Frostkinder

von Seldrakon
GeschichteFantasy, Freundschaft / P16
OC (Own Character)
21.05.2017
02.12.2018
16
31.727
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23.05.2017 1.066
 
Kapitel 1: Erinnerungssplitter


„Im Schlamm fing es an. Wie so vieles“ - Tad Williams, Otherland. Stadt der goldenen Schatten.


Schwarztobrien, unbekannter Zeitpunkt

Einst gab es hier grünes Land. Irgendwann. In einem anderen Leben. Schlamm bedeckte den Boden, soweit das Auge reichte. Irgendwo weit entfernt kroch eine blasse Sonne träge über den Himmel, als wäre selbst ihr der Anblick der Sterblichen zu wider. Das schlimmste war die Stille. Jeden Augenblick erfüllte das Surren der Pfeile die Luft. Das Krachen, wenn ein Geschütz einen Treffer in den Häusern landete, das Schreien der Verwundeten, das prasseln der Flammen, wenn ein Brandsatz eines der Strohdächer in Flammen setzte. Krieg ist laut, unendlich laut. Doch die Stille ist schlimmer. Ein Soldat kann lernen, mit dem Lärm zu leben. Er kann sich daran gewöhnen und abstumpfen. Selbst im Trommelfeuer der Artillerie findet ein Söldner Schlaf, wenn es sein muss. Doch selbst dann wird er die Stille fürchten. Er wird diesen Moment hassen, in dem die feindlichen Katapulte ihre Arbeit einstellen und keine Pfeile mehr fliegen. Denn diese Stille kann nur eines bedeuten. Der Feind versucht einen Durchbruch.
Aska kauerte bis zu den Knien im Schlamm. Längst schon hatte der Dreck ihre Stiefel durchweicht, doch sie spürte es gar nicht mehr. Alles klebte und gab ihrer gesamten Kleidung eine schmutzige Färbung, eine eigenartige Komposition aus Dreck, Scheiße und Blut. Neben ihr, nur einen Finger breit entfernt kauerte Talon, das Gesicht vor Angst verzerrt. Seit drei Tagen versuchte der Feind nun schon, ihre Stellung einzunehmen. Seit zwei Tagen hätte die Kavallerie aus der Hauptstadt hier sein sollen, und sie endlich aus diesem verflixten Dorf retten, doch bis jetzt war sie nicht erschienen. Vorsichtig schielte Aska über die Barrikade, eine lose Ansammlung notdürftig aufgeschichteter Einrichtungsgegenstände aus den Bauernhäusern und landwirtschaftlicher Geräte. Vor ihr lag das Ödland. Eine gewaltige Ebene aus Schlamm, aus der wie Krater die Ruinen von Bauernhäusern, tote Bäume und zerstörte Kriegsmaschinen verrotteten. Irgendwo weiter hinten sah sie die Fahnen des feindlichen Lagers. Was trieb diese Fanatiker bloß dazu, dieses Dorf immer wieder anzugreifen. Sie war Söldnerin, sie hatte schon vorher Kriege erlebt, aber das, was sich hier an der Grenze zu den schwarzen Landen abspielte übertraf an blutigem Wahnsinn alles, was sie bis jetzt gesehen hatte. Das hier war kein klassischer Krieg mehr. Hier schickte niemand Heere nach einem festen Plan von Stellung zu Stellung. Hier gab es keine Taktik mehr, kein Herausspielen von Vorteilen, keine Manöver. Hier gab es nur Hass, Gewalt, Blut, Schlamm und endlose Gemetzel um ein paar Meilen Grund.
„Sind...Sind sie schon unterwegs?“, fragte Talon neben ihr. Seine Stimme bete. Sie konnte seine Angst spüren. „Nein, noch ist niemand zu sehen. Aber lang kann es nicht mehr dauern.“ Atemzüge vergingen. Talon zitterte.
Dann, wie auf ihr Stichwort hin, erfüllten Schreie die Luft. Sie kamen. Noch einmal schielte Aska über die Mauern und konnte den Feind anstürmen sehen. Sie bekamen es nicht hin, eine richtige Formation aufrecht zu erhalten. Ein Schildwall hätte ihnen wahrscheinlich ihr Leben retten können, aber sie stürmten einfach nur, wie ein riesiger Pulk, vorwärts. Wer auch immer sie kommandierte war ein Idiot. „Verdammte Fanatiker“, murmelte jemand links von ihr. Aska konnte ihm nur Recht geben. Krieg sollte denen überlassen werden, die Ahnung davon hatten, nicht irgendwelchen Spinnern. Grimmig drehte sie die Kurbel ihrer Windenarmbrust. Der Pulk kam näher. Jetzt konnte sie den Hass in ihren Augen sehen. Ihre Kriegsschreie erfüllten die Luft. „Feuer nach eigenem Ermessen!“, brüllte der Korporal am anderen Ende der Barrikade. Talon schoss seine Armbrust ab, verriss sie im letzten Moment und schickte einen Bolzen sinnlos in den Himmel. Aska wartete. Noch näher kamen die Feinde. Endlich konnte sie ihre Wappenröcke sehen. Das verfluchte Symbol. Dort, etwa ihr gegenüber rannte ein blonder Kerl, noch nicht einmal ein Mann. Sein Mund war zum Schreien geöffnet, sein Schwert erhoben. Arm, Auge Armbrust und Bolzen wurden eins. Aska atmete ein und zielte. Ihr Finger krümmte sich um den Abzug. Die Sehne schnellte. Kräfte wirkten aufeinander ein. Der Bolzen zischte. Draußen im Ödland taumelte der Blonde. Das projektil hatte ihn direkt ins Auge getroffen. Seine Füße brauchten noch einem Moment, bis sie begriffen, dass er tot war, sodass sein Körper einen seltsamen Bogen schlug, bevor er der Länge nach hinfiel. Der Mann hinter ihm stolperte und für einen Wimpernschlag kam der Ansturm ins Stocken. Aska atmete aus und lud ihre Waffe nach. Sie wusste schon lange nicht mehr, ob es die Niederhöllen wirklich gab, aber wenn, dann konnten sie nicht so schlimm sein, wie dieser Krieg. Während sie die Kurbel drehte blicke sie wieder über die Barrikade hinaus auf das Ödland. Die erste Salve hatte blutige Ernte gehalten, doch der Kampfesmut des Feindes war ungebrochen. Es würde ein langer Tag werden.

Die Stadt Festum, Phex1035 BF, Sonnenaufgang

Mit einem Schrei schreckte Aska aus ihren Träumen hoch. Reflexartig griff sie nach ihrer Armbrust, doch natürlich lag die außerhalb ihrer Reichweite drüben im Regal. Wer sollte sie auch angreifen, hier in der Stadt. Langsan löste sich der Griff des Traumes und sie sah sich um. Die ersten Strahlen der Morgensonne schienen durch einen Spalt in der Holzwand und ließen die Staubkörner in dem kleinen Zimmer tanzen. Langsam beruhigte sich ihr Herzschlag, während die Finger sich um den Dolch krallten, den sie immer unter dem Kissen hatte. Seit sie dem umkämpften Grenzland den Rücken zugedreht hatte, war keine Nacht vergangen, in der sie in ihren Träumen nicht durch die Hölle gegangen war. Mit zitternden Fingern tastete sie nach dem Trinkschlauch neben dem Bett und flößte sich einen Schluck Wasser ein. Während der grausame Griff des Traumes langsam schwand, fiel ihr Blick auf den Zettel, den sie gestern vor der Taverne abgerissen hatte. „Abenteurer gesucht.“ Das ganze klang verdammt nach einem schlechten Angebot. Die Belohnung sah zwar gut aus, doch wer, bei klarem Verstand, wagte sich so weit in den Norden? Aska grinste. Man konnte nun wirklich nicht behaupten, dass sie bei klarem Verstand war. Verfluchte Träumerei. Fahrig befingerte eine Hand ihren Geldbeutel. Drei Silber, 20 Heller, irgendeine Münze, die sie nicht kannte und ein paar Kreuzer. Wenn sie sparsam war, könnte sie davon noch drei Tage leben. Doch was sollte sie dann machen? Ihre Armbrust war das Einzige, womit sie halbwegs umgehen konnte. Trotz dieser...Sache... Ächzend wuchtete sie ihren Körper herum und griff nach der Krücke. Es konnte ja nicht schaden, sich anzuhören, was dieser Pfeffersack zu sagen hatte. Schmerz durchflutete ihren Körper, als sie aufstand.
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