Schneegestöber

OneshotAngst, Suspense / P18
Captain America / Steven "Steve" Grant Rogers Winter Soldier / James Buchanan "Bucky" Barnes
20.05.2017
20.05.2017
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2023
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Schneegestöber


„Vergessen ist Gnade und Gefahr zugleich.“
- Theodor Heuss (1884 – 1963)

Der Wind pfeift um seine Ohren und vereist seine Gesichtszüge. Im freien Fall spürt er wie sich sein Magen anhebt und wie ihm davon schlecht wird. Seine Kehle wird zugeschnürt und er bekommt kaum noch Luft.
Er verliert sich in Angst und versucht die vereisten Augen zu öffnen. Als er endlich die Lider einen Spalt weit offen hat, kann er Weiß an sich vorbeirauschen sehen. Gemischt mit finsteren Flecken, die so rot sind wie Blut.
So rot wie der Stern auf seiner linken Schulter. So rot wie die Flut, die gerade auf ihn zurast und ihn zu ertränken droht...
Panisch reißt er die Augen weiter auf und befindet sich in einem dunklen Raum, den er nicht wiedererkennt. Seine Füße stehen nackt auf dem kalten Boden unter ihnen und er friert. Eine Gänsehaut bahnt sich ihren Weg über seine Beine bis hin auf seine Kopfhaut.
Er zittert unkontrolliert und versucht die Arme zu bewegen, doch sind sie hinter seinem Rücken gefesselt. Die Kabelbinder reißen das Fleisch seiner Handgelenke auf und er spürt eine warme Flüssigkeit über die Haut laufen.
Keuchend beugt er sich nach vorne über, denn er bereitet sich darauf vor zu erbrechen. Immer und immer wieder zuckt sein Körper zusammen und lässt die Muskeln unangenehm verkrampfen, doch kann er nicht ausspucken.
Dabei hält er sich gar nicht zurück, er versucht alles loszuwerden, was nicht mehr in seinen Magen gehört. Endlich bahnt sich ein wenig Magensäure die Kehle nach oben und er spuckt sie mühevoll aus.
Das Brennen, das in seinem Hals zurückbleibt, treibt ihn in den Wahnsinn. Mehrmals räuspert er sich, doch bekommt er dieses widerliche Gefühl nicht in den Griff. Er schreit, um das Kratzen zu mildern, aber erfolglos.
Geistesabwesend schaukelt er sich etwas nach vorne und zurück. Über ihm brennt eine nackte Glühbirne, die urplötzlich zu flackern anfängt. Die schwere Stahltür vor ihm wird mit einem ächzenden Geräusch geöffnet und er erstarrt.
Wer kommt da herein?
Aus Angst traut er sich nicht den Blick zu heben, er starrt wie eingefroren auf seine nackten Füße, an denen sich die Zehen krümmen und ihm einen neuen Schmerz durch die Beine jagen, der ihn noch weiter zusammensinken lässt.
Schritte nähern sich und er dreht den Kopf zur Seite, um auf die eigene mechanische Schulter zu blicken, aber darin spiegelt sich ein wenig sein unerwarteter Besuch. Zumindest spiegelt er sich genug, um die Farben seiner Kleidung erkennen zu können.
Er trägt blau, weiß und rot und beginnt damit ihn zu umkreisen. Wie ein Raubtier sieht er ihn sich von oben herab an und als er direkt hinter ihm steht, da legt er eine Hand auf seine nackte Schulter, um ihn noch weiter runter zu drücken.
Der Fremde sagt nichts.
Minutenlanges, wenn nicht sogar stundenlanges Schweigen umhüllt die beiden Männer und er fühlt sich gehetzt, gejagt, erlegt. Sein Atem beschleunigt sich immer weiter, während der Fremde immer noch die Hand auf seiner Schulter ruhen lässt.
Mit einem Mal packt er ihn immer fester und krallenartige Nägel versinken in seinem Fleisch. Ein Schrei entfährt ihm und er versucht sich aus dieser Position zu befreien, doch er hängt an diesen Klauen wie an einem Fleischerhaken.
Immer noch Schweigen.
Dann wird er nach oben gerissen und am Hals gepackt, er bekommt keine Luft mehr und versucht sich zu wehren, doch da...fällt er bereits.
Der Raum um ihn herum ist verschwunden, er stürzt immer weiter und landet unsanft auf einer nassen Wiese mitten in einem Schlachtfeld. Um ihn herum sind Männer, die um ihr Leben kämpfen und schießen.
Sie werden im Gegenzug aber auch beschossen und das gnadenlos. Panzerartige Gefährte rollen über die Hügel der Wiese und feuern ihre Kanonen auf die lebendigen weichen Ziele, die zu seinem Erstaunen keine Uniformen tragen, sondern nackt sind.
Ihre Haut ist mit Schmutz und Blut bedeckt, manchen fehlen Körperteile oder die Köpfe. Panisch wendet er sich um und versucht vor dieser Horde zu fliehen, doch wird er festgehalten, von diesem Mann in blau, rot und weiß.
Er kann das erste Mal in sein Gesicht blicken und er kommt ihm erschreckenderweise sehr bekannt vor. Es ist, als würde er in den Spiegel blicken, doch weiß er, dass das Gesicht vor ihm nicht seines ist.
Blondes Haar umrahmt die blauen Augen und die kantigen Gesichtszüge. Ein blauer Helm sitzt auf dem Kopf des Fremden, der ihm so bekannt vorkommt und er sieht ihn mit einem breiten Grinsen an, das blutbeschmierte Zähne entblößt.
Unwillkürlich weicht er von ihm zurück und will sich von ihm entfernen, da trifft eine Granate ihren Standpunkt und der Fremde wird vor seinen Augen zerfetzt. Unkontrolliert fällt er nach hinten über und landet nicht in der Wiese, sondern auf dickem Schnee.
Dicke Flocken toben durch die Luft und der eiskalte Wind peitscht sein Gesicht erneut, aber er fällt nicht mehr. Er sitzt auf dem Boden und um ihn herum sind tiefrote Schlieren im Schnee eingesickert.
Woher diese kommen, weiß er nicht und er dreht den Kopf hektisch hin und her, bevor er versucht sich auf die Füße zu stellen. Ein stechender heißer Schmerz durchfährt seinen Arm und er blickt an sich herab.
Sein linker Arm fehlt vollständig, es ist nur noch ein Stumpf dort, wo einst sein Unterarm gewesen sein muss. Angewidert reißt er die Augen auf und bläht die Nasenflügel auf, doch riecht er nichts mehr als das metallische Blut, das überall um ihn herum aus dem Schnee nach oben sprudelt und ihn schmelzen lässt.
Er will aufstehen und dreht sich gerade noch so auf die Knie, als der Schnee immer flüssiger wird und sich in eine Flutwelle verwandelt. Hektisch erhebt er sich und beginnt zu rennen, so weit ihn seine Füße tragen.
Ein Stein liegt in seinem Weg und er stolpert darüber, sodass er mit dem Gesicht voran in die dickflüssige Flut fällt und noch im letzten Moment die Luft anhalten kann. Er ertrinkt beinahe im Blut, als er endlich wieder atmen kann.
Wieder sitzt er auf einem Stuhl, doch dieses Mal ist etwas vor seinem Gesicht, das sein Blickfeld enorm einschränkt. Es sind zwei Metallplatten, die schwarz vor ihm stehen und ihn zu verhöhnen scheinen.
Sein Atem beschleunigt sich wieder ruckartig und er versucht aufzustehen, doch merkt er erst jetzt, dass seine Arme und Beine gefesselt sind und damit jede Aussicht auf Flucht dahin ist. Er rollt die Augen in alle Richtungen, um herauszufinden, ob jemand bei ihm ist.
Tatsächlich – neben ihm steht eine Frau, die ihn sanft anlächelt. Sie trägt ein rotes Kleid und dazu passenden Lippenstift. Außerdem weiß er, dass sie beim Militär ist, aber er versteht nicht, was sie hier will.
Ihre Hand ist es schließlich, die die Platten fester auf sein Gesicht drücken, bevor sie sich der Apparatur widmet, die er nun neben sich piepen hören kann. Gleichmäßige Pfeiftöne dringen aus dem Gerät hervor und zeugen von einer pervertierten Routine, die nur diese Frau kennen kann. Sie dreht ihr Gesicht zu ihm und lächelt breit.
Schmerzen jagen nun durch sein Gesicht und verteilen sich in seinem gesamten Körper. Sogar seine Zehen kribbeln unangenehm und er verkrampft sich wieder einmal, bis der gesamte Leib übersäuert zurückbleibt.
Die Frau verzieht traurig das Gesicht und schüttelt den Kopf. Dann legt sie einen Zeigefinger auf ihre Lippen. Sie will, dass er still ist, wenn er den Strom durch den Kopf verabreicht bekommt. Aber er kann nicht schweigen. Vergeblich versucht er es, doch muss er sie enttäuschen.
Jetzt weint die Frau schwarze Tränen, die ihre zarten Wangen hinablaufen und ihr rotes Kleid besudeln. Danach dreht sie sich von ihm weg und macht das Licht aus, bevor sie den Raum verlässt und eine schwere Tür ins Schloss fallen lässt.
Der Strom zuckt immer noch durch ihn hindurch und raubt ihm alle Sinne. Sein Blick wandert über sich an die Decke, von der unerklärlicherweise Schnee herabzurieseln beginnt. Kalt und wohltuend fällt er auf seine Haut und verdampft dort sofort.
Diese Genugtuung bleibt ihm nicht lange vergönnt, da wirbelt der gesamte Stuhl herum und er hängt kopfüber von der Decke herab. Seine blutenden Füße sind an die Decke geschnürt und sein Kopf fühlt sich an als würde er platzen.
Ächzend dreht er sich ein wenig und holt Schwung, um sich noch weiter zu bewegen, doch wird er just in diesem Moment von einem riesigen Mann gepackt, dessen Gesicht einem roten Totenkopf gleicht.
Er grinst ihn fies an und deutet hinter sich, wo ein weiterer Mann steht. Der allerdings ist sehr viel kleiner und er trägt einen weißen Kittel und eine Brille mit runden Gläsern, durch die er die Augen nicht erkennen kann.
Der Kittelträger sieht aus wie jemand mit schwarzen Augen, die keine normale Form mehr haben. Zwei runde dunkle Kreise liegen einfach dort in seinem Gesicht und verleihen ihm eine dämonische Aura.
Vor ihm hat er am meisten Angst.
Er weiß nämlich, dass er ihn vernichten kann und wird, wenn er ihm Anlass dazu gibt. Er weiß, dass dieser Mann unter ihnen allen der schlimmste ist, der ihn verstümmeln und zerschneiden würde, um ihn zu quälen.
Gerade als er zu kollabieren droht, wird er angestoßen und fällt in ein tiefes Loch unter sich, wo tausend Hände nach ihm greifen, die ihm die Haut aufreißen und das bloße Fleisch aus ihm herausziehen wollen...











Kühle Luft.
Geräuschvolle Stille.
Ein kreischendes Schweigen, das die Luft durchschneidet.
Seine Füße stecken im Schnee. Er trägt keine Schuhe.
Seine Finger spürt er nicht, sie sind von Kälte durchdrungen und blau.
Sein Blick klärt sich und er sieht sich um. Vor ihm nur Schnee. Endlos langes Weiß, das sich über den gesamten Horizont ausbreitet. Eine trostlose Eiswüste.
Er dreht sich langsam um.
Auch dort unendliches Weiß, das unbefleckt ist. Es ist die Unschuld höchstselbst. Keine Fußspuren hinter, vor oder neben ihm. Es ist, als hätte er schon immer hier gestanden. Er kann es sich nicht erklären.
Ratlosigkeit.
Schmerzfrei.
Er fühlt sich nicht schlecht, aber auch nicht gut.
Das ist kein schöner Ort, aber er strahlt diese Gelassenheit aus, die sein Gemüt beruhigt und den brodelnden Zorn in ihm abkühlt.
Wie ein Wassertropfen auf einen heißen Stein. Es verdampft sofort.
Wer ist er?
Wo kommt er her?
Wohin soll er gehen?
Er weiß es nicht.
Am Horizont nähert sich eine Sturmfront.
Hinter ihm scheint die Sonne. Sie wärmt nicht.
Trotzdem lächelt er.
Denn auf diesen Sturm hat er lange gewartet.
Dieser Sturm gibt ihm zurück, was ihm gehört.











Dann wacht er keuchend auf.
Er beugt sich über die Bettkante und kotzt einfach auf den Boden.
Jetzt ist er ausgeleert, eine Hülle seiner selbst.
Und nichts vermag diese Leere wieder aufzufüllen.
Auch das Leben in diesem fremden Land nicht. Das ist nicht seine Heimat, denn er hat keine Heimat mehr.
Rumänien bedeutet ihm nichts.
Nichts bedeutet ihm nichts.
Nichts mehr.

Anmerkung: Eine kleine Idee, die bei einer langen nächtlichen Zugfahrt entstanden ist. Wie das manchmal im Leben so ist. Dunkle Gedanken spuken einem durch den Geist und dann drückt man sie dem armen Bucky auf, damit er sich damit auseinandersetzen kann. Was meint ihr dazu?
LG, Erzaehlerstimme

P.S.: Wer gerade Lust auf weitere Alptraumsequenzen aus den Köpfen der Avengers hat, der darf gerne mal in Natashas Rotschopf hineinsehen im OS Süße Träume. Ihr seid herzlich eingeladen. :)
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