? Du bist es, ich weiß, dass du es bist!“
Aufregung beginnt in ihrem Bauch zu blubbern wie heißes Öl und ehe sich das Mädchen versieht, hat es sich vom Bett erhoben, ohne überhaupt die Kraft dafür zu haben.
Ungelenk setzt sie einen Fuß vor den anderen, taumelt leicht, weil sich ihre Glieder so taub und fremd anfühlen und stürzt gegen den fremden Mann, der unbewegt vor ihr steht und sie weder von sich stößt noch auffängt.
Mit der blutigen Hand ergreift sie den Kragen seines Hemds, die andere klammert sich um seine Schulter und ihre wirren Augen tasten über das Gesicht ihres Gegenübers.
„Du bist es doch!“ Sie schüttelt ihn. „Gib es zu, gib zu, dass du es bist! Der Schwarze Mann, der Schwarze Mann, der Schwarze Mann!“
Er grinst nur vor sich hin, bestätigt nicht, verneint aber auch nicht und das Mädchen presst die Lippen fest aufeinander, während die Wunde an ihrem Arm weiter blutet, bis sich eine kleine, rote Lache zu ihren Füßen gebildet hat.
„Ooooh, du musst es sein!“, sie wimmert nun. „Du musst es sein, ich habe auf dich gewartet!“
Am Rande der Hysterie angelangt, wird ihr schwindelig von dem Adrenalin, welches nun ihren Körper flutet und sie gerät ins taumeln, hat plötzlich das Gefühl, sich nicht mehr selbst aufrecht halten zu können und sie sinkt vor dem Fremden auf die Knie.
Er macht keine Anstalten sie festzuhalten oder ihr gar wieder aufzuhelfen.
Er sieht einfach nur auf sie herab, immer noch lächelnd, immer noch ganz still.

Mit einem nackten Knie in der warmen Blutlache sitzend, legt das Mädchen den Kopf weit im Nacken zurück und von hier sieht der Unbekannte sehr unheimlich, so riesig aus, dass sie ein Schauer durchfährt.
Es kostet viel Kraft, erneut die Arme zu heben und verzweifelt nach seinen Händen zu greifen, die kalt, furchtbar kalt sind.
„Bitte“, krächzt das Mädchen. „Bitte, du musst es tun! Wenn du der Schwarze Mann bist, dann musst du es tun!“
In ihrem Hals hat sich ein fester Kloß gebildet und als sie ihn herunterwürgt, fühlt es sich so an, als würde eine Rasierklinge ihre Speiseröhre hinunter wandern.
Der Mann hebt endlich wieder seine schrille Kinderstimme und es entlockt ihr einen erleichterten Seufzer:
„Was meinst du, Leckerbissen?“, fragt er.
„Du musst mich fressen!“, stöhnt das Mädchen, immer noch auf den Knien, immer noch seine Hände drückend. „Biiittte, du musst es tun, Schwarzer Mann, du musst es tun, ich wünsche es mir schon so lange!“
Der Gedanke an das mögliche, schon bald bevorstehende Ende, treibt ihr die Tränen in die Augen und sie kann einen Seufzer nicht länger unterdrücken.

Sie stellt sich vor, wie schön es wäre, diesen langgehegten Traum endlich in Erfüllung gehen zu lassen.
Schon als Kind hatte man sie stets vor dem Schwarzen Mann gewarnt, der in der Finsternis auf böse Kinder lauerte, um diese zu stehlen und zu verspeisen.
Ihre Mutter hatte gemeint: Wenn du weiter solche bösen Lügen erzählst, dann kommt der Schwarze Mann und holt dich.
Ihr Vater hatte geflüstert: Wenn du nicht artig bist und auf mich hörst, wird dich der Schwarze Mann besuchen kommen.
Willst du das?
Willst du, dass er dich holen kommt?


Mach dir Augen zu, tu' so, als wäre es ein böser Traum.
Sei brav, sei brav, sei still, sei still.


Sie hatte sich gewünscht, dass der Schwarze Mann kam um sie endlich zu holen, aus ihrem Bett zu reißen und ihr Elend zu beenden, doch er war nie erschienen und das Mädchen hatte weiter leiden müssen.
Hatte er sie nun endlich erhört?
War er nach all diesen Jahren gekommen, um sie zu befreien?
Er musste es einfach tun, sie selbst konnte es nicht.
So oft hatte sie es versucht; mit Pillen, mit Klingen, mit geknüpften Schlingen, mit Sprüngen von Dächern und Brücken …
Entweder war sie im Krankenhaus gelandet oder sie hatte im letzten Augenblick einen Rückzieher gemacht.
Ihre Angst war zu groß, aber der Schwarze Mann fürchtete sich nicht und er würde auch nicht zögern.

Sie rüttelt wieder an ihm.
„Tu es!“, bricht es aus ihr heraus. „Tu es endlich!“
Wie würde es geschehen?
Würde er sie tatsächlich fressen?
Würden unbarmherzige Zähne sie in tausend Stücke reißen und nicht mehr als eine wirre Ansammlung von schimmernden Organen und zerfetzten Körperteilen übrig lassen?
Was für eine reizende Vorstellung!
Keine Erinnerungen mehr, keine bösen Gedanken, keine Pillen, keine Alpträume … nur noch Frieden.
Tränen rinnen über ihre Wangen, Schluchzer steigen blubbernd ihre Kehle empor.
„Mach mit mir, was du willst! Nimm mich mit, reiß mich in Stücke, aber mach das es aufhört, du musst machen, dass es aufhört!“
Der fremde Mann kichert, ist bis in die Haarspitzen amüsiert über ihre Verzweiflung, die sich als Schwall hysterischer Worte über ihn ergießt.
„Oh ja, du bist perfekt, wirklich perfekt! Der Garpunkt ist gerade erreicht, du bist gut durch, oh ja!“ Er gackert geradezu wahnsinnig. „Ab in den Topf mit dir!“
Seine Hand packt sie am Oberarm, nicht fest, aber auch nicht zärtlich und anstatt ihr aufzuhelfen, wird sie zur Seite geworfen, sie rollt unter das quietschende Bett, denkt: Dort wird es also enden, schließt die Augen und wartet auf den Schmerz, der ausbleibt und ausbleibt und nie kommt.

Das Mädchen öffnet die Augen, erwartet ein paar Staubflusen zu sehen, die sich immer unter dem quietschenden Bett befinden, weil hier so selten sauber gemacht wird, aber als sie die Lider hebt, ist sie erstaunt darüber, sich gar nicht mehr unter dem Bett oder in ihrer weißen, kleinen Zelle zu befinden.
Fort ist die schwere Stahltür, durch die Pfleger ein und ausgehen, weg ist das vergitterte Fenster, das quietschende Bett, weg ist sogar der Schwarze Mann und jede Spur von ihm.
Sie liegt mitten auf einer Straße, der Boden unter ihr besteht aus zerklüfteten Pflasterstein, der sich kalt und hart unter ihren Handflächen anfühlt, als sie sich langsam aufrichtet.
Ein kalter Wind zieht schneidend an ihr vorbei, heult in den leeren Gassen einer ihr vollkommen unbekannten, scheinbar verlassenen Stadt, die sich um sie herum als graue Landschaft aus hohen Betonbauten erstreckt.
Der Himmel über ihrem Kopf ist grau und dicht gewoben wie eine Wolldecke, absolut
Sie entdeckt auf den ersten Blick keine anderen Menschen, doch auch bei genauerer Betrachtung der fremden Umgebung, kann sie hinter den eingeschlagenen Fenstern und auch in den verwinkelten Gassen keine Menschenseele erblicken.
Keine Autos, keine herumstehenden Fahrräder, nicht einmal ein Straßenschild ist zu entdecken, welches dem Mädchen einen Hinweis geben könnte, wo es sie hin verschlagen hat.
Sie rafft das dünne Nachthemd enger um ihren Körper, als die Kälte sie frösteln lässt und wagt auf nackten Füßen die ersten Schritte durch die neue Umgebung.

Ihr Arm blutet nicht mehr, doch auch diese Merkwürdigkeit lässt sie nicht mehr lange stutzen.
Im Reich des Schwarzen Mannes muss alles möglich sein.
Warum hat er sie hierhin mitgenommen?
Wo ist er hingegangen?

Die Häuser sind heruntergekommen, der nüchterne Beton ist mit Wasserflecken und tiefen Rissen übersät, ein paar der Bauten stehen so schief, dass es geradezu unmöglich ist, dass sie der Schwerkraft trotzen und sich aufrecht halten können und so wirkt die gesamte Umgebung wie das Maul eines Riesen, aus dem dunkle Zähne schief und krumm hervorragen.

„Schwarzer Mann!“, ruft das Mädchen. „Schwarzer Mann, komm zurück!“
Dieser Ort mag weiter und freier sein als ihre Zelle, doch lieber ist er ihr keinesfalls.
Alles hier ist schrecklich farblos, nur wenig spannend und auch ein wenig furchteinflößend, obwohl sich das Mädchen nicht ganz sicher ist, ob alles, was es sieht, tatsächlich echt ist.
Eine Schar Tauben, ebenfalls grau, ein wenig zerrupft, aber fett und zutraulich, sitzen vor ihr am Straßenrand und schauen sie mit Augen an, die nur wenig mit den dunklen, Murmelaugen zu tun haben, die sie von anderen Vögeln her kennt.
In diesen Augen steckt ein neugieriger Funken, wie man ihn bei kleinen Kindern oder bei Menschen erblicken kann, die gerade aus einem sehr realen Traum erwacht sind, wenn ihnen noch der Schweiß auf der Stirn steht und der Schrecken eines Fieberwahns langsam von ihnen abfällt.
Die Tauben picken am Boden herum, finden aber nur Stein und als sich das Mädchen ihnen nähert, heben sie ihre Köpfe, drehen sie in eine, dann in eine andere Richtung und ihre Augen sind pechschwarze, glitzernde Steine in ihren spitzen Gesichtern, wie Fragmente eines fremden Planeten, auf dem es kein Licht und keine Freude gibt.

Die Tauben öffnen ihre Schnäbel und im Chor kreischen sie: „Nimble Jack, Nimble Jack, Nimble Jack!“, immer und immer wieder, bis sich ihre Stimmen überschlagen.
Das Mädchen schluckt, verspürt Angst (eisblaue, frostige Angst, die mit einer knochigen Pranke nach ihren Eingeweiden greift), weicht zurück und hat nicht die Geistesgegenwart für einen Schrei.
„Nimble Jack, Nimble Jack!“, rufen die Tauben unentwegt und hüpfen auf schmutzigen Krallen über die Straße.
Nimble Jack – ein Name.
Der Name vom Schwarzen Mann womöglich?
Das Mädchen weiß es nicht, es will es gar nicht mehr wissen und deshalb rennt es davon.

Ihr Nachthemd flackert im Wind, ihre nackten Füßen machen leise Geräusche auf dem Pflasterstein, doch sie kann nur ihren eigenen, wilden Herzschlag hören und wie schnell und flach ihr Atem geht.
Hinter ihr schlagen die Tauben unbändig mit den Flügen, ihre Federn rascheln wie Herbstlaub und sie singen mit den Stimmen von garstigen, gemeinen Kindern von Nimble Jack.
Das Mädchen rennt schneller und schneller, durch enge, krumme Gassen, durch die Adern einer einsamen Stadt, eines Labyrinths, aus dem es kein Entrinnen zu kommen scheint.
Mit jedem Schritt versinkt sie tiefer in den verdorbenen Eingeweiden dieser Welt, in die sie der Schwarze Mann verschleppt hat und wohin sie auch sieht, gibt es nur Beton und alles ist grau, grau, grau, grau …

Die Gebäude um sie herum werfen riesige Schatten, sie verdunkeln alles um sie herum und als sie einen gehetzten Blick zurückwirft, prallt sie gegen Etwas, was „Uff“, macht.
Das Mädchen taumelt benommen, hebt den Blick und sieht endlich (süße, altrosafarbene Erleichterung, wie das erste Erröten eines schönen Mädchens, süß wie Zuckerwatte im Magen), einen anderen, lebendigen Menschen vor sich stehen, der nicht der Schwarze Mann ist.
Trotzdem stockt ihr der Atem, als sie in das Gesicht der Person schaut, denn es ist keinesfalls ein schönes Gesicht, keines, welches Hoffnung in ihr wecken könnte.
Sie sieht unstete, gehetzte Augen, blickt auf eingefallene Wangen, faltige Haut, ein Gesicht, dass vom jahrelangen Wahnsinn absolut ausgemergelt ist.
Knochen schimmern unter der papierdünnen Haut hervor, die Person steht zitternd da, eine Hand an den Mund gelegt, blickt an ihr vorbei oder auch durch sie hindurch.
„Sie sind hier“, wispert der Mensch, dem sie kein spezifisches Geschlecht zuordnen kann, weil weder die Kleidung noch der Körperbau einen endgültigen Hinweis bietet. „Sie sind alle hier und sie stecken miteinander unter einer Decke. Ich habe es immer gewusst. Alle meinten, dass wäre verrückt, aber ich habe es in ihren Augen gesehen. Sie stecken unter einer Decke, oh ja, ganz sicher sogar!“
Die frisch aufgekeimte Hoffnung in ihrem Inneren zerfällt wie eine Blüte im Herbst.
„Wer … wer steckt unter einer Decke?“
Die Person zieht scharf die Luft ein, richtet den wilden Blick auf das Mädchen und packt es mit knochigen Fingern am Oberarm.
„Na die Tauben!“, zischt die Person. „Sie alle tuscheln über mich. Auf der Straße, auf den Dächern – sie sind immer da und beobachten mich! Sie wollen meine Geheimnisse wissen, aber ich werde sie ihnen nicht erzählen!“ Die Person zerrt an ihr, Speichel sprüht dem Mädchen ins Gesicht und eine Ader zuckt heftig auf der Stirn ihres Gegenübers. „Ich werde ihnen gar nichts erzählen!“
„Loslassen, sofort loslassen!“
„Was hast du ihnen über mich gesagt?!“, krächzt der Mann, denn sie weiß nun, dass es ein Mann ist, als beim schreien sein Adamsapfel wild zuckt. „Was hast du ihnen gesagt, hä?! Ihr alle belauscht mich, aber ich kann euch sehen, ich kann eure kleinen, neugierigen Augen genau sehen!“
„Loslassen!“, kreischt sie und stößt den Mann mit aller Kraft von sich.
Er fällt nach hinten, schlägt mit dem Gesäß zuerst am Boden auf und in diesem Moment zerbricht der knochige Körper des Menschen.
Sie kann es nicht anders beschreiben, Etwas bricht aus ihm heraus.
Der Mann krümmt sich, auf seinem grauen Shirt erblüht eine schnell knospende, rote Rose, die schmilzt und schmilzt, bis sie seinen gesamten Bauch mit ihren Blättern eingenommen hat.
Er schreit und Stoff reißt, als sich seine Bauchdecke unter dem Shirt aufbläht, als hätte er einen großen Heliumballon verschluckt, der nun langsam in ihm aufgeblasen wird.
Seine Beine treten ins Leere, seine Finger verkrampfen sich, der ganze Körper des Mannes ist mit einmal ein einziger, großer Krampf, der zuckt und zappelt.

„Die … die … Tau … ben“, zischt der Mann zwischen verbissenen Kiefern hervor, das Weiß seiner Augäpfel ist rot geädert, sein Mund ist eine dünne, strenge Linie geworden. „D … ie … Tau … beeeennnn.“
Schweiß bedeckt sein angespanntes Gesicht, auf seiner Stirn pulsieren Adern.
Sein aufgeblähter, runder Bauch, der so anmutet, als würde er im neunten Monat mit einem Kind gehen, schwillt weiterhin unter dem grauen, blutgetränkten Shirt an, bis dieses der Spannung schließlich nicht länger standhalten kann und aufreißt.
Mit einem zornigen Geräusch gibt der Stoff nach, darunter kommt eine pralle Kugel zum Vorschein, in die sich der eben noch flache, eingefallene Bauch des Mannes binnen weniger Sekunden verwandelt hat.
Dann, gänzlich ohne Geräusch, platzt sein Bauch auf und dem Mädchen entfährt ein schriller Schrei, der hoch und quiekend und dennoch irgendwie absolut tonlos ist.
Der Bauch platzt wie eine Seifenblase, herauskommt zunächst ein ganzer Schwall Blut, der schrecklich dunkelrot und dick und stinkend ist.
Es ist eine rote Flut, die explosionsartig aus dem zitternden Mann herausbricht, sich über die Straße ergießt, bis vor ihre nackten Füße, durch ihre Zehen hindurch.
Sie macht einen Schritt zurück, doch die Flut hat sie bereits erreicht und schwappt bis zu ihren Knöcheln hinauf, färbt ihre Haut rot und fühlt sich schrecklich, ekelerregend warm an.

So geschockt wie sie ist, hört sie das Geräusch der schlagenden Flügel erst sehr spät.

Nur langsam kann sie ihren gebannten, ehrfürchtigen Blick von den roten Fluten abwenden,
Schrecken jagt eiskalt die Wölbung ihrer Wirbelsäule hinauf, eiskalt und kribbelnd wie tausend Spinnenbeine, und die Nackenhaare stellen sich elektrisiert auf.
Aus dem zerfetzten Wanst des Mannes, aus dem noch immer feucht gurgelnden Loch, welches Blut spuckt wie ein Geysir, wobei der Leichnam noch immer zuckt, als wäre er ein Fisch auf dem Trockenen, entsteigen dutzende und aber dutzende von Tauben, die heftig mit den Flügeln schlagen, die allesamt mit Blut überzogen sind.

„Nimble Jack, Nimble Jack, Nimble Jack!“, tönt es im schrillen Sing-Sang aus ihren Kehlen, ehe sie an ihr vorbeiziehen, sich in die Luft erheben und das Mädchen greift sich ins Haar und schreit und schreit und schreit.
Wer ist das?, ist der einzige, vernünftige Gedanke, den sie jenseits des Wahnsinns zu fassen bekommt.
Wer ist Nimble Jack?!
„Na iiiiiiccchhh“, erklingt es mit überzogener Fröhlichkeit und weiße, magere Hände greifen aus dem Bauch des inzwischen verstorbenen Mannes nach draußen.
Sie suchen Halt, greifen nach den Rändern des ausgefransten Lochs und ein schwarzhaariger Kopf schält sich aus dem Blutsprudel.
Es ist der Mann, der in ihrer Zelle war, der Schwarze Mann, obwohl sich das Mädchen nicht mehr sicher ist, ob sie ihn wirklich so nennen will, ob er es wirklich ist.
Er drückt sich selbst aus dem Bauch des Leichnams, weder seiner Kleidung, noch seiner Haut haftet auch nur ein einziger Bluttropfen an und sie taumelt weiter zurück, unfähig den Blick abzuwenden, obwohl sie es so gerne würde, obwohl ihr Verstand sie darum anfleht.

Schockstarre, weiß und grell, blendend, wie die ersten Sonnenstrahlen nach einem Gewitter.

„Geh weg!“, ruft das Mädchen. „Lass mich in Ruhe, bleib weg von mir!“
Der Mann lacht, steigt mit dem nackten Fuß aus dem Loch, über die Leiche hinweg und weiter auf sie zu.
„Nein, nein, nein, ich will nicht!“, schreit sie, wild mit den Händen wedelnd, als wäre er eine lästige Fliege, die sie so vertreiben könnte.
Aber der Mann ist mit zwei großen Schritten bei ihr angekommen, hat sie bereits gepackt, an den Schultern und sein Griff ist entschlossen, auch wenn sein Grinsen albern bleibt.
In seinen Augen spiegelt sich nichts wieder, sie sind glasig, werfen aber keine Reflektion, bleiben absolut leer – bleiben absolut hungrig.
Die Hände des Mannes wandern zu ihrem Kopf, den sie nun an den Schläfen umschließen und mit einmal ist da eine Explosion hinter ihrer Stirn, ein gewaltiger Knall, als würden die Synapsen in ihrem Hirn alle gemeinsam in die Luft fliegen.

Obwohl sie sich nach dem Tod gesehnt, ihn seit Jahren herbei gesehnt hat, ist sie, nun, da er anscheinend hier ist, um sie zu holen, starr vor Angst und jenseits von Schmerz und Furcht verspürt sie auch Bedauern.
Es ist das letzte Aufbegehren ihres menschlichen, angeborenen Überlebensinstinkts, der ihr zuflüstert: Es kann doch nicht schon vorbei sein, es darf nicht vorbei sein …
Aber der mühelos kräftige Griff des Mannes hält sie umklammert und die Explosion in ihrem Schädel ist grell und blendet ihren Verstand komplett aus.
Das Mädchen spürt noch, wie sein Körper zu zittern beginnt und da ist die Andeutung von einem Film, der sich vor ihrem Inneren Auge abspielt.

Sie, als kleines Mädchen, zitternd und nackt unter ihrer Decke.
Sei still, sei still, hör auf zu lügen, dein Vater würde so etwas nie tun!
Harte Hände auf ihrem bebenden Körper, ein Kissen, welches ihr aufs Gesicht gedrückt wird.
Sshhhh, du willst doch nicht, dass dich der Schwarze Mann holen kommt, oder, du böses, kleines Mädchen?

Oh, der Frieden ist sehr nahe, aber noch ist da der Schmerz.
Ein Zittern, ein Wimmern in ihrem Herzen, in ihren Organen, die plötzlich Wasser sind und sich entleeren.
Aus ihren Augäpfeln, aus ihrem Mund, aus Nasenlöchern, Ohren, und plötzlich auch aus allen Poren beginnt ein farbiger Rauch zu entfleuchen, der in der grauen, tristen Welt um sie herum sehr fehl am Platz wirkt.
Das Mädchen nimmt ihn nur halb wahr, doch sein Anblick zaubert ein zaghaftes Lächeln auf ihre zitternden Lippen.
Das bin ich, denkt das Mädchen. Das bin alles ich!
Jede dieser Farben entspricht ihren so lang vermissten Emotionen, jedem Gedanken, jeden Traum und Alptraum, jeder Idee, jeder Hoffnung.
Sie sieht all die Farben gen Himmel ziehen, sich kräuselnd und aufrollend, hinwegziehend – in die Freiheit ziehen.
Jetzt kann euch keiner mehr abtöten, keine Pfleger, keine Ärzte, keine Tabletten – ihr seid frei, frei, frei, frei!
Und mit ihnen, ist auch sie es.
Den Schmerz ignorierend, der langsam von ihrem gesamten Körper Besitz ergreift, lacht sie fröhlich auf, während Tränen ihre Wangen entlang rinnen.

Tschüßi, hoffnungsvolles Grün – das Zuhause alle Sehnsüchte, so fröhlich und wunderschön wie ein ganzes Feld voller vierblättriger Kleeblätter.
Mach's gut, ungehemmtes, wildes Pink – die Geburtsstädte allen Mutes, der dich umfasst, sich in deinen Magen pflanzt und dir ein sicheres, festes Gefühl verleiht, wenn du drohst, wegzuschweben.
Ich werde dich vermissen, Türkis – sanfte Gelassenheit, wenn die Welt sich überschlägt und du einen Gedanken brauchst, der dich erdet und festhält, deine Seele abkühlen und zur Ruhe kommen lässt.

Orange, Rot, Blau … alle Farben strömen aus ihr heraus, Nimble Jacks Hände zittern auf ihren Schläfen und mit einmal ist das Mädchen schlapp, fällt in sich zusammen wie ein Kartenhaus, doch es fühlt den Aufprall am Boden gar nicht mehr.
Sie spürt die Kälte des Pflastersteins nicht, der Schmerz hat ausgesetzt und an seine Stelle ist allumfassender Frieden, eine endgültige Ruhe getreten, die wie ein sanfter Schlaf, plötzlich aber sanft, über sie kommt.
Das Mädchen lächelt, erhascht einen letzten Blick auf den Regenbogenschimmer, das Schönste und Grauenvollste, was sie jemals geschaffen hat, der sich in den Himmel erhebt und sich dann im Wind auflöst, als hätte er niemals existiert, ehe sich Nimble Jack in ihr Sichtfeld schiebt.
Seine Lippen öffnen sich, formen Worte, die sie nicht mehr erreichen, doch sein Gesicht wirkt zufrieden, als hätte sie ihn rundum gesättigt und irgendwie verschafft ihr dieser Gedanke nur noch mehr Freude.

Dann nur noch … weiß.
Das aller reinste, wunderbarste weiß von allen.
Es muss nicht gefüllt, nicht ersetzt werden, denn es steht für sich allein und es ist warm und kalt zugleich, angenehm und Furcht einflößend, heilend und aufreibend.
Ihr Herz schlägt noch einmal, pumpt dieses atemberaubende weiß durch all ihre Venen, durch ihren gesamten Körper und dann kann sie in dieser Farbe ertrinken und es fühlt sich wie die Umarmung einer übermächtigen Mutter an.
Alles ist weiß.
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