Telemachos auf Atlantis

GeschichtePoesie, Fantasy / P12
20.05.2017
11.10.2017
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Der Aufbruch

Voller Entschlossenheit, Pallas Athenes Geheiß zu genügen,
Legte der Jüngling die Kleider an und griff nach den Sohlen,
Um sie sich unter die Füße zu binden. Anschließend trat er
Aus der Kammer hervor und lief die Treppe hinunter,
Um den verehrten Eltern seinen Traum zu erzählen.
Während er noch die steinernen Stufen eilig hinabstieg,
Sah Telemachos seine traurigen Eltern beim Mahle,
Das sie soeben gemeinsam einnahmen, ohne zu sprechen.
Weder Odysseus noch Penelope schienen bemerkt zu
Haben, daß der Jüngling erschienen war, derart versunken
Waren sie beide in ihren sorgendurchtränkten Gedanken.
Ohne den sonstigen Glanz umrahmten die Locken Odysseus'
Antlitz, dessen Züge so sehr Telemachos glichen
(Auch wenn der Jüngling nicht des Vaters geringelte Locken,
Sondern Penelopes braunes Haupthaar als Erbteil empfangen
Hatte, das glatt sein schönes Gesicht geschmeidig umspielte);
Selbst Odysseus' Augen waren so trüb wie nur selten.
Gleichfalls vom Kummer verschattet waren Penelopes Züge;
Wie ein marmornes Bildnis saß sie erstarrt an dem Tische.
Aber Telemachos sprach mit klangvoller Stimme die Worte:
„Liebe Eltern, ich komme zu euch als Bote der Hoffnung,
Denn in der jüngsten Nacht ist mir Pallas Athene erschienen!“
Jetzt erst bemerkten Odysseus und seine schöne Gemahlin
Ihres Sohnes Gegenwart. Beide wollten nun hören,
Welcherlei Hoffnung die Göttin Telemachos eingeflößt hatte,
Und der Jüngling berichtete seinen ehrbaren Eltern,
Wie im Traum die Tochter des höchsten olympischen Gottes
Zu ihm gesprochen hatte. Darauf sagte Odysseus,
Dessen geklärter Blick von neuer Entschlossenheit zeugte:
„Lange habe ich auf ein solches Zeichen gewartet,
Ohne den Weg zu sehen, der zu des trefflichen Vaters
Heilung führt; und wieder ist es die huldvolle Göttin,
Die uns Hilfe gewährt und die dunkelsten Stunden erleuchtet!
Da ich nun weiß, was zu tun ist, will ich keinesfalls säumen:
Heute noch werde ich die geliebte Heimat verlassen
Und zunächst in Pylos den würdigen Nestor besuchen,
Um zu erfahren, wie ich die ferne Insel Atlantis
Zügig erreichen kann.“ So sprach der kühne Odysseus;
Doch Telemachos gab ihm darauf die folgende Antwort:
„Lieber Vater, du hast genug an Meeren befahren!
Mir ist Athene erschienen, und ich muß Atlantis bereisen;
So gebot es mir im Traum die Göttin Athene.
Auch mein Verstand drängt mich zum Aufbruch, dich zum Verweilen:
Ich kann die Meere befahren, ohne der Heimat zu schaden;
Du bist Ithakas König und mußt in Gerechtigkeit herrschen!“
Staunend vernahm der kluge Odysseus Telemachos' Worte;
Während er noch versuchte, die passende Antwort zu finden,
Wandte sich schon Penelope, seine schöne Gemahlin
Ihrerseits an Odysseus und sprach mit tönender Stimme:
„Lieber Odysseus, Telemachos hat verständig gesprochen;
Ithaka kann nicht nochmals auf seinen König verzichten!
Doch Telemachos ist schon den Freiern entgegengetreten,
Die mich so dreist bedrängten und unsere Güter verschmausten;
Mutig hat er damals seine Reife bewiesen,
Wie ein Schmetterling, der die Flügel erstmals entfaltet!
Niemand ist besser gerüstet, die Insel Atlantis zu suchen,
Als Telemachos!“ Tränenfeucht glänzten Penelopes Augen,
Während sie noch mit zitternden Lippen die Worte ergänzte:
„Ungern nur lasse ich unseren Sohn die Meere befahren,
Beuge mich aber dem bitteren Zwang der verzweifelten Stunde!“
Darauf versetzte der im Leiden erprobte Odysseus:
„Zweifach sehe ich mich von euren Worten bezwungen:
Fahre also, mein Sohn, und finde das Eiland Atlantis!“

Da nun die Reise beschlossen war, wollte der tüchtige Jüngling
Ithaka zügig verlassen; er ließ die Herolde rufen,
Denen er dann mit fester Stimme die Weisung erteilte,
Flugs dem Volk zu verkünden, daß er zu reisen gedenke,
Um von den kundigen Heilern der fernen Insel Atlantis
Zu des Großvaters Heilung eine Arznei zu empfangen;
Daher benötige er die Hilfe kräftiger Männer.
Doch die Herolde folgten sogleich Telemachos' Weisung,
Und das Volk versammelte sich vor dem Haus des Odysseus.
Bald schon waren so viele willige Männer gefunden,
Daß Telemachos unter ihnen auswählen konnte:
Vierzig Jünglinge wurden von ihm als Gefährten erkoren.
Fleißige Hände rüsteten nun ein Schiff für die Reise;
Als die Sonne im Meer versank, war die Arbeit vollendet.
Dies war für den verständigen Jüngling die Stunde des Abschieds;
Traurig umarmte Telemachos nacheinander die Eltern:
Erst die schöne Penelope, dann den kühnen Odysseus.
Anschließend ging er an Bord des schwarzen und wendigen Schiffes,
Wo die Gefährten schon, erfüllt von Tatendrang, saßen.
Als Telemachos nun befahl, die Segel zu setzen,
Bauschten sich diese im Wind, und der Kiel des gleitenden Schiffes
Schnitt wie ein Messer durch die Wogen des tosenden Meeres.
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