Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Lass mich dir helfen, Aniki

von Snowsong
OneshotFamilie, Freundschaft / P12 / Gen
Enki Gokuu Samon Gokuu
15.05.2017
15.05.2017
1
3.815
8
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
15.05.2017 3.815
 
Inspiriert durch ein Bild von Scheherazades-dominion

http://scheherazades-dominion.tumblr.com/post/160619210266/starryopals-art-i-smoothed-him-truly-this


_________________________________________________________________

Lass mich dir helfen, Aniki


Samon wedelte freudig mit seinem roten Affenschwanz. Der 7- Jährige Junge saß auf einem Baum und reckte seinen Kopf. Seit etwa 2 Stunden wartete er jetzt schon, dass sich eine ihm bekannte Person auf der Straße zeigte.

Samon lebte in einem kleinen, chinesischem Dorf, tief in den Bergen. Hier schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Es gab so gut wie keine Elektronik und demnach auch so gut wie keine Autos.  
Das hieß, wer hier her kam, musste entweder mit einem Eselskarren fahren oder ab zu Fuß gehen.

Samon älterer Bruder Enki arbeitete seit einem Jahr beim Militär. Er hatte dort eine Stelle gefunden und ließ sich nun als Aufseher in einer Strafjustizanstalt ausbilden. Sie beide lagen 10 Jahre auseinander, aber dass tat ihrer Geschwisterliebe keinen Abbruch.
Samon liebte und verheerte Enki aus tiefstem Herzen und jeden Tag vermisste er ihn schmerzlichst.

Was für ein Glück das sein Vetter Wei morgen heiratete und Enki auf der Hochzeit erscheinen musste.
Samon konnte es kaum erwarten, Enki wieder in die Arme zu schließen. Ob er sich sehr verändert hatte? Sie hatten sich lange nicht gesehen, fast 6 Monate war Enki seit seinem letzten Besuch weg.

Am Wegendende, nahe der Brücke die über einen Fluss führte, erschien eine Person in Uniform. Samons Herz begann wie wild zu schlagen.
Da war er, sein großer Bruder. Mit einem Satz war Samon von dem Ast gesprungen.

„Aniki!“ rief er aufgeregt und rannte seinem Bruder entgegen.


                              *     *     *

Noch bevor die Brücke in Sicht kam wusste Enki Gokuu schon, dass Samon dort auf ihn wartete.
Samon, sein kleiner Bruder hatte ein reines, unverkennbares Chi von der Farbe eines Smaragdes. Enki würde es unter tausenden von Chis wiedererkennen. Kaum aber hatte er die kleine Brücke erreicht, die zu seinem Heimatdorf führte, konnte er Samon schon Rufen hören.
Natürlich, er hatte gewartete. So wie er immer wartete.

Samon rannte über die Brücke.
Enki lächelte und breitete seine Arme aus. Samon sprang natürlich sofort hinein. Vertrauensvoll drückte sich der kleinere an ihn.
„Hallo Aniki.“
„Hallo Samon.“
„Ich habe dich vermisst, Aniki.“
Enki lachte leise, während er tief die Luft einzog. Samon duftete nach Zitronenmelisse. Die Kräuter baute er an und verarbeitete sie auch.
„Ich dich auch, Samon. Ich dich auch.“ antwortete er ihm.

„Was ist mit deinem Arm? Bist du verletzte!“ erst jetzt schien Samon die Schlinge aufzufallen, die Enki trug und in der er seinen rechten Arm gelegt hatte. Fragend sahen ihn  zwei apfelgrüne Augen an.
„Das? Oh, dass ist während dem Training passiert. Nichts besonderes“, erwiderte Enki. „Ich soll den Arm etwas entlasten und schonen.“ spielte er die Verletzung hinunter. Eigentlich sollte er den Arm eine Woche konstant nicht benutzen, da das Handgelenk beschädigt war.

Mit Samon auf seinem linken Arm lief er weiter, zurück nach Hause.
Er würde Samon nicht absetzten, auch wenn sein Vater da anderer Meinung war. Ging es nach ihrem Vater, dann würde Samon vermutlich schon nicht mehr leben.
Enki war der Erstgeborene und damit der Erbe des Hauses Gokuu. Er sollte Leistung bringen und immer perfekt sein. Nur bei Samon konnte er es sich erlauben, auch Fehler zu machen. Bei Samon konnte er er selbst sein.

Im Garten vor dem großen Anwesen der Familie arbeitete Nana, seine und Samons Urgroßmutter. Die alte, gebrechliche Frau hob den Kopf. Auf dem runzeligen Gesicht breitete sich ein breites Lächeln aus.
„Enki, wie schön dich zu sehen. Willkommen zurück, mein Junge.“
Enki verneigte sich.
„Vielen Dank, Urgroßmutter. Es ist schön, wieder zu Hause zu sein.

Natürlich war sein Zimmer hergerichtete worden. Samons Zimmer lag genau neben dem von Enki.
„Hast du fleißig gelernt, während ich weg war?“ fragte Enki. Samon nickte sofort.
„Ich habe alle Englischaufgaben gemacht, die du mir aufgetragen hast.“ antwortete der kleinere.
„Gut.“

Da Samon von seinen Eltern vernachlässigt wurde, übernahm Enki so gut wie er konnte die Erziehung und Ausbildung seines Bruders. Samon war sehr lernbegierig und zog alles Wissen wie ein Schwamm auf.
Nach dem er Samon abgesetzte hatte, ließ Enki seinen Rucksack zu Boden sinken.  Dabei steifte der Träger sein verletztes Handgelenk. Sofort zuckte er zusammen.

„Aniki?“ kam es sofort besorgt von Samon.
„Alles gut mein Kleiner. Es ist alles in Ordnung.“ log er. Samon kniff die Augen zusammen. Enki seufzte gespielt.
„Meine Hand schmerzt, dass ist alles. Es war ein langer Heimweg.“

Samon legte seine Hand sanft auf Enkis Handgelenk. Besorgt sah ihn der jüngere an.
„Aniki, wenn ich dir irgendwie helfen kann...“, brachte Samon hervor.
„Dann sage ich es dir.“ Enki strich Samon sanft über seinen Kopf.
„Hast du noch von der Zitronenmelissenseife? Meine ist aufgebraucht.“ wollte er von Samon wissen. Natürlich nickte sein Bruder. Samon stellte diese Seife wie vieles selbst her. Der rote Affenschwanz wedelte freudig hin und her.
„Soll ich dir sofort ein Stück bringen?“
„Ich werde Vater und Mutter noch Guten Tag sagen. Richte du doch schon einmal alles im Badezimmer her.“ schlug Enki vor. Samon nickte sofort wild. Wenig später war Enki alleine in seinem Zimmer.

Eher er zu Vater ging, legte er die Schlinge ab. Vor seinem Vater konnte und wollte er sich keine Schwäche zeigen. Glücklicherweise trug er seine weißen Handschuhe, die den Verband um sein Handgelenk verbargen.

Vater und Mutter warteten in einem großen Zimmer auf ihm. Mutter war am sticken und Vater arbeitete an einer Schriftrolle. Enki verneigte sich respektvoll vor seinen Eltern, auch wenn diese diesen nicht verdient hatten. Zumindest aus seiner Sicht..
„Ah Enki, es tut gut, dich wieder zu sehen.“ Vater erhob sich von seinem Platz.
„Danke Vater. Es fühlt sich gut an, wieder zu Hause zu sein.“ antwortete Enki.
„Morgen ist ein großer Tag für Wei. Ich wünschte, mein Bruder könnte hier sein und zusehen, wie sein Sohn heiratet.“ sprach sein Vater. Enki verbiss sich eine Bemerkung. Sein Onkel war alles andere als ein guter Mensch gewesen. Enki hoffte, dass er in der Hölle schmorte oder als Pantoffeltierchen irgendwo wiedergeboren worden war.

„Wir haben dir extra für die Hochzeit neue Kleider machen lassen“, sagte Vater schließlich. „Ich erwarte von dir das du tadellos aussehen wirst. Zur Hochzeit sind viele mächtige, alte Familien geladen. Ich wünsche, dass auch du dich nach einer Braut umsiehst.“
„Jawohl Vater.“ Enki stand stramm. Natürlich zauberte das ein Lächeln auf die Lippen seines Vaters.
„Ich könnte dir jetzt befehlen, dass du dich von Samon fernhält“, bemerkte Vater „Aber da ich weiß, dass du dich da sowieso nicht daran halten wirst, übertrage ich dir die Verantwortung für ihn. Es obliegt dir, was er anziehen wird, aber ich erwarte, dass auch Samon vorzeigbar sein wird. Auch er repräsentiert an dieser Hochzeit unsere Familie.“
„Jawohl Vater. Mach dir keine Sorgen um Samon. Wir werden beide unserer Familie keine Schande bringen.“ Enki verneigte sich tief. Seine Vater schien zufrieden zu sein.
„Gut, dass war dann alles. Du kannst gehen, Enki. Wir sehen uns beim Abendessen.“ damit war er entlassen. Nur zu gerne zog sich Enki zurück.

Während er in seinem Zimmer neue Kleidung aus dem Schrank war, begann sein Handgelenk wieder zu brennen. Die Belastung, mochte sie auch noch so gering sein, zeigte ihm auf, dass seine Verletzung noch lange nicht verheilt war.
Enki biss die Zähne zusammen. Vor dem Abendessen würde er eine Schmerztablette essen. Wenn sein Vater sah, dass er verwundet war, würde es ärger geben.
Vor allem da Enki morgen 101% bringen musste.

Samon hatte alles Vorbereitet, wie er wenig später feststellte. Die Seife, die Enki so mochte, lag auch schon bereit. Mit der linken Hand versuchte er eher schlecht als recht seine Uniformjacke zu öffnen.
„Lass mich dir helfen, Aniki.“ und schon stand Samon vor ihm. Geschickt öffnete er Knopf um Knopf.

„Samon...“
„Nein, nicht Samon. Samon hilft dir jetzt, Aniki.“ kam es frech von Samon. Enki schüttelte den Kopf.
„Samon... du musst das nicht tun.“
„Ich weiß, Aniki. Aber ich möchte es tun. Das ist ein Unterschied. Je mehr du deine Hand jetzt entlastetest, um so funktionsfähiger wird sie am Abendessen sein.“ und wieder überraschte Samon ihn mit großer Weisheit. Enkis Mundwinkel zuckten. Dann nickte er.

Samon öffnete Knopf und Knopf und hängte die schwere Uniformjacke dann an einem Kleiderbügel auf. Vorsichtig öffnete er dann die Knöpfe des weißen Hemdes. Zuerst die an den Ärmeln, dann die an der Brust. Die Krawatte löste er ebenfalls.
„Urgroßmutter nimmt mich im Moment immer mit, wenn sie Wäsche wäscht. Ihr Rücken macht ihr Probleme.“ erzählte Samon.
„Was verständlich ist, sie wird bald 100 Jahre alt.“ kam es von Enki zurück. Samon nickte.

Für seinen 7- Jährigen Bruder war Urgroßmutter Nana neben Enki die einzige nahestehende Bezugsperson. Nicht auszumalen was passierte, wenn sie verstarb.

Nach dem alle Kleidungsstücke abgelegt waren, musste Enki sich zuerst einseifen. Auch hier erwies sich das Fehlen seiner rechten Hand als hinderlich. Samon sah ihn kurz an.
„Lass mich dir helfen, Aniki. Ich seife dir den Rücken ein.“ und schon hatte ihm Samon die Seife aus der Hand genommen.
„Samon...“
„Setz dich Aniki. Ich bin dein Bruder. Mir darfst du den Rücken zudrehen... oder?“ das letzte Wort kam verunsichert von Samon. Enki blinzelte erst, dann nickte er langsam.
Richtig, Samon war nicht sein Feind. Er konnte den jüngeren ohne Probleme den Rücken zudrehen.

Wenig später strichen kleine Hände über seine Haut. Mit sanftem Druck wurde die Seife verteilt.
Enki schloss genießerisch die Augen. Doch, eigentlich war das ganz angenehm. Warum war er nicht früher darauf gekommen, Samon einmal seinen Rücken einseifen zu lassen?
Erst jetzt wurde Enki bewusst, wie angespannt er die letzten Wochen und Monate gewesen war. Der Druck, der Tagtäglich auf seinen Schultern lag, verschwand für einen Moment.
„Bist du sehr müde, Aniki?“ fragte Samon auf einmal.
„Es war eine lange Reise und die letzten Tage waren sehr anstrengend. Also ja, mein Kleiner Affe. Ich bin müde. Warum fragst du?“
„Ich wollte dich fragen, ob du mir nach dem Essen noch etwas vorliest.“
„Du kannst dich selber lesen!“ entfuhr es Enki.
„Ja, aber vorgelesen bekommen ist schöner. Uns außerdem hast du eine so angenehme Stimme.“
Bei diesem Kompliment musste Enki blinzeln. Hatte er das? Er hatte nie auf so etwas geachtet. Die meiste Zeit hörte er nur, wie einschüchternd er doch war.

„Ich kann dir gerne etwas vorlesen, mein Kleiner Affe. Aber jetzt bringen wir erst einmal das Abendessen hinter uns.“ Enki wusste, Zusammenkünfte mit Vater und Mutter waren für Samon immer ein Spießrutenlauf. Enki schützte Samon so gut er konnte.

Zusammen spülten sie sich die Seife von der Haut und nahmen dann ein Bad. Danach kam die Schmerztablette. Samon beobachtete ihn besorgt.
Aber auch er wusste, dass Enki vor Vater keine Schwäche zeigen durfte. Niemand wusste besser als Samon, was ansonsten passierte.
Strafen, die teils Körperlich oder Physisch ausgeteilt wurden, waren bei Vater schon bei kleinen Vergehen an der Tagesrodung. Samon hatte zum Beispiel schon mit jungen 4 Jahren regelmäßig den Bambusstock zu spüren bekommen.  
Enki wusste selbst, wie sehr die Finger nach so einer Strafen schmerzten. Nein, er durfte Vater nicht zeigen, dass er verletzt war.
Zusammen gingen sie in das Esszimmer. Vater und Mutter saßen schon an dem Tisch und warteten. Sowohl Samon als auch er verneigten sich.
Dann begann das Essen.

Mutter redete viel. Als Tante des Bräutigams hatte sie bei den Vorbereitungen geholfen. Enki hörte mit einem halben Ohr zu. Er hatte zu Wei kein gutes Verhältnis und seine Anwesenheit war reine Formsache.
Wei hatte noch einen Bruder. Kibun hieß er. Die beiden gaben Samon und ihm die Schuld an dem Tod ihres Vaters. Dieser war nicht ganz vier Jahren bei einem verheerenden Feuer ums Leben gekommen.
Enki und Samon waren damals in dem Haus zu Gast gewesen, ja. Aber überlebt hatten sie beide nur, weil Enki eher unbeabsichtigt aus dem Fenster gesprungen war.

Enki sah auf seinen Teller. Seine rechte Hand schmerzte, das Handgelenk brannte trotz der Tablette. Dennoch zitterten die Essstäbchen nicht.
Er war schon immer gut dabei gewesen, sich zu verstellen. Trotzdem würde er heute auf einen Nachschlag verzichten, um das Handgelenk nicht zu sehr zu strapazieren. Kurz hob er den Blick und sah zu der Teekanne. Noch war sie gut gefüllt und war bestimmt schwer.

Samon neben ihm erhob sich wortlos und nahm die Teekanne in die Hände. Stumm schenkte er Enki eine Tasse ein. Dem Duft nach war es eine von Urgroßmutters Kräutermischungen.
„Was machst du da schon wieder, Samon?“ schimpfte Vater augenblicklich. Enki öffnete sofort den Mund um Samon zu verteidigen. Aber Samon war schneller.
„Ich bedienen meinen älteren Bruder, Vater.“ sagte Samon ruhig. Er stand gerade und blickte Vater an.
„Wir haben darüber gesprochen, Vater, dass ich nur der zweite Sohn des Hauses bin. Ist es da nicht billig und recht, dass ich meinem älteren Bruder und Erben des Hauses zu Diensten bin?“

Enki hätte sich mit Sicherheit verschluckt, wenn er etwas im Mund gehabt hatte. Was für eine Wortwahl legte Samon da schon wieder an den Tag?
Vater jedoch wirkte besänftigt. Ja, er lächelte sogar.
„Ich freue mich, dass du deinen Platz so schnell akzeptiert hast. Du hast Recht, Samon. Du als zweiter Sohn unserer Familie hast deinem Bruder zu dienen.“
Damit war das Thema wohl beendet. Vater widmete sich wieder seinem Teller und Enki nippte an seinem Tee. Samon stellte unterdessen die Kanne zurück.

Er hatte es schon wieder getan.
Wieder hatte Samon ein Verhalten an den Tag gelegt, der nicht zu einem Kind passte. Die Worte waren weiße gewählt, aber dass war definitiv nicht Samons Sprache. Sie passten zu einem Diplomat, ja. Aber bestimmt nicht zu einem Kind, dass erst 7 Jahre alt war.  
Samons Körperhaltung war gerade, wie die eines Soldaten. Enki hatte Samon jetzt fast 6 Monate nicht mehr gesehen, aber so eine stramme Haltung verlangte Übung. Und es war unwahrscheinlich, dass sich Samon in diesem Halben Jahr so stark verändert hatte.

Nach dem Essen räumte Samon wie selbstverständlich den Tisch ab. Enki beobachtete Samon genau. Eigentlich hatten sie Personal, dass das übernahm. Vater hatte seinen Blick wohl bemerkt.
„Wir haben beschlossen das Samon seiner Rolle als zweiter Sohn gerecht werden muss.“ erklärte Vater.
„Der zweite Sohn des Hauses ist kein Diener.“ erwiderte Enki scharf.
„Das nicht, aber er wird bis zu seiner Hochzeit mit dir unter einem Dach leben. Besser, er macht sich nützlich. Wir zweifeln ja eh daran, dass er eine gute Frau finden wird.“

Enki ballte seine Hände zur Faust. Zwar lagen sie in seinem Schoß, aber Vater merkte es natürlich trotzdem.
„In Samon steckt viel Potenzial.“ grollte Enki, als er den Blick sah, dem ihm sein Vater ihn zuwarf.
„Warum sollten wir uns die Mühe machen, dieses Potenzial zu heben, wenn wir dich haben? Ich war von Anfang an nur für ein Kind. Samon war ein Unfall.“

Hinter ihnen klirrte etwas. Enki drehte den Kopf. Samon hatte eine Porzellanschühchen fallen lassen.
„Was sollte das?“
Wortlos erhob sich Enki. Es war ihm egal, ob es respektlos seinen Eltern gegenüber war. Sanft aber bestimmt legte er seine linke Hand auf Samons Schulter und zog ihn mit sich.
„Wo willst du hin, Enki?“
„Ich bin müde. Außerdem muss ich mir Samons Kleidung ansehen, damit er morgen; ich zitiere: `Vorzeigbar` ist.“ mit diesen Worten verließ Enki den Raum. Sollte Vater doch eine Strafe verhängen, Enki würde sie ertragen. Er würde alles auf sich nehmen, nur damit sein Bruder aus diesem verdammten Zimmer raus kam.  

Zurück in seinem Zimmer kniete sich Enki vor Samon nieder um ihn in die Augen schauen zu können. Samon wich seinem Blick aus.
„Ich bin ein Mörder... und ein Unfall... was bin ich noch?“ kam es leise von Samon.
„Du hast Mutter nicht umgebracht“ erwiderte Enki sanft. „Komplikationen bei der Geburt sind etwas natürliches.“
Samon drehte den Kopf weg.
„Und ein Unfall...“, was sollte Enki da sagen?
„Samon. Es ist mir egal, ob Vater dich wollte oder nicht. Mutter wollte dich.“ vorsichtig packte er Samon am Kinn und zwang ihn so, den Blick zu heben.
„Du bist mein kleiner Bruder und es ist mir egal, was Vater sagt. So lange ich hier wohne, wird er dir  nichts tun. Wenn es sein muss, schlage ich mit ihm. Und wir wissen beide, dass ich ihm gewachsen bin.“
Samon riss sich los.
„Du sollst wegen mir keinen ärger mit Vater beginnen. Wir wissen beide, dass das nur wieder Probleme geben wird.“ kam es leise von Samon. Sein kleiner Bruder stand mit hängenden Schultern vor ihm.

Enki seufzte. Er brauchte etwas, um Samon abzulenken. Sein Blick streifte den Spiegel in seinem Zimmer.
„Samon?“ Enki sah seinen Bruder an „Du hast gesagt, du hilft mir, wenn ich dich brauche.“ sofort straften sich Samons Schultern etwas. Sein roter Affenschwanz schoss in die Höhe. Aufmerksam sah er Enki an.
„Natürlich, Aniki. Alles!“
Enkis Mundwinkel zuckten.

„Meine Haare Samon“ erklärte er ihm „Sie sind sehr dicht, wie du weißt und ohne meine rechte Hand kann ich sie nicht richtig kämmen.“
Samon nickte eifrig.
„Ich kümmere mich darum. Setzt dich Aniki.“ das ließ sich Enki nicht zweimal sagen. Samon nahm eine Bürste zur Hand und begann damit, das Haar zu kämmen.
Enki schloss seine Augen. Das sanfte ziehen an seiner Kopfhaut fühlte sich gut an. Enki seufzte leise.


               *     *     *

Nach und nach kam Samon zur Ruhe. Seine Aufgewühlter Geist wurde durch das Kämmen immer friedlicher.
Vor ein paar Jahren hatte er noch in diesen Haaren geschlafen. Samon musste unweigerlich kichern.
„Weißt du noch, Aniki? Als wir zum ersten mal mit Großvater Hihi in den Bergen trainiert haben?“ es kam keine Antwort.
„Aniki?“ Samon senkte die Arme und lief um seinen Bruder herum. Enkis Augen waren geschlossen. Er atmete gleichmäßig.

Ob er schlief?

„Aniki?“ das Chi konnte Samon noch nicht wirklich lesen. Aber er glaubte dennoch, dass Enki schlief. Was jetzt?
Samon sah sich um. Auf Enkis Bett lag seine Bettdecke. Samon packte sie und zog sie über seinen Bruder. Das gestaltete sich als doch recht schwierig; war Enki doch um so vieles größer als er.

Enki murmelte etwas und legte sich dann von sich aus hin. Samon wedelte freudig mit seinem Schwanz. Sehr gut! So war es einfacher, die Decke über Enki zu ziehen.
Als nächstes kam das Kopfkissen. Enkis Kopf war schwer. Trotzdem schaffte es Samon Enkis Kopf anzuheben und mittels seines roten Affenschwanzes auch das Kissen darunter zu schieben.

Zufrieden setzte sich Samon auf den Boden.
Enki sah friedlich aus, wenn er schlief. Samon hatte schon oft gehört, dass andere Menschen Enki einschüchternd fanden. Warum bloß? Nur weil er so groß war?
Sein Bruder war vieles, aber einschüchternd? Nein. Enki war... schön.
Zärtlich strich Samon über die Wange seines älteren Bruders, berührte zaghaft die langen Wimpern.

Ob er auch einmal so aussehen würde, wenn er älter war?

Samons Augen huschten weiter zu Enkis Handgelenk. Er hatte es nicht mehr bandagiert.
Morgen, an Weis Hochzeit musste Enki perfekt sein, dass wusste Samon. Wenn seine Verletzung bemerkt wurde würde zumindest Vater sehr, sehr wütend werden.
Viele alte und mächtige Familien kamen morgen zusammen und so wie Samon wusste, nahm die Familie Gokuu einen hohen Rang unter ihnen ein. Ein verletzter Erbe aber... nun, Samon wusste durchaus, dass nähere Verwandte Morde begehen würden, um sich Geld und Grundstücke einzuverleiben.

Nein, Enki musste morgen perfekt sein.

„Ihr Ahnen... großer Affenkönig Sun Wukong“, flüsterte Samon „Bitte, erhört mein Gebet. Mein Bruder ist verletzt. Er macht alles für mich. Bitte, lasst mich seine Wunde tragen...“


               *     *     *

Enki schreckte aus dem Schlaf auf, als sich Samons Chi verfärbte. Das reine Smaragdgrün wurde durch Rot und Gold ersetzt.
Normalerweise trat das zweite Chi in Samon nur zum Vorschein, wenn dieser in Gefahr war. Aber hier konnte Enki niemanden sehen. Verwirrt stützte er sich auf seien Arm ab und suchte sein bereist dunkles Zimmer nach Hinweisen für eine Gefahr ab.

Nichts.

Samon neben ihm beruhigte sich wieder. Das zweite Chi legte sich und wich dem reinen Smaragdgrün. War es etwa falscher Alarm gewesen? Langsam sank Enki wieder zurück.
Erst da realisierte er, dass er sich die ganze Zeit auf seinen rechten Arm abgestützt hatte. Eigentlich sollte das nicht möglich sein!

Vorsichtig stand er auf und entzündete eine Kerze.
Tatsache, die Schwellung war weg und er konnte den Arm problemlos bewegen. Das Handgelenk schmerzte nicht mehr und war voll einsatzbereit.

„Aniki?“ kam es von Samon. Er hatte den jüngeren nicht wecken wollen.
„Samon, ich...“, dann stutzte Enki. Samon sah ihn mit feuchten Augen an. Seine linke Hand umklammerte sein rechtes Handgelenk. Diese war auffallend geschwollen.
„Was...?“ und langsam sickerte die Erkenntnis in Enkis Geist. Samon hatte mit ihm den Gesundheitszustand getauscht!
„Wie hast du das gemacht?“ fragte er.
„Ich habe die Ahnen und den Affenkönig gebeten...“, kam es gepresst von Samon. Enki knurrte leise und eilte zu seiner Tasche.
„Es ist in Ordnung, Aniki.“
„Nein, ist es nicht!“

Enki hatte von solchen Dingen gehört. Es verlangte jedoch eine unglaubliche Kontrolle über das Chi. War deshalb das zweite Chi aufgeflammt? Weil Samons Handgelenk plötzlich Schäden genommen hatte?
Mit einem Verband ging er zu Samon zurück.

„Warum Samon? Warum?“
„Du bist immer für mich da, Aniki. Immer. Ich wollte dir etwas zurück geben.“
Enki legte vorsichtig einen Verband an.
„Mach so etwas nicht, Samon. Nicht, wenn es deine eigene Gesundheit aufs Spiel setzt.“
„Meine Gesundheit ist mir egal, Aniki. Morgen muss alles perfekt sein.“
Er schwieg.
„Morgen werden alle Augen auf dich gerichtet sein. Du kannst es dir nicht leisten, Schwäche zu zeigen. Ich hingegen... ich bin nur ein Unfall. Mich werden sie kaum beachten.“
„Sag das nicht, Samon. Du bist kein Unfall. Vater wird wütend sein, wenn er den Verband sieht. Ich möchte, dass du morgen nicht von meiner Seite weichst, verstanden?“ wies er Samon an. Sein Bruder legte den Kopf schief.
„Du wirst es nicht verhindern können, Aniki.“ die Prügelstrafe würde kommen, dass wussten sie beide.
„Nicht so lange ich hier im Haus bin!“ zischte Enki durch zusammengebissene Zähne. „Wenn Vater auch nur einmal einen falschen Schritt in deine Richtung macht, werde ich ihm den Schädel einschlagen.“ und das meinte Enki auch.

Um Samon ein rasches Einschlafen zu ermöglichen, verabreichte Enki ihm ein Schmerzmittel. Samon gähnte.
Enki hielt ihn auf seinem Arm und strich ihm beruhigend über den Rücken.
„Du musst dich nicht vor Vater fürchten, Samon. Überlass das alles mir.“
„Mach das nicht, Aniki. Setzt deine Zukunft doch nicht wegen mir aufs Spiel...“, murmelte Samon. Dann dämmerte der Kleine weg.

„Wenn nicht für dich, Samon, für wen dann?“ erwiderte Enki leise, wohl wissend, dass Samon ihn nicht gehört hatte.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast