Mein eigenes Berlin

von Riniell
GeschichteRomanze, Angst / P18 Slash
20.05.2017
24.09.2019
37
189.787
81
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Dieses Kapitel
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20.02.2019 4.773
 
Mit dieser Story geht es in die zweite Runde auf diesem Portal. Sie war vor längerer Zeit schon in voller Länge zu lesen, ich entschied mich aber für eine vollkommene Überarbeitung, um sie – bezeiten und mit viel Courage – vielleicht auch mal an einen Verlag schicken zu können. Hier könnt ihr die überarbeitete Version jetzt wieder Stück für Stück lesen. Nach wie vor freue ich mich auf euer Feedback und hoffe, euch begeistern zu können. Auf schöne gemeinsame Lesestunden!





„Berlin ist eine Stadt, verdammt dazu, ewig zu werden, niemals zu sein.“
Karl Scheffler




* * *






Same Procedure as every Day

Berlin, Charlottenburg

Chris drückte die Glastür zum Hof auf und ließ damit die erste graue Kälte des Herbstes herein. So früh am Morgen war der Gebäudekomplex, der den Hof wie eine alte Wehrmauer aus Backstein umfing, noch dunkel und still. Nur die Silhouetten einiger umherstreifender Bewohner waren hinter den doppelverglasten Fensterscheiben in den oberen Stockwerken auszumachen. Sie wirkten in dieser Ferne irreal, wie stumme, dumme Gespenster vor grellem Neonlicht.

Er ging durch den Türrahmen, trat auf das regenfeuchte Kopfsteinpflaster. Mit Blick auf die gegenüberliegende Fahrradwerkstatt ließ er das Feuerzeug in seiner Hand klicken. Einmal, zweimal – die Flamme zündelte knisternd auf, malte rote Schatten in den Morgen. Chris‘ sirrende Nervenenden gierten nach dem ersten Zug, als der Tabak endlich Feuer fing und er die Ruhe zusammen mit dem Rauch inhalieren konnte.

Aus der Werkstatt drang das Scharren eines Besens, der viel zu hektisch über den Stein gezogen wurde. Jemand kehrte völlig ungelenk unter der Laube des Hinterhofgeschäfts aus, ließ zwischen Blechskeletten und nackten Reifen schoben die dicken Besenborsten über Kopfsteinpflaster kratzen. Das Kratzen hallte im Hof wieder und fuhr Chris direkt in den Schädel.

Stechender Schmerz erinnerte ihn daran, dass der letzte Feierabend später geworden war, als eigentlich geplant. Nicht, dass er nicht selbst schuld daran gewesen war – aber weniger als 3 Stunden Schlaf waren selbst für ihn hart an der Grenze zu dämlich. Still fragte er sich, wieviel Promille er wohl noch intus hatte, während er sich damit beruhigte, dass der Innenhof bis auf den fluchenden Werkstattbesitzer noch völlig verwaist war.

Es schien fast so, als würde es ein ruhiger Tag werden.

Dienstagsmorgens ließen sich im Kiezeck ohnehin nur selten mehr als drei oder vier Pärchen und möglicherweise ein wagemutiges Doppel an Großmüttern bei ihnen zum Frühstück blicken. Frühschichten unter der Woche waren zwar nicht gerade spannungsgeladen, aber leicht verdientes Geld. Und dank des geringen Andrangs würde die Zeit bis zum Nachmittag selbst mit dröhnenden Kopfschmerzen erträglich werden.

Als er sich zurück zum Wintergarten des Restaurants wandte, klirrten hinter der großen Bar im Gastraum bereits die ersten Gläser und aus der Küche drangen die brummenden Stimmen der Hilfsköche.

Chris wurde vom verschmitzten Lächeln der Barkeeperin begrüßt, die hinterm Tresen verschwand, um die Getränkelieferung in der Kühlung zu verstauen. „Du siehst furchtbar aus. Ganz, ganz furchtbar!“, trällerte Sophie mit ihrem leicht rauchigen, französischen Akzent, als sie wieder auftauchte und ihm eine Wasserflasche über den Pass reichte. Ihr Lächeln wuchs in die Breite. „Hier. Hast du nötig!“

„Schon verstanden …“ Er erwiderte das Lächeln. „Hab‘ ich dich geweckt heute Nacht?“

„Heute Nacht!?“ Sophie hob die Brauen und tippte mit dem Finger gegen ihre Schläfe: „Du bist um halb Sechs nach Hause gekommen! Für Normalsterbliche ist das schon morgens! Ganz früh morgens …“

„Sorry.“ Er zuckte die Schultern und zupfte an dem Etikett der Flasche herum. „Es hört auf. Ich …“

Sophie lachte auf und knuffte ihm spielerisch gegen die Brust. „Das ist eh ‘ne Lüge! Schon gut … ich werd‘ die paar Stunden Schönheitsschlaf weniger schon überleben. Kannst ja nichts dafür, dass du ein Lourdaud vor dem Herrn bist!“

Er hob beide Brauen und legte den Kopf schief: „Sehr gnädig von dir … und was heißt das schon wieder? Lurdu?“

„Trampel.“

„Mhm. Danke, Chérie.“  

„Also?“ Sophie wackelte aufreizend mit den Brauen. „Willst du auch mal an die Arbeit oder einfach weiter hier an meiner Theke vor dich hinvegetieren …?“

„Der berühmte Charme der Franzosen …“

Chris verstand den dezenten Wink seiner besten und vermutlich einzig wirklichen Freundin, ohne es ihr wirklich krumm zu nehmen. Sie verbrachten seit Monaten beinahe jeden Tag von früh bis spät zusammen. Sie teilten nicht nur die meisten Schichten im Kiezeck miteinander, sondern auch eine viel zu kleine Wohnung in Neukölln, die nicht mehr als zwei sporadische Zimmer, ein Duschbad und eine versiffte, kaum genutzte Küchenzeile aufwies. Sie liebten einander, auf eine geschwisterliche Art und Weise. Und diese Liebe funktionierte auf Dauer nicht ohne Kabbeleien.

Chris zwinkerte ihr zu und griff sich sein Tablett, um damit den großen Gastraum zu durchqueren. An ihn schloss der beheizte Wintergarten an, das Zentrum des Restaurants. Zahlreiche behelfsmäßig zusammengezimmerte Staffeleien sammelten sich hier an den verglasten Wänden und den ruhigeren Ecken. Auf ihnen waren die zweifelhaft stylischen Werke urbaner Maler und angesagter Newcomer aus der Künstlerszene von ganz Berlin ausgestellt. Zwischen Ölleinwänden und halb verdursteten Zimmerpalmen machten runde Mosaiktische und fast antik wirkende Flechtstühle das unruhige Bild komplett.

Chris unterdrückte das leicht genervte Gefühl, das ihn überkam, als er die zwei neubesetzten Tische bemerkte, und legte dem zum Trotz sein standardisiertes Lächeln auf. Er griff sich die Frühstückskarten, um herüber zu den beiden jungen Frauen – vermutlich Studentinnen – zu gehen, die gerade ihre Mäntel ablegten, um sich an einen der Tische zu setzen.

„Guten Morgen“, murmelte er unterdrückt und erwiderte das klebrig süße Lächeln seiner ersten Gäste. Die beiden tauschten einen schnellen Blick, ehe sie ihm die Karten abnahmen, und beinahe synchron eine Chai-Latte bestellten. Chris fuhr sich durch das blonde Haar, ehe er die Bestellung notierte und dabei aufmerksam von den jungen Frauen beobachtet wurde. Beide ergaben das typische Bild etwas abgewrackter Kunststudenten; die eine mit ihrer weißen Hornbrille und delligen Latzhosen, die andere mit Oversizepullover inklusive einem kitschigen Katzenmotiv, das ihre gesamte Brust bedeckte.

„Danke“, kommentierte der Kellner die Bestellung und ignorierte die erwartenden Blicke der Frauen.

Der andere belegte Tisch befand sich in einer der ruhigeren Ecken und war – wenig überraschend – von einem Pärchen besetzt. Chris griff schon automatisiert nach den beiden Karten, die er sich zusammen mit dem Tablett unter den Arm geklemmt hatte, ehe er innehielt. Er blickte auf, um Augenkontakt zu seinen Gästen herzustellen. Diese beachteten ihn aber anders als die beiden jungen Frauen gar nicht. Chris blieb auf der Stelle stehen und vergaß für einen Moment, was überhaupt er hier mitten im Restaurant tat.

Chris schätzte beide auf Mitte, Ende Zwanzig. Ein Mann, dem schon von weitem anzusehen war, dass der nicht mehr ganz so neue Trend um Fitness und Healthy-Lifestyle nicht spurlos an ihm vorbeigegangen war. Er trug ein dunkles Hemd mit hochgeschlagenen Manschetten, was seine definierten Unterarme offenlegte. Gerade hob er eine Hand, um seiner Begleitung eine dunkle Strähne aus der Stirn zu streichen. Die Frau an seiner Seite lächelte. Sie lächelte so sehr, dass ihre Augen funkelten. Und obwohl das Lächeln nicht Chris galt, fühlte er ein unterschwelliges Kribbeln in seinen Fingerspitzen. Er wollte sie berühren. Unweigerlich. Die Frau wirkte zierlich neben ihrem Partner, beinahe drahtig. Doch ihre Ausstrahlung war warm, elegant und unglaublich einnehmend. Ihr braunes Haar war zu einem Knoten zurückgenommen, aus dem einige Strähnen locker hinter ihre Ohren gekämmt waren. Sie war nicht nur schön, sie war ...

Chris räusperte sich. Insgeheim fragte er sich, was dieses offenbar gut situierte Paar hier in diesem Hinterhofrestaurant verloren hatte. Etwas irritiert trat er an den Tisch und räusperte sich ein weiteres Mal, was endlich die Aufmerksamkeit seiner Gäste auf ihn lenkte.

„Guten Morgen“, presste er weitaus schwerfälliger als eben noch heraus und erinnerte sich beiläufig daran, dass er ihnen wohl besser die Karten reichen sollte, statt sie nur abwartend anzugaffen.

Der Mann nahm ihm die Karte mit einem knappen „Danke“ ab, schlug die mattroten Seiten durch und wandte sich, ohne etwas gelesen zu haben, an Chris. Der war etwas – etwas sehr – geflasht von den hellen blauen Augen, die ihn gelassen fixierten. Dieser Mann besaß ein Gesicht, das man so schnell nicht würde vergessen können. Hohe Wangenknochen, markante Züge, die von einem Dreitagebart definiert wurden. Und dann diese stechenden Augen, welche alle Müdigkeit aus Chris tilgten.

„Vorab zwei Glas Sekt“, bestellte er. „Und eine Flasche Wasser.“

Chris nickte die Bestellung ab, kritzelte etwas völlig Wirres auf seinen Block und hob wieder den Blick. „Gibt es etwas zu feiern?“

Ein wenig Smalltalk war bei den meisten Gästen gern gesehen, das brachte oft Sympathiepunkte und damit einhergehend mehr Trinkgeld. Kleine, unverfängliche Gespräche aufzubauen gehörte ebenso zu seinem Job wie das Kehren des Gastraums nach Feierabend. Er war froh, dass er sich wieder weit genug gefangen hatte, um so etwas wie Professionalität am Arbeitsplatz an den Tag legen zu können.

„Allerdings“, lächelte die Frau und fing damit seinen Blick. Ihre dunklen Augen strahlten. „Ich habe gestern die Zusage für mein Debüt am Theater bekommen.“

Chris hob die Brauen: „Wow, Glückwunsch! Du bist Schauspielerin?“

Noch während er diese Frage stellte, wurde ihm klar, dass dieser Beruf wunderbar zu ihr passen würde. Da war etwas in ihrer Ausstrahlung, das erzählend wirkte. Die Art, wie sie ihre Finger bewegte, als sie „So in die Richtung“, entgegnete und dabei leichthin mit der Schulter zuckte. Sie vermittelte das Unausgesprochene nur durch kleine, unwillkürliche Bewegungen; eine Geschichte, die einen Bann erzeugte. Sie wirkte unglaublich interessant.

Chris fragte sich stumm, ob er vielleicht nicht doch noch einen gewaltigen Restpegel Alkohol im Blut hatte, als er sich schon wieder dabei erwischte, ins Starren zu geraten. Er hätte zu gern gewusst, in welchem Stück sie debütierte. Doch sie unterband seine aufkommende Frage, als sie die Karte zuschlug und ihm reichte. „Ein Cappuccino mit weniger Milch, bitte. Und ich denke, wir nehmen das Frühstück für zwei …“

Ihre Begleitung nickte und schlug ebenfalls die Karte zu: „Danke.“

„Gern“, murmelte Chris und nahm die Karten entgegen. „Ich bin gleich zurück.“

Etwas steif ging er zurück in den inneren Gastraum und war froh, dass er seinen Kellnerblock besaß, als er sich an die Kasse stellte. Er hätte ohne seine Notizen wohl jede einzelne Bestellung noch einmal bei den Gästen hinterfragen müssen, so verpeilt wie er gerade war.

An der Bar schob Sophie gerade die leeren Wasserkisten über den Tresen und verräumte sie auf die andere Seite des Gastraums, wo das Treppenhaus runter ins Kellerlager führte. Währenddessen spuckte der Bondrucker hinter der Bar die Bestellungen in getippter Reinschrift aus und Chris machte sich daran, die Getränke herzurichten.

Gerade, als er die fertigen Chai-Latte auf den Getränkepass stellte, hörte er Sophies atemlose Stimme in seinem Rücken. „Alles klar?“

Er zuckte zusammen. Die heiße Milch schwappte leicht über den Tassenrand und Sophie lachte auf. „Hab ich dich erschreckt? Was ist los mit dir?“

„Du hast mich nicht erschreckt!“, gab er genervt zurück. „Verdammt!“

Eilig strich er mit einem Lappen die Untertasse sauber und begegnete Sophies skeptischem Blick. Seine Freundin hatte die dunklen Brauen bis fast unter ihren Haaransatz gehoben und grinste unterdrückt, als sie die nächsten Bons mit der Bestellung des Pärchens entgegennahm. Sie bückte sich an die Kühlung und holte eine Wasserflasche daraus hervor, ohne ihn dabei aus den lauernden Augen zu lassen.

„Ja … okay.“ Chris fuhr sich durch die Haare und legte den Kopf schief. Kurz biss er sich auf die Lippen, schaute nach draußen in den Wintergarten – nur um sicherzugehen, dass gerade niemand hereinkam – und verschränkte die Arme. „Da draußen sitzt ein Pärchen … ein Mann, eine Frau … und sie sind richtig heiß. Ich meine, nicht heiß, eher … sie sehen aus, als würden sie gerade von einem Shooting der Sports Illustrated aus Miami kommen.“

Sophies Grinsen wuchs in die Breite und bekam dabei den ihr so eigenen, spitzbübischen Zug. Es war ihr als seine Mitbewohnerin natürlich bekannt, dass Chris sowohl Frauen als auch Männer an sich heranließ. Und das nicht zu wenig. Er kam viel herum. „Deswegen hast du also diesen grenzdebilen Blick aufgesetzt …“ Sophie zwinkerte ihm zu. „Wie heißen sie?“

„Keine Ahnung.“ Chris nahm die Wasserflasche, zwei Gläser und die beiden Sekt von ihr entgegen, um die auf sein Tablett zu platzieren. „Das ist ein Paar.“

Sophie reichte ihm den Cappuccino: „Und?“

Chris schaute sie nur zweifelnd an und hob das Tablett auf seine Hand, um wieder hinaus zu gehen.

Zuerst begab er sich zu den beiden Studentinnen, um ihnen die Chai-Latte zu servieren. Er nahm ein vegetarisches Frühstück und ein großes Rührei auf, ehe er sich zu dem jungen Paar zuwandte. Erneut waren sie völlig ineinander versunken und nahmen ihn über ihr leise geführtes Gespräch hinweg offenbar überhaupt nicht wahr. Dieses Mal verzichtete er allerdings auf ein Räuspern und platzierte vorsichtig die Getränke vor ihnen. Ohne dabei wirklich den Blick auf seine Arbeit zu lenken. Stattdessen suchte er das Augenmerk der Frau, die endlich seine Anwesenheit zu bemerken schien. Sie lächelte ihn unverwandt an, als er das prickelnde Wasser in ihr Glas einschenkte. Und er konnte sich nicht helfen zurückzulächeln.

„Ist es hier morgens immer so ruhig?“, fragte sie dann, als er die Flasche weiter zum zweiten Glas führte.

„Meistens ja“, entgegnete Chris. „Wir bekommen abends und am Wochenende wesentlich mehr Gäste. Gehen dann eher Richtung Bar … wie kamt ihr überhaupt auf uns?“

„Eher spontan“, brachte sich der Mann ins Gespräch ein und fixierte ihn. „Ein Kollege hat mir das Kiezeck empfohlen. Dass ihr mehr eine gute Bar seid, hat er aber nicht erwähnt.“

„Ich mag die Ruhe … mir gefällt es hier.“ Die Frau griff nach den Zuckersticks auf ihrer Untertasse und schob sie dezent zur Seite. Dann deutete sie auf einige Staffeleien, die direkt in der Ecke bei ihnen standen. „Auch wenn ich noch nicht wirklich hinter die Kunst hier gestiegen bin.“

Chris stellte die Flasche ab und feixte. „Die Leinwände stehen schon seit mindestens sechs Wochen hier und glaub mir, ich hab‘ das mit den Bienen und ihren Maschinengewehrstacheln auch noch nicht verstanden. Eigentlich stellen die Künstler hier aus und verkaufen. Allerdings will sich da aktuell wohl niemand für erbarmen …“

Der Mann schnaubte ein leises Lachen, ein dunkler, rauer Laut. Chris musste kurz innehalten und genehmigte sich noch einen kleinen, flüchtigen Blick auf die beiden, ehe er sich halb zum Gehen umwandte. Dabei nahm er kommentarlos die überflüssigen Zuckersticks an sich und schaute abwesend auf den Sekt, dessen Kohlesäureperlen im Glas träge nach oben stiegen: „Nochmal mein Glückwunsch für dein Debüt!“

Ehe er es unterbinden konnte, zwinkerte er der Fremden zu. Und verfluchte sich im nächsten Moment selbst dafür. Denn gleich darauf taxierten ihn zwei blaue Augen in einer Mischung aus Mahnung und Überheblichkeit. Als wollten sie ganz nonverbal sagen: gib es gleich auf, du hast ohnehin keine Chance bei ihr.

Ohne ein weiteres Wort verschwand er aus dem Gastraum, tippte schlecht gelaunt die Bestellung der vermeintlichen Kunststudentinnen in die Kasse und begab sich dann an den Küchenpass, wo das Frühstück für das Paar wartete. Sophie kam gerade die Treppen vom Lager hoch, als er sich mit den drei Tellern an der Bar vorbeischlängelte, um noch Besteck und zwei leere Teller aufzunehmen.

„Im Stress?“, trällerte sie provozierend fröhlich. „Immer schön lächeln, mein Hübscher!“

Chris äffte sie unterdrückt nach und begab sich mit den Speisen in den Wintergarten. Die Küche war bei der Anzahl an Gästen hilflos überbesetzt. Somit war genug Zeit, aus den sonst eher sporadisch angerichteten Frühstücksplatten ein kleines Kunstwerk zu zaubern. Der erste Teller, den er auf dem Tisch vor dem Paar platzierte, war mit einer reichen Auswahl an regionalen Wurstwaren und verschiedenen Kanten von kräftigen und sämigen Käsesorten garniert. Auf der folgenden Platte befanden sich Salate, Rührei mit Gemüse, kleine Schälchen mit Konfitüre und herzhaften Aufstrichen. Auf dem letzten schließlich dampfende Brötchen und verführerisch aussehende Croissants.

Chris‘ Magen fing beim genauen Anblick der Platten unweigerlich an, unangenehm laut zu knurren. Für einen Augenblick hoffte er, das Geräusch sei niemandem aufgefallen, doch das schmale Lächeln der beiden sprach Bände.

„Normalerweise schaffe ich es noch vor der Frühschicht, etwas zu essen …“, murmelte er entschuldigend und platzierte dabei das Besteck und die leeren Teller vor dem Paar. Still fragte er sich, wann er sich das letzte Mal so dämlich vor Gästen aufgeführt hatte. Sophie würde ihm nun erklären, dass flirten bestimmt anders aussah.

Es kein Geheimnis, dass es Kellner – Gastronomen allgemein – nicht sonderlich schwer hatten, neue Leute kennenzulernen und damit auch schneller dabei waren, wenn es um Flirts ging. Chris allerdings zog es vor, Arbeit und Privates zu trennen. Niemanden auf der Arbeit ging es etwas an, was er privat trieb, niemanden, den er privat kannte, ging es etwas an, wo er arbeitete. Das ersparte Stress und dämliche Fragen.

Die beiden allerdings stellten dieses ungeschriebene Gesetzt gerade ziemlich in Frage. Wenn einer von ihnen allein hier aufgetaucht wäre …

„Sieht auch wirklich lecker aus“, kommentierte die Frau seine ungelenke Aussage und strich sich einige dunkle Strähnen aus dem Gesicht, auf dem ein warmes Lächeln lag.  

„Lasst es euch schmecken.“

Ein amüsiertes Funkeln trat in ihre braunen Augen und Chris hob überrascht die Brauen, als sie ihm mit einem leisen „Danke“ zuzwinkerte. Dieses Mal blieb das kleine Zeichen unbemerkt von ihrem Freund, doch Chris irritierte es umso mehr. Flirtete sie tatsächlich mit ihm, obwohl ihr Partner direkt neben ihr saß?

Zurück im Innenraum erwartete ihn das freche Grinsen von Sophie. Sie wackelte mit den Brauen: „Und?“

„Ist dir langweilig?“ Chris lachte unterschwellig. „Nichts Und … die beiden feiern hier zusammen, dass sie am Theater angenommen wurde oder so ähnlich. Das ist alles.“

„Hast du sie nicht nach ihren Namen gefragt?“ Sophie wirkte ehrlich überrascht. „So kenne ich dich gar nicht! Normalerweise hättest du dir schon längst die Nummer von ihr klargemacht.“

„Sie ist mit ihrem Freund hier“, erinnerte er seine Kollegin und Mitbewohnerin dezent.

„Dann eben seine Nummer …“ Chris wusste, dass Sophie ihn mit ihrer naiven Art absichtlich provozierte und nur so tat, als sei sie schwer von Begriff. Immerhin war sie diejenige, die manches Mal versuchte, ihn zu mäßigen und von zu vielen Partys am Wochenende abzuhalten. Meistens hatte sie allerdings nur einen sarkastischen Kommentar für seine Ausschweifungen übrig, wenn sich mal wieder eine Frau morgens aus ihrer WG schlich und dabei Lärm für Drei verursachte. Oder sie presste, neugierig wie sie war, sonntagmorgens alles Wissenswerte über die Clubbesuche der letzten Nächte aus ihm heraus. Chris hatte keine Geheimnisse vor Sophie. Warum auch? Sein Lebensstil war ihm nicht peinlich, seine Affären ohnehin nichts Ernstes. Somit lohnte es sich gar nicht, aus irgendwelchen Geplänkeln ein Mysterium zu machen und es zu einer großen Sache aufzubauschen. „Und was spricht gegen beide? Seit wann bist du so verklemmt?“

„Ich glaube, die geben ein eher monogames Pärchen ab, Sophie. Du solltest ...“

„Das kannst du nicht wissen, ohne sie zu fragen!“ Sophie grinste, lehnte sich über den Tresen und stupste ihm mit erhobenem Zeigefinger gegen die Nase. „Ich war gerade vorn, um den beiden Mädels an Tisch Sieben ihr Frühstück zu bringen, was dir vor lauter Schmachterei bestimmt überhaupt nicht aufgefallen ist. Jedenfalls habe ich einen Blick riskiert und ich sag dir eins: die Kleine hat sich da eben nicht zurückgehalten. Wie sie dich angegrinst hat war nicht von schlechten Eltern. Mal was anderes im Vergleich zu den ganzen heruntergekommenen Studentinnen, die du sonst immer abschleppst. Und ihr Freund muss sich wirklich auch nicht verstecken.“

Chris verdrehte die Augen und fuhr sich wieder mal ratlos durchs Haar. Er war sich beinahe sicher, dass seine ohnehin wilde Lockenmähne mittlerweile einem heillosen Chaos glich. Dabei war noch nicht einmal halb 12 und er würde noch etliche Stunden durch das Restaurant rennen dürfen, bevor der Feierabend winkte. „Dir ist wirklich langweilig, hab‘ ich Recht?“

Sophie nickte ganz ohne Verlegenheit im Gesicht: „Gib ihnen doch einfach deine Nummer und schau, was passiert.“

„Ich hab‘ aber keinen Bock, mich hier zum Idioten zu machen…“ Sein Augenmerk ging ganz automatisch zu den Glaswänden, die den Wintergarten offenlegten. Von hier aus war das Paar nicht zu sehen, doch er konnte sich gut vorstellen, dass die beiden erneut tief in ein verschworenes Gespräch mit eindeutigen Blicken versunken waren.

Sophies Idee war mehr als bescheuert. Er würde sich natürlich eine knallharte Abfuhr einfahren, wenn er tatsächlich so dreist wäre, der Frau vor den Augen ihres Freunds seine Nummer zuzustecken. Die beiden wirkten zwar locker, aber doch eher … konservativ, was ihre Sexualität betraf. Der Kerl war hetero, durch und durch, und wohl kaum an irgendwelchen Abenteuern interessiert, die obendrein seine hübsche Freundin miteinbezogen.

Chris war klar, dass es für diese Art der Abwechslung sehr viel Unverfänglichkeit benötigen würde und so etwas wie Eifersucht pures Gift war. Man traf sich, man ging. Man redete nicht über früher oder später, nur über wollen und nicht wollen.

„Dann stell es eben geschickt an …“ Sophies Lächeln wuchs. „Schon mal was von Fingerspitzengefühl gehört?“

Sophie hatte noch nicht aufgegeben. Mit einem kessen Grinsen stieß sie ihn an und murrte: „Geh raus und frag sie, ob du ihnen noch einen Wunsch erfüllen kannst. Vielleicht haben sie noch Appetit auf etwas anderes als Frühstücksbrötchen?“ Wieder wackelte die Französin mit den Brauen.

Chris zeigte ihr nur den Vogel und hoffte, dass sie das nicht wirklich ernst meinte. Er wusste selbst nicht genau, weshalb er ihrer Aufforderung halb nachkam und tatsächlich wieder den Weg nach draußen suchte. Einerseits war ihm klar, dass er das Paar beim Essen stören könnte. Andererseits …

Er könnte die Sache selbstverständlich nicht hier klären, auf keinen Fall. Aber vielleicht konnte er das Paar dazu bewegen, sich privat mit ihm zu treffen. Um sich besser kennenzulernen, etwas zumindest. Dann würden sie nicht gleich denken, dass er ein perverser Narzisst war. Und er könnte die Grenzen bei dem Typen abstecken, der, gerade als Chris den Wintergarten betrat, aufschaute und ihn dieses Mal sogar tatsächlich anlächelte.

Er fand sich wie von fremden Händen gesteuert an ihrem Tisch wieder: „Fehlt noch etwas?“

Wie nebenbei erinnerte er sich daran, dass er immer noch hier war, um Geld zu verdienen, und räumte die leeren Sektgläser ab. „Danke“, kommentierte der Mann und seine Freundin führte erheitert fort: „Es ist wirklich alles perfekt … wir haben gerade schon festgestellt, dass wir unbedingt abends noch mal herkommen wollen.“

„Wenn ihr auf pappsüße Cocktails steht, gern.“ Chris balancierte sein Tablett mit den leeren Gläsern darauf aus. „Ich könnte euch aber auch einige wirklich gute Bars in der Stadt zeigen. Ihr kommt nicht so rüber, als wärt ihr schon lang in Berlin, wenn ihr euch in diesen Hipster-Schuppen zum Frühstücken verlauft?“

„Wir wohnen tatsächlich erst seit drei Monaten hier“, entgegnete die junge Frau und lachte über seine Worte. „Aber bisher hat mich das Training in der Compagnie so sehr in Anspruch genommen, dass wir kaum Zeit für irgendwelche Restaurants oder Bars hatten.“

„Training in der Compagnie?“ Chris legte den Kopf schief. „Heißt das bei Schauspielern so? Ich dachte, das nennt man Schule …“

„Ah, erwischt!“ Erneut trat dieses Glitzern in ihre Augen und sie schüttelte den Kopf, ohne ihn aus dem Blickfeld zu lassen. „Ich bin Tänzerin am Theater ... an der Deutschen Oper, um genau zu sein.“

Obwohl er bereits angenommen hatte, sie sei eine Schauspielerin, war er von diesen Worten nicht überrascht. Ihre zierliche Statur passte in das Bild einer eleganten, disziplinierten Tänzerin. Er hatte keinen Bezug zu Kunst, Theater oder Tanz. Er ging gern in Clubs, genoss das Tanzen dort. Aber trainierte klassische Choreografien? Das klang verdammt steif und verdammt spröde. Was wiederrum überhaupt nicht zu ihrer Erscheinung passen wollte.

„Dir ist klar, dass man dir an der Nasenspitze ablesen kann, was du davon hältst?“ Ihre Worte waren mit einem Schmunzeln gesprochen, doch Chris war sich nicht sicher, wie sie seine Miene aufgenommen hatte. Also lächelte er, halb entschuldigend, halb herausfordernd.

Er hoffte, sie würde ihm seine nächsten Worte nicht krummnehmen: „Du wirkst nicht so konservativ, wie ich mir eine Tänzerin an der Oper vorstellen würde.“ Ein knappes Lächeln. „Nicht mal annähernd.“

Der warnende Seitenblick, den Chris auffing, ließ ihn erkennen, dass er sich auf dünnem Eis bewegte. Sollte er wirklich auf Sophie hören? Die beiden waren wirklich verflucht interessant … und reizvoll. Er wollte wenigstens einen Versuch wagen, ehe er sich hier völlig irrsinnig um Kopf und Kragen redete.

„Ich nehme das mal als Kompliment“, entgegnete die Tänzerin, deren Namen er noch immer nicht erfragen wollte. Nicht aus Scheu – vielmehr genoss er diese staksige, fremdfühlige Spannung, die zwischen ihnen lag. Der herausfordernde Zug im schmalen Gesicht seines Gegenübers ermutigte ihn, diesen ungewohnten und doch so vertrauten Eiertanz fortzuführen. Seinen feuchtwerdenden Fingern gab er etwas zu tun, indem er nach der Wasserflasche griff, um ihr nachzufüllen.

Während er das sprudelnde Getränk in ihre Gläser gluckern ließ, setzte er noch einmal mit einem warmen Lächeln an: „Um nochmal auf mein Angebot mit den Bars in Berlin zurückzukommen …“

„Ich trinke normalerweise nicht“, entgegnete der Mann nun etwas schneidender als zuvor. In seinem Ausdruck lag ein etwas Lauerndes, doch noch immer keine Ablehnung. Chris fand sogar, dass der Typ noch erstaunlich gelassen wirkte, wenn man bedachte, dass er doch recht offensichtlich mit seiner Freundin flirtete.

„Ich kenne auch sehr gute Restaurants.“ Chris stellte die Flasche ab und vermied es, noch einmal die junge Frau anzuschauen. Stattdessen bemühte er sich, dem abwägenden Blick des Mannes standzuhalten, der sich immerhin ein höfliches Lächeln abrang. „Überlegt es euch. Das biete ich nicht jedem an.“

Nach diesen Worten entschied er, dass es besser wäre, das Feld zu räumen, um möglichen Spekulationen und peinlicher Stille aus dem Weg zu gehen. Wenn sie mit ihren Gedanken – ob nun positiv oder negativ – erstmal allein wären, spielte das auf jeden Fall in seine Karten. Er wartete keine Reaktion ab. Stattdessen durchquerte er den Gastraum, fand den Weg ganz automatisch an die Bar und fragte sich still, was er sich überhaupt erhoffte. Sophie hatte ihn lediglich necken, vielleicht auch ein wenig in seine Schranken weisen wollen. Auf der anderen Seite: was hatte er zu verlieren? Wenn es bei einem Treffen im Berliner Nachtleben mit den beiden blieb – sollte es überhaupt dazu kommen – so wäre dies bestimmt keine verschwendete Zeit. Führte es nicht zu mehr, so sprang wenigstens ein interessanter und reizvoller Abend dabei heraus. Diese Tänzerin war, ihrem Beruf zum Trotz, keinesfalls verklemmt, sondern schlagfertig, taff. Ihr Freund dagegen – Chris wurde aus ihm nicht schlau. Vielleicht lag ja genau darin dieser ungewisse Reiz, den er gerade beim besten Willen nicht zuordnen konnte… Gab es so etwas wie eine zurückhaltende Überlegenheit? Eine abschreckende Anziehung? Chris kribbelte es in den Fingerspitzen, mehr über ihn zu erfahren.

Am Barpass ließ er, tief in Gedanken versunken, die zähe Zeit verstreichen, räumte den Tisch der Studentinnen ab, bediente weitere Gäste, die sich in geringen Zahlen ins Restaurant verirrten. Den Blick in die Ecke mit den Staffeleien vermied er dabei so gut es ging.

Stunden vergingen, ohne, dass das Paar noch eine weitere Bestellung aufgab oder die Rechnung verlangte. Schließlich wurde es Mittag und Chris blieb eisern dabei, ihnen den nächsten Schritt – ein auffordernder Blick, ein kleiner Fingerzeig, ein Lächeln – zu überlassen.

Als endlich seine Ablösung im Restaurant erschien, wandte sich der Kellner zur Kasse und druckte, ohne dazu aufgefordert worden zu sein, die Rechnung des Paars. Dann griff er sich einen Stift und beeilte sich, unter die Rechnungssumme seinen Namen und seine Nummer zu schreiben. Er wusste nicht, ob es wirklich daran lag, dass er noch gut Restpegel im Kreislauf hatte, oder ob er einfach zu lange keinen Spaß mehr gehabt hatte. Denn das hier war nicht seine Art von Flirt und eigentlich auch lächerlich Klischee. Aber wie hieß es so schön: No risk, no fun.

„Ob sie dieses Gekrakel überhaupt entziffern können?“, säuselte es ganz leise an seinem Ohr. Chris zuckte erschrocken zusammen und rammte gleich darauf seinen Ellenbogen nach hinten, was Sophie nur zum Kichern brachte: „Hol sie dir, Tiger!“ Seine Mitbewohnerin hatte die Nase gekraust und die Stimme rauchig verstellt, was mit ihrem unüberhörbaren Akzent einfach nur albern wirkte. Er schob sie achtlos zur Seite, fing sich noch einen freundschaftlichen Knuff in die Seite ein, bevor er wieder nach draußen ging …

… und erstarrte.

Der Ecktisch war verwaist. Bis auf die Gläser und die leeren Teller war niemand mehr dort.

„Fuck!“

Die beiden würden doch nicht einfach getürmt sein, ohne die Rechnung bezahlt zu haben!?

Konsterniert ging er herüber und ärgerte sich stumm über seine verdammten Pläne … es stimmte doch: Privat und Arbeit vertrug sich nicht gut. Überhaupt nicht gut!

Doch im nächsten Moment wurde er erneut überrascht. Unter der leeren Cappuccinotasse klemmten zwei blaue Scheine, welche nicht nur die Rechnung deckten, sondern auch ein stolzes Trinkgeld abgaben. Erstaunt nahm er das Geld entgegen und bemerkte dann erst die Serviette, die unter den Zwanzigern lag. Mit schwarzer Tinte stand darauf: ‚Wir hoffen, du kannst dafür sorgen, dass wir uns nie wieder in einen Hipster-Schuppen verirren, wo dem Kellner nichts Besseres einfällt, als uns ein Ohr abzukauen. Milena und Nik.

Chris schnaubte ein unterdrücktes Lachen. Natürlich war ihm klar, dass die Worte nicht negativ gemeint sein konnten. Spätestens bei der Handynummer, welche unter die Namen geschrieben war, wurde dies offensichtlich. Anscheinend waren sie seinem Angebot doch nicht abgeneigt. Und er würde sie wiedersehen.
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