Mein eigenes Berlin

von Riniell
GeschichteRomanze, Angst / P18 Slash
20.05.2017
24.09.2019
37
189.787
80
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Dieses Kapitel
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05.09.2019 5.787
 
Geschafft

„Drei noch!“

Chris stemmte sich gegen den Barren, schnaufte, ließ sich sinken, stemmte sich wieder hoch. Die Liegestütze gegen die niedrig eingestellte Stange waren kräftezehrend, schalteten jeden Gedanken auf stumm. Die Hitze der Bewegungen stieg in ihm auf, ließ ihn eine Art prickelnde Ruhe empfinden, die ihn gleichermaßen aufpeitschte, wie sie ihn herunterkommen ließ.

„Geschafft!“

Anne klatschte neben ihm in die Hände und Chris schwang sich erleichtert zurück in den Stand. Sein Atem ging schwer, dennoch erschien ein breites Lächeln auf seinem Gesicht. Anne stimmte strahlend in das plötzliche Hochgefühl ein, fiel ihm in einer stürmischen Geste um den Hals, was ihn fast von den Füßen fegte: „Geschafft, Chris! Dein letztes Training – dein letzter Tag!“

Chris schloss die Arme um sie und fühlte unweigerlich Euphorie in sich aufsteigen. Geschafft. Er hatte es tatsächlich geschafft. Er hatte seinen letzten Termin in der Therapie hinter sich gebracht, hatte nicht aufgegeben, hatte es wirklich durchgezogen!

„Danke, schätze ich“, raunte Chris, als er sich von Anne löste. „Bisher hat mich noch keiner so hart rangenommen wie du!“

Anne schnaubte ein Lachen und tippte vor seine Brust: „Und das Ergebnis kann sich sehen lassen! Du hast unglaubliche Fortschritte gemacht!“

Chris wusste, dass sie übertrieb. Er hatte mittlerweile zwar einen ganz stabilen Blutwert, man konnte aber nicht von der Chance einer besseren Einstufung seines HIV-Stadiums sprechen. Es würde vielleicht nie so weit kommen. Denn diese Infizierung war und blieb eine verdammte Abwärtsspirale. Wer eine Stufe nach unten nahm, kam so schnell nicht wieder rauf. Allerdings – die Ärzte zeigten sich ein klein wenig optimistisch, dass er seine Werte halten konnte. Wenn er sie nicht mit viel Fleiß und Durchhaltevermögen nicht sogar doch noch verbessern konnte. Stabilität. Davon redeten seine Therapeuten ständig. Was er brauchte und anstreben sollte, war Stabilität. Denn Heilung gab es ohnehin nicht.

„Du darfst jetzt nur nicht aufhören“, fuhr Anne fort, „dann machst du die Zehn vielleicht bald voll!“

Kopfschüttelnd fuhr Chris sich durch die Haare: „Ich will nicht gleich fett werden!“

In fünf Wochen hatte er immerhin sechs Kilo zugenommen. Durch das Sportprogramm hatte er sogar an Muskelmasse gewonnen, wenn er auch noch immer untergewichtig war. Anne hatte ihm empfohlen, weiterhin Sport neben seiner hoffentlich andauernden Gesichtszunahme zu betreiben, um seine Organe – die durch die Tabletteneinnahme arg in Mitleidenschaft gezogen wurden – zu stärken. Für Nik klang das wie Musik in den Ohren, Chris war da eher skeptisch.

„Denk dran, Chris“, fuhr Anne ernster fort. „Das hier ist nur der Schonwaschgang gewesen. Da draußen wartet das richtige Leben auf dich … da musst du es durchziehen. Und ja nicht schwach werden!“

Chris war klar, dass die eigentliche Probe erst zurück in Berlin beginnen würde. Dort warteten Versuchungen, Alltag und schlechte Angewohnheiten. Er hatte, wenn er ehrlich war, Angst davor, es gehörig zu verkacken. Er wollte sich nicht vorstellen, dass diese fünf Wochen irgendwann völlig umsonst gewesen waren. Es wäre nicht das erste Mal, dass er alles in den Sand setzte.

„Du packst das!“ Anne lächelte. „Ich würde dir Glück wünschen, aber glaub mir, das brauchst du gar nicht … dein einziger Gegner ist die Angst. Lass dich von ihr nicht unterkriegen.“

„Danke, Anne.“ Ihr Lächeln wuchs, als er ihren Blick suchte, um sich zu verabschieden. „Für alles. Du machst ‘nen tollen Job! Mach’s gut!“

„Mach’s gut.“

Er umarmte sie noch einmal, schnappte sich dann sein Handtuch und machte sich mit kreiselnden Gedanken daran, den Therapieraum zu verlassen. Das letzte Mal.

Chris konnte nicht fassen, dass er seinen letzten Tag in der Reha hinter sich gebracht hatte. In nur wenigen Stunden, wenn die Nacht endlich vorbei war, dann wäre er endlich frei! Beim Gedanken daran stellten sich ihm die Nackenhaare auf.

Endlich könnte er wieder in sein Leben zurück. Sein Leben war momentan zwar ein mit viel Kleister gekitteter Scherbenhaufen, aber, fuck, er konnte kaum erwarten, ihn zurückzubekommen. Auch, wenn es bedeutete, von nun an härter an sich selbst zu arbeiten, als jemals zuvor. Auch, wenn es bedeutete, dass er nicht immer das machen können würde, worauf er gerade Lust hatte. Auch, wenn es möglicherweise bedeutete, dass er sich von jetzt an gesünder ernähren und Sport treiben musste.

Er wollte es. Er wollte dieses Leben so sehr, dass er alle Risiken und Nebenwirkungen in Kauf nahm. Auch, wenn die Angst ständig in seinem Nacken saß und ihn mitunter kaum klar denken ließ. Selbst jetzt konnte er sich nicht vor ihr verschließen und verhindern, dass sie ihn sehen ließ, wie er irgendwann doch scheiterte. Dabei erhielt er in der Klinik so viel Zuspruch, dass er wieder so etwas wie Hoffnung in sich erwachen fühlte.

Manchmal fühlte es sich an wie ein Kampf, bei dem sich Angst und Hoffnung abwechselnd an die Oberfläche seines Bewusstseins drängten. Gute Tage – aber eben auch die schlechten. Seine Ärzte bezeichneten das als depressive Schübe. Chris fand, dass diese Bezeichnung sehr harmlos war.

Um sich aus solchen Phasen herauszukämpfen, versuchte er, sich abzulenken. Was sich am Arsch der Welt oft als schwieriger herausstellte, als gedacht. Wenigstens hatte er sein Notebook auf dem Zimmer, mit dem er Filme, Serien und nach WG-Zimmern in Berlin sehen konnte. Letzteres gab es leider nicht gerade wie Sand am Meer, wenn man auf so etwas wie Lage und Lebensqualität Wert legte. Wenigstens für potentielle Übergangslösungen hatte er schon den ein oder anderen Kontakt aufgebaut und sogar schon zwei Besichtigungstermine ausgemacht.

Nach dem Termin für seine Arbeitslosenmeldung beim Amt, könnte er sich dann auch endlich um einen neuen Job bemühen. Seine Therapeuten unterstützten ihn in diesem Vorhaben. Wenn er wirklich aus seinem Loch kommen wollte, dann musste er sich ein sicheres, stabiles Umfeld schaffen. Auch, wenn er wohl erst einmal kürzertreten sollte. Vielleicht könnte er es erst einmal in einem Café versuchen? Oder als Barkeeper in einer Weinbar?

Er wusste nur, dass er da nicht allein durchmusste. Und diese Gewissheit war das Beste von allem.



Biberkopf

Der dritte Zigarettenstummel fiel auf den Asphalt, heller Rauch stieg in einer kleinen, flüchtigen Wolke vor seinem Gesicht auf. Chris strich sich das Haar unter seiner Cap zurecht, rückte diese wieder an Ort und Stelle und versuchte, die letzte Selbstbeherrschung zusammenzukratzen.

Er stand mit zitternden Fingern vor dem Eingang in das Hauptgebäude der Klinik. Am frühen Vormittag war er nicht allein vor den Parkbänken, die im Eingangsbereich neben gut frequentierten Stehaschern für einen einladenden Eindruck sorgten. Allerdings war er der einzige unter den Klinikpatienten, der mit gepackten Taschen am Absatz zur Straße stand, die Abmeldungspapiere noch in der Hand.

Sein gehetzter Blick ging zu den zwei Personen, die mit breitem Lächeln auf den Gesichtern auf ihn zuhielten. Sein Herz tat einen erfreuten Satz, als er das Funkeln in ihren Augen ausmachen konnte.

Ein Seufzen der tiefen Erleichterung verließ seinen Mund, als er endlich die Arme um Nik schlingen konnte, der ihn als erster erreicht hatte. Sein gehauchtes „Hey“ ging in der stürmischen Umarmung unter, in der Niks Hand sich in seinen Nacken krallte. Unter dem Schirm seiner verdrehten Cap verflochten sich Niks Finger in seinen Locken, während Chris dessen herben, vertrauten Geruch tief in sich aufsog. „Ihr kommt spät!“

Milena drückte sich an ihre Seiten, griff Chris‘ Hand: „Sorry, die Autobahn war völlig verstopft!“

„Hättest auch auf deinem Zimmer warten können“, entgegnete Nik mit einem Schmunzeln. „Dann hätten wir dir auch mit den Taschen geholfen.“

Chris zuckte die Achseln: „Könnt ihr ja jetzt!“ Er drehte sich in Niks Armen zu Milena, gab einen Fick drauf, was die anderen Patienten auf dem Vorplatz denken könnten und küsste sie. Seine Hände umfingen dabei ihr schönes Gesicht, ertasteten weiche Haut und ein sanftes Beben. Ihre Unruhe ließ ihn automatisch seine eigene, verdammte Nervosität abschütteln. Endlich hatte er sein Mädchen wieder in den Armen. Endlich konnte er zurück nach Hause – mit ihnen. „Ich hab‘ schon gedacht, ihr habt mich vergessen.“

Milena löste sich mit einem aufgeregten Blitzen in ihren Augen von seinen Lippen: „Wie könnten wir?“

Nik fuhr über seinen Arm, suchte schließlich seine Finger, die er fest umfing: „Bereit?“

„Bereit.“ Chris nickte und bedachte sie voller Wärme dabei, wie sie seine Taschen vom Boden aufsammelten und ihn zu ihrem Auto führten. Eine leichte Beklommenheit breitete sich in ihm aus, als er sich auf dem Parkplatz noch einmal umwandte. Es fühlte sich merkwürdig an, diesen Ort nach dem geselligen Frühstück mit Ulli und Inga zu verlassen. Hoffentlich für immer. Auch, wenn er wusste, wie viel er den Menschen hier zu verdanken hatte, so wollte er doch nie wieder hier auftauchen müssen. Da würde er lieber alle zwei bis drei Wochen bei Dr. Poll aufschlagen, um seinen leidigen Therapieplan auf Kurs zu halten.

„Wir müssen noch nicht gehen“, raunte Nik ihm zu, nachdem er die Taschen im Kofferraum verstaut hatte. Sein fragender Blick lag auf Chris, der den Kopf schüttelte: „Ich wär‘ am liebsten schon weg, bitte, lass uns einfach fahren.“

Nik fuhr mit den Fingerkuppen über seine Wange, strich eine widerspenstige Locke hinter sein Ohr. „Was immer du willst.“

Chris fing seine Hand ab: „Was ich nach der ganzen faden Schonkost jetzt wirklich brauch‘ ist ein fettiger Burger an irgendeiner ranzigen Raststätte!“

„So viel zu guten Vorsätzen!“ Nik lachte. „Aber ich schätze, das hast du dir verdient. Komm … dann lass uns fahren.“

Es tat so gut, ihn und Milena hier zu haben. Seit dem Moment, an dem sie nach ihrem letzten Besuch früh morgens zurück nach Berlin gefahren waren, vermisste er sie mehr als jemals zuvor. Zu wissen, dass er ihnen wieder nah sein zu durfte, es aber aufgrund der Distanz nicht konnte, war eine ganz neue Art bittere Pille. Einerseits war er erleichtert, die Situation endlich aufgeklärt zu haben. Gerettet war aber – noch – ein Wort, das er nicht verwenden wollte. Schließlich war da immer noch dieses Zittern. Und das Wissen, dass das hier nur eine Bewährungsprobe war, die er noch zu bestehen hatte. Es gab noch so viel, was er ihnen sagen wollte.

Ehe Nik sich wieder von ihm lösen konnte, hielt Chris ihn an der Hand zurück: „Danke … danke, dass ihr gekommen seid, um mich abzuholen. Und danke, dass … dass ihr mir noch eine Chance gebt. Ich weiß, dass das gerade für dich eine harte Entscheidung war.“ Er küsste Niks Finger, versuchte sich an einem zurückhaltend-gewinnenden Schmunzeln, das zu einem Lächeln wurde, als Nik sich die letzte Winzigkeit zu ihm herunterbeugte, um die Lippen liebevoll auf seine Nase zu drücken.

„Ich musste nicht lange überlegen, um zu wissen, was ich will“, entgegnete er rau. „Es hat nur länger gedauert, bis ich wusste, was das Richtige ist.“

Chris nickte, gefangen zwischen Glück und dem verräterischen Ziehen von Schmerz. Es tat weh zu hören, dass Nik lange geglaubt hatte, Chris wäre der Falsche für ihn und Milena. Aber andererseits – wer konnte es ihm verdenken? Er hatte eine kleine Tochter, eine Frau. „Das kann ich verstehen, wirklich“, erwiderte er und musste die Wahrheit dabei ja doch akzeptieren. Er selbst war der Einzige, der für diese Kluft zwischen ihnen verantwortlich war. Und er würde alles dafür tun, um diese Kluft zu überwinden. „Ich bin nur froh … dass ich … dass ich bei euch sein darf.“

„Okay“, Milena räusperte sich neben ihnen und verzog das Gesicht – Chris glaubte, Rührung in ihren Zügen zu erkennen. „Bevor wir hier gleich alle auf dem Parkplatz heulen … wollen wir zurück nach Hause?“

Dem hatte Chris absolut nichts entgegenzusetzen. Die angestaute Sentimentalität nach ihrer langen Trennung ließ ihn ohnehin ganz wahnsinnig werden. Er wollte nicht so leicht reizbar sein, egal, in welcher Hinsicht, er wollte endlich nach vorn blicken und jede Minute, die er mit Milena und Nik hatte, genießen.

„Lass uns gehen.“ Nik drückte noch ein letztes Mal seine Hand, ehe er das Auto umrundete, um auf der Fahrerseite einzusteigen. Chris war überrascht zu sehen, dass Milena ganz ohne zu zögern auf die Rückbank rutschte und ihn am Arm mit sich zog. Sie hielt sich dicht an ihn gedrückt, als sie langsam das Klinikgelände verließen. Die Straße führte vorbei an den fernen Dünen, hinter dem er einen letzten Blick auf das Meer werfen konnte. Danach fiel das Land in flachen, begrünten Feldern und Wiesen ab.

Die Klinik war nicht mehr zu sehen.

Tief durchatmend lehnte Chris seine Schläfe an die kühle Scheibe der Autotür und versuchte, eine Ordnung in seine Gedanken zu bekommen. Wie konnte es sein, dass er so etwas wie Wehmut empfand, diesen Ort zu verlassen? Die Zeit hier war so hart gewesen, wie kaum eine andere in seinem Leben.

„Kennst du Berlin Alexanderplatz?“ Milena griff nach seiner Hand. Aus den Augenwinkeln sah er ihr warmes Schmunzeln auf den Lippen.

Chris runzelte die Stirn. Natürlich kannte er den Alexanderplatz. Worauf wollte sie hinaus?

„Ich meine den Roman von Döblin.“ Sie wirkte, als würde sie davon reden, dass die Erde eine Kugel war und Chris natürlich auch wissen musste, wovon sie sprach. Er aber schüttelte den Kopf. „Du kennst nicht die Geschichte von Franz Biberkopf?“

„Ich bin froh, dass ich meinen Hauptschulabschluss geschafft hab‘“, erinnerte er sie. „Lesen ist nicht so meins.“

„Keine große Sache“, meinte sie nonchalant und winkte ab, „ist nur eines der bedeutsamsten Werke der deutschen Moderne …“

„Und?“

„Im Buch wird von einem Mann berichtet, dass nach einer langen Haftstrafe in die Freiheit entlassen wird“, erläuterte sie. „Franz Biberkopf weiß nach der Entlassung nicht, wo ihm der Kopf steht. Einer der ersten Sätze des ersten Kapitels behandelt den Fakt, dass er sich wie ausgesetzt fühlt. Die plötzliche Freiheit erscheint ihm nach der langen Abwesenheit vom realen Leben als eigentliche Strafe. Er hat Angst, der Gesellschaft zu begegnen. Eigentlich will er das Gefängnis gar nicht verlassen.“

Chris erschauderte innerlich. War ihm denn so offensichtlich ins Gesicht geschrieben, was er fühlte?

Schnaubend schüttelte den Kopf: „Was hat das mit mir zu tun?“

Milena hob die Brauen, wirkte plötzlich so, als hätte sie ein Kind mit den Fingern im verbotenen Kekstopf erwischt: „Hab‘ ich behauptet, es hätte etwas mit dir zu tun?“

Ertappt spielte er mit ihren Fingern in seinem Schoß. „Ist schon … so. Mit der Angst, meine ich. Ich hab‘ wirklich verdammt viel Angst.“

„Wir lassen dich nicht allein“, entgegnete sie fest, legte ihren Kopf an seine Schulter. „Wir schaffen das zusammen, Chris.“

Er nickte. „Ich weiß.“

Abgelenkt davon, dass sie endlich auf die Autobahn kamen, sammelte Chris sich neu: „Wie … wie hat es geendet mit diesem Biberkopf?“

Milena zögerte lange, kniff die Lippen zusammen, schaute über Niks Schulter nach vorn auf die Autobahn, die sich wie ein Fluss aus Asphalt durch die Landschaft zog: „Er war mit der Gesellschaft in Berlin überfordert, ist wieder abgerutscht. Er ist wieder im Gefängnis gelandet, dann in einer Irrenanstalt, in der er … eine Art künstlerischen Tod starb. Allerdings hat er sich eigentlich nur von seinen schlechten Seiten getrennt und wachte als neuer Mensch wieder auf. Es endet gut … auf eine Weise.“

„Vielleicht sollte ich dieses Buch mal lesen“, stellte Chris fest und fing einen skeptischen Blick von Milena auf: „Nicht, dass du dir Franz Biberkopf zum Vorbild nimmst. Er ist eher ein Antiheld.“

„Passt doch.“

Nik schnaubte und warf einen amüsierten Blick durch den Rückspiegel: „Glaub mir, der Vergleich hinkt. Vielleicht solltest du erstmal wieder auf die Beine kommen, bevor du dich mit Themen wie Berlin Alexanderplatz auseinandersetzt.“

„Vielleicht solltest du dich lieber auf die Straße konzentrieren?“, schoss Chris mit einem Zwinkern zurück. „Ich würde sehr begrüßen, wenn mein erster Tag in Freiheit nicht im Straßengraben endet!“

Er fühlte Milenas gehauchtes Lachen an seinem Hals und versuchte, sich endlich zu entspannen. Er war auf dem Weg zurück nach Berlin – und im Gegensatz zu diesem Biberkopf wusste er ganz genau, was ihn dort erwartete. Er würde sich davor hüten, wieder rückfällig zu werden.

„Wie geht es dir?“, erklang es leise an seinem Ohr. „Als wir heute Früh telefoniert haben, kam ich vor lauter Aufregung gar nicht dazu, dich zu fragen, wie es dir überhaupt geht.“

Chris legte ihr einen Arm um die Schultern, genoss ihre Wärme, ihren frischen, leichten Geruch in seiner Nase. „Gestern war die Abschlussbesprechung bei meinem behandelnden Arzt in der Klinik. Meine Blutwerte sind immer noch nicht prall, aber die Medikamente, die ich jetzt bekomme, sind von den Nebenwirkungen her ganz erträglich.“

„Hast du keine Übelkeit mehr?“ Milenas Stimme klang geknickt. „Oder Depressionen? Die waren doch vor ein paar Wochen noch so schlimm?“

Waren sie noch immer. Konnte Milena aber nicht wissen, da er am Telefon am liebsten gar nicht von sich selbst und seinem Zustand während der Rehab sprach. Immerhin war er in Schönburg-Holm mit so vielen Patienten und Kranken zusammengekommen, dass der gemeinsame Tenor stets am Thema Krankheit entlanggehangelt war. Da wollte er nicht auch noch mit den Menschen aus seinem privaten Umfeld über diese verdammte Situation reden.

„Es ist besser …“, entgegnete er gezwungen ehrlich. „Und immerhin haben meine kleinen Virenfreunde bis jetzt noch keine Resistenz auf die Medikation der neuen cART-Therapie entwickelt. Das ist … gut. Verdammt gut.“

Es war tatsächlich die Wahrheit. Die Präparate hauten ihn nicht ganz so sehr aus den Schuhen wie bisher, was wohl auch daran lag, dass er in der Klinik einen geregelten Alltag mit ausreichend Schlaf, Essen und Entspannung besaß. Dazu die Abstinenz von Alkohol und Drogen. Da hatte er glatt eine Auszeichnung als Musterpatient verdient. Allerdings war er leider nach wie vor nicht so stabil, wie sich die Ärzte das wünschten. Die Antibiotika für seine Syphilis-Indikation hatten ihn und seinen Behandlungsplan kurzzeitig ausgebremst, was aber nicht der alleinige Grund für seinen mäßigen Erfolg der HIV-Bekämpfung war. Sein Kreislaufsystem war mittlerweile zu angeschlagen, als dass er sich nach fünf Wochen regelmäßiger Behandlung nun schon als stabiler Patient ausgeben konnte. Er war einfach zu kaputt.

Die wahre Bewährungsprobe würde, wie Anne schon gesagt hatte, erst zurück in Berlin, zurück in seinem Alltag beginnen. Dort würde sich zeigen, ob er sich wirklich zurück ins Leben kämpfen konnte. Es würde niemals einen Zustand für ihn geben, in dem er sagen konnte, dass er alles überstanden hatte. Nein. Er würde jeden Tag seines Lebens kämpfen müssen, um sich wenigstens einen Rest seiner sonst verspielten Lebensqualität erhalten zu können.

Er wusste, dass er es schaffen konnte. Mit Milena und Nik an seiner Seite konnte er alles schaffen. Schließlich hatte er auch die fünf Wochen in der Rehabilitation überstanden, er hatte die Syphilis besiegt und er hatte an Gewicht zugelegt.

„Ich bin stolz auf dich“, raunte Milena und schlang dabei einen Arm um seine Taille. „Du kannst stolz auf dich sein. Hast du mit deiner Psychologin darüber geredet, wie du jetzt fürs Erste weitermachen möchtest oder kannst?“

„Ja. Wir haben in den letzten Terminen eigentlich ausschließlich darüber geredet, wie es jetzt weitergeht. Dass ich es langsam angehen soll, aber auch, dass es wichtig ist, mich um einen sicheren Job zu bemühen, der geregelte Arbeitszeiten hat. Und natürlich eine neue Wohnung. Da hab‘ ich sogar schon gesucht. Ich will auf keinen Fall länger mit diesem Idioten unter einem Dach wohnen. Sie meinte auch, ich soll mir in Berlin einen neuen Therapeuten suchen, dem ich vertrauen kann. Oder eine Selbsthilfegruppe, in der ich lerne, die richtigen Dinge aus den richtigen Gründen zu tun … und nicht nur, weil ich es muss.“

„Klingt gut“, meinte Nik, dessen Augen im Rückspiegel aufblitzten. „So vernünftig.“

„Habt ihr auch nochmal über … uns gesprochen?“ Milena suchte Chris‘ Blick. Er nickte. „Was hat sie gesagt? Hält sie es immer noch für eine schlechte Idee?“

„Naja … sie ist ganz zufrieden damit, dass wir es langsam angehen lassen wollen.“

Seine Psychologin war in der Tat nicht wirklich happy über den Fakt, dass er sich in ein Paar verliebt hatte, das verheiratet war. Sie befürchtete, dass er sich als drittes Rad am Wagen fühlte und er irgendwann aus der Beziehung der beiden ausgeschlossen werden würde. Er sollte sich nicht irgendwann mit dem Fakt abfinden, dass er nie vollständig in die innige Liebe des Ehepaars integriert werden konnte. Chris wusste, dass die Psychologin nicht verstehen konnte, worum es in dieser Liebe ging. Für Chris war das Wertvollste an ihrer merkwürdigen Beziehung, dass er wusste, dass Milena und Nik sich auch dann immer haben würden, wenn er irgendwann nicht mehr konnte. Ihre Liebe war irgendeine Art verdrehte Inspiration für ihn. Ihm war sehr wohl bewusst, dass er vermutlich nie an diese Art der täglichen, felsenfesten Vertrautheit herankommen würde. Milena war Niks Backup und andersherum. Die absolute Sicherheit. Diese Sicherheit war nicht mal dann erschüttert worden, als sie sich in einen anderen verliebt hatten. Deshalb war es für ihn einfach unvergleichbar, sie jeden Tag bei den kleinsten Dingen, wie Händchenhalten oder intime Blickwechsel, beobachten zu können. Früher hatte er das schon genossen, jetzt konnte er kaum erwarten, wieder und offizieller ein Teil davon zu werden.

„Ich hab‘ ihr ein bisschen von euch erzählt“, fuhr er fort. „Nachdem sie erfahren hat, welche Art Mensch ihr seid, dass ihr mir guttut, dass ihr nicht nur eine Art Fantasie für mich darstellt, war sie gar nicht mehr so abgeneigt. Sie meint immer noch, dass ich … vorsichtig sein soll.“

„Was hast du ihr denn von uns erzählt?“

Chris zuckte grinsend mit den Achseln. „Nur Gutes, natürlich.“

Milena lachte und ließ sich weiter gegen ihn sinken: „Dann bin ich ja froh.“

Die Fahrt nach Berlin verlief ruhig. Sie kamen tatsächlich an einer Raststätte vorbei, in der Chris eine riesige Portion Pommes mit Mayo und drei Cheeseburger verdrückte. Es war, als würde er die Freiheit selbst zwischen Fett und Kohlenhydraten schmecken.

Auf den Autobahnen kamen sie mehrmals in kleinere Staus, die Chris fast so vorkamen, als würden sie ihm etwas Zeit erkaufen. Solange er noch auf dem Weg nach Berlin war, war er nicht in Berlin. Noch blieb ihm der restliche Abstand zur nahenden Realität.

Als sie am Nachmittag dann endlich auf die Stadtautobahn der Hauptstadt kamen, wurde der Verkehr dichter, drängelnder, fordernder. Milena saß mittlerweile am Steuer, navigierte sie durch den frühen Feierabend der großen Massen. Ampellichter, Hupen, Stimmen von Passanten und viel zu laut gestellte Autoradios prasselten wie kleine Faustschläge auf Chris ein. Obwohl ihm die Skyline im faden Grau eines typisch nordostdeutschen Tages im späten Frühjahr so vertraut war, fühlte er sich, als würde er das erste Mal durch Berlin fahren. Da waren Betonplatten, zugekleistert mit Plakaten, Graffitis und haufenweise Kaugummiresten auf den Bürgersteigen. Er sah Obdachlose auf den Straßen, sah, wie Gucci-Taschen an den Armen ausgeführt wurden. Er sah prächtige Altbauten neben Einkaufsmeilen und er sah die Spitze der Siegessäule in ein paar verirrten Sonnenstrahlen aufblitzen. Eine Stadt, die niemals schlief, bunt grell, langweilig und eintönig in seiner Andersartigkeit. Chris sog die Eindrücke in sich auf, stellte fest, wie sehr er doch hierhergehörte. Die Menschen hier waren unruhig, geisterten von einer Verkehrsinsel auf die andere, ohne den Blick von ihrem Smartphone zu wenden. Sie hatten keinen Blick für ihre Umgebung, bemühten sich um einen gleichgültigen Eindruck. Dann allerdings gaben sich diese Menschen so different und wollten damit um jeden Preis die Blicke anderer auf sich ziehen, dass es beinahe paradox wirkte.

Wie fiel man in einer Welt auf, in der jeder nur auf sich schaute?

Zwischen Beton und Lärm ging Chris irgendwann auf, dass Milena nicht nach Kreuzberg, sondern nach Pankow steuerte. Sie hatten nicht davon gesprochen, dass die beiden angedacht hatten, den Abend bei ihnen auf dem Prenzlauer Berg zu verbringen. Aber Chris war es nur recht. Schließlich war die Aussicht darauf, mit Milena und Nik den ersten Tag zurück in Berlin zu verbringen, geradezu beruhigend. Wenn er sich vorstellte, jetzt allein in seiner Wohnung sitzen zu müssen, wurde es ihm nämlich ganz anders. Sophie war heute Abend arbeiten, soweit er wusste. Sie würde so früh auch nicht zurückkommen, um ihm die Post zu geben oder mit ihm über die letzten Wochen reden zu können. Gemeinsames Zukunftspläneschmieden mit seiner besten Freundin konnte auch noch bis morgen warten.

Er drehte sich zu Nik, als der alte Wasserturm am Kollwitzplatz in Sichtweite kam. Er wirkte – und das irritierte Chris gerade mehr als der Umstand, dass seit geraumer Zeit Schweigen zwischen ihnen herrschte – verdammt unruhig, ja beinahe nervös. „Alles in Ordnung?“

Nik hob die Brauen, lächelte und scheiterte an dem schnellen, versichernden Blick, den er Milena zuwarf: „Klar. War nur ‘ne lange Fahrt.“

Chris runzelte die Stirn und wusste nicht, was er von der Situation halten sollte. Nik war ein verdammt mieser Lügner. War es ihm vielleicht nicht recht, dass Chris mit zu ihnen kam?

Als Milena endlich einen Parkplatz gefunden hatte und sie ausgestiegen waren, räusperte Chris sich: „Ich kann auch nach Hause …“

Milena und Nik wirkten hier unter den mächtigen, grünen Baumkronen der Allee ganz anders als noch an der Ostsee. Klar, die lange Fahrt mochte sie mitgenommen haben, aber etwas war in ihren Blicken, das Chris so sehr verunsicherte, dass er wirklich überlegte zu gehen.

„Chris … was dein Zuhause angeht …“, fing Nik jetzt an. „Wir müssen dir etwas sagen.“

Milena schaute erst zu Nik, dann zu ihm: „Bevor du dir jetzt zu viele Gedanken machst, komm mit uns hoch und lass dir erst alles durch den Kopf gehen.“

„Was …?“ Chris fühlte so etwas wie Panik in sich aufsteigen. Was zur Hölle war hier los? „Ist etwas passiert?“

Nik biss die Lippen zusammen: „Tom hat dich aus der Wohnung geworfen.“

Eine seltsame Ruhe breitete sich in Chris aus, die ihn gar nichts mehr fühlen ließ. Wenn das wirklich der Fall war, dann hatte nicht nur Sophie das vor ihm verheimlicht, sondern auch die beiden. Wie lange sollte das bitte schon der Fall sein? Hatte Sophie das Kündigungsschreiben unterschlagen? Wie kam es, dass der stets korrekte Tom ihn nicht über die abgeschickte Wohnungskündigung informiert hatte? Wie lange blieb ihm noch, bevor er sein Zimmer räumen musste?

Fuck.

Was versuchten sie ihm hier gerade beizubringen?

Nik ging zurück zum Auto, öffnete den Kofferraum und reichte eine von Chris‘ Reisetaschen an Milena, ehe er die zweite schulterte. Natürlich war es kein Geheimnis, dass es in Berlin eine schlechte Idee war, Wertsachen im Auto zu lassen, obwohl man auf dem Prenzlauer Berg getrost mal eine Ausnahme machen könnte.

In Chris breitete sich gerade aber ein ähnliches Gefühl aus wie damals, vor anderthalb Jahren, als sie in an die Spree geführt hatten, um ihm ihre Gefühle zu gestehen. Er bekam Panik, wollte am liebsten abhauen. Nur dieser verletzliche, unsichere Ausdruck in ihren Augen hielt ihn zurück.

Völlig überfordert mit der Situation und sich selbst stieß er ein glückloses, abgehacktes Lachen aus, das sich irgendwo knackend aus seiner Kehle schlich: „Das habt ihr nicht wirklich gemacht …!?“

Die beiden antworteten nicht, aber Chris kannte sie gut genug, um zu wissen, dass das gar kein gutes Zeichen war.

„Ihr … ihr habt mir gar nichts gesagt!“ Innerlich kämpfte Chris mit sich, konnte nicht zwischen Wut, Unverständnis, Enttäuschung und Gleichgültigkeit wählen. „Was habt ihr getan? Sagt mir nicht, dass ihr …“

Eine siedend heiße Ahnung beschlich ihn, die ihn völlig aus dem Konzept brachte. Das durfte nicht wahr sein!

Er fühlte sich beengt und unter Druck gesetzt.

Nik räusperte sich, machte einen Schritt auf ihn zu. Er wollte nach Chris‘ Hand greifen, doch dieser entzog sie ihm, wich wie verbrannt zurück. Der Schmerz in Niks Augen ließ ihn keinen Herzschlag später erneut innerlich zusammenzucken. Das durfte einfach nicht wahr sein. Bitte nicht!

„Chris … bitte, warte erst mal ab, bevor du …“

Wie konnte sich eine Situation in so kurzer Zeit nur so radikal ändern? Hier stand er, tat den Menschen, die er auf dieser Welt am meisten liebte, weh. Erneut. Und das nur, weil diese verfluchte Angst vor Nähe ihn gerade wieder umklammert hielt. Er war überfordert, fuhr alle Mauern hoch und schämte sich so unsäglich dafür, dass es ihn selbst schmerzte.

Milena legte eine Hand auf Niks Schulter: „Komm, wir gehen hoch. Chris kommt schon, wenn er bereit ist und es möchte.“

Erstaunt und völlig perplex beobachtete er das Paar dabei, wie es sich langsam zurückzog und die Straße herunter zu dem Neubau ging, in dem ihre Wohnung lag. Sie schauten dabei immer wieder über die Schultern, hielten einander die Hände. Chris konnte sich nicht dazu bewegen, ihnen zu folgen. Er stand auf dem verdammten Bürgersteig, völlig taub, hörte und bemerkte die Passanten kaum, die ihm schräge Seitenblicke zuwarfen, als sie an ihm vorbeigingen.

Er musste wirken, als hätte er gerade erfahren, dass er ins Gefängnis musste – oder nach einer jahrelangen Haft entlassen wurde? Verdammt, dieser Biberkopf brachte seine Gedanken zum Rotieren. Er war so völlig neben der Spur.

Er keuchte auf, ohne, dass ein Laut seine Lippen verließ. Er folgte seinen ersten, inneren Impulsen. Griff sich Feuerzeug und Kippen, steckte sich zitternd eine an und zückte anschließend sein Handy, um Sophies Nummer zu wählen.

Plötzlich war es ganz leicht. Mit dem ersten Hauch von Nikotin in seinem System erschien es ganz klar, was zu tun war. Wer an dieser ausgesuchten Misere – einmal mehr – schuld war.

Es klingelte, einmal, zweimal, dreimal – dann erklang Sophies atemlose, etwas zurückgenommene Stimme in der Leitung. „Hey.“

„Sag mir, dass das nicht wahr ist“, raunte Chris gezwungen ruhig, gepresst in den Hörer. „Sag mir, dass ich nicht – noch – nicht aus der Wohnung geflogen bin, ohne darüber informiert worden zu sein. Sag mir, dass du das nicht unterschlagen hast. Und sag mir verdammt nochmal nicht, dass … dass ich gleich in Milenas verdammte Eigentumswohnung hochgehe und meine ganzen Sachen bei ihr rumfahren! Sag mir einfach, dass das alles nicht wahr ist!“

Langes, gequältes Schweigen. Er hörte Sophies rasselnden Atem, fragte sich sofort und instinktiv, ob sie okay war, wo sie steckte. Stimmte etwas nicht?

„Ich hab‘ mich von Tom getrennt“, entgegnete sie ruhig. „Wir sind … getrennt.“

Chris Schultern sanken herab. Er entließ Luft aus seinen Lungen, von der er gar nicht realisiert hatte, sie angehalten zu haben. Das erklärte einiges.

„Glückwunsch“, hauchte er bitter und nahm einen weiteren Zug der Zigarette. „Bist also endlich zur Vernunft gekommen, ja?“

Er wollte nicht so aggressiv und spitz klingen. Er wusste zwar nicht, weshalb, aber Tom hatte seiner besten Freundin viel bedeutet. Zumindest dann, wenn er sich nicht wie ein Arsch gegenüber Chris verhalten hatte. Was oft genug vorgekommen war.

„Danke. Fühlt sich leider nicht so gut an, wie ich dachte. Nicht so, wie es sollte.“ Sophie schnaubte trocken. „Er hat keine vierundzwanzig Stunden später Eigenbedarf für die Wohnung angemeldet. War irgendwie zu erwarten, irgendwie aber auch nicht. Keine Ahnung, was ich dazu sagen soll.“

Chris fühle Enttäuschung in sich hochwallen. Er wusste, dass er ihr, egal, wie sehr Tom ihm gegen den Strich gegangen war, nach einer Trennung zur Seite stehen sollte. Das wäre seine Chance, ihren ganzen Rückhalt der letzten Jahre mal zu vergelten. Aber diese Chance hatte sie nicht nur ihm, sondern auch sich selbst genommen. „Warum hast du mir nichts gesagt?“

„Weil … weil dein Leben am seidenen Faden hing …!?“ Sophie klang nicht vorwurfsvoll, eher so verletzt, wie er sich fühlte. „Ich wollte dir auf keinen Fall noch mehr aufbürden. Das mit der Kündigung war schon hart genug und ich … ich dachte mir, da war der Punkt erreicht, an dem ich endlich mal handeln sollte, statt immer nur die andere Wange hinzuhalten. Nachdem ich dir von der Kündigung erzählt habe, hab‘ ich mich getrennt.“

„Und du hast mir nicht mal bei deinem Besuch davon erzählt?!“ Völlig von der Rolle schnippte Chris die Kippe auf den Boden, fuhr Chris sich durch die Haare, ungläubig darüber, wie sehr er sich in Sophie getäuscht hatte. Bisher hatte er nämlich geglaubt, sie war ihm gegenüber eine miese Lügnerin. Tja, so viel zu seiner Menschenkenntnis.

Sophies Atem rasselte in der Leitung: „Als dann die Eigenbedarfsanmeldung von Tom kam, hab‘ ich mich an Nik gewendet, um mit ihm zu sprechen. Wegen dir … ob ich dir das wirklich schon sagen sollte.“

„Als ob Tom das einfach so darf!“ Chris war stinksauer auf diesen verdammten Penner. „Wir haben als Mieter auch Rechte, verdammt! Der kann doch nicht einfach machen, was er will …“

„Naja, wir sind mit der Miete ziemlich im Rückstand, Chéri. Und, um ehrlich zu sein, ist mir scheißegal, was er darf und was nicht. Ich will mit diesem Crétin so schnell nichts mehr zu tun haben.“

„Wo bist du jetzt?“

„Vorerst bei Kassandra in der WG“, entgegnete sie rau. „Die haben genug Platz für mich, bis ich was Neues finde.“

„Wir könnten uns doch was suchen, zusammen?“, schlug Chris verzweifelt vor. Diese ganze Sache klang irgendwie so ernst, dass es ihn noch immer völlig kalt erwischte. „So wie immer. Wenn wir zusammen suchen, finden wir bestimmt schneller etwas …“

Sophie lachte auf, kurz und abgehackt. „Mon cher, das willst du doch nicht wirklich? Wenn du die Wahl hast, bei Milena und Nik zu leben, oder bei mir … da musst du doch nicht zweimal drüber nachdenken, oder?“

Chris schwieg, biss die Lippen zusammen. Vielleicht wäre er ja gerne gefragt worden?

„Milena hat gesagt, dass du trotzig reagieren wirst“, lachte Sophie in den Hörer. „Wir hielten es alle drei nicht für die geschickteste Idee, aber die beste Lösung. Glaub mir, wenn du siehst, wie viel Mühe sie sich gegeben haben … wenn du dich mal auf diese Idee einlässt, dann siehst du vielleicht, wie sehr du dich darüber freuen kannst, jemanden wie sie in deinem Leben zu haben. Wir haben vor zwei Wochen alles zu ihnen gefahren – und keine Sorge, ich hab‘ dafür gesorgt, dass sie nichts Peinliches oder zu Privates sehen. Hab‘ für dich aufgepasst. Und …“ Sie seufzte. „Kannst du es ihnen wirklich verdenken? Nach allem, was passiert ist, würde ich an ihrer Stelle am liebsten auch 24/7 ein Auge auf dich haben. Bei denen in diesem Protzpalast hast du doch die besten Voraussetzungen, dich zu entspannen, mal runter zu kommen. Du hast keine großen Geldsorgen, einen festen Wohnsitz, eine Anschrift. Und endlich die Chance, alles richtig zu machen.“

Chris stand noch lange auf dem Bürgersteig, ließ Sophie davon reden, wie die Stimmung jetzt in der Firma war. Da musste sie immerhin nicht persönlich mit Tom zusammenarbeiten, hatte die beiden Eventmanager als Puffer zwischen sich und ihrem Ex. Trotzdem bemühte sie sich gerade um eine neue Stelle und bot an, auch für Chris ein offenes Auge auf den Stellenmarkt zu haben. Sie hatte da eine Frau kennengelernt, die gerade in Pankow ein Café renovierte und nach guten Leuten für Halbtags suchte.

Irgendwann schaltete er ab. Den Blick stur geradeaus auf den protzigen Neubau gerichtet, in dem Milena und Nik verschwunden waren. Er räusperte sich.

„Kann ich dich später zurückrufen? Ich brauch grad ein bisschen, um klar zu kommen.“ Er schloss die Augen, atmete tief durch. „Es tut mir leid, mit dir und Tom, meine ich. Das Ganze ist zu einem gewissen Grad bestimmt auch meine Schuld. Ich … ich werd‘ versuchen, das wiedergutzumachen. Versprochen. Aber jetzt muss ich erstmal versuchen, dem Karren hier aus dem Dreck zu ziehen, okay?“

„Okay. Bonne chance“, hauchte sie. „Ich hab‘ dich lieb.“

„Ich dich auch.“

Chris beendete den Anruf und atmete erneut tief durch. Es brachte ja doch nichts. Dieses Mal durfte er nicht feige sein. Dieses Mal musste er auf das vertrauen, was sein Bauchgefühl ihm sagte. Dieses Mal durfte er nicht auf das hören, was seine Angst ihm als Verstand und Vernunft vorgaukelte.
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