Mein eigenes Berlin

von Riniell
GeschichteRomanze, Angst / P18 Slash
20.05.2017
13.09.2019
36
193829
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Woanders

Es regnete, wie so oft in den letzten Tagen. Der Niederschlag prasselte auf das geflochtene Dach des Strandkorbs herunter, färbte den hellen Sand dunkel. Der weite Strand war durchzogen von Dünengras, das sich im Wind beugte. In kleinen Büscheln wuchs es bis fast an das Meer heran, welches sich schäumend und vom Regen gepeitscht immer wieder träge über den Sand schob.

Chris schlang die Arme fester um seine Beine und bettete das Kinn auf den Knien. Sein Blick hing am grauen Horizont, an dem sich die Wolken türmten. Es wurde zuckend hell hinter der bedrohlich aufgebauschten Fassade des Unwetters, dann grollte ein Donnern über das Meer. Chris bekam vom Gewittertreiben hier am Strand nur wenig mit. Es war wie ein Schauspiel, das er aus sicherer Entfernung, hier in seinem Strandkorb, beobachtete.

Es war der zweite Sonntag nach seiner Ankunft an der Ostsee. Er hatte den gesamten Tag über frei, konnte quasi tun, was er wollte, so lange er den Therapieplan nicht riskierte oder wieder rückfällig wurde. Wie an jedem freien Tag war er hier am Strand, doch im Gegensatz zu sonst, war er hier völlig allein. Normalerweise konnte er Anwohner, Urlauber oder Patienten der Klinik am Strand beobachten. Beim Schwimmen, Beachvolleyballspielen oder wie sie ihre Hunde am Meer ausführten. Dann war es nicht ganz so schlimm. Dann fand er Ablenkung. Heute aber – heute war einer der härtesten Tage, seit er hier war.

Die Zeit in der Therapie verlief sonst meist kurzweilig. Sein Interventionsplan war straff. Neben Untersuchungen bei Ärzten, regelmäßigen Bluttests und Gesprächen mit einer Psychologin standen auch Kurse für Ernährung, Sport, Eigenhilfe, Angstüberwindung, Selbstmanagement und Suchtaufklärung an. Er wurde in eine neue cART eingeführt, was bedeutete, dass er auf andere Medikamente eingestellt wurde, die in Verbindung miteinander garantieren sollten, dass der HI-Virus nicht so schnell Resistenzen gegen die Wirkstoffe entwickelte. In der Klinik bestanden dabei viele Vorteile für die Überwachung des Therapieplans. Neben der Abstimmung mit den Antibiotika, die er wegen der Syphilis hatte einnehmen müssen, konnten die Nebenwirkungen auch besser abgeschätzt und rechtzeitig interveniert werden.

Die Entwöhnung der BTM und Rauschmittel ging Hand in Hand damit einher. Seine Psychologin hatte ihm erklärt, weshalb ihm gerade dieser Punkt in der Reha leichtfiel. Es musste daran liegen, dass die Drogen immer eine Art Fenster in eine zweite, irreale Welt gewesen waren. Durch sie hatte er eine Möglichkeit gesehen, seine Krankheit auszuspielen und selbst ein wenig Kontrolle über sein Leben zu erhaschen. Dass er dadurch nur mehr Kontrolle einbüßte, stand auf einem anderen Blatt. Wenn er sich nun aber hier in der Reha mit den Wurzeln des Übels beschäftigte, da wurde ihm wohl offensichtlich, dass er dieses Fenster in diese zweite Realität nicht mehr brauchte. Der Trugschluss wurde aufgelöst. Die erste und echte Realität war so nah an ihm, dass er sich nichts mehr vormachen konnte oder wollte. Hinzu kam, dass er so weit weg von Berlin, das er mit Drogen und langen Partynächten verband, keine gesteigerten Reizimpulse wahrnahm.

Seine Psychologin warnte ihn aber davor, diese selbstgezimmerte Abhängigkeit von Anderswelten und Drogenillusionen als überwunden zu betrachten. Die richtige Entwöhnung würde zurück in der Hauptstadt beginnen.

Chris hatte die Klinik und das Personal durchaus zu schätzen gelernt. So, wie auch seine Psychologin es tat, wurde ihm das merkwürdig gute Gefühl vermittelt, dass er sich hier einmal richtig selbst kennenlernen konnte. Die Einrichtung war nicht annähernd so verstaubt, wie die, in der er letztes Jahr in Brandenburg gewesen war. Er könnte sich durchaus den Umständen entsprechend wohl fühlen. Es fiel ihm nicht schwer, Bekanntschaften zu schließen, wenn sie auch nur oberflächlich blieben. Da war Ulli, ein Rentner mit Verschleißerscheinungen in den Gelenken, der aus dem Umland in die Klinik gekommen und ebenso wenig von den Sportstunden begeistert wie Chris war. Oder Inga, die Probleme mit dem Nackenwirbel hatte und beim Essen meistens bei ihm saß. Ihre Kinder kamen über die Wochenenden meist hierher und verbrachten Zeit mit ihrer Mutter im Eiskaffee oder am Strand. Es gab auch jüngere Patienten, die meist im Fachbereich der Infektions- beziehungsweise Immunsystemerkrankungen untergebracht waren. Diese aber versuchte Chris zu meiden. Er wollte nicht ständig dieses unangenehme Gefühl haben, in einen Spiegel zu schauen. Denn dieses Bild im Spiegel war meist ganz ohne Wohlgefallen. Er war nicht der Einzige in der Klinik, dem es körperlich und psychisch schlecht ging. Einigen der Patienten sah man regelrecht an, wie sie aus dem Leben schwanden. Chris ertrug es nicht, in ihrer Nähe zu sein, und bekam langsam ein Gefühl dafür, wie sich Nik und Milena in seiner Umgebung fühlen mussten.

Ob das der Grund dafür war, dass sie sich bisher noch nicht einmal hier hatten blicken lassen?

Chris litt. Er hatte sie jetzt schon zwei Wochen lang nicht gesehen, konnte viel zu selten mit ihnen telefonieren. Ihre Gespräche waren dann meistens verkrampft und machten es für Chris noch schlimmer. Milenas und Niks Stimmen zu hören, sie aber nicht berühren zu können, steigerte nur seine Sehnsucht. Er vermisste das Paar mehr als alles andere in Berlin. Er konnte nachts nicht einschlafen und wenn, dann träumte er davon, ihnen endlich wieder zu begegnen. Oft aber verliefen diese Wiedersehen alles andere als gut. Er fürchtete sich vor Zurückweisung. So sehr, dass er sich nicht einmal traute zu fragen, ob oder wann sie ihn endlich besuchen kamen. Immerhin hatten sie es ihm versprochen.

Chris atmete tief durch, mahnte sich zur Ruhe. Er sollte sich keine Gedanken machen. Er wusste doch, dass Milena quasi Tag und Nacht in ihrer Compagnie eingebunden war. Wie sollte sie es bewerkstelligen, an die Ostsee zu fahren, wenn sie nur etwa zwei Abende in der Woche frei hatte und selbst am Wochenende beschäftigt war? Nik dagegen war in dieser Woche an seinen freien Tagen bei seiner Tochter in Konstanz gewesen. Wie konnte er es ihnen übelnehmen, wenn sie keine Zeit übrighatten, einfach mal für einen Tag von ihren Pflichten auszubrechen? Ihm war schon vor dem Antritt der Kur klargewesen, dass es schwierig werden würde.

Aber wie hätte er ahnen können, dass es wirklich so schwierig werden würde?

Er befürchtete jeden Tag, dass sie sich gegen ihn entscheiden würden. Was, wenn sie feststellten, dass es ihnen zu viel wurde? Dass sie die Bürde von Chris‘ Krankheit doch nicht tragen konnten?

Sie waren beide negativ auf HIV und Syphilis getestet worden. Chris war nicht überrascht, schließlich war er unglaublich vorsichtig gewesen. Trotzdem fühlte er Erleichterung. Unendliche Erleichterung.

Und er hinterfragte alles. Wieder und wieder.

Warum sollte er plötzlich dieses Risiko, er könnte sie anstecken, in Kauf nehmen? Warum wollte er plötzlich diese Beziehung? Vor anderthalb Jahren hatte er sich doch dagegen entschieden.

Um ihretwillen.

Und aus Angst. Angst und unsäglicher Scham.

Diese Empfindungen hatten ihn doch erst dazu getrieben, sie anzulügen. Sie hatten sein Handeln beeinflusst. Vielleicht wäre es nun ein Fehler, diesen Gefühlen erneut nachzugeben?

Durch Milenas Annäherung sah er doch, dass seine Entscheidung für sie und Nik doch nicht die beste Wahl gewesen war. Damit hatte er nur weiteres Leid heraufbeschworen. Er war vor seiner Verantwortung geflohen, hatte beide mit ihrer Angst vor einer Ansteckung im Stich gelassen.

Was blieb, war der Fehler, ihnen von seiner Infektion nicht bereits ganz am Anfang erzählt zu haben. Angst vor Zurückweisung und Scham hatten ihn gelähmt und er hatte es zugelassen, dass sie sein Handeln kontrollierten.

Alles, was er nun konnte, war diesen Fehler wiedergutzumachen. Und ihnen die Entscheidung zu überlassen, ob und wie er wieder in ihr Leben zurückkehren durfte.

Still fragte er sich, wie es weitergehen sollte. Allein die Zeit, die er noch hier verbringen musste – beinahe drei Wochen – erschien ihm unendlich. Und doch würde sie viel zu schnell vergehen und ihn vor die Frage stellen, wie sein Leben verlaufen würde, wenn er zurück in Berlin, zurück im Alltag, angekommen war.

Tom hatte ihn gestern per Mail darüber informiert, dass er die Kündigung abgeschickt hatte. Sophie, die während seiner Abwesenheit seine Post verwaltete, hatte ihn abends völlig aufgelöst angerufen und von ihrem Fund im Briefkasten berichtet. Chris aber hatte mit diesem Schritt längst gerechnet und auch seelenruhig beim Amt in Berlin angerufen, um seine Situation zu erläutern. Er stritt nicht ab, dass die Kündigung ungerechtfertigt war, erreichte einen Aufschub, was die Arbeitslosenmeldung anbelangte. Er hatte einiges zwecks Krankmeldung und Kündigunsfrist organisieren müssen, Bürokratie am Strand sozusagen. Er sollte im Wissen darüber, bald nur noch Arbeitslosengeld zu bekommen und wohl auch aus seiner Wohnung zu fliegen, verzweifelt sein. Doch ihm fehlte schlichtweg die Kraft dazu. Er hatte keine Energie mehr übrig, sich tatsächlich noch mehr Gedanken über seine Zukunft zu machen, als jetzt schon. Er war hier Tag für Tag damit beschäftigt, sich mit seiner Krankheit, den Depressionen und der Sehnsucht nach Milena und Nik auseinanderzusetzten. Es blieb kein Platz für noch mehr. Er fühlte sich beinahe ausgebrannt. Zugleich aber erwischte er sich dabei, dass es ihn kaum noch kümmerte, ob er bei Tom angestellt war oder nicht. Er hatte diesem Bastard ohnehin nichts mehr zu sagen.

Dann würde er sich eben ein WG-Zimmer suchen, dass er auch mit Arbeitslosengeld würde stemmen können. Bis dahin würde ihm schon etwas einfallen. Und irgendwann könnte er natürlich auch wieder ganz normal arbeiten, dafür sollte diese Kur schließlich sorgen.

Immerhin blieb ihm noch etwas Schonfrist.

Der Abstand zu Berlin ließ ihn dieses Problem vielleicht etwas zu leichtnehmen. Aber, wenn er ehrlich zu sich selbst war, dann tat ihm dieser Abstand gut.

Er hatte vor knapp zwei Wochen das erste Mal das Meer gesehen. Es erinnerte ihn an Nik. Der Geruch nach Salz, der Geschmack auf seinen Lippen und diese unverwechselbare Brise.

Gerade wurde seine Sehnsucht nach ihm so groß, dass er ihn am liebsten angerufen und ungehalten an sein verdammtes Versprechen erinnert hätte. Doch zwang er sich, diesem Vorhaben einen Riegel vorzuschieben. Er wollte keine Last für die beiden darstellen. Er wollte sie nicht zu irgendetwas verpflichten und sie durch schlechtes Gewissen beeinflussen. Er wollte allein klarkommen können, wollte ihnen beweisen, dass sie ihm alles bedeuteten.

Aber, fuck, das war härter als er sich das je hätte vorstellen können.



Kampf gegen sich selbst

Das Muskelaufbautraining war der wohl härteste Part für Chris. Jahrelanges Rauchen, Drogen, schlechte Ernährung, Alkohol und schlaflose Nächte forderten ihren Tribut. Auf dem Laufband hielt er keine zwanzig Minuten durch, ohne in sich zusammenzuklappen wie eine verdammte Wäscheklammer.

Chris lachte, als er Ulli neben sich fluchen hörte. Etwas verzweifelt stand der beinahe siebzig Jahre alte Herr neben ihm auf dem Crosstrainer und starrte auf das Bedienerdisplay. Statt einen Therapeuten von der Trainingsfläche zu rufen, beugte Chris sich zu ihm herüber. Flink drückte er auf ein paar Knöpfe, stellte den richtigen Modus für Ulli ein, den Chris mittlerweile schon in- und auswendig kannte. Der Rentner sah Chris dankend an, ehe er sein Training fortsetzte.

Chris allerding stieg vom Laufband und griff sich sein Handtuch, um sich damit die Stirn zu trocknen, als er Anne über die Fläche kommen sah. Die junge Trainingstherapeutin hatte wie immer einen so beschwingten Schritt, dass ihr Pferdeschwanz hin und her wedelte. Sie lächelte und umfing das Klemmbrett fester, als sie seinen Blick traf.

„Hey, Chris“, grüßte sie ihn und hielt abrupt vor ihm an. „Wie geht’s dir heute?“

„Gut“, antwortete er ganz automatisiert und wurde sich Ullis wissendem Blick in seinem Rücken bewusst. Anne aber lächelte: „Kommst du mit zum Termin?“

Chris nickte und folgte ihr von der Trainingsfläche über die Flure der Klinik, bis sie an eines der Einzeltherapiezimmer kamen. Anne schloss auf und bat ihn herein. Sie kamen in einen hellen Raum, der mit einer Aussicht auf das Meer überzeugte. Vor den Fenstern war ein doppelter Barren über Sportmatten aufgebaut. Eine Seite des Zimmers war mit einer Sprossenleiter ausgekleidet, an der gegenüberliegenden Wand war eine Messvorrichtung angebracht. Daneben stand die Waage, die Chris mittlerweile ein ganz klein wenig verachtete.

Das bewahrte ihn aber nicht davor, von seiner Trainerin eben darauf geschickt zu werden. Widerwillig schmiss er sein Handtuch auf die Ablage und stellte sich auf die Waage, die nach kurzem Zögern sein aktuelles Gewicht ausspuckte. Anne schnalzte anerkennend mit der Zunge: „Mehr als drei Kilo plus. Sehr gut, Chris. Du machst wirklich Fortschritte!“

Er konnte ihre Euphorie nicht ganz teilen. Ja, vielleicht machte er Fortschritte, was die Drogenentwöhnung anging. Er war nie wirklich abhängig von einer Substanz gewesen, das war bei ihm schon immer eine eher psychische Sache gewesen. Nebenwirkungen hatte er von der neueingestellten cART-Therapie nur sehr wenige. Ob die neue Medikamentenkombination dafür auch anschlug, konnte noch nicht genau gesagt werden. Aber Chris war dankbar dafür, dass er mittlerweile auch wirklich viel essen konnte und abgesehen von dem quälenden Liebeskummer tatsächlich auch Schlaf fand. Nur eine Sache nervte ihn: „Drei Kilo in drei Wochen? Klingt nicht gerade nach viel. Vielleicht sollte ich den Sport lieber lassen…“

„Netter Versuch“, meinte Anne skeptisch und notierte sich den neuen Wert auf ihrem Klemmbrett. „Das Training hilft dir, Substanz aufzubauen. Nur Fettgewebe hilft dir kaum. Außerdem erhältst du dadurch ein besseres Körpergefühl. Geht es dir damit nicht schon besser?“

„Ich wüsste nicht, was es mir bringt, mich von ein paar Geräten foltern zu lassen.“ Chris verschränkte trotzig die Arme und registrierte das amüsierte Funkeln in Annes Augen. Sie wusste genauso gut, wie er, welche Diskussion er hier vom Zaun brach. Denn genau dasselbe hatte er letzte Woche auch schon zu ihr gesagt. Und die Woche davor. „Ich bin Kellner. Hab‘ schon ein gutes Körpergefühl.“

Anne schnaubte und tippte vielsagend auf ihr Klemmbrett: „Naja, also die Testergebnisse des Muskelchecks haben ergeben, dass du höchstens links ausgeprägte Muskeln besitzt. Und selbst die sind … naja, im Vergleich zu meiner kleinen Schwester hättest du vielleicht – ganz vielleicht – einen kleinen Vorteil beim Armdrücken.“

„Haha!“ Chris verdrehte die Augen. Dieser Seitenhieb war neu. Dabei war er auf das Argument mit den unterschiedlich ausgeprägten Muskelsträngen eigentlich vorbereitet. Links waren sie deshalb stärker ausgebildet, weil er auf dieser Hand die Tabletts durch Restaurants und Festsäle trug. „Bin gern bereit, mich dieser Challenge mal zu stellen. Der Schein trügt nämlich oft, musst du wissen.“

„Was du nicht sagst.“ Anne hob eine Braue, dann schlich sich ein beinahe schüchternes Lächeln auf ihre Lippen: „Du bist am Wochenende herzlich zu uns eingeladen, um mich vom Gegenteil zu überzeugen.“

Nun war es an Chris, die Brauen zu heben. Das harmlose Flirten zwischen ihnen war bis zu einem gewissen Punkt okay, aber gerade zuckte nur das Bild von Milena und Nik vor seinem inneren Auge auf. Früher hätte er ohne jede Hemmung zugestimmt, schließlich war ihm das gewisse Interesse von Anne an ihm schon hin und wieder aufgefallen. Jetzt aber wirkte dieses Angebot wie eine weitere Versuchung, die er ablehnen sollte, wenn er am Ende der Kur noch in den Spiegel schauen wollte.

„Ich bewahre dich mal lieber vor Ärger mit deinem Boss“, entgegnete er mit einem Zwinkern, das Anne mit einem verständigen Lächeln aufnahm. „Außerdem kann ich gar nicht. Bekomm Besuch am Wochenende.“

„Wirklich?“ Anne schaffte es trotz der kleinen Abfuhr, tatsächlich erfreut zu wirken. „Endlich! Das wird auch Zeit!“

„Ja ...“ Chris lächelte, wurde sich bewusst, dass er selbst schon die Tage zählte, bis endlich Samstag wurde. „Es wird verdammt nochmal Zeit!“



Mon Cher

Es war der dritte Samstag in der Klinik und Chris konnte kaum erwarten, seinen Besuch endlich in die Arme zu schließen. Sophie lachte laut, als sie die Tür ihres alten Mazdas zuschlug, und quer über den Parkplatz rannte, um zu ihm aufzuschließen. Ihre Umarmung war stürmisch, fest, warm.

Ganz bewusst wurde ihm in diesem Moment, wie sehr er sie verdammt nochmal vermisst hatte. Er brauchte seine Freundin als Stütze und Seelenfutter, als Schwester und Partner in Crime. Er konnte ihr alles anvertrauen, würde niemals für irgendetwas wirklich von ihr verurteilt werden. Und wenn, dann um ihm den Kopf geradezurücken. Er war ihr für so vieles dankbar. Vor allem war er dankbar, sie endlich wieder zu sehen.

„Mon cher!“, hauchte Sophie an sein Ohr. „Du siehst gut aus! Hast du zugenommen?“

„Fast dreieinhalb Kilo!“ Er löste sich von ihr, griff dann ihre Hand und zog sie in den großen, gläsernen Eingangsbereich der Klinik, hinter dem sich der repräsentative Empfang erstreckte. Hier musste er bei der Verwaltung Sophie als Besuch anmelden, ehe er sie in den Wohnblock führen konnte.

Bereits auf dem Weg dorthin konnte seine beste Freundin nicht an sich halten: „Sind alle nett zu dir oder muss ich jemanden verprügeln?“

Chris schüttelte den Kopf und war sich sehr wohl bewusst darüber, dass sie das trotz des spaßigen Untertons bitter ernst meinte. Sophie würde alles für ihn tun und das, ohne jemals groß nachzuhaken. „Soweit alle lieb, also schalt mal ‘nen Gang runter!“

Als Chris sie auf sein Stockwerk geführt hatte, mit seinem Chip-Schlüssel die Tür in sein privates Zimmer öffnete und sie hereinbat, staunte die Französin nicht schlecht: „Das ist ja besser als im Hotel!“

Chris hatte noch nie in einem Hotel übernachtet, musste ihr aber wenigstens in dem Punkt zustimmen, dass er sich hier durchaus entspannen konnte. Bedingt zumindest. Denn eines beschäftigte ihn so gut wie jede Minute, die er hier war: „Wie läuft’s in Berlin?“

Sophie warf ihm ein knappes Lächeln zu, ehe sie ans Fenster trat und die Gardinen zurückzog. Für einige Momente war der Ausblick über die flache, grüne Ebene vor der Klinik, rund um den Ort Holm, das einzige, was sie zu beschäftigen schien. Dann drehte sie sich um, ging irgendwie steif herüber zu der Sitzecke. Mit einem gequälten Gesichtsausdruck ließ sie sich auf einen der Stühle sinken, räusperte sich und faltete dann die Hände auf der Tischplatte: „Hast du was zu trinken da?“

Die Brauen zusammenziehend entgegnete Chris etwas irritiert: „Warmes oder kaltes Leitungswasser?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, holte er ein Glas aus der Anrichte neben der Sitzecke und verschwand damit kurz ins Bad. Als er zurückkam, saß Sophie unverändert am Tisch und musterte ihn beinahe … reuevoll. Er reichte ihr das Glas: „Hast du was ausgefressen?“

Sie blinzelte, wirkte fast ertappt: „Wie kommst du denn darauf?“

Chris kannte sie jetzt schon seit sieben Jahren, in denen sie beinahe alles zusammen getan und durchlebt hatten. Er wusste, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte. War es wegen der Kündigung, die Tom ihm so hinterfotzig vor den Latz geknallt hatte? Hatte sie sich endlich von ihm getrennt?

„Was ist los?“

„Nichts …“ Sophie zuckte die Achseln, trank zu schnell zu viel Wasser. Sie verschluckte sich, hustete und betrachtete Chris dabei, wie er sich ihr gegenüber auf den Stuhl setzte. „Es … es ist gerade etwas stressig in der Firma. Viele Frühsommerhochzeiten. Tom ist sehr … angespannt und viel beschäftigt. Ich glaub, er bereut es schon, dich gekündigt zu haben. Vielleicht …“

„Nein!“ Chris schüttelte den Kopf. „Ich kriech nicht zu diesem Bastard zurück! Kann er voll vergessen!“

„Aber …“ Sie wirkte jetzt wirklich aufgebracht, fast aufgelöst. Dabei war sie gerade erst angekommen. „Chris, ich will dir keinen Druck machen, aber du hängst mit der Miete jetzt schon mehr als zwei Monate zurück. Ich hab‘ versucht, mit Tom zu reden, aber …“

„Sophie, lass gut sein. Ich komm schon klar.“ Er schnaubte. „Du weißt doch, wie er ist. Je mehr gerade du versuchst, ihn irgendwie zum Einlenken zu bringen, desto mehr macht er dicht. Er hasst mich! Ich hab‘ nicht vor, in der Wohnung zu bleiben. Sobald ich hier raus bin, such ich mir ein neues WG-Zimmer und einen Job. Das wird schneller klappen, als du glaubst.“

Sophie wirkte nicht überzeugt: „Vor ein paar Wochen hat sich das noch ganz anders angehört.“

„Vor ein paar Wochen …“ Bitterkeit stieg in ihm auf, als er daran zurückdachte, wie er geglaubt hatte, dass Tom und dieser verfickte Job der letzte Strohhalm in seinem Leben gewesen waren, an den er sich klammern konnte. „Jetzt ist es eben anders. Ich bin nicht drauf angewiesen, von Tom irgendeine Gnadenfrist zu bekommen. Ich schaff das ganz alleine.“

„Und siehst du das noch genauso, wenn du hier draußen bist?“

Chris schluckte: „Sollte ich nicht?“

„Doch, unbedingt! Ich habe nur Angst, dass …“ Mit nervösen Fingern spielte Sophie an dem Glas herum, wich seinem Blick aus. „Ich weiß, für wen du das tust. Dich so stark zu stellen, obwohl du es wahrscheinlich gar nicht bist. Ich will nicht, dass du dich übernimmst. Nimm kleine Schritte, einer nach dem anderen, Chéri.“

Chris pinnte den Blick auf die Tischplatte. „Sie waren bis jetzt noch nicht einmal hier, Sophie.“

„Ich weiß“, entgegnete sie gepresst. „Du sagst es mir jeden Tag am Telefon. Ich weiß, wie sehr du sie liebst … ich weiß, wie gut sie dir tun. Und ich weiß doch, dass du ihnen gefallen möchtest. Aber … du musst jetzt vor allem an dich denken, verstehst du? Du darfst dir hier keine Luftschlösser aufbauen, die zusammenbrechen, sobald du entlassen wirst und zurück nach Berlin kommst.“

Chris wusste, was sie ihm sagen wollte. Was sie ihm während ihrer täglichen Telefonate nie hatte sagen können, aber seit seiner Ankunft in der Klinik zwischen ihnen stand wie eine dritte Person. Sophie befürchtete, dass Chris alles auf eine Karte setzte. Dass er alles darauf baute, dass er wieder eine Chance bei Milena und Nik bekam. Dass er wieder mit ihnen zusammen sein konnte, egal, wie. Er hatte Sophie schließlich schon oft genug gesagt, dass er das alles hier nur für die beiden tat. Um ihnen etwas zu beweisen. Das trieb ihn jeden Tag an, das Richtige – diese Kur hier – zu tun und durchzustehen. Er wusste, das Motiv war vielleicht nicht das beste. Aber … das war doch egal, oder? Er tat ja alles, was die Ärzte und Therapeuten von ihm verlangten. Er machte Fortschritte. Sophie hatte nur Bedenken, was passieren würde, wenn das Paar doch keinen Weg zurück zu ihm fand.

Chris konnte es nicht sagen.

Allein diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen, erschien ihm unmöglich. Diese Vorstellung war mit zu viel Schmerz verbunden, als dass er sich ihr wirklich stellen wollte. Dabei war ihm klar, dass die Chance auf ein solches Ende gar nicht mal so abwegig war. Nach allem, was geschehen war, würde er es ihnen nicht verdenken können, wenn sie kein Vertrauen zu ihm aufbauen könnten. Selbst nach der Nacht mit Milena war ihm eigentlich nicht bewusst, was die beiden für ihn empfanden. Er hatte nicht vergessen, wie zurückhaltend Milena sich plötzlich gegeben hatte, sobald sie wieder bei Nik gewesen war. Niemand könnte ihr das vorhalten. Aber es tat trotzdem beschissen weh.

„Ich komm klar, Sophie.“ Damit schnitt er dieses Thema ab und hoffte, sie würde verstehen, dass er nicht mehr weiter darüber reden wollte. „Mach dir keine Sorgen. Weißt ja, Unkraut vergeht nicht.“

„Okay.“ Sie versuchte sich an einem Lächeln: „Du siehst wirklich schon besser aus. Fast wie ein lebendiger Mensch.“

„Sehr charmant, wie immer, Sophie.“ Er erwiderte ihr Lächeln, sah das herausfordernde Glitzern in ihren Augen und fühlte sich geborgen, so, als wäre ein Stück Zuhause zu ihm gekommen. Wenn es eine Person auf der Welt gab, die ihn verstand, dann war das Sophie. „Spätestens jetzt bin ich richtig froh, dass du gekommen bist.“

Gegen den Schmerz

Der feuchte Sand gab kaum unter seinen Füßen nach, wurde härter, je schneller er rannte. Seine Waden brannten, sein Herz rebellierte. Immer wieder zog sich seine Lunge schmerzhaft zusammen, ließ seine Seiten brennen. Chris lief gegen den Schmerz an, zählte die Wellen, an denen er vorbeikam, ohne die weißschäumende Gischt zu berühren.

Sein Atem ging laut, wurde vom Wind verschluckt. Er beschleunigte seine Schritte, konnte nicht schnell genug rennen, um den quälenden Gedanken zu entkommen.

Der Frühsportkurs war wie jeden Tag gut besucht. Die Patienten schätzten den direkten Einstieg in den Klinikalltag, fanden hier den Kontakt zu anderen Menschen, der ihnen die Therapie erleichtern konnten. Chris war erst zum vierten Mal dabei, konnte dem Sport eigentlich nicht viel abgewinnen. Nur dieses Abschalten, das tat verdammt gut.

„Chris!“, erklang es neben ihm. Anne schloss zu ihm auf, lief nun mit ihm an der Spitze der Gruppe. Sie deutete auf die eiserne Treppe eines Aussichtsstegs, der weit hinaus aufs Meer führte. Touristen und Spaziergänger tummelten sich sowohl auf den Planken der Aussichtsplattform wie auch im Schatten darunter. Ihre gewöhnliche Route führte unter dem Steg hindurch, aber Anne schien etwas anderes im Kopf zu haben: „Über die Treppen?“

Chris musterte die steile und verdammt hohe Treppe skeptisch, nickte aber. Sportliche Herausforderungen? Nach dreieinhalb Wochen Folter und Nötigung im Gym – kein Problem!

Gemeinsam nahmen sie die ersten Stufen, schlängelten sich vorbei an Touristengruppen und brachten das Eisen unter ihren Füßen zum Klingen. Die Treppe nahm ihm die Geschwindigkeit, dafür stieg die Anstrengung. Als sie die erste Plattform erreichten, stöhnte Chris auf. Ein züngelnder, stechender Schmerz breitete sich in seiner Wade aus, der jeden weiteren Schritt unmöglich machte.

Fluchend hielt er inne, schnappte nach Luft. Er klammerte sich an das Geländer, konnte nicht anders als sich auf den Schmerz zu fokussieren, der ihn fast in die Knie zwang.

„Ein Krampf?“ Anne war erneut an seiner Seite, wartete sein Nicken nicht ab, ehe sie sich bückte, sein Bein betrachtete und ihm schließlich bedeutete, sich zu setzen. Widerwillig kam er ihrer Aufforderung nach, fing einige mittleidige Blicke von Passanten auf, die sich auf den Stufen an ihnen vorbeidrücken mussten.

Anne aber störte sich nicht an der unfreiwillig generierten Aufmerksamkeit. Sie hob sein Bein an der Ferse an und überdehnte die Fußspitze, was Chris gepeinigt die Zähne zusammenbeißen ließ: „Fuck!“

„Du musst es auch immer übertreiben!“ Anne schüttelte den Kopf, gab dem kleinen Krampf nicht so viel Aufmerksamkeit wie sie in ihrer Position als Therapeutin vielleicht sollte. „Langsam solltest du deine Grenzen kennen!“

„Das war doch deine bescheuerte Idee!“, verteidigte Chris sich und biss sich auf die Lippen, als sie die Fußspitze weiter überstreckte.

„Hättest auch Nein sagen können“, konterte Anne streng. „Wem willst du hier eigentlich was beweisen? Du bist schon wieder gerannt wie der letzte Irre!“

Chris schnaubte und stellte deprimiert fest, dass Anne nicht halb so sehr aus der Puste zu sein schien wie er, wenn sie jetzt einmal mehr eine Grundsatzdiskussion vom Zaun brechen konnte. Er wusste natürlich, für wen er das hier alles tat. Er wusste, wem er beweisen wollte, dass er es schaffen konnte, wenn er wollte. Aber das ging Anne nichts an.

„Ich dachte, wo ich jetzt schon so lange clean bin, dann kann ich ja mal was versuchen …“

„Lange clean?“ Anne schüttelte ungläubig den Kopf und ließ sein Bein sinken. „Das waren gerade mal ein paar Wochen, Chris. Der wahre Kampf beginnt danach. Verwende deine Kraft lieber darauf, okay?“

Chris nickte, rieb sich ermattet über die noch immer ziepende Stelle an seinem Bein. Es kostete ihn bereits jetzt alles, nicht einfach hinzuschmeißen. Er kämpfte jeden Tag mit sich, die Klinik nicht einfach zu verlassen. Dabei wusste er, dass es hier, in der isolierten Sicherheit, sogar noch leichter war als in Berlin. In Berlin warteten seine Sorgen und Probleme, die er hier aus weiter Entfernung nur ab und an wirklich, in ganz kleinen Dosen, an sich heranließ. Wie oft hatte er schon fast der Versuchung nachgegeben, seine Sachen zu packen und sich in den nächsten Zug zu setzen? Er gab sich der Illusion hin, dass es ihm besserging und dass er die restliche Zeit in der Kur schon nicht brauchen würde, um da draußen wirklich klarzukommen. Wie sollte es erst werden, wenn er zurück in Berlin war und quasi Tür an Tür mit den Versuchungen lebte?

Einige der jüngeren Patienten fuhren an den Wochenenden nach Kiel, wo sie ausgingen und, wie Chris wusste, sich auch den ein oder anderen Zug, Schlug oder eine Bahn in irgendwelchen Clubs gönnten. Er war schon oft gefragt worden, ob er nicht einfach mitkommen wollte. Sich eine Pause von der Pause gönnen.

Aber Chris wollte stark sein.

Anne half ihm zurück auf die Beine: „Geht’s wieder?“

Er nickte. „Ich glaub, ich geh lieber wieder zurück in die Klinik.“

„Mhm, gute Idee.“ Sie berührte seinen Arm. „Gönn dir lieber ein paar Waffeln zum Frühstück. Wir sehen uns heute Nachmittag.“

Er stöhnte innerlich auf, als er unweigerlich daran erinnert wurde, dass heute Mittag ja noch Krafttraining im Gym und ein Termin bei seiner zuständigen Psychologin anstand. „Kann’s kaum erwarten“, murrte er, als er sich streckte und probeweise sein Bein belastete. Der Krampf war weg. Wenigstens das.

Missmutig machte er sich daran, über die Strandpromenade zurück nach Holm zu laufen. Schönberg war der größere Ort, verfügte über etliche Ferienorte und Lokale direkt am Meer. Es war idyllisch hier, etwas zu aufgeräumt für Chris‘ Geschmack vielleicht. Die meisten Urlauber waren ältere Semester, die sich auf den Terrassen der Gastronomie Krabbensalate oder Sardellenfilets gönnten. Chris blickte in die gealterten Gesichter, die einen friedlich-glücklichen Ausdruck trugen, und konnte sich nicht in ihnen sehen. Er könnte sich noch so sehr ins Leben zurückkämpfen. So alt würde er nie werden.

Als das Klinikgelände in Sichtweite kam, stellte er verdrossen fest, dass er viel zu viel Zeit bis zur nächsten Intervention übrighatte. Diese kleinen Pausen waren das Schlimmste. Dann drifteten seine Gedanken ab und waren – natürlich – ganz automatisch bei Milena und Nik. Dann musste er sich zwingen, sie nicht konstant übers Handy vollzuspamen. Dann wurde die Sehnsucht nämlich so groß, dass er es kaum noch aushielt.

Er kam über den großen Parkplatz, schob die Hände in die Taschen seiner Trainingshose. Auf dem Vorplatz der Klinik war so früh am Tag noch nicht viel los. Ein blauer Lieferantenlaster stand vor der Cafeteria und wurde gerade von zwei konzentriert wirkenden Männern entladen. Chris schaute nur flüchtig zu ihnen, denn seine Aufmerksamkeit wurde von einem silbern lackierten Wagen abgelenkt, der im Schatten einer der Bäume auf dem Parkplatz stand. Eine Frau stieg aus der Beifahrerseite aus, streifte sich lächelnd eine Jeansjacke über und richtete einige Worte an den Mann, der ebenfalls ausstieg. Letzterer streckte sich, schaute sich dabei auf dem Vorplatz um.

Chris blinzelte, wagte nicht, seinen Augen zu trauen. Sein Herz begann, wie wild in seiner Brust zu pochen. Seine Handflächen wurden feucht und warm. Noch aus aller Ferne begannen seine Sinne bereits zu sirren und er fühlte eine wohlige Hitze in sich aufsteigen, die ihn ganz unruhig werden ließ. Konnte das wirklich sein?

Ganz von selbst führten ihn seine Beine über den Platz, bis er in den Schatten der großen Eiche trat. Er starrte, gefangen zwischen Unglauben und Überraschung, auf das Paar, das ihn endlich zu bemerken schien. Er schluckte. Ohne ihm nur ein Sterbenswörtchen zu sagen, waren sie gekommen. Sie waren hier.

Endlich!
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