Die vergangenen Reiche

von Aveshij
MitmachgeschichteMystery, Fantasy / P16 Slash
20.05.2017
13.03.2018
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Kapitel 1 – Malleus et Dementia


Zurück in seinem kleinen Stadthaus, saß Robert noch bis spät in die Nacht an seinem Schreibtisch und kritzelte mit seiner Feder über verschiedene Pergamente. Doch so richtig konnte er sich auf seine Arbeit nicht konzentrieren. Seine Gedanken kreisten immer wieder um den Auftrag und das was daran alles hing. Nicht nur die Position seines Meisters, sondern auch die Hilfe der anderen Orden. Von den Gefahren im Wilden Land, wollte er gar nicht erst anfangen. Er brauchte Leute auf die er sich verlassen konnte, wenn es hart auf hart kam. Doch dafür kamen nur wenige in Frage. Ob er welche aus seinem Orden fragen sollte? Die Gefahr wäre groß, dass er dabei jemanden erwischen würde, der für Jean-Baptiste arbeitete. Vielleicht wäre sein alter Orden eine gute Anlaufstelle. Der Malleusorden war zwar voller Verbrecher, doch mit einigen hatte er gute Erfahrungen gemacht. Womöglich könnte ihm ja Meister Frohnhold dabei behilflich sein. Während er in Gedanken versunken war, merkte er gar nicht, wie er einfach weitergeschrieben hatte. Er war vom Pergament aus, weiter über die Tischplatte gegangen und stöhnte nun ob des entstandenen Schlamassels.
„Ahab?“ Sein mechanischer Diener kam neben ihm aus der Wand und drehte seine Glasaugen in Roberts Richtung.
     „Ja, Sir?“
„Ich bin fix und alle. Hast du mein Bett schon vorgewärmt?“
     „Der Wärmer ist bereits seit acht Minuten unter Eurer Bettdecke.“
„Danke. Sag mal, wie würdest du vorgehen, wenn du einen Auftrag erhältst, der mehr oder weniger geheim ist und du brauchst dafür die Hilfe der anderen Orden.“ Im Innern von AHAB klickte und surrte es, als er über die Antwort nachdachte. Dann antwortete er, „Für die Beantwortung dieser Frage reicht meine Kapazität nicht aus. Ich bedaure sehr, Sir.“
Robert winkte ab. „Schon gut.“
Dann erhob er sich und schleppte sich die Treppe nach oben in sein Schlafzimmer. Der junge Mann setzte sich auf sein Bett und knöpfte sich sein Hemd auf. Wieder wanderten seine Gedanken. Diesmal zu dem Schamanen, der ihn angegriffen hatte. Noch immer stieg ihm die Schamesröte auf, wenn er an die Blicke und die Worte des Wilden dachte. Wer sich so benahm, verbarg doch nur Unsicherheiten. Dennoch wallte in Robert etwas auf.
„Verdammt...“, flüsterte er leise und ignorierte gekonnt seine Erektion. Er zog sich sein Hemd aus und warf es achtlos in eine Ecke, dann legte er sich hin. Würde er sich jetzt noch mehr ausziehen, würde sein Körper das bloß falsch verstehen. Der Mond schob sich am großen Glockenturm vorbei und schien durch sein Fenster, auf sein Bett. Roberts Augen waren auf das leere Kopfkissen neben ihm gerichtet. Warum hatte er sich bloß ein Zweierbett damals gekauft? Es war nicht so, als ob er es wirklich nutzen konnte. Und gerade in Zeiten wie diesen, wenn alles in ihm nach körperlicher Nähe flehte, wünschte er sich jemanden zu haben. Er strich sehnsüchtig und sanft über das Kopfkissen, ehe seine Augen zufielen und er ins Reich der Träume glitt.

Der Tag war angebrochen und Robert war schon in der Frühe aufgestanden, hatte sich stadtfein gemacht und fuhr nun zu seinem ehemaligen Orden. Das Ordenshaus war ein ehemaliger Schlachthof und daher die perfekte Unterbringung für den Malleusorden. Robert parkte vor dem Gebäude und schon während er ausstieg, konnte er von drinnen laute Stimmen und Krach hören. Die Wahrscheinlichkeit war groß, dass wieder mal eine Prügelei stattfand. Der junge Hauptmann betrat das Ordenshaus durch eine kleine Tür in den großen Eingangstoren und war sofort wieder mittendrin. Die Malleus hatten sich zu einem großen Kreis formiert, in dessen Mitte sich zwei Mitglieder prügelten. Der junge Mann sah schon arg ramponiert aus und als Robert seinen Gegner sah, wusste er auch warum. Anscheinend hatte einer der Neuen, Rosa zu einem Kampf herausgefordert. Rosa war nicht nur die aktuelle Ordensregentin und persönliche Wache von Meister Fronhold, sie war auch noch eine ehemalige Silberne Walküre. Sie zu einem Kampf herauszufordern, war eine törichte und dumme Handlung. Als Walküre hatte sie einen großartigen und starken Kampfstil gelernt und als Malleus konnte sie diesen Stil ohne Regeln oder Zurückhaltung einsetzen. Ihr Kontrahent wiederum sah mehr aus, als käme er direkt von der Straße. Er hatte gegen die ehemalige Elite des Silberblitzes keine Chance. Rosa tänzelte um ihn herum und ehe er wusste wie ihm geschah, trat sie ihm mit voller Wucht gegen den Schädel. Sogar aus der Distanz konnte Robert ein knacken hören. Von weiter hinten der großen Halle erschallte ein herzhaftes Lachen. Karel Fronhold, Meister der Malleus kam klatschend näher und verkündete, „Na dit war doch een Spektaktel, wa? Kinder, lasst euch dit ne Lehre sein. Rosa quatscht man nich an und lebt danach eenfach weeter.“
Er klopfte seiner Regentin anerkennend auf die Schulter und nickte ihr zufrieden zu. Dann richtete sich seine Aufmerksamkeit auf Robert. „Na kiek dir dit an. Der verlor'ne Sohn kehrt zurück.“
Grinsend kam der alternde Meister auf ihn zu. Fronhold war eine Erscheinung, die ihresgleichen suchte. Er hatte am ganzen Körper Tätowierungen, war von großer schlanker Gestalt und er hatte schwarze Haare, die bis zu seinem untere Rücken gingen, die Seiten seines Kopfes waren komplett rasiert. Wenn man ihn sich so ansah, konnte man kaum glauben, dass er ein ehemaliger Jahadma war. Vor fast vierzig Jahren, war er vom Norden aus, nach Orbeau gekommen. Er trug den Funken nicht in sich und weil er genug von dem Geschwafel seiner Dorfältesten hatte, dass das ein schlechtes Omen und er demnach der Unheilsbringer war, nicht mehr hören konnte, verließ er sein Dorf. In Orbeau lebte er zunächst in einem der Slums und machte sich einen Namen als gewissenloser Schläger und Geldeintreiber. Die genauen Umstände, wie er letztlich in den Malleusorden kam und Ordensmeister wurde, hält er jedoch streng geheim. Es wird allerdings geflüstert Karel hätte den ehemaligen Ordensmeister getötet. Doch wenn ihn man darauf ansprach, zwinkerte Karel einem nur zu und legte sich lächelnd denn Zeigefinger auf die Lippen.
„Robert! Meenn Junge. Wat führt dich in unsere kleene Bastion des Irrsinns?“ Robert verbeugte sich höflich und antwortete, „Ob wir wohl darüber in Eurem Büro sprechen könnten?“
„Kieck an, diese jewählte Aussprache... wat ham se bloß mit dir jemacht? Na! Is och ejal. Komm.“
Karel führte seinen ehemaligen Regenten zu seinem Büro. Dort angekommen, ließ er sich in seinen abgegriffenen Ledersessel fallen und bedeutete Robert, sich ebenfalls zu setzen. Nachdem dieser Platz genommen hatte, fragte Karel abermals, „Also, wat führt dich her? N'kleener Plausch mit deenen ehemalijen Kollejen wird’s ja wohl nich sein, oda?“
Robert schüttelte leicht den Kopf und brachte seinen Fall dar. Nachdem er fertig war, lehnte sich Meister Fronhold zurück und kratzte sich an seinem angegrauten Dreitagebart. „Ick hab davon jehört. Ick selber war nich uff'm Fest, aber Rosa hatte mir allet erzählt, als se wieder hier war. N'dicket Ding war et ja. Und ick kann Dankwart vollkommen vastehen. Hab schon so einijet über diesen Jean-Baptist jehört. N'arrojanter Lackaffe, der schon die Hälfte des Ordens unter seene Fuchtel jebracht hat.“
Karel verschränkte seine Arme und dachte nach. „Du brauchst jetzte also die Hilfe der and'ren Orden? Tja, da ick meenem alten Kumpel Dankwart och noch wat schuldig bin, bin ick dabei. Haste schon jemanden im Kopp?“
     Robert nickte. „Ich dachte an Anna Tokarev. Sie war sehr geschickt mit dem Sägenspeer und eine hervorragende Kämpferin.“
„Ach, die große Blonde? Mit dem finstren Blick?“
     „Genau.“
„Die hat's hinter sich.“
     „Tod? Wie?“
„Ihr letzter Ufftrach inne Wilden Lande, wurde ihr etwas zu wild. Hat jejen zwee Hirsche jekämpft. Konnte ihrem Aspiranten dadurch dit Leben retten. Sie selber...“ Er klatschte einmal in die Hände. „Der Kopp war nur noch Matsch. Wir konnten se nur anhand ihres Speers und ihrer Unterarmtätowierung wiedererkennen.“
Robert biss die Zähne zusammen. Anna wäre hervorragend gewesen. Er hatte schon damals mit ihr zusammengearbeitet und hatte stets gute Erfahrungen mit ihr gemacht.
     „Und Itzak Rubinstein?“
„Der Heilije? Der is grad selber uff na Mission und wird sobald nich zurückkommen.“ Damit waren seine zwei Hoffnungen weg geblasen. Itzak und Anna waren die Verlässlichsten aus dem Orden gewesen und beide standen nicht mehr zu Verfügung.
„Wenn ick nen Vorschlach machen dürfte?“
     „Mhm?“
„Ick hab da jemanden, der dir bestimmt helfen kann. Is übler druff als Anna und hat mehr Tötungen zu verzeichnen als Itzak.“
     „Wer soll das sein?“ Karel beugte sich wieder nach vorne und öffnete die unterste Schublade seines Schreibtisches. Dort suchte er in den Akten und holte schließlich eine recht dünne heraus. Er legte sie bedeutungsschwanger auf den Tisch und öffnete sie langsam.
„Sein Name ist Silas Crowen“ erklärte Karel „Er ist sehr versiert im Umgang mit der klassischen Kettensäge und besitzt ein großes Talent für das Durchschauen und Manipulieren seiner Gesprächspartner.“ Es hatte Robert schon damals überrascht, wie fließend Meister Fronhold zwischen seinem Akzent und perfektem Hochsprechen wechseln konnte. Er sprach nur dann Hoch, wenn er ernst wurde. Was sehr selten passierte, aber wenn es passierte, dann sollte man die Ohren spitzen. „Er mag nur den Rang eines Ordensbruders innehaben, doch zweifle nicht an seinem Können.“, fuhr Karel fort. „Seine Talente für Kampf und Diplomatie können sich bei deiner Mission als wertvoll erweisen. Hier ist seine Adresse.“
Fronhold übergab Robert einen kleinen Zettel. Er las sich die Adresse durch und stutzte. „Das liegt mitten den Slums. Wenn er so wertvoll ist, wieso habt Ihr ihn nicht hier im Ordenshaus?“
Karel lächelte leicht und antwortete, „Weil er etwas eigen ist, in seinen Bedürfnissen. Und ich lasse das zu, weil er dem Orden bisher keine Schande gemacht hat.“
     „Verstehe.“
„Such ihn auf. Für eine entsprechende Bezahlung wird er dir sicherlich helfen.“
     „Ich habe nichts anderes erwartet.“
„Na dann, uff uff, mach dich uffn Wech und hol ihn dir.“, sprach dies und schloss die Akte wieder. Robert erhob sich und verbeugte sich zum Abschied. Als er das Büro verlassen hatte, öffnete Karel nochmal die Akte und strich über das Papier.
„Wenn alles so läuft, wie ich es mir vorstelle, wirst du mir nie wieder Probleme bereiten.“, sprach er leise zu der Akte.

Der junge Hauptmann erreichte die Adresse kurz nach Mittag und war überrascht, vor sich eine Taverne zu sehen. Von außen, sah sie für die Gegend, noch recht ansehnlich aus. Er parkte seinen Wagen in einer kleinen Seitengasse und drückte unterhalb des schmalen Armaturenbretts auf einen unscheinbaren kleinen Knopf. Ein Summen drang an seine Ohren. Er hatte das Lenkrad unter Strom gesetzt. Eine effektive Abwehr für Diebesgesindel. Robert stieg aus und wanderte um die Ecke zum Eingang der Taverne. Oberhalb der Tür, quietschten die Angeln des verblichenen Schildes, das wohl mal eine üppige Bardame zeigen sollte. Der Name dieses Etablissements hörte auf den klangvollen Namen: 'Königs Lust'. Robert verzog leicht das Gesicht und trat dann ein.
Er hatte schon fest damit gerechnet mitten in eine Prügelei zu geraten, stattdessen saßen die wenigen Gäste ruhig und entspannt an ihren Tischen, betrieben Konversation und genossen ihre Speisen und Getränke. Die Bedienungen liefen emsig zwischen den Tischen umher, um weitere Bestellungen aufzunehmen. Ihre Kleider waren knapp und zeigten unverschämt viel Haut. Dennoch wagte es keiner der Gäste sie auch nur schief anzusehen. Hinter dem Bartresen stand eine mittelgroße, rothaarige und durchaus attraktive Frau, die den Betrieb mit Argusaugen überwachte, auch wenn ihre Körperhaltung Entspannung ausdrückte. Robert ging schnurstracks auf den Tresen zu und verbeugte sich leicht vor ihr.
„Guten Tag. Meine Name ist Robert Traeger und ich bin auf der Suche nach Silas Crowen.“ Die Rothaarige lachte leise, ehe sie antwortete, „So gute Manieren und das in meinem Gasthaus. Herrje. Nun auch ich wünsche einen guten Tag und mein Name ist Maria, Ihr dürft mich aber gern Apple nennen. Setzt Euch doch.“
Robert erhob sich wieder und hob seine linke Hand, „Das wird nicht nötig sein. Ich möchte lediglich wissen, wo Silas Crowen ist.“
Wieder kicherte die Frau, die Robert auf Mitte Dreißig schätzte. „Crow ist momentan nicht da. Warum trinkt und esst Ihr nicht etwas, während Ihr auf ihn wartet?“ Robert blickte sich um und inspizierte die Mahlzeiten der anderen Gäste. Von Suppe, bis zu üppigen Fleischgerichten schienen sie wohl alles anzubieten. Und es sah auch noch appetitlich aus. „Von wem bezieht Ihr eure Nahrungsmittel, wenn ich fragen darf?“
     „Strativi und Söhne, wenn es Euch so brennend interessiert.“
„Strativi? Das ist einer der Hoflieferanten. Wie kann...“
     „Setzt Euch doch erst mal.“, fiel ihm Apple ins Wort. Robert kam der Aufforderung zögernd nach und setzte sich auf einen Barhocker. „Erstmal, bevor Ihr mir irgendetwas unterstellt, solltet ihr wissen, dass der alte Strativi und ich Freunde sind. Zweitens, seid Ihr definitiv etwas zu neugierig. Gehört zur Leibgarde oder was?“ Obwohl ihre Frage nur als Scherz gemeint war, nickte Robert.
„Ich bin Hauptmann der Königlich-Ritterlichen Leibgarde, ja.“
Apple zog überrascht ihre Augenbrauen noch oben. „Schau an. Und Ihr sucht Crow? Was hat er ausgefressen?“
„Gar nichts, soweit ich weiß. Ich suche ihn aus... persönlichen Gründen.“
     „Ahhh... ich verstehe.“, gab sie zwinkernd zurück. Robert hob verwirrt seine rechte Augenbraue, aber da nichts weiter kam, ließ er es dabei auf sich beruhen. Apple räusperte sich und setzte dann ihr „“Gästelächeln“ auf. „Willkommen im Königs Lust. Was kann ich Euch gutes tun?“
„Ich hätte gern die Suppe und ein Glas Wasser. Danke.“
     „Kommt sofort.“ Apple rief die Bestellung in die Küche und kümmerte sich dann um sein Getränk. Er hatte schon mit Leitungswasser gerechnet, stattdessen holte sie eine Flasche Mineralwasser unter dem Tresen hervor und goss es in ein Glas. Robert erkannte die Marke. Auch sie sollte man eigentlich nicht an einem Ort wie diesem finden. Aber wer gute Beziehungen hatte... Apple stellte das Glas vor Robert hin und flanierte dann mit wiegenden Hüften in die Küche. Der junge Hauptmann kratzte sich an seiner schmalen Nase und versuchte damit seine geröteten Wangen zu verbergen. Kurz darauf kam Apple aus der Küche und stellte einen Teller heißer, köstlich aussehender Suppe vor Robert. Sie legte einen Löffel daneben, lächelte nochmal und begab sich wieder an ihren Platz, um den restlichen Schankraum zu beobachten. Robert tauchte seinen Löffel in die Suppe und roch erst mal daran. Verschiedenes Gemüse und kleine Fleischbrocken schwammen in einer reichhaltigen Brühe umher und vermittelten schon beim Ansehen einen sättigenden Eindruck. Er steckte sich den Löffel in den Mund, kaute und ehe er sich versah, war er schon fertig mit der Suppe.
„Hat's geschmeckt?“, wollte Apple wissen.
     „Ja, sehr. Ich hätte nicht erwartet, so was Gutes hier zu finden.“
„Das freut mich. Ich geb's an die Küche weiter.“, sprach sie mit einem Lächeln und räumte seinen Teller ab. Sie mochte nicht den Anschein machen, aber Apple schien ein strenges Regiment zu führen und auf alles selbst ein Auge zu werfen. Robert konnte sich vorstellen, warum Silas hier seine Unterkunft bezogen hatte. Das Essen war gut, der Schankraum war ,bis auf einige kleine Stellen, sauber und ordentlich und mal abgesehen von den knappen Kleidern, schienen die Kellnerinnen stets charmant und höflich zu sein. Sie unterstützten sich gegenseitig und Apple war sich auch nicht zu fein, selbst Hand anzulegen, sollte Not am Mann sein. Die freundliche Wirtin kam aus der Küche und in einer fließenden Bewegung griff sie zu einem kleinen Schlüsselbrett. Sie legte den Schlüssel vor Robert auf den Tresen und sprach, „Damit kommst du ins Crows Zimmer. Dort kannst du schon mal auf ihn warten.“
Sie zwinkerte ihm nochmal zu und nahm wieder ihren gewohnten Platz ein. Der Hauptmann bedankte sich abermals und stand auf. Neben dem Tresen führte eine kleine Treppe in die obere Etage. Auf dem kleinen Holzschild des Schlüssels stand in abgeblätterter Farbe die Ziffer 2. Er suchte nach der passenden Tür und schloss auf.

Vor seinen Augen breitete sich das Chaos aus. Überall lagen Schrott, Ersatzteile, Werkzeuge, sowie Blaupausen und alte Zettel herum. Man musste hier schon seine Fantasie anstrengen, um sich den eigentlichen Boden vorzustellen. Vorsichtig stieg Robert über den ganzen Kram und achtete dabei peinlich genau, bloß nichts anzufassen.
„Was für eine Schlampe.“, kommentierte Robert das Chaos zu seinen Füßen. Er fand seinen Weg zum Bett und setzte sich drauf. Ihm fiel auf, dass das Fenster offen stand. Wollte er unbedingt bestohlen werden? Nicht, dass es hier etwas wirklich wertvolles gab. In einer Ecke entdeckte er einige mechanische Füße. Viele davon hatten verbogene Gelenke oder wiesen Spuren von harten oder spitzen Oberflächen auf. Eine kleine Öllache hatte sich unter dem Haufen bereits gebildet. „Was sollen die ganzen Füße? Will er ein Konstrukt bauen?“, fragte sich Robert leise.
Doch gab es in diesem Zimmer keine anderen mechanischen Gliedmaßen. Er schüttelte sich leicht, ob der merkwürdigen Gedanken, die in seinen Kopf krochen und holte stattdessen seine Taschenuhr hervor. Kurz nach halb Eins. Wie lange würde es wohl dauern, bis dieser Silas hier erscheinen würde? Und während Robert wartete, begutachtete er die vielen Blaupausen oder las sich die wirren Notizen auf den Zetteln durch. Er merkte gar nicht, wie die Warterei ihn langsam schläfrig werden ließ. Die Augenlider wurden ihm schwer, er fiel langsam zur Seite und auf das Kopfkissen.

Rascheln. Klimpern. Ein Gewicht auf seinen Beinen. Etwas machte sich an seinem Gürtel zu schaffen. Strich dabei immer wieder über seinen Schritt. Fühlte sich gut an. Sein Hemd. Er spürte die kühle Brise der Nacht auf seiner Brust. Und noch etwas anderes. Etwas feuchtes. Seine Brustwarzen. Mal kühl, dann wieder warm. Atem. Auf seiner Haut. Die Hand, die weiter liebkoste. Langsam öffnete er die Augen und sah zunächst eine verschwommene Gestalt auf ihm sitzen. Schwarzes weiches Haar, welches zusammengebunden war. Ein schlanker, eher schon drahtiger Körper, irgendwie zu lang. Robert konnte die Dornenfortsätze der Wirbelsäule erkennen, wie sie sich unter der blassen Haut bewegten, wie eine beinerne Schlange. Dieser Geruch... was war das? Metall? Und Öl? Da war noch etwas anderes. Süß? Der Schleier des Erwachens lüftete sich und Roberts Blick fokussierte sich. Sein Atem ging schneller und die schwarze leicht zerzauste Mähne hob sich und gab den Blick auf mandelförmige Augen frei. Eines davon blitzte in einem frostigen Blau, während das andere eher die Farbe von schmutzigem Wasser hatte.
„Du bist wach. Gut.“, flüsterte die Gestalt mit heiserer Stimme. Robert erkannte am Tenor, dass es sich dabei um einen jungen Mann handeln musste. Moment mal... Der Hauptmann wollte sich schon aufsetzen, wurde aber von zwei überraschend kräftigen Armen aufgehalten. Auch die Beine des jungen Mannes waren sehr stark und... kalt? Robert spürte wie Metall gegen seine Oberschenkel gedrückt wurde. Er blickte zur Seite und sah den Grund dafür. Er trug metallene Stiefel die er nun benutzte um Roberts  Bewegungsfreiheit weiter einzuschränken.
„Nicht so hastig, Dornröschen. Wir sind doch noch gar nicht zur Hauptattraktion vorgedrungen.“ Diese Stimme. Es war, als würde man einem Raubtier zuhören. Geschmeidig und zart und doch so voller Gefahr und Begierde. Diese Stimme wurde nicht geboren, sie wurde erschaffen.
„Si, Silas Crowen, nehme ich an.“ Die Gestalt blickte weiter auf ihn herab und strich sanft über seine Brust. „Nahaha...“ Robert räusperte sich und setzte nochmal an.
„Seid Ihr Silas Crowen?“ Einer Schlange gleich, schnellte sein Kopf nach unten und presste seine Lippen auf Roberts. Sie waren nicht größer als Bleistiftmienen und dennoch konnte der Fremde damit einen Druck aufbauen, der Roberts Mund öffnete. Wenn das so weiter ging, würde Robert noch seine eigene Sexualität verraten. Also hob er die Arme, griff nach den Schultern des Fremden und benutzte seinen gesamten Körper, um die Positionen zu tauschen. Nun saß er auf dem Fremden und blickte mit eisigen Bernsteinen auf ihn herab.
„Sieh an, Dornröschen kann ja richtig wild werden.“ Angewidert verzog Hauptmann Traeger das Gesicht und stieg von dem Fremden herunter. Das Zimmer, welches nur vom Mondschein beleuchtet wurde, wurde zu einer einzigen Stolperfalle, als Robert nach dem Lichtschalter tastete. Als er ihn endlich erreicht hatte, legte er den Schalter um und warmes elektrisches Licht flackerte auf. Endlich konnte er ihn richtig sehen. Wie er da lag, lasziv, wartend, nackt und mit einer beachtlichen Erektion, derer er sich nicht mal schämte. Einzig der graue ausgefranste Schal, welcher seinen Halsbereich verdeckte, war das einzige Kleidungsstück was er noch trug. Sein feines ebenmäßiges Gesicht, war zu einer frivolen und dreckig grinsenden Fratze verzogen.
„Wer seid Ihr?“, wollte Robert wissen.
     „Namen sind unnötig. Aber wenn es dir beim stöhnen hilft; ich bin Nay. Nay Crowen.“
„Nay? Ist Silas Euer Bruder?“ Nay erhob sich vom Bett und kam geschmeidig auf Robert zu. Er wollte schon seine Arme auf Roberts Schultern legen, doch dieser wich unter ihnen hinweg und positionierte sich hinter ihm. Nay blickte über seine Schulter zu Robert und presste seine Hände an die Wand.
„Du hast recht. Von hinten ist es viel angenehmer.“ Er streckte seinen Po heraus, doch Traegers Blick blieb eisenhart auf Nays Hinterkopf gerichtet. Er begann sein Hemd wieder zu zuknöpfen und seinen Gürtel zu schließen. Als Nay das sah, drehte er sich um und sprach grinsend, „Doch kein wildes Dornröschen. Schade. Aber ich mag es auch, wenn sie sich zieren.“
An seiner Erektion vorbei blickend, erkannte Robert erst jetzt, das Nay keine Stiefel trug. Seine Füße waren metallene Prothesen. Sie wirkten auf den ersten Blick täuschend echt, doch waren bei genauerem Hinsehen, die Schweißnähte und Spalten der Metallplatten zu erkennen. Jetzt machte auch der Fußhaufen, in der anderen Ecke, einen Sinn für Robert. Der junge Hauptmann räusperte sich nochmal und begann dann, „Ich bin auf einer wichtigen Mission und brauche die Hilfe der anderen Orden, um diese zu erfüllen. Meister Fronhold hat mich dabei auf Silas Crowen verwiesen. Ich würde gerne mit ihm darüber sprechen.“
Nay kicherte leise und verdeckte seinen Mund dann mit seinem Schal. „Hier bin nur ich. Wenn du reden willst, dann mit mir.“
     „Seid Ihr sein Sekretär?“ Robert sah nicht, wie Nay seinen Mund verzog, doch antwortete er mit normaler Stimme, „Ich bin niemandes Sekretär. Ich bin Nay. Sprich mit mir oder geh. Das wird mir sonst zu langweilig.“
Robert war sich nicht sicher, ob er seine Informationen mit diesem Nay einfach teilen sollte. Auf der anderen Seite hatte beide den gleichen Nachnamen. Sie mussten also miteinander verwandt sein. Vielleicht würde Nay es ja trotzdem Silas erzählen, wenn er Nay davon berichtete? Traeger seufzte leise und erzählte von dem Auftrag, den damit verbundenen Gefahren und betonte zum Schluss die großzügige Vergütung. Beim letzten Thema hatte Nay aufgehorcht.
„Was heißt großzügig?“
     „Sagen wir einfach, dass Sir Crowen nach Abschluss der Mission, mein Jahresgehalt bekommt.“
„Und wieviel wäre das?“, fragte er, während er wieder an Robert herantrat.
     „Etwa 48.000 Kronen.“ Es blitzte in Nays Augen auf und schon war sein Mund wieder zu sehen. Zufrieden grinsend, nickte er. „Eine gute Bezahlung für diese lumpige Aufgabe. Da kann ich nicht Nein sagen. Noch dazu, wenn ich die Möglichkeit habe mit dir zu reisen, Dornröschen.“
     „Ich heiße Robert. Robert Traeger.“
„Was auch immer. Aber eines verspreche ich dir, Robert. Ich werde deinen Schwanz reiten und das solange, bis ich dich komplett leer gemolken habe.“
     „Um der Götter Willen! Hast du überhaupt kein Schamgefühl, du Perverser?!“
Nays Grinsen veränderte sich zu einem diabolisch dreckigen, als er antwortete, „Noch nie gehabt. Sei auf der Hut, Dornröschen.“
Traeger wich etwas zurück und schüttelte dann den Kopf. Er drehte sich um, schnappte sich einen der lose rumliegenden Bleistifte und einen alten Notizzettel und schrieb dort etwas auf. Als er fertig war, ließ er den Bleistift einfach fallen und reichte Nay den Zettel. „Hier. Dort findest du dich in einer Woche ein. Pünktlich zur angegebenen Uhrzeit, klar.“
Der, noch immer Nackte, nahm den Zettel, lies kurz seine Augen drüber schweifen und nickte dann.
„Ich werde da sein.“ Robert ging an ihm vorbei und Nay klatschte ihm auf den Hintern. Kurz blieb der Blonde stehen und verließ dann wortlos Nays Zimmer. Dieser legte sich auf sein Bett und ließ seine Hände über seinen bloßen Körper fahren. Er stupste gegen seine Erektion und stöhnte leise.
„Warts nur ab Dornröschen.“ Er leckte sich über die Lippen und warf geschickt eine größere Schraube gegen den Lichtschalter.
„Warts nur ab.“
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