Mein eigenes Berlin

von Riniell
GeschichteRomanze, Angst / P18 Slash
20.05.2017
24.09.2019
37
203571
75
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Wenn Worte fehlen

Berlin, Schöneberg

Die Kellnerin brachte die Espressi an den Tisch, lächelte und verschwand dann wieder so schnell, wie sie gekommen war. Chris schaute ihr abwesend hinterher. Es war sonnig auf der Terrasse des kleinen Hinterhofcafés. Unter eingetopften Palmen und kleinen, japanischen Sonnenschirmen standen zahlreiche Stehtische, Bierkistenhocker und Sitzsäcke. Die Besucher wirkten ebenso bunt zusammengewürfelt wie die Ausstattung des Pop-up Cafés. Der Geräuschpegel verklang in der Backsteinwand des urbanen Gebäudekomplexes, der kühlen Schatten spendete.

Nach dem Termin bei Dr. Poll hatten Milena und Nik vorgeschlagen, noch einen Kaffee im Viertel trinken zu gehen. Chris hatte zugestimmt, ihnen noch auf dem Weg ins nächstbeste Café erklärt, wie schnell seine Reha anstehen würde. Er fühlte sich seltsam taub und abwesend seither. Das Paar ließ sich kaum anmerken, was es von dem rasch kommenden Abschied und dem unfassbar unangenehmen Arzttermin hielt. Das verunsicherte ihn nur mehr. Wenigstens hatten sie ihn nicht angeschrien oder Vorwürfe gemacht. Im Gegenteil. Nik hatte angeboten, ihn morgen in die Klinik zu fahren, wenn er freibekommen würde. Milena wollte ihm beim Packen helfen.

Keiner von den beiden schien sich Sorgen darum zu machen, wie diese lange Abwesenheit ihr immer noch brüchiges Verhältnis beeinflussen würde. Er hatte beinahe Panik davor, sich wieder von ihnen zu entfremden. Was, wenn sie sich während seiner Therapie vergegenwärtigen würden, dass es doch keinen Sinn hatte, mit einem Kranken zusammenzuleben? Was, wenn sie keine Zeit finden würden, ihn zu besuchen?

„Chris?“ Milena legte eine Hand an seinen Arm, suchte seinen Blick. „Geht es dir gut?“

Er schluckte. „Geht so.“ Als er ihren skeptisch-besorgten Ausdruck bemerkte, fuhr er sich durchs Haar und verlagerte das Gewicht auf seinen Beinen. „Ich will nicht gehen. Nicht, wenn das bedeutet, euch einen Monat lang nicht zu sehen. Nachdem wir uns … endlich wiedergefunden haben.“

Chris starrte auf die weiße Tischplatte, auf der die Espressi kalt wurden. Ihr Stehtisch befand sich etwas Abseits, im Schatten der Hausmauer, wo es ruhig und kühl war. Er fröstelte.

„Die Zeit wird schneller vergehen als du denkst“, raunte Nik neben ihm. „Wir werden dich besuchen kommen, versprochen.“

Chris wusste, dass er es ernst meinte. Dadurch wurde es nicht eben realistischer. Nik hatte Schicht- und Wochenenddienst, Milena quasi jeden Tag wichtige Tanzproben, die für ihre Karriere entscheidend waren.

„Und dann?“ Chris zuckte die Achseln, ließ den Worten ungefiltert freien Lauf. „Wie wird das ablaufen? Peinliches Schweigen, weil niemand von uns zu wissen scheint, wie es weitergehen soll? Ich mein, ich weiß selbst nicht, wie es aussehen … könnte. Aber … am schlimmsten ist eigentlich, dass ich nicht weiß, wie ihr euch das vorstellt. Ihr seid hier und wollt mir helfen, ich weiß. Aber warum? Mitleid, schlechtes Gewissen? Oder … oder ist da doch, vielleicht, noch mehr? Eine Chance, dass wir, wie auch immer, einen Weg finden, der … ach, keine Ahnung.“

Schnaubend stützte er die Ellenbogen auf den Stehtisch und vergrub die Finger in seinen Locken. Diese beschissene Stimmung nach dem Termin bei Dr. Poll machte es nicht eben leichter, die richtigen Worte zu finden. Wie sollte er ihnen auch in einem verfickten Straßencafé sagen können, dass er sie liebte, nachdem sie sich gerade wegen ihm hatten ärztlich untersuchen lassen müssen?! Das ging doch, verdammt nochmal, nicht an!

„Wir haben …“ Nik stockte neben ihm, er hörte ihn schlucken. „Wir haben bisher noch nicht die Gelegenheit gehabt, darüber zu sprechen. Geschweige denn, darüber nachzudenken. Das kommt alles so … verdammt plötzlich. Ich für meinen Teil brauche Zeit und ich muss … ich muss die Gewissheit haben, mich auf dich verlassen zu können. Wie auch immer das nach allem noch möglich sein soll.“

Aus den Augenwinkeln sah Chris, wie Nik zu Milena schaute, die betrübt die Lippen verkniffen hatte und dabei abwesend mit ihrem winzigen Löffel in der Espressotasse herumrührte: „Bis auf den Streit Donnerstagnacht, als ich von dir zurück nach Hause kam, haben wir noch nicht einmal miteinander über diese Sache geredet. Und so sehr … so sehr ich mir auch wünsche, dass …“ Sie schüttelte den Kopf und legte den Löffel auf die Untertasse. „Nik hat Recht. Das hat keine Zukunft, wenn du dich nicht ändern kannst. Was die Drogen betrifft, die Einhaltung deines Therapieplans … wenn du diese Dinge nicht auf die Kette bekommst, dann…“

Chris brauchte die letzten Worte, die ohnehin nie ihre Lippen verließen, nicht zu hören, um zu verstehen. Er hatte geahnt, dass diese Rehabilitation eine Art letzte Chance für ihn war, sich zu beweisen. Wenn er die Sache wieder über den Haufen werfen würden, dann wäre selbst die jetzige Situation im Vergleich noch als angenehm zu bezeichnen. Sie wollten sehen, dass er es ernst meinte. Und wie konnte er es ihnen verdenken? Wer konnte schließlich schon mit einem Menschen zusammen sein, von dem man dachte, er würde sein eigenes Leben nicht wertschätzen?!

„Ich mach diesen Scheiß doch nur wegen euch“, gestand er ein und merkte dann erst, wie sich das anhörte. „Für euch. Ich … ich werde das durchziehen. Irgendwie. Ich verspreche, dass ich das durchziehe.“

Milena entgegnete lediglich ein schwaches Lächeln, in ihren dunklen Augen lag eine Wärme, die von einer gewissen, innerlichen Distanz getrübt wurde. Nik dagegen wirkte ernst und beinahe so, als würde er ihm kein Wort glauben können. Sie könnten sich ebenso gut als Fremde gegenüberstehen und wohl niemand der hier anwesenden Gäste hätte es gewundert, wenn man ihnen sagen würde, dass Chris dem Paar heute das erste Mal begegnete. Es war fast wie bei ihrem Kennenlernen im Kiezeck vor so langer Zeit. Es würde ein langer Weg werden, bis diese Nähe wieder vertraut sein würde.

Chris würde alles dafür geben, wenn er die Zeit bis ganz zurück an den Anfang drehen könnte, um dieses Mal alles richtig zu machen.

„Ich bereue so sehr, wie ich euch behandelt habe“, raunte er und musterte seinen mittlerweile kalten Espresso. „Ich hatte Angst. Erst davor, euch niemals nah sein zu können, obwohl ihr mich so fasziniert habt. Ihr wart von Anfang an wie eine Droge für mich, die mich alles hat vergessen lassen. Es wurde mit der Zeit immer und immer schlimmer. Ich war nie verliebt gewesen davor. Wirklich noch nie. Und ich hätte nicht geglaubt, dass das so derart heftig sein könnte. Ich hätte es nicht ertragen, euch zu verlieren. Und dann … dann habt ihr mir gesagt, wie ihr empfindet, und statt zu meinen eigenen Gefühlen zu stehen, hab‘ ich unglaublich Schiss bekommen und den Schwanz eingezogen. Ich wollte nicht, dass ihr diese Seite an mir kennenlernt. Kein Mitleid, keine Gefahr für euch. Keine Chance, dass ihr mich auch nur tief in eurem Unterbewusstsein verurteilen könntet. Eigentlich – und das ist das Schlimmste von allem – eigentlich wollte ich, dass ihr es nie erfahrt. Ich wollte nicht, dass ihr mich verachtet oder bemitleidet. Ich habe eh nie verstehen können, wie ihr Interesse wie jemand wie mir haben könnt. Ich meine, ihr seid … perfekt. Und ich … naja, spätestens seit gerade eben wisst ihr ja, wie es um mich steht, also sparen wir uns das.“ Er schnaubte. „Fuck. Die Zeit ohne euch war die härteste meines Lebens. Alles, was es erträglich gemacht hat, war der Gedanke, dass es euch damit bessergeht. Und dann zu sehen, was ich eigentlich angestellt hab‘. Ich weiß nicht mehr, was mich geritten hat, euch das alles anzutun. Was mich so sicher in meiner Entscheidung hat werden lassen. Ich weiß nur, dass ich das alles nicht mehr so stehen lassen kann und es irgendwie wiedergutmachen will. Ich mein‘ es ernst. Sagt mir einfach, was ich tun soll und ich mach es! Egal, was! Wenn auch nur noch eine kleine Chance besteht, dann …“

Er zitterte so sehr, dass seine Stimme vibrierte und immer wieder brach. Seine Augen begannen, verräterisch zu brennen, als Nik nach seiner Hand griff und ihn langsam an sich zog. „Chris, beruhige dich. Bitte!“ Seine Hand wanderte in Chris‘ Nacken, hielt ihn mit behutsamem Druck an sich gepresst. „Es tut mir weh, dich so zu sehen.“

In seinen Armen konnte Chris sich allmählich fangen, auch wenn er fühlen konnte, dass warme Tränen über seine Wangen flossen.

Verdammt!

Gegen den erstickenden Widerstand in der Kehle anschluckend, sog er Niks Geruch ein und krallte nun seinerseits die Hände in dessen Seiten. Er fühlte die Wärme unter seinen Fingern kribbeln, spürte Milenas Hand auf seinem Rücken und wusste, dass er sich für immer und ewig nur hier wirklich zu Hause fühlen konnte. In ihrer Umgebung. „Es wird alles gut. Du schaffst das und dann … dann wird alles gut.“

Milena lehnte die Stirn an die Stelle zwischen Chris‘ Schulterblättern und umfing sacht seine Taille. Sie sagte nichts, doch er glaubte, sie schluchzen zu hören. Es war ganz offensichtlich, dass er wirklich mies darin war, solch klärende Gespräche zu führen. Hier standen sie nun in irgendeinem improvisierten Hinterhofcafé und flennten wie verdammte Teenager! So hatte er sich das bestimmt nicht gedacht.

Er hoffte einfach, dass sie ihn irgendwie verstehen konnten. Auch, wenn ihm einmal mehr die richtigen Worte fehlten. Wie konnte er ihnen nur begreiflich machen, was sie ihm bedeuteten?



Du verarschst mich doch!

Nähe Lübeck, A21

Aus dem verstaubten Autoradio krächzte die Stimme von Adele, die auf ihre ganz eigene Weise einen liebesähnlichen Zustand besang und Chris damit den letzten Nerv raubte. Aufstöhnend drehte er am Senderknopf und empfing bis auf rauschende Störgeräusche meist nichts.

„Ich könnte auch meine Musik spielen“, schlug Patrick neben ihm mit einem geradezu spitzbübischen Grinsen vor, „aber dann gehst du mir gleich an die Decke!“

Chris gab die Sendersuche auf, verschränkte zu Adeles höchsten Tönen die Arme und starrte stur geradeaus auf die Autobahn. „Konzentrier dich lieber aufs Fahren!“

„Jetzt komm mal runter“, lachte Patrick und stieß ihm mit dem Ellenbogen in die Seite. „Komm schon, so schlimm wird’s nicht werden!“

Innerlich verkrampfte Chris sich. In nicht mal mehr einer Stunde wären sie bereits in Kiel und von da aus waren es nur noch wenige Kilometer bis nach Holm. Die Autobahn war nach Hamburg schon einigermaßen frei gewesen, nun waren sie fast allein auf den Straßen. Sie kamen gut voran. Die Landschaft war flach, links und rechts von ihnen erstreckten sich weite Wiesen und Felder, auf denen sich Schafe umhertrieben. Chris wurde vom immergleichen Anblick müde, dazu mischte sich aber diese brodelnde Nervosität und Unsicherheit.

Er hatte gestern Abend mit Tom telefoniert, der erstaunlich ruhig und gelassen reagiert hatte. Dass Chris für die nächsten Wochen ausfiel, schien ihn nicht sonderlich zu kümmern. Chris aber traute dieser Reaktion nicht. Er ahnte, dass es unter der Oberfläche brodelte. Selbst ein regulärer Krankenschein würde Tom Martiens nicht davon abhalten, Chris hochkant rauszuschmeißen. Das war ihm überaus bewusst.

Nach dem Gespräch hatte Sophie angeboten, Tom ins Gewissen zu reden. Aber Chris ahnte, dass die Situation dadurch nur weiter außer Kontrolle geraten würde. Tom würde eh das machen, wonach ihm der Sinn stand. Da würde auch Sophie nicht einlenken können.

„Chris?!“ Patrick warf ihm einen knappen, flüchtigen Blick zu, ehe er zurück auf die Straße schaute. „Bist du überhaupt noch da?“

„Ja“, presste Chris heraus. Ihm war ja klar, dass er Patrick für die Fahrt in die Klinik dankbar sein sollte. Aber im Moment wollte er einfach nur allein sein.

„Weißt du, was ich mich frage? Wenn du keinen Bock auf diese Kur hast, warum machst du sie dann?“

Patrick wusste nicht, dass er infiziert war. Klar musste er sehen, dass Chris gesundheitlich mehr und mehr abbaute, aber er hatte es bisher wohl immer auf Stress und Drogen geschoben. Ihre Freundschaft war zu oberflächlich, als dass sie sich über allzu private Themen unterhielten. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, Patrick zu bitten, ihn nach Holm zu fahren. Vielleicht hätte er lieber Niks Angebot annehmen sollen. Nik würde schweigen und verstehen.

„Hat Sophie dich überredet?“ Patrick war wohl nicht gewillt, locker zu lassen. „Sie kann ‘ne echte Klette sein …“

Chris warf einen eindeutigen Blick in Patricks Richtung. Wer war hier die Klette?

„Wenn du es genau wissen willst“, entgegnete er entnervt und stützte den Ellenbogen ans Fenster. Unruhig fuhr er sich durchs Haar, bis sich die Finger in seinen Locken verfingen. „Du erinnerst dich an Milena? Die Braut vor ein paar Wochen … meine Ex?“

„Klar.“ Patrick blinzelte, drehte das Radio leiser. „Wie könnte ich dieses Drama je vergessen? Wir haben fast alle unseren Job verloren!“

„Naja, so schlimm war es jetzt auch nicht!“ Chris schnaubte. „Wir haben wieder was angefangen. Frag nicht, wie oder warum oder was daraus jetzt werden soll. Ich mach das wegen ihr.“

Für einige Momente herrschte bis auf das immer gleiche, knatternde Motorengeräusch des alten Fords Stille. Dann lachte Patrick auf: „Du willst mir sagen, dass du deine Ex auf ihrer Hochzeit klargemacht hast?! Verarsch mich doch nicht!“

Chris schloss die Augen und bereute die Ehrlichkeit irgendwie sofort. War ja klar, dass ihm das niemand abkaufen würde, der Augen im Kopf hatte: „Warum sollte ich das jetzt erfinden?“

„Keine Ahnung!“ Zu einem Überholmanöver ansetzend wechselte Patrick die Spur, ließ die Worte einige Herzschläge lang im Auto nachklingen. „Ich mein … was ist mit ihrem Typ?! Der tötet dich doch mit dem kleinen Finger, wenn das auffliegt!“

Chris schnaubte: „Nik ist … er weiß es. Und eigentlich, ach fuck, er ist eigentlich Teil davon.“

„Was?!“ Sie kamen nicht nur von der Spur ab, Patrick sorgte sogar noch für ein kleines Hupkonzert hinter ihnen. Hektisch zog er zurück hinter die Spurlinie, fluchte leise. Dann schaute er mit weitaufgerissenen Augen zu Chris, der vor Schreck dezent gelähmt war.

„Pass doch auf, Mann!“

„Was hast du da eben gesagt?!“ Patrick hob entschuldigend die Hand, als die beiden Autos, die eben noch hinter ihnen ihre Empörung über Patricks mieses Fahrverhalten kundgetan hatten, an ihnen vorbeizogen. „Sag mir bitte, dass das nicht dein Ernst ist!“

„Ja“, erwiderte Chris etwas atemlos. „Ich hab‘ mit beiden geschlafen. Kein Grund, uns hier in den Straßengraben zu treiben!“

„Du verarschst mich doch!“ Patrick lachte, wirkte dabei einfach nur ungläubig. Natürlich hatte Patrick schon mitbekommen, dass Chris sich gerne bei beiden Geschlechtern ausprobierte und es für ihn beinahe keinen Unterschied machte, ob er was mit einem Mann oder einer Frau anfing. Aber gleich ein verheiratetes Paar? Das schien selbst für Patrick zu viel zu sein.

„Nochmal: Warum sollte ich mir das ausdenken, mhm?“ Chris warf die Hände in die Luft. „Hör auf, mich auszulachen! Mir ist das ernst, verdammt! Ich bin wirklich verliebt und ich brauch grade ein wenig Zuspruch, um nicht völlig durchzudrehen, ja!?“

„Ich raff’s grad gar nicht mehr, Chris!“ Patrick schüttelte den Kopf, die Autobahn und auch die Belustigung schien vergessen. „Was zur Hölle willst du mir sagen? Du hast dich in dieses Paar verliebt? Wie kommt das denn plötzlich?“

„Nicht plötzlich!“ Chris verschränkte die Arme, ließ sich zurück in die Polster sinken. Patrick war vielleicht der falsche Gesprächspartner für solche Sachen. „Wir haben vor anderthalb Jahren was miteinander angefangen. Das war die Zeit, in der sie auch öfter mal im Kiezeck waren, falls du dich erinnern kannst. Als mehr draus wurde, hab‘ ich kalte Füße bekommen und bin abgehauen. Hab‘ leider erst zu spät gerafft, dass … dass ich nicht ohne sie kann. Seit der Hochzeit haben wir wieder Kontakt, wobei … ganz so prall läuft es nicht. Sie vertrauen mir nicht. Deswegen jetzt die Kur, a.k.a. Entzug. Das ist meine Chance bei ihnen.“

Patrick schwieg lange. Langsam begann Chris, sich zu fragen, ob er Patrick damit nicht überforderte. Der Soziologiestudent mit Nebenjob als Barkeeper war zwar ein Menschenkenner und -könner par excellence, aber jeder kannte wohl gewisse Grenzen. Er wusste ja nicht einmal, dass Chris positiv war. Für ihn war Chris‘ bevorstehende Kur nur eine Drogenentwöhnungskiste, die er gleichzeitig nutzen könnte, um ein wenig Substanz aufzubauen.

Dann aber stieß sein Freund die angestaute Luft aus den Lungen: „Chance auf was? Nur, damit wir uns nicht missverstehen: Du liebst sie … beide?“

Chris nickte.

„Wie funktioniert denn sowas? Ist das so ‘ne Hippie-Geschichte? Eine Beziehung zu dritt?“

Chris zuckte die Achseln. Was sollte er dazu sagen? Er konnte sich selbst nicht vorstellen, wie das je funktionieren sollte. Die ganze Sache schrie geradezu nach Luftschlösser-Bauen. Schnapsidee. Zu schön, um wahr zu sein.

„Momentan ist es eher so eine einsamer-Typ-mischt-sich-in-eine-glückliche-Beziehung-ein-Sache. Vielleicht wäre es besser, wenn ich die beiden in Ruhe lasse, keine Ahnung.“ Ihm war natürlich bewusst, dass er versucht hatte, ihnen fernzubleiben. Das war eine völlige Katastrophe gewesen. Er wollte sich diese furchtbare Zeit nie wieder zurückwünschen. Diese Sinnlosigkeit in seinem Leben musste endlich ein Ende haben. Milena und Nik waren einfach ein zu großer Teil von ihm geworden. Er wollte und konnte nicht mehr ohne sie leben. Er würde sich wohl den Rest seines Lebens Egoismus vorwerfen müssen. Aber es ging nicht anders. Die beiden waren schlimmer als jede Droge. Entzug von ihnen? Unmöglich.

Er wollte sie glücklich machen.

Aber wie sollte ihm das nur jemals gelingen? Schließlich hatten die beiden schon alles zu ihrem Glück, was man sich nur wünschen konnte. Er war wahrscheinlich nur eine Kugel an ihren Füßen.

„Wir sind uns nicht sicher, wie das Ganze weitergehen soll. Es ist ziemlich verworren.“

Patrick stieß ein zustimmendes Murren aus: „Klingt für mich nach ziemlich viel Stress und Problemen. Ich dachte bisher, du wärst nicht so der Beziehungstyp. Und jetzt gleich so ‘ne Nummer? Gibt es sowas überhaupt … ich mein, funktioniert das?“

„Ja“, hauchte Chris. „Ich hab‘ das mal gegoogelt. Nennt man Polyamorie oder so ähnlich. Ich … keine Ahnung, ich will dieser Sache keinen Stempel aufdrücken. Vor allem nicht, solange sie so am seidenen Faden hängt. Ich weiß nur, dass es funktionieren kann. Und wenn ich es probieren möchte, spießig werden will, monogam – oder nur spezifisch polygam – dann mit ihnen. Es hat mich wirklich voll erwischt. So, dass es eigentlich keine andere Option mehr gibt, als es zu versuchen.“

Als er einen Seitenblick auf Patricks Profil wagte, sah er dieses kleine, freudige Lächeln auf dessen Mundwinkel: „Ich hätte nie drauf gewettet, dass die dein Typ sind. Wenn ich bedenke, mit wem du sonst von einer Party abgehauen bist … warum jetzt plötzlich so ein krasser Gegensatz?“

„Sie sind gut, leidenschaftlich. Ich hab‘ das Gefühl, die beiden lassen sich nicht einfach so in der Masse treiben, sondern bewegen wirklich was.“ Chris fing selbst an, unterdrückt zu lächeln, als er an Milenas Ehrgeiz dachte, sich einen Namen im Berliner Ballett zu machen. Oder Niks hingebungsvolle Liebe für seinen Beruf im Tierpark. Seine innige Beziehung zu seiner Tochter war selbst über hunderte Kilometer liebevoll und von absolutem Pflichtgefühl ohne Zwang oder Strenge geprägt, dass es Chris immer wieder Respekt abrang. „Sie haben mir gezeigt, dass man seine Zukunft irgendwie selbst gestalten kann und … seine eigenen Regeln bestimmen und vertreten muss. Ohne spießig oder verkrampft zu sein. Sie stehen für so viel für mich. Und ich weiß nicht, warum, aber sie akzeptieren mich und meine Art. Ich mein, ohne die Drogen und so … aber selbst deswegen verurteilen sie mich nicht. Sie sind perfekt. Auch mit ihren kleinen Fehlern.“

„Du bist wirklich total verschossen“, meinte Patrick schmunzelnd. „Ich hoff‘ mal, dass dieser verrückte Plan irgendwie aufgeht. Ich hatte mit meinen Ex-Freundinnen schon oft genug Probleme und die waren meist allein. Ich schnall nicht, wie das zu dritt funktionieren soll, ohne sich gegenseitig vor Eifersucht zu zerfleischen. Aber ich schätze, wenn das jemand schafft, dann du … du bist genau der Typ für so ‘ne hirnrissige Schnapsidee. Zieh das hier durch, dann merken die schon, was sie an dir haben.“

Patrick hatte seine ganz eigene Art, die Dinge zu betrachten. Er ließ sich auf Argumente ein, die von innen kamen und nicht etwa auf Zahlen und Fakten beruhten. Er war locker, was solche Sachen anging. Aber auch ehrlich. Chris konnte sich auf seine Meinung verlassen. Und wenn er glaubte, diese Sache könnte wirklich funktionieren, egal mit wie vielen Stolpersteinen, dann wusste Chris, dass es auch tatsächlich so kommen könnte.

Es war verdammt gut, mit jemand anderem darüber reden zu können. Zuspruch zu erhalten, Bedenken zu teilen. Einfach mal ein paar Sorgen loswerden.

Chris war Patrick verdammt dankbar.



Willkommen in weit weg

Schönburg-Holm

Als Frau Brecht sie auf das Zimmer brachte und Chris ganz nebenbei mit Infos und Wissenswertem überschüttete, war dieser überrascht davon, wie komfortabel seine Unterkunft ausfiel. Nicht nur die. Die gesamte Anlage der Kurklinik war beachtlich. Gepflegt und wirklich modern. Es gab mehrere Häuser, darunter Wohnblocks, die Cafeteria, eine Verwaltung, Sport- und Krafträume und schließlich natürlich auch die Behandlungszimmer im Haupthaus, in denen Ärzte, Psychologen, Physiologen, Masseure und Therapeuten untergebracht waren. Das Areal war riesig, lag mitten in den Dünen der Ostseeareale und war dennoch von großen, weitläufigen Hauptstraßen umgeben, die direkt in die umliegenden Ortschaften, an den Strand und auch zurück nach Kiel führten.

„Duschbad mit Fön und genügen Steckdosen hier drin“, führte Frau Brecht in ihrer Einweisung fort, deutete auf eine Tür, die vom großzügigen Wohn- und Schlafbereich abführte. Die Assistentin der Therapieplanung schien ganz in ihrem Element. Chris fragte sich stumm, wie oft sie in der Woche neue Patienten empfing und genau diesen Informationstext herunterbetete. Sie reichte ihm schließlich einen Schlüsselbund mit Magnetchip, kleinem Schlüssel und einer blau-weißen Karte daran: „Das ist Ihr Patientenausweis, ein Schlüssel für die Spinde im Gym und der Chip dient als Türöffner, sowohl für Ihr Zimmer, wie auch für die Türen der verschiedenen Gebäude. Gut darauf achten. Den Ausweis immer dann vorzeigen, wenn Sie eine Intervention genießen oder in der Cafeteria essen gehen. Haben Sie noch Fragen?“

Chris blinzelte ein paar Mal, schaute sich in seinem gemütlich eingerichteten Zimmer um, in dem sich sogar eine Sitzecke mit Sesseln und kleinem Bücherregal befand, und schüttelte den Kopf.

„Gut. Ihre Terminliste für heute Nachmittag und die ersten Interventionen morgen Früh haben Sie ja bereits.“ Frau Brecht klatschte lautlos in die kleinen, schrumpeligen Hände. „Dann bleibt mir nur noch zu sagen, dass ich Ihnen eine kurzweilige Eingewöhnungszeit hier wünsche. Ich hoffe, Sie können sich schnell zurechtfinden und wohl fühlen!“

Sie reichte erst ihm und dann Patrick die Hand, nahm Chris‘ gemurmeltes „Dankeschön“ mit einem knappen Nicken auf und war dann schon wieder aus der Tür verschwunden.

„Ist nicht schlecht hier drin“, meinte Patrick anerkennend und stellte die dunkle Reisetasche auf den kleinen Tisch. „Sogar mit Balkon.“

Chris‘ Blick folgte seinem Fingerzeig auf die großen Flügeltüren am Kopfende des Zimmers. Hinter feinen, cremefarbenen Gardienen zeigten sie die flache, grüne Ebene hinter der Klinik. Ja, vielleicht war es wirklich nicht schlecht hier. Und völlig anders als die letzte Kurklinik, in der er gewesen war. Es wirkte fast wie ein Urlaubsort für Familien, so offen und freundlich war alles gehalten. Nur …

Schluckend ließ Chris seinen Blick auf das große Bett gleiten. Er hatte Angst vor der Einsamkeit und Angst davor, viel zu viel Zeit zum Nachdenken zu haben. Er vermisste Milena und Nik bereits jetzt, was wohl dem viel zu raschen Abschied geschuldet war. Nicht zu wissen, woran er war – und gleichzeitig zu wissen, dass sich dieser Zustand noch über Wochen ziehen würde – war der blanke Horror für ihn. Er hasste es, allein zu sein. Noch viel mehr hasste er es, sich so völlig in andere Hände geben zu müssen.

Von heute an würden die nächsten Wochen nur noch von Regeln und Plänen bestimmt sein. Ein Therapieplan, eine Zeitleiste für die Einnahme seiner Tabletten, zur Blutabnahme, Essenszeiten und sogar seine Freizeit wurde zeitlich geregelt. Alle Mitarbeiter in der Klinik wussten bereits jetzt über ihn Bescheid. Sie wussten aus seiner Akte, welche Drogen er nahm, welche Einstufung er in der HIV-Tabelle hatte, sogar über die verdammte Syphilis wurden sie informiert. Er fühlte sich ausgeliefert und irgendwie hoffnungslos überfordert.

„Was, wenn ich es nicht schaffe?“, fragte er leise in den Raum hinein.

Patrick schnaubte: „Komm schon, Chris. Das haben schon ganz andere vor dir geschafft. Du brauchst das hier. Du brauchst diese Veränderung. Ich kann mir vorstellen, dass es hart ist. Aber stell dir mal vor, wie hart es wäre, wenn du diese Chance hier nicht bekommen würdest.“

Chris nickte erneut, wäre im Moment bereit, einfach alles abzunicken. Hauptsache, diese Zeit ging schnell um. Eine Stimme in ihm ermahnte ihn. Er war nicht nur hier, um eine aufgebrummte Strafzeit abzusitzen. Er müsste es irgendwie bewerkstelligen, sich auf die Therapie einzulassen. Nicht nur, um Niks und Milenas Willen. Nicht nur, um Sophie und Patrick etwas zu beweisen. Er sollte es auch für sich wollen. Das Problem war nur sich einzugestehen, dass es ein Problem gab.

Sein Lebensplan war bisher gewesen, keinen Plan zu haben. Das schloss ein, keinen Plan für den Umgang mit seiner Krankheit zu haben. Er lebte in den Tag, immer darauf bedacht, keinen Gedanken an ein Später zu verschwenden. Wenn er HIV nicht beachtete, dann war es nicht da. Fast zumindest. Die letzten Reste des ständig wachen, schattenhaften Bewusstseins ließen sich mit Drogen, Alkohol und viel zu langen Nächten auf Arbeit oder in irgendwelchen Clubs betäuben. Meistens.

Chris verabschiedete sich von Patrick, dankte ihm mindestens ein Dutzend Mal für die Fahrt und ließ sich dann, als die Ruhe im Zimmer vorherrschte, auf das Bett sinken. Seine Hand griff ganz automatisiert in die Hosentasche, zog das Handy hervor und checkte es auf Nachrichten. Keine.

Milena und Nik hatten sich heute noch nicht bei ihm gemeldet. Dabei wussten sie doch, wie schwer ihm diese ganze Sache fiel. Ja, natürlich mussten sie arbeiten. Hart arbeiten. Und vermutlich würden sie heute Abend anrufen. Chris konnte dennoch nicht widerstehen, Milena eine knappe Nachricht zu schicken: ‚Ich bin angekommen. Ich denke an euch.‘

Nachdem er auf Absenden gedrückt hatte, ließ er seinen Kopf zurück in den Nacken sinken. Blicklos starrte er an die Decke.

Eine Chance.

Patrick hatte Recht.

Diese Therapie war seine Chance auf eine Zukunft. Eine Zukunft mit Milena und Nik. Und er würde alles dafür tun, um sich zusammen mit ihnen ein Leben aufbauen zu können.
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