Telemachos auf Atlantis

GeschichtePoesie, Fantasy / P12
20.05.2017
11.10.2017
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Vorwort


Die folgende Erzählung setzt nicht unbedingt die Lektüre der Odyssee voraus, es ist aber auf alle Falle hilfreich, ungefähr Bescheid zu wissen, wovon das homerische Epos handelt. Meine Gestaltung des Atlantis-Mythos hingegen weist keinen direkten Bezug zu den entsprechenden platonischen Dialogen auf (schon deshalb, weil ich zwar ein wenig von Platon gelesen habe, nicht aber die Dialoge, in denen Atlantis erwähnt wird); sie ist vielmehr, so wie eigentlich das gesamte Werk, der Fantasy zuzurechnen. Ich strebe momentan eher ein langes Gedicht als ein kurzes Epos an, trotzdem kann es durchaus auch mal länger dauern, bis ein neues Kapitel fertig ist, da es doch eine beträchtliche Anstrengung bedeutet, in Hexametern zu schreiben. Ich bitte daher schon vorab um Geduld (und verweise auf meine schon abgeschlossenen poetischen Werke...)


TELEMACHOS AUF ATLANTIS

Der Traum

Glitzernd versank die Sonne im windgekräuselten Wasser;
Schweigend verfolgte der Jüngling Telemachos, Sohn des Odysseus,
Wie die Farben des Tages allmählich der Dunkelheit wichen:
Erst als die Lichter der Sterne funkelnd am Himmel erschienen,
Brach Telemachos auf und verließ die Gestade des Meeres.
Langsam durchquerte der Jüngling inmitten nächtlicher Schwärze
Ithakas Weiten, bis er die Stadt in der Ferne gewahrte.
Dieser Anblick beschleunigte endlich Telemachos' Schritte:
Zügig lief nun der verständige Jüngling über die Felder,
Bis er schließlich die Stadt mit hurtigen Füßen erreichte.
Während die meisten Häuser ihm nur als Schemen erschienen,
Konnte Telemachos trotz der nächtlichen Finsternis deutlich
Seines Vaters Palast erkennen, den Fackeln erhellten.
Seit der ersehnten Rückkehr des duldsamen Helden Odysseus
Hatte der Vollmond sieben Male die Insel beleuchtet:
Nichts erinnerte mehr an das schändliche Treiben der Freier.
Dennoch umwölkte neue Sorge das Haus des Odysseus,
Da ein seltsames Fieber Laertes befallen hatte:
Tiefer Kummer bedrückte Odysseus wegen des Leidens,
Das die Kräfte seines Vaters langsam verzehrte;
Auch Telemachos fürchtete um des Großvaters Leben.
Weder Opfer noch Heilmittel hatten Laertes' Befinden
Dauerhaft bessern können: verzweifelt erwog nun Odysseus,
All die Rinder, die ihm die schwelgenden Freier gelassen
Hatten, beim nächsten Neumond Zeus Kronion zu opfern;
Daher beschwerten den trefflichen Jüngling allerlei Sorgen,
Als er den schönen Palast des Odysseus endlich erreichte.
Während Telemachos eintrat, sah er im Licht, das die Fackeln
Warfen, seine edle Mutter in schönen Gewändern.
Zärtlich lächelnd empfing Penelope ihn mit den Worten:
„Hast du wieder sinnend die sinkende Sonne betrachtet?“
„Nicht nur die Sonne, auch das Meer“, versetzte der Jüngling,
„Denn mich erfüllt seit Tagen schon eine seltsame Ahnung,
Daß ich die Fluten des Meeres sehr bald wieder befahren
Werde.“ Deutlich trat der Schmerz in Penelopes Augen,
Deren Stimme von Kummer kündete, während sie sagte:
„Wer hat in deinen Geist den schlechten Gedanken geträufelt,
Ithaka zu verlassen, während dein Großvater leidet?
Reicht denn das Leid, mit dem uns die Götter zu prüfen gedachten,
Nicht aus? Willst du weiteren Jammer über uns bringen?“
Aber Telemachos gab Penelope folgende Antwort:
„Liebe Mutter, beruhige dich! Ich werde nicht planlos
Eine Reise beginnen, ohne den Zielort zu kennen;
Leichtfertig werde ich meine Heimat gewiß nicht verlassen.
Nur auf Geheiß der Götter oder des gütigen Vaters
Werde ich nochmals die windbewegten Meere befahren.“
Immer noch glänzten die Tränen in Penelopes Augen,
Als die traurige Königin zu Telemachos sagte:
„Dies klingt verständig; daher will ich auch länger nicht klagen.
Sage mir dennoch, lieber Telemachos: was läßt dich glauben,
Daß der Aufbruch zu einer Reise voller Gefahren
Göttlichem Willen entsprechen könnte?“ Voller Bewegung
Kamen der Königin diese Worte über die Lippen;
Doch der verständige Jüngling Telemachos gab ihr die Antwort:
„Schon seit Tagen durchwandert meinen Geist der Gedanke,
Daß des tapferen Großvaters Heilung ein Mittel erfordert,
Welches keiner der Heiler auf Ithaka herstellen könnte;
Deshalb nur zieht es mich gegenwärtig in ferne Gefilde.
Wenn ich nur wüßte, wo ich jemanden aufsuchen könnte,
Der sich wahrhaftig darauf versteht, die Kranken zu heilen,
Bräche ich umgehend auf, um Laertes' Leben zu retten;
Unkenntnis aber kettet mich an Ithakas Berge!“
Tränen entstürzten nach diesen Worten Telemachos' Augen;
Nun war er es, der des Trostes der Mutter bedurfte.
Endlich beschlossen sie beide, die Räume im oberen Stockwerk
Aufzusuchen und ihren Kummer im Schlaf zu vergessen.

Lange noch suchte der Jüngling vergeblich den nächtlichen Schlummer;
Endlich schlief er ein, worauf Telemachos träumte,
Daß er am Strand das Meer betrachtete; Wogen umspülten
Einzelne Felsen, die an ferne Inseln gemahnten.
Plötzlich bemerkte Telemachos eine wackere Reckin,
Die geräuschlos erschienen war. Der treffliche Jüngling
Blickte in ihre blauen Augen olympischer Herkunft,
Und er erkannte, daß Pallas Athene, die herrliche Göttin,
Neben ihm stand. Athene begann nun die folgende Rede:
„Höre mich an, Telemachos, Sohn des klugen Odysseus!
Sage Odysseus, daß Zeus Kronion, höchster der Götter,
Kein Verlangen hat, ihm die letzten Rinder zu nehmen!
Nicht Hekatomben werden Laertes' Leiden kurieren;
Dies zu bewirken obliegt nur dir, verständiger Jüngling.“
„Gern will ich deinem Gebot gehorchen, weisteste Göttin“,
Sagte darauf Telemachos schüchtern zu Pallas Athene,
„Sage mir nur, was ich tun muß!“ Pallas Athene versetzte:
„Fern im Westen liegt ein Eiland namens Atlantis;
Dort gibt es Heiler, die geheime Arzneien besitzen:
Eine davon vermag auch Laertes' Krankheit zu heilen.“
Einer der Felsen hatte sich unterdessen verwandelt:
Nun erblickte Telemachos eine blühende Insel
Voller Paläste, Tempelstätten und prachtvoller Häuser;
In der Mitte der Insel ragte ein Berg in die Höhe:
Weißes Gewölk umkränzte den kegelförmigen Gipfel.
Doch Telemachos stellte der mächtigen Göttin die Frage:
„Wie muß mein Schiff ich lenken, um Atlantis zu finden?“
Zeus Kronions göttliche Tochter gab ihm die Antwort:
„Rüste ein Schiff und fahre sogleich gen Pylos zu Nestor;
Er kennt den Weg und wird die die richtigen Antworten geben!“
Während die Worte der Göttin verhallten, verließ sie den Jüngling,
Der allein am Gestade zurückblieb, bevor er erwachte.
Langsam erhob sich Telemachos von dem nächtlichen Lager,
Und er erblickte Wolken, die rosig den Morgen begrüßten.
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