Mein eigenes Berlin

von Riniell
GeschichteRomanze, Angst / P18 Slash
20.05.2017
24.09.2019
37
189.787
80
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Dieses Kapitel
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01.09.2019 6.182
 
Ihr

Chris‘ Muskeln begannen zu kribbeln, seine Augen brannten. Wenn Freude eine Masse bilden konnte, dann fühlte er sich gerade davon überrollt. Er schloss zu dem Auto auf, ganz benebelt von Endorphinen, die seine Beherrschung völlig zerschossen. Milena war die erste, die auf seine Annäherung reagierte. Sie zeigte ihr strahlendes Lächeln, überwand die letzte Distanz und umfing ihn mit ihren Armen.

Chris sog tief ihren Geruch ein, überzeugte sich mit allen Sinnen davon, sie wirklich bei sich zu haben. Ihre Umarmung war so heftig, dass sie den Boden unter den Füßen verlor, gegen ihn taumelte, bis er den Wagen in seinem Rücken spürte.

„Ihr seid gekommen“, hauchte er an ihr Haar, das in einem nachlässigen Knoten hochgebunden war. „Ihr seid gekommen!“

Sie küsste seine Wange: „Ja. Ja, wir sind hier.“

Sprachlos umfing er ihr Gesicht, schaute in diese dunklen Augen, die er so sehr vermisst hatte. Er war so völlig überrascht, dass er keine Worte fand, um seiner Freude irgendwie Ausdruck zu verleihen. Wieso hatten sie nichts gesagt? Wieso hatten sie ihm nicht gesagt, dass sie heute kommen würden, um ihm diese Ewigkeit ohne sie doch irgendwie erträglich zu machen?

„Hey!“ Nik trat an seine Seite, fuhr mit einem musternden Blick aus diesen unglaublich blauen Augen über seinen bloßen Arm: „Wie geht es dir?“

Sie schrieben jeden Tag, vor allem, wenn Chris abends allein auf seinem Zimmer war und nicht wusste, wohin mit sich und seinen marternden Gedanken. Manchmal telefonierten sie auch, skypten spät in der Nacht, um sich wenigstens kurz sehen zu können. Meist war Chris so fertig von seinem Alltag in der Klinik, dass er kaum vernünftige Sätze auf die Reihe bekam. Er genoss es vielmehr, Niks oder Milenas Stimme zu hören, an ihrem Leben teilhaben zu können, egal, wie weit fort sie waren.

Natürlich sprachen sie auch über Chris‘ Fortschritte in der Klinik, sein Wohlbefinden. Nur ließ sich Chris nicht wirklich anmerken, was für ein innerer Kampf er hier Tag für Tag ausfocht. Er redete seinen Zustand schöner, als er war. Milena und Nik sollten sich keine noch größeren Sorgen machen, als ohnehin schon. Schließlich wollte er stark für sie sein.

Jetzt aber war dieses Schönreden nicht so leicht. Nik gegenüberzustehen, ihn anzulügen, das bekam er nicht hin. Nicht mehr.

So distanziert und oberflächlich ihre Gespräche am Telefon auch waren, so offen und ungedeckt fühlte er sich nun unter Niks hellem Blick.

Chris löste sich von Milena, stellte sich vor Nik und stieß ihm völlig aufgewühlt vor die Brust. Es war nicht hart, nur ein Ausdruck seiner Emotionen: „Wie es mir geht?! Scheiße, Nik! Mir geht es verdammt beschissen ohne euch! Wo … wo wart ihr so lange?“

Seine Finger krallten sich in Niks blaues Hemd, er kämpfte mir seiner zitternden Stimme, konnte seine Wut aber nicht länger kanalisieren. Er wusste, dass sie ungerechtfertigt war. Er konnte ihnen nicht vorhalten, ein Leben außerhalb seiner verfluchten Krankheit zu besitzen. Er konnte ihnen nicht vorhalten, ihre Tochter besucht, ihre Karriere vorangetrieben und gearbeitet zu haben.

Nik umfing seine Arme, strich lächelnd über seine Haut: „Ich hab’ dich auch vermisst.“

Chris schluckte seinen restlichen Trotz herunter, erwiderte sein Lächeln zögernd, ehe er seine Arme um Niks Taille schlang. Innerlich war er völlig in Aufruhr, seine Gedanken drehten sich in einem stetigen Karussell. Doch Nik ließ ihn Ruhe und Sicherheit empfinden. Sie waren endlich hier. Das war die Hauptsache, alles andere zählte nicht mehr. Seufzend drückte er seine Nase in Niks Halsbeuge, sog die Nähe in sich auf wie Watte das Wasser.

„Ihr hättet mir sagen können, dass ihr heute kommt“, hauchte Chris an seine Haut. „Dann hätte ich geduscht und würde nicht stinken wie ein nasser Hund.“

Milena lachte neben ihm. „Hast du Sport gemacht?“

Er drückte sich sanft von Nik weg, zog am Saum seines Shirts: „Würde ich sonst so rumlaufen? Wir waren gerade joggen am Strand. Die reinste Folter …“

„Scheint dir gutzutun“, meinte Nik zwinkernd und tippte dabei auf Chris‘ Oberarm, der durch das Muskelaufbautraining vielleicht etwas an Umfang gewonnen hatte. „Du siehst … erholt aus.“

Chris‘ Lächeln wuchs, als er Milenas begeistertes Nicken sah. Die junge Frau hakte sich bei Chris unter, ohne ihn aus den Augen zu lassen, fuhr mit den Fingerspitzen über seine Wange. „Du hast Farbe bekommen!“

Er küsste ihre Finger, fühlte Stolz in sich aufwallen: „Ich hab‘ fast fünf Kilo zugenommen. Reine Muskelmasse!“

Das war nicht ganz die Wahrheit, was durchaus zu den beiden durchzusickern schien. Er brachte sie zum Lachen, vergaß über ihre Nähe alles. „Ich bin so froh, dass ihr hier seid.“

„Es ging nicht früher“, entgegnete Milena beinahe entschuldigend, mit ihrem Blick um Verzeihung flehend. Sie schürte schlechtes Gewissen in ihm. Er wollte auf keinen Fall, dass sie sich mies fühlte. „Die Saison endet bald. Zum Abschluss trainieren wir drei Stücke parallel, jeden Tag. Heute ist mein erster freier Tag seit Wochen!“

Er nickte, wusste doch, wie viel sie aufopfern musste, um ihren Traum leben zu können. Da war dieser Besuch weit mehr, als er verlangen konnte. „Schon gut. Ihr … ihr seid hier!“

Als er fühlte, wie Milenas Lippen seine streiften, setzte sein Gehirn kurz aus. Milena küsste ihn hier auf dem öffentlichen Parkplatz, während ihr Ehemann kaum eine Unterarmslänge von ihnen entfernt stand. Es schien völlig egal, was andere denken könnten, wenn man sie hier sah. Nik lehnte die Stirn an Chris‘ Schulter, isolierte sie komplett von der Außenwelt, während Milena sanft seine Lippen liebkoste, durch seine Locken fuhr.

Es fiel ihm noch immer schwer zu glauben, dass sie tatsächlich hier waren. Endlich. In diesem Moment gerieten die sonst drängenden Fragen in den Hintergrund. In diesem Moment wollte er sich nicht vorstellen, dass sie ihn tatsächlich zurückweisen könnten. Alles war ihm egal, solange er hier nur weiter in Niks und Milenas Armen stehen und seine Atemzüge mit ihnen teilen konnte. Es war perfekt.

Als ein lautes Hupen vor der Cafeteria erklang, zuckte Chris zusammen. Der Laster, der die Nahrungsmittel für die Klinik ausfuhr, war gerade dabei, vom Lieferantenparkplatz auszuschwenken. Dabei wurde er von einem PKW geschnitten, der sich eilig davonmachte. Chris starrte auf die störend laute Szene, fühlte sich, wie aus einem langen Schlaf geweckt.

Zögernd löste Chris sich von Milena, räusperte sich: „Ich könnte euch den Strand zeigen … der ist nicht ganz so deprimierend, wie der Parkplatz.“

Ihm war natürlich bewusst, dass der Strand um Schönberg-Holm im Vergleich zu all den Stränden, an denen Milena und Nik schon gewesen waren, wahrscheinlich doch als deprimierend bezeichnet werden könnte. Aber alles war besser, als sie hier weiter auf dem Klinikgelände zu sehen. Sie gehörten hier nicht her.

Nik lächelte: „Gern. Willst du dich vorher noch umziehen?“

Chris schaute an sich herunter. Das labbrige Shirt und die kurzen Shorts waren im Frühsommer tatsächlich etwas frisch. „Vielleicht sollte ich auch kurz duschen … dann, dann kommt mal mit in meine Suite.“ Er versuchte, locker zu wirken, stand aber unter gefühlten hundert Volt.

Als er sie über den Platz führte, fühlten sich seine Bewegungen merkwürdig steif und gequält an. So als würde er in gleich beiden Beinen einen Krampf haben. Wann war er das letzte Mal so nervös gewesen? Immer wieder schaute er über seine Schulter, um sich zu überzeugen, dass sie tatsächlich noch hier waren.

Als sie den Wohnblock erreichten, schloss Milena zu ihm auf. Sie umfing seinen Arm, als er den Fahrstuhl via Knopfdruck ins Erdgeschoss rief: „Wir wollten wirklich früher kommen. Du bist doch nicht böse?“

Er schüttelte den Kopf, schenkte ihr ein kleines Lächeln, als die Türen des Aufzugs aufgingen. Mit sanftem Nachdruck zog sie mit sich, schloss sie wieder in die Arme. „Alles gut“, murmelte er an ihr Ohr. „Ich bin nur scheiße nervös.“

Ihr raues Lachen sandte eine leichte Gänsehaut über seinen Rücken. „Wir auch … glaub mir.“

Auf seinem Stockwerk angekommen, führte er sie in sein Zimmer. Sobald die Tür hinter ihm geschlossen war, sank seine innere Unruhe ein wenig. Endlich waren sie allein. Chris zog sich eilig eine beliebige Hose und ein Sweatshirt aus seiner Reisetasche, was Nik mit einem amüsierten Kopfschütteln bedachte. Er hatte es nach mehr als drei Wochen immer noch nicht geschafft, seine Sachen in die Kommoden und Schränke einzuordnen. Er war ja schon froh, dass es einen Waschservice für die Bewohner gab und er sich nicht selbst um die Wäsche kümmern musste.

Dann verschwand er im Bad und stellte vermutlich einen neuen Rekord im Schnell-Duschen auf. Er konnte sich kaum anständig abtrocknen, so eilig hatte er es, zurück zu seinem Besuch zu kommen. Ihm ging auf, dass er keine Ahnung hatte, wie lange die beiden überhaupt bleiben konnten, weshalb er keine Sekunde ohne sie verschwenden wollte. Er hatte heute Nachmittag noch zwei Interventionen anstehen, die er eigentlich unter keinen Umständen verpassen durfte. Vielleicht konnte er sie überzeugen, die drei Stunden zu warten. Jetzt, wo er sich gerade irgendwie an den Gedanken gewöhnte, dass sie tatsächlich hier waren, wollte er sie nicht wieder gehen lassen.

Hektisch streifte er sich seine Klamotten über, kämmte sich mit den Fingern durch seine feuchten Locken und warf einen prüfenden Blick in den beschlagenen Spiegel. Nach dem Sport wirkte er tatsächlich etwas aufgeräumter, frischer. Er hatte wirklich Farbe gewonnen.

Mit pochendem Herz verließ er das Bad und erwischte sich dabei, wie er Erleichterung verspürte, als er sie noch in seinem Zimmer sah. Milena hatte sich auf das große Bett gesetzt, redete leise mit Nik, der vor ihr stand, lächelnd die Arme verschränkt. Sie wirkten so vertraut und nahbar, gleichzeitig erschien es unwirklich, sie hier in seinem Zimmer zu haben.

Vorsichtig schlich er sich an Nik heran, umfing seine schlanken Hüften. Er genoss das sanfte Schaudern, das durch den anderen Körper in seinen Armen ging. Chris war versucht, einfach das Gesicht in seinen Nacken zu pressen und ihn nie wieder loszulassen. Aber Nik drehte sich zu ihm, legte einen Arm um seine Schultern, drückte wortlos die Stirn an seine. Augenblicklich fühlte Chris eine innere Ruhe in sich aufsteigen.

Er hatte ihn so verflucht vermisst.

Tägliches Schreiben oder Telefonieren konnte diese Nähe und Geborgenheit einfach nie ersetzen.

Ehe Chris einen anderen Gedanken fassen konnte, gab er der Versuchung nach, reckte sich hoch und küsste Niks Lippen. Er hatte keine Ahnung, wie Nik reagieren würde. Die letzten Annäherungsversuche von seiner Seite waren allesamt von einer eiskalten Abfuhr abgeschmettert worden. Er glaubte nicht, dass er eine weitere Abweisung überstehen könnte. Er brauchte Nik, den Mann, den er liebte. Er brauchte ihn gerade jetzt wahrscheinlich mehr als jemals zuvor, um nicht einfach alles hinzuschmeißen und zurück mit ihnen nach Berlin zu fahren.

Nik schreckte nicht weg, er ließ zu, dass Chris über seine Lippen streifte, den Druck sanft erhöhte. Zähflüssiges Glück floss durch Chris‘ System, ließ ihn alles um sich herum vergessen. Chris umfing sein Gesicht, spürte, wie Niks Finger sich in seinem Nacken verkrampften. Ihn wieder so nah bei sich zu fühlen, war wie ein Rausch, aus dem er nie wieder aufwachen wollte. Er sog die Sicherheit in sich auf, die Gewissheit, dass es okay war. Dass alles okay war, solange er Nik wieder so nah kommen durfte.

Es war, als hätte er sein ganzes Leben lang auf diesen Tag gewartet.

Und mit einem Mal wurde es verdammt offensichtlich, wohin er gehörte und warum. Ohne es wirklich in Worte oder geregelte Gedanken verpacken zu können, wusste er, dass Nik und Milena an seine Seite gehörten. Dass er mit ihnen nicht länger dieser hoffnungslose Fall war, für den er sich bislang gehalten hatte.

Mit einem unsicheren Lächeln löste er sich von Nik, weil er sich selbst nicht ganz vertraute. Er kannte sich schließlich. Wenn das hier so weiterging, würde er nur wieder mit zu viel Tatendrang alles in den Sand setzen.

Nik küsste noch einmal schmunzelnd seine Nasenspitze, was Chris dazu brachte, sich heiser klingend zu räuspern: „Wollen wir gehen?“

„Barfuß?“ Nik blickte vielsagend auf Chris‘ nackte Füße, was diesen rau lachen und zu seinem Taschenschrank trotten ließ, um sich ein sauberes Paar Socken herauszusuchen.

„Kannst du denn einfach so gehen?“ Milena stand auf und verschränkte schmunzelnd die Arme, als sie Chris dabei beobachtete, wie er auf einem Bein hüpfend eine Socke überstreifte. „Wir haben schon befürchtet, dich heute gar nicht wirklich sehen zu können.“

„Genau deswegen“, entgegnete Chris und hob streng die zweite Socke empor, „sagt man vorher Bescheid, wenn man jemanden besucht!“

„Wir wollten dich überraschen!“ Nik unterdrückte ein Grinsen, als Chris die zweite Socke überstreifte und dabei fast das Gleichgewicht verlor. „Außerdem mussten wir spontan sein, um es überhaupt mal auf die Kette zu bekommen.“

Chris warf ihm einen eindeutigen Seitenblick zu, der keinen Zweifel daran aufkommen ließ, wie er reagiert hätte, wenn sie nicht spätestens dieses Wochenende aufgekreuzt wären: „Das mit der Überraschung ist euch gelungen. Hab‘ schon gedacht, ihr habt vor, das einfach eiskalt durchzuziehen und mich hier oben versauern zu lassen.“

„Versauern sieht anders aus.“ Milena hob die Brauen und machte eine ausholende Geste, die das gesamte Zimmer einbezog. „Wirkt eher wie ein Hotel, als eine Klinik.“

Chris zuckte die Achseln und streifte seine Sneakes über: „Hab‘ bisher zwar nur in Hotels gearbeitet, aber sollte ich irgendwann mal tatsächlich Urlaub in einem machen können, dann wird es definitiv keine Familienabsteige im Landhausstil, wie dieses verträumte Loch hier!“

Milena und Nik tauschten einen Blick, der fast etwas mitleidig wirkte. Dann lächelte die junge Frau und schüttelte den Kopf: „Irgendjemand sollte dir mal die Welt zeigen … dann wird dir vielleicht klar, dass das hier in anderen Ländern gehobener Standard ist.“

Chris schnappte sich seine Sonnenbrille von der Ablage und verstaute den Schlüsselbund in der Tasche seiner dunklen Jeans. Er schnaubte: „Bis ich mir einen Urlaub leisten kann, ist die Hölle zugefroren. Kommt ihr?“

Er führte das Paar aus dem Zimmer und zurück auf den großen Parkplatz, der die verschiedenen Klinikgebäude miteinander verband. Wie auch schon Sophie musste er Milena und Nik als Besucher am Empfang anmelden und auch angeben, wohin er bis zum Mittag verschwand. Er konnte kaum erwarten, sich hier für immer auszutragen und endlich wieder zurück nach Hause in Berlin zu kommen.

Als sie sich auf den Weg zu den Dünen des Strands vor der Klinik machten, wandte Chris sich an Milena: „Wie lange könnt ihr bleiben? Ich hab‘ heute Nachmittag noch zwei Termine, aber das sind nur ein paar Stunden … vielleicht kann ich das irgendwie verkürzen, wenn ihr … wenn ihr warten wollt?“

„Gern“, entgegnete sie. „Ich muss erst morgen Früh wieder in Berlin sein. Können auch heute Abend fahren.“

Chris entließ erleichtert die Luft aus seinen Lungen. Er wollte nicht daran denken, sie schon so bald wieder verabschieden zu müssen und erneut gefühlte Ewigkeiten lang nicht sehen zu können. Wenn er daran dachte, noch mehr als zwei Wochen hierbleiben zu müssen, schnürte sich ihm die Kehle zu. Erst recht, als er sah, wie Nik nach Milenas Hand griff. Es schien ganz spontan, ungezwungen, völlig automatisiert und doch so vertraut. Würde es diese Nähe je auch zwischen ihnen geben können?

Milena ging zwischen ihnen, als sie auf die breite Promenadenstraße kamen, die den Strand von den ersten Imbissbuden und Souvenirläden abgrenzte. Chris starrte auf ihre freie Hand, die neben ihrer Umhängetasche vor und zurück schlenderte. Es war die Hand, an der der silberne Ehering glitzerte. Chris hörte sie etwas darüber sagen, wie schön der Strand mit seinem hellen Sand und dem im Wind wehenden Dünengras aussah. Aber er konnte ihr nicht ganz folgen, starrte nur auf ihre schlanken Finger und fragte sich, was ihn daran hinderte, nach ihnen zu greifen.

Er liebte sie. Und er wollte sie, mit all den verdammten, kleinen Pärchen-Alltäglichkeiten, die Milena und Nik sich teilten.

Nur war da noch immer diese Unsicherheit. Was, wenn sie es nicht wollte? Was, wenn es immer noch diese vorsichtige Distanz zwischen ihnen gab, die sie die Hand zurückziehen lassen würde?

Sie hatten bisher nicht darüber gesprochen, wie Milena und Nik sich letztlich in Bezug auf Chris in ihrem Leben entschieden hatten. Das ließ ihn allmählich völlig verrückt werden. Er wusste einfach nicht, wie er die Situation einschätzen sollte.

Erst hatten sie ihn wochenlang nicht besuchen können, schoben – vermutlich gerechtfertigt – Karriere und Familie vor, dann erschienen sie hier ohne jede Anmeldung. Das musste doch etwas bedeuteten, oder? Es wirkte jedenfalls nicht wie ein Anstandsbesuch. Nicht, nachdem Milena und Nik ihn geküsst hatten. Vielleicht …

Was immer er hatte denken wollen, ging in einem warmprickelnden Gefühl unter, als Milena ihre Hand um seine schloss, ihre Finger mit seinen verschränkte. Chris‘ Herz übersprang einen Takt. Ungläubig starrte er auf ihre schmale Hand in seiner und wusste plötzlich nicht mehr, wohin mit seinen aufschäumenden Emotionen.

Plötzlich wirkte das Licht selbst durch seine Sonnenbrille heller, das Rauschen der Wellen lauter. Die anderen Besucher auf der Promenade, die sie vielleicht oder vielleicht auch nicht irritiert musterten, weil sie zu dritt Händchenhielten, waren Chris egal. Auch das Geschrei der Möwen, die sich in den Blumenkästen vor den Fischrestaurants tummelten, um einen Brocken Essen abzubekommen, wirkte nicht so nervig, wie vorhin noch.

Vorsichtig strich er über Milenas Handrücken, spürte ihre weiche Haut. Dann lehnte er sich zu ihr, küsste ihre Wange und murmelte an ihr Ohr: „Wenn ich mir je leisten kann, die Welt zu sehen, dann will ich das nur mit euch.“



Geständnisse

Chris schlich durch den feinen Sand, bedacht darauf, mit seinen Sneakers nicht zu tief einzusinken. Er hatte Mühe damit, die Decke, die beiden Sweater, die große Wasserflasche und den Karton sicher in seinen Händen zu balancieren, während er die Zahlen auf den Strandkörben durchging. 236 war die Richtige.

Er konnte im Schein des orangeleuchtenden Sonnenuntergangs einige Urlauber ausmachen, die am Meer Volleyball spielten oder sich zusammen eingekuschelt auf Decken gelegt hatten. Es hatte merklich heruntergekühlt.

Chris lächelte, als er den angestrebten Strandkorb endlich erreichte und die vertrauten Stimmen ausmachte. Milena hatte ihm vor einer halben Stunde geschrieben, wo er sie nach seinen Terminen wiederfinden würde. Die junge Frau hatte ihn ganz ungeniert nach etwas zu essen und einer Decke gefragt, da sie gerade wohl nicht daran dachte, sich an einem Imbiss selbst etwas zu organisieren.

Als er vor dem Strandkorb erschien, begegnete er sofort zwei strahlenden Gesichtern: „Ich glaub’s nicht, dass ihr hier den armen Patienten vorschickt, um euch zu versorgen!“

Milena lachte auf, beugte sich sofort nach vorn, um nach der Decke zu greifen: „Du warst schnell!“

Chris reichte ihr einen der Pullover, den Milena dankend unter ihre ausgebeulte Jeansjacke anzog. „Ich konnte das Krafttraining ausfallen lassen, weil ich heute Morgen schon fleißig war.“ Dann stellte er die Flasche in den Sand und reichte Nik den zweiten Pullover, der skeptisch gemustert wurde: „Da soll ich reinpassen?“

„Ist Oversize“, entgegnete Chris und wollte gerade die Decke über die beiden ausbreiten, als er Niks verständnislosen Blick auffing: „Übergröße, du Mode-Hinterwäldler!“

Nik schüttelte noch immer völlig entgeistert – und vielleicht ein wenig angefressen – den Kopf und zog sich den schwarzen Pulli über das Hemd. Siehe da, auch Nik konnte seine Klamotten gut tragen. Chris zwinkerte ihm zu und stopfte dann in einer überfürsorglichen Geste den Saum der Decke links und rechts von Nik unter dessen Hüfte: „So, Kind, jetzt is‘ besser, oder?“

Chris fragte sich stumm, ob er wirklich gute Laune hatte, oder diese einfach nur vorschob, um den nahenden Abschied irgendwie zu verdrängen. Heute Mittag war alles so perfekt gewesen. Sie waren die Promenade hoch und runter gelaufen, hatten über völlig belanglose Dinge, vergangene Urlaube und das Leben von Milena und Nik in Berlin geredet. Dann hatte Chris von Ulli und Anne erzählt, wie sein Alltag in der Klinik aussah. Er berichtete davon, wie viel Fisch es jede Woche gab, wie gut seine Fortschritte waren, wie schwer es ihm fiel, Speck auf die Rippen zu bekommen, ohne sich nach dem Essen aus der Cafeteria kugeln zu müssen.

Sie hatten über einige schrille Figuren am Strand gelacht, hatten eine Möwe dabei beobachtet, wie sie einem Kleinkind die Eiswaffel aus der Hand stibitzt hatte. Dann waren sie an einer Gruppe von Senioren vorbeigekommen, die Yoga am Strand machten und sich dabei verrenkten, als gäbe es kein Morgen mehr.

Es war so leicht gewesen, mit ihnen zu lachen. Zu vergessen, was unausgesprochen zwischen ihnen schwebte wie ein Vorhang aus Blei. Chris wusste aber, dass sie reden mussten. Bevor sie gingen. Sonst würde er wieder nächtelang wachliegen und sich in Grübeleien verstrickten, bis sein Kopf schmerzte. Er musste endlich wissen, woran er war.

Milena zog die beiden Fußstützen des Strandkorbs heraus, damit Chris sich zu ihnen setzen konnte. So geräumig diese Sitzgelegenheiten an den Stränden auch waren, sie waren ganz offensichtlich nicht für drei Personen konzipiert worden.

„Ich hoffe, ihr mögt Lachs mehr als ich“, raunte er, als er die Fischbrötchen aus dem Karton packte und sie an das Paar reichte. „Hier oben gibt es nichts anderes als Fisch und Meeresfrüchte, wie soll ich da bitte zunehmen?!“

So oft, wie er heute erwähnt hatte, dass er Fisch nicht sonderlich mochte, durfte es keine Überraschung mehr für Milena und Nik sein, dass er auf ein Brötchen verzichtete.

„Wer ist jetzt der Hinterwäldler?!“ Nik schickte das Zwinkern von eben zurück und brachte Chris damit zum Schmunzeln. „Wie war dein Termin?“

Chris zuckte die Achseln: „Ich weiß nicht, ob ihr schon mal ein Gespräch mit einem Psychologen hattet. Aber es gibt angenehmere Termine … Bewerbungsgespräche, zum Beispiel. Oder eine Darmspiegelung.“

Milena und Nik schienen es nicht lustig zu finden, was Chris da sagte. Natürlich mussten sie bemerken, dass er es schönreden, ablenken wollte. Sie interessierten sich aber wirklich für ihn und seine Gesundheit. Egal, ob psychisch oder physisch. Während die Stille Überhand gewann, als sie ihre Brötchen aßen, ließ er seinen Blick auf den Sonnenuntergang über dem Horizont gleiten.

„Seit drei Terminen sprechen wir über …“ Chris stockte, holte Luft, ohne wirklich einen Effekt zu erhaschen. Sein Mund war mit einem Mal trocken wie Asche. „Über meinen Vater. Keine Ahnung, warum, aber irgendwie ist er das Lieblingsthema sämtlicher Psychologen, die ich kennengelernt hab‘. Dabei … dabei ist er gar nichts Besonderes. Er hat sich früh von meiner Mutter getrennt. So wie tausende andere Väter in Deutschland auch. Dann hat er eine neue Frau kennengelernt, ist mit ihr nach München gezogen. Nichts Besonderes. Ich war ja fast schon erwachsen.“

Er setzte zu einer langen Pause an, die erst von Milena unterbrochen wurde: „Und deine Mutter?“

„Sie hatte Krebs.“ Chris schnaubte ein Lachen, das bitterer klang, als beabsichtigt. „Wurde nur leider viel zu spät entdeckt. Sie war einer der Menschen, die nicht gleich wegen jedem Mückenstich zum Arzt rennen. Sie dachte, sie hat ‘ne Grippe … war aber Lungenkrebs. Die Ärzte haben ihr in dem Stadium nicht mehr helfen können. Die Therapie hat es nur herausgezögert und falsche Hoffnung gemacht. Sie wurde nicht mal Vierzig.“

„Wie alt warst du da?“

„Anfang fünfzehn.“ Chris schluckte. „Hab‘ grad meinen Hauptschulabschluss gemacht und schon ‘ne Stelle für meine Ausbildung gehabt. Bis die angefangen hat, konnte ich unter Aufsicht von Betreuern in einer Einrichtung leben. Danach bin ich in das Hotel gezogen, in dem Sophie und ich die Ausbildung gemacht haben. Es war chaotisch und fremd. Ich hatte nur die Arbeit. Und das Nachtleben, in das ich flüchten konnte, wenn alles zu viel war.“

Nik suchte seinen Blick: „Warum bist du nicht zu deinem Vater gegangen?“

„Und Berlin verlassen? Um nach München zu gehen? Ich!?“ Chris schnaubte, schüttelte vehement den Kopf. „Niemals … er … außerdem hatte … hat er jetzt eine neue Familie, einen guten Job, ein Haus … soweit ich weiß, hat er auch einen verfluchten Dackel daheimsitzen. Da pass ich nicht rein.“

Milena und Nik tauschten einen knappen Blick, ehe sie schweigend etwas fokussierten, das nicht zu existieren schien. Chris schluckte das Gefühl herunter, etwas Falsches gesagt zu haben.

„Es tut mir leid, Chris“, sagte Milena. Sie schien entrückt. Ihre Augen waren matt geworden, dumpf.

„Chris versuchte sich an einem Lächeln, das in sich zusammenbrach, als er die Tränen in ihrem Blick sah. „Es ist okay so, wie es gekommen ist.“

Sie rieb sich mit dem Handballen über die Augen: „Bist du deswegen abgerutscht?“

„Vielleicht.“ Chris hatte da so noch nie drüber nachgedacht. Er hatte sich schon immer in einer gewissen Szene bewegt, aber vielleicht war es nach dem Tod seiner Mutter einfach so gewesen, dass er niemanden mehr hatte, vor dem er Rechtfertigung ablegen musste, und deshalb immer extremer wurde. In dieser Zeit hatte er auch herausgefunden, dass er HIV-positiv war.

Nik rutschte auf den blauweißen Polstern nach vorn, schob Chris‘ Sonnenbrille zurück auf seinen Kopf. „Du brauchst keine Gleichgültigkeit vorzuschieben oder irgendwas herunterspielen! Ich kann dich verstehen – egal, wie du reagiert hast.“

Chris nickte, haderte aber mit sich. Es gab etliche Menschen, die ihre Eltern verloren hatten. Manche waren eben noch jung. Das kam vor.

„Ich bin froh, endlich zu erfahren, warum du so …“ Nik schluckte.  „Abweisend reagiert hast, als du erfahren hast, dass ich eine Tochter in Konstanz habe.“

Chris öffnete den Mund, um zu widersprechen, bekam aber kein Wort heraus. Er wollte Nik sagen, dass er das Verhältnis von ihm zu seinem Vater keinesfalls mit dem von Nik und Natalie gleichsetzen wollte. Aber er konnte nicht. Er biss sich stumm auf die Lippen und gestand sich ein, dass der Moment, in dem Chris erfahren hatte, dass Nik Vater war, tatsächlich einige Wunden aufgerissen hatte. Er hatte sich damals gefühlt wie ein Störenfried, der dem Kind den Vater entzog. So, wie die neue Freundin seinen Vater damals in München in Beschlag genommen hatte. Er wusste, wie sich das irgendwann möglicherweise für Natalie anfühlen könnte, und wollte auf keinen Fall zu einem klischeehaften Rollenbild werden, das er früher selbst verachtet hatte – und vielleicht immer noch tat. Er hatte aus der Situation ausbrechen wollen, es aber nicht geschafft. Spätestens dann nicht mehr, als er bemerkte, was für ein toller Vater Nik war.

„Dein Vater hätte dich nie im Stich lassen sollen.“ Nik griff seinen Arm. „Er hätte, wenn nötig, alle Zelte in München abrechen sollen, um dir beizustehen. Du hast nichts falsch gemacht, verstanden?“

Chris nickte, gab dem Druck an seinem Arm nach und ließ sich von Nik auf die Polster ziehen. Er lehnte sich an die Korbwand, fand irgendwie zwischen ihnen unter der Decke Platz, indem er die langen Beine über Niks Schoß legte und sich halb in Milenas Umarmung wiederfand. Dankbar hob er einen Mundwinkel, umfing Niks Hand in seiner: „Du bist in keiner Weise wie er. Ich hab‘ dich nie mit ihm verglichen.“

Nik drückte seine Finger, schien ihn irgendwie verstehen zu können, auch wenn Chris einmal mehr die richtigen Worte fehlten.

Milena hauchte ihm einen Kuss in den Nacken: „Redet ihr noch über andere Dinge?“

„Ja, über meine Krankheit natürlich, wie ich damit umgehe. Über euch, manchmal.“ Er schnaubte. „Meine Psychologin denkt übrigens, dass es ausgemachter Blödsinn ist, gleich ‘ne Beziehung zu zwei Menschen aufbauen zu wollen. Sie denkt, dass ich momentan schon mit einem Menschen an meiner Seite überfordert wär‘. Nur, damit ihr gewarnt seid.“

„Du redest mit deiner Psychologin über uns?“, stieß Milena verblüfft klingend aus. „Über … eine … Beziehung?“

Er nickte: „Schlimm?“

„Nein.“ Ihr gehauchtes Lachen sandte einen kleinen Schauder über seinen Nacken, der Chris wohlig seufzend weiter in die Polster zurücksinken ließ. „Ganz und gar nicht.“

„Und ich glaub, wir wissen, wen wir uns da angelacht haben“, raunte Nik, fuhr ihm dabei durchs Haar. „Aber danke für die Warnung.“

Chris fühlte sich wohl und geborgen in ihren Armen, wusste, dass er ihnen mittlerweile wirklich alles anvertrauen konnte, ohne von ihnen für irgendetwas verurteilt zu werden.

„Vielleicht sollte ich in die Warnung integrieren, dass ich meinen Job verloren hab‘“, ergänzte er etwas kleinlauter als gewöhnlich. „Und damit wohl bald auch aus meiner Wohnung raus muss. Wenn ich zurück in Berlin bin, muss ich mich erstmal beim Amt melden und mir ein neues WG-Zimmer suchen … dann kann ich mich auch wieder bewerben, wenn’s mir hoffentlich bald bessergeht.“

Das schien die beiden nicht zu überraschen. Chris war klar, dass er dieses Thema schon ein, zwei Mal angeschnitten hatte. Dennoch war er verblüfft, wie gelassen Milena reagierte: „Das ist beschissen, aber … wir bekommen das hin, okay? Mach dir keine Sorgen!“

Chris atmete tief durch, sah die Chance auf eine Antwort endlich gekommen. Er versuchte, seinen schnellen Herzschlag unter Kontrolle zu bringen, scheiterte aber kläglich. „Gibt es das denn … dieses Wir? Ich meine, habt ihr … habt ihr eine Entscheidung getroffen? Ich würde verstehen, wenn ihr noch Zeit braucht, aber …“

Nik drückte erneut seine Hand, bedeutete ihm damit, innezuhalten und ihm zuzuhören. Er wurde von blauen Augen fixiert, die ihm Hoffnung machten. „Kannst du dich an die Nacht erinnern, in der wir die Regeln für … unsere, diese Sache aufgestellt haben?“

Chris nickte, ihm wurde merkwürdig heiß. Im Schein der beinahe untergegangenen Sonne war Niks Gesicht für ihn unleserlich. Was hatte dieser ernste Ton zu bedeuten?!

„Wenn das funktionieren soll zwischen uns …“, fuhr Milena für ihren Mann fort, „und wir wollen, dass es funktioniert, Chris – aber wir brauchen Regeln. Sicherheiten. Damit wir dir vertrauen können.“

„Alles!“

Nik schmunzelte, als Chris viel zu schnell in alle Eventualitäten einstimmte, blieb aber ernst: „Du wirst nie wieder Drogen anrühren, okay? Nie wieder.“

Chris nickte. Er brauchte keine Drogen, wenn er Nik und Milena bekommen würde.

„Und du wirst … ich meine, wir werden uns treu sein. Keine Seitensprünge, keine noch so kleine Aktion hinter unseren Rücken. Wir wollen deine absolute Ehrlichkeit.“

Chris nickte erneut. Er brauchte niemand anderen, wenn er Nik und Milena dafür bekommen würde.

„Du wirst dich an deinen Therapieplan halten und deine Medikamente regelmäßig nehmen. Damit es dir zumindest etwas besser geht … wir wollen einfach sehen, dass dir das ernst ist.“

Chris nickte auch ein drittes Mal. Es war ihm verdammt ernst. „Was noch?“

„Ich glaube, das reicht fürs Erste, findest du nicht?“ Milena drehte sich so, dass Chris zwischen ihren Beinen an ihrer Brust lehnte. Sie verschränkte ihre Finger in seinen, ließ zu, dass Chris den Kopf an ihre Schulter legte. Seine Beine lagen noch immer auf Niks Schoß, dessen warmer Blick auf ihnen lag. Er fühlte sich warm, geborgen. Früher hätte ihn diese Situation vielleicht unter Druck gesetzt. Aber nicht heute, nicht mehr. Er wollte diese beiden Menschen, nur diese beiden Menschen. So sehr, dass er, wenn sie es verlangen würden, das Ende der Welt für sie finden würde. „Wir lassen es langsam angehen, ja? Erstmal … erstmal wollen wir dich besser kennenlernen, wirklich kennenlernen. Vielleicht könnten wir uns auf Dates treffen, nochmal neu anfangen, uns anders kennenlernen. Eine Realität kennenlernen, die uns zeigt, wie unsere Zukunft aussehen könnte. Erstmal auch kein Sex. Das hat beim letzten Mal viel zu viel Raum eingenommen.“

Chris konnte sie verstehen, auch wenn ein Tropfen Wermut dabei war. Der Sex zwischen ihnen war immer fantastisch gewesen. Selbst das letzte Mal, als Milena ihm wahrscheinlich viel zu überstürzt und unüberlegt nachgegeben hatte. Wahrscheinlich bereute sie eben das. Nik damit hintergangen zu haben, musste schwerer auf ihrer Seele lasten, als er bisher angenommen hatte.

Er war vermutlich mies darin, den Freund zu geben, aber gut darin, ihnen im Bett zu zeigen, was sie ihm bedeuteten. Es schien allerdings nur gerecht, dass er da durchmusste. Schließlich war er nach allem, was geschehen war, über alle Maße glücklich, ihnen wenigstens wieder so nahe kommen zu dürfen.

Vorsichtig zog er Nik zu sich, packte seinen Hemdkragen, der unter dem Pulli hervorblitzte, küsste seine Lippen. Sicherer diesmal umfing er seine Schultern, hielt ihn so dich an sich und Milena gepresst, wie es ging. Er fühlte seine warme, feuchte Zunge an der Unterlippe, stöhnte heißer auf. Wenn die guten Vorsätze nicht gewesen wären, hätte er sich wohl hier und jetzt vergessen – aber er wollte, dass es funktionierte. Er wollte, dass Nik und Milena ihm so sehr vertrauten, wie er ihnen vertraute.

„Ich liebe euch“, flüsterte er an Niks Lippen, gerade so laut, dass auch Milena ihn verstehen konnte. „Und ich will diese verdammte Poly-Beziehung mit euch so sehr, dass ich alles für euch tun würde. Auch spießig werden. Ich werde versuchen, euch glücklich zu machen. Jeden Tag, an dem ihr mich lasst. Ihr seid die Einzigen für mich. Das wart ihr schon in der Nacht, als wir unser erstes Date – oder was auch immer das war – hatten. Ihr habt mich von Anfang an gehabt. Ich war nur zu dumm und zu feige, um das akzeptieren zu können. Dass ihr mein guter Einfluss seid, mein Grund nach vorn zu blicken und mich meinen inneren Dämonen zu stellen. Dass ihr mich nach allem trotzdem noch wollt …“ Er schluckte gegen den Widerstand in seiner Kehle an, der ihm das Atmen erschwerte. „Ich mach es wieder gut, ich versprech’s euch. Ich will mit euch zusammen sein.“

Nik lächelte: „Und ich mit euch …“

Milena stieß nur ein zustimmendes Brummen aus. Sie hatte ihr Gesicht in Chris‘ Locken vergraben, umfing ihn so fest, dass sie ihm die Brust abschnürte. Es störte ihn nicht. In diesen Momenten fühlte er sich vollkommen. Vollkommen mit der Gewissheit, dass er eine Chance bekommen hatte.

Dieses Mal würde er alles richtig machen.

„Hast du dir im Internet auch diese komischen Seiten zu Beziehungen zu dritt und Polyamorie durchgelesen?“ Milena klang amüsiert, aber durchaus neugierig. Sie ließ nicht erkennen, was sie von diesem Ausdruck hielt.

„Diese Eso-Sachen?“ Chris hob die Brauen, konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Was im Web alles zu offener Liebe und dem Finden des wahren Ichs zum Thema Polyamorie veröffentlicht wurde, konnte er persönlich nicht ganz für voll nehmen. Esoterik war eines der vorherrschenden Themen, wenn es um Liebe zwischen mehr als zwei Personen ging. Das, oder man landete auf irgendwelchen Swinger-Seiten. „Lass uns bitte einfach unser eigenes Ding machen. Ich brauch eure Sternzeichen nicht zu kennen, um zu wissen, dass es funktionieren kann.“

„Geht mir genauso.“ Milena schnaubte ein leises, warmes Lachen in sein Haar. „Aber ich mag den Ausdruck. Polyamorie. Liebe zu mehrt. Ich hätte nie geglaubt, zwei Menschen zur gleichen Zeit so sehr lieben zu können, wie euch. Ich weiß nicht, ob das unverschämtes Glück oder eine Zerreißprobe ist. Aber ich weiß, dass wir es schaffen können, wenn wir es wollen.“

Nik ließ sich jetzt endgültig auf Chris sinken, drückte die Nase in seine Halsbeuge, während er seine Finger mit Chris‘ und Milenas verschränkte. Die Sonne war mittlerweile untergangen, der Strand in eine bleigraue Dunkelheit getaucht. Chris schloss genüsslich die Augen.

„Und irgendwann zeigen wir dir die Welt.“

Sie lagen noch Stunden draußen am Meer, bis es Nacht wurde und sie von einem Platzwart weggeschickt wurden. Auf dem Weg zurück in die Klinik wurde Chris bewusst, dass die nächsten zwei Wochen ohne sie wohl verdammt hart werden würden. Als sie aber vor dem Auto des Paars standen, folgte noch kein Abschied. Milena und Nik bestanden darauf, ihn in sein Zimmer zu bringen, um ihn nicht allein in der Nacht stehen zu lassen.

Jetzt lagen sie hier, auf dem großen Bett, teilten lange Küsse und sanfte Berührungen, ohne es wirklich eilig zu haben. Da war keine Gier in ihren Zärtlichkeiten, keine Hintergedanken. Sie teilten ihre Wärme, ihre Sicherheit.

Auch, wenn sie noch immer ihre dicken Pullis trugen, gerade dachte niemand von ihnen daran, zurück nach Berlin zu fahren. Chris spürte den gleichmäßigen Atem von Nik in seinem Nacken, der vermutlich längst eingeschlafen war, während Milena auf seiner anderen Seite lag und ihm stumm in die Augen sah.

„Wann musst du morgen in Berlin sein?“

Sie atmete tief aus, kramte ihr Handy aus der Tasche am Fußende des Betts und wählte eine Nummer. Chris hörte ihr staunend dabei zu, wie sie ganz offenbar auf eine Mailbox sprach, nachdem – um diese Uhrzeit nicht verwunderlich – eine ganze Weile lang das Freizeichen erklungen war: „Hallo, hier ist Milena. Ich wollte rechtzeitig Bescheid geben, dass ich morgen Früh nicht kommen kann und wohl erst zur Kostümprobe am Nachmittag in der Compagnie sein werde. Ein familiärer Notfall, tut mir wirklich leid. Ich melde mich morgen noch mal. Bis dann.“

Mit einem schmalen Grinsen legte sie ihr Handy beiseite und rückte näher an Chris, der sein Glück nicht fassen konnte. Hieß das, sie würden über Nacht bleiben?! Durften sie das überhaupt? Chris schüttelte den Kopf. Das prüfte hier ohnehin niemand nach. Betrunken vor Freude setzte er ihr einen Kuss auf die Stirn: „Danke.“

„Wir hätten wirklich früher kommen sollen“, entgegnete sie etwas geknickt. „Aber wir hatten neben dem Fakt, dass wir wirklich kaum Zeit hatten, auch Angst, dass wir dich ablenken könnten. Und du das Ziel aus den Augen verlierst. Du solltest das hier nicht für uns tun, sondern, weil du … am Leben bleiben willst. So, wie es aussieht, haben wir dich aber hoffnungslos unterschätzt. Du siehst so viel besser und gesünder aus, Chris. Du kannst stolz auf dich sein. Ich bin auf jeden Fall verdammt stolz auf dich.“

Im Schlaf drängelte Nik sich näher an Chris, als Milena endete. Er bemerkte, wie ihre Lider immer schwerer zu werden schienen. Immer wieder fielen ihre Augen zu, auch, wenn sie tapfer dagegen ankämpfte. Chris lächelte und breitete die Zudecke über ihre Körper aus, ehe er ihr einen letzten Kuss auf die Lippen setzte: „Ich liebe euch. Und du hast Recht. Ich tu das hier für mich.“

Es stimmte. Nachdem er jahrelang geglaubt hatte, seinem freien Willen nachzugehen und alles zu tun, was er wollte, worauf er Lust hatte, tat er zum ersten Mal in seinem Leben das, was wirklich gut und richtig für ihn war. Er baute sich ein Leben auf, das er mit den Menschen teilen konnte, die es komplettierten – und erst wirklich lebenswert machten.
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