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.`~°~´. Zufall oder Schicksal…?

von - Leela -
KurzgeschichteFreundschaft / P12 / Gen
Boo OC (Own Character) Zino
15.05.2017
15.05.2017
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Zufall oder Schicksal…?

Boo hatte sich vorgenommen, auf dem Rückweg aus dem Ort bei Zino vorbeizuschauen und ihm einen Besuch abzustatten. Er war sich sicher, das war eine willkommene Ablenkung für seinen Kumpel, da Canyo für ein paar Tage hatte in ihre Heimat zurückkehren müssen, nachdem ihr Bruder einen Unfall erlitten hatte, und jemand auf das Haus aufpassen mußte. Zino hatte vor seiner Freundin zwar so getan, als wenn alles ganz simpel wäre – Boo wußte aber, daß er sie vermißte, mehr als der Blonde für die paar Tage zugeben wollte.
      Als Boo Zino an diesem Tag besuchte, traf ihn bald der Schlag, als er in den Wohnraum kam. Er hatte gedacht, seit Zino mit Canyo zusammen war, würde er sich mehr Mühe geben, seine Wohnung in Ordnung zu halten als früher, doch der ganze für den Erfinder sichtbare Bereich wirkte wie eine typische Junggesellenbude, deren Besitzer nicht darauf eingestellt war, Damenbesuch zu empfangen – und Boo bezweifelte, daß es in den anderen Räumen besser aussah. Er konnte kaum glauben, daß Zino es geschafft hatte, das ganze Haus innerhalb der letzten vier Tage so zu verwohnen.
      Zino schien davon gänzlichst unbeeindruckt, als er seinen Freund hereinließ. „Hey, Boo! Kann ich dir etwas anbieten? – Warte, ich müßte noch ein sauberes Glas hier irgendwo haben…“
      Boo sah ihn entgeistert an. „Sag‘ mal, präsentierst du Canyo so auch deine Wohnung?“
      „Nein, aber sie ist ja gerade nicht hier, von daher brauche ich mir keinen Streß zu machen.“
      Boo ließ vorsichtig den Blick über die unordentliche Wohnung schweifen und konnte sich nicht verkneifen zu fragen: „Und was machst du, wenn sie überraschend früher zurückkommt?“
      Zino stockte nur eine Sekunde lang, bevor er antwortete: „Naja, in dem Fall habe ich ja noch immer die Abstellkammer, wo alles erst mal reinkann.“ Scheinbar hatte er ein passendes Glas gefunden, das einer kurzen, eingehenden visuellen Prüfung standgehalten hatte, und füllte es mit Limonade, die zwischen den Resten angefangener Chipstüten auf einer Ablage stand.
      „Fühlst du dich denn überhaupt wohl hier?“ erkundigte sich Boo entgeistert.
      „Ja, warum nicht?“ Zino schaute überrascht, suchte nach einem zweiten Glas, das er nicht fand und in Ermangelung dessen schlicht einen Schluck aus der Flasche nahm. „Ich wohne immerhin hier!“
      „Ja, aber…“ Boo machte eine hilflose Geste. „Die Frage ist ja, wie!“
      „Ach, das geht schon!“ Zino stellte die Flasche beiseite, von der Boo hoffte, daß er nicht auf die Idee kam, sie den nächsten Gästen anzubieten – sofern sich außer ihm überhaupt jemand in dieses Haus wagte, und ging zu der Sitzecke, um einen Stapel Rennwagenmagazine von einem Sessel auf den Boden zu werfen, damit Boo sich setzen konnte.
      Der kleine Brünette sah der obersten Ausgabe hinterher, auf der eine fesche Gayanerin in knapper Kleidung vor einem Rennwagen posierte und verbiß sich jeden Kommentar. Wahrscheinlich würde Canyo nicht einmal etwas dazu sagen, so wie er sie kennengelernt hatte – warum sollte er es also.
      Zino wurde indes auf seinen Blick aufmerksam und verteidigte sich automatisch: „Es geht mir nur um die Rennwagen!“
      „Ich sage ja gar nichts…“ kommentierte Boo bedächtig. Statt den angebotenen Platz anzunehmen ging er viel zu fasziniert durch den Raum. Unbemerkt wandte er sich seinem besten Freund zu und beobachtete ihn, wie er versuchte, etwas Platz auf dem Tisch zu schaffen, um irgend etwas abstellen zu können. Er war sich sicher, sein Freund war nicht so cool, wie er gerade vorgab zu sein; und daß die Wohnung im Augenblick eher ein Spiegel seiner Seele war.
      Zino war gerade fertig und drehte sich zu Boo um, der gerade einen Stapel Pizzaschachteln bewunderte. Er stemmte die Hände in die Hüften und beobachtete nun seinerseits seinen Freund, bis er sich nicht mehr zurückhalten konnte zu fragen: „Was denkst du gerade?“
      „Du könntest mal wieder aufräumen!“ stellte Boo nüchtern fest, als er sich intensiv und bald demonstrativ umsah.
      „Ha, das sagt der richtige!“ konterte Zino und ging zu einem Schrank herüber, den Boo noch als den in Erinnerung hatte, in den alles reingestopft wurde, was vor einem Besuch irgend einen Platz außer Sichtweite finden mußte – neben diversen anderen gesammelten Werken, die irgendwo untergebracht werden mußten.
      „Bei mir ist es schöpferisches Chaos! Bei dir ist es einfach nur unordentlich!“ behauptete Boo.
      „Na, danke!“ Zino öffnete eine Schranktür, und prompt fiel ihm ein Stapel Zeitungsseiten entgegen, der sich über Jahre angesammelt haben mußte. Er verdrehte die Augen und kniete sich zwischen den Papierhaufen, um alles wieder ordentlich aufzustapeln.
      „Kann davon nicht mal was weg?“ fragte Boo, als er die teils vergilbten, teils zerknitterten Seiten des »Gaya Express« betrachtete.
      Zino sah bald tödlich beleidigt zu ihm auf. „Das sind unsere Heldenberichte!“
      „Deine, meinst du wohl.“ murmelte Boo. Er räusperte sich schnell und meinte: „Dafür, daß dir die Berichte so viel bedeuten, gehst du aber nicht sehr pfleglich damit um.“
      „Wichtig ist in erster Linie, sie zu haben!“ behauptete Zino und schob einen Stapel mehr oder minder ordentlich zusammen, bevor er die nächsten Berichtseiten darauf stapelte.
      Boo nahm einen Schluck und stellte das Glas auf dem freigewordenen Platz auf dem Couchtisch ab. „Hast du Canyo das eigentlich schon mal gezeigt?“
      Damit hatte er Zino unerwartet auf einer sensiblen Saite zu fassen bekommen. Der große Blonde hielt in der Arbeit inne und schwieg einen Augenblick verunsichert. Er räusperte sich schnell, und ohne Boo in die Augen zu sehen erwiderte er: „Ehrlich gesagt… Bislang noch nicht. Ich weiß nicht, wie ich es anfangen soll, ohne daß es einen komischen Eindruck bei ihr hinterläßt. Ich möchte nicht, daß sie das Gefühl hat, ich will vor ihr angeben…“
      „Aber sie weiß doch, daß du Gayas Nationalheld Nummer eins bist. Warum solltest du nicht ein bißchen damit glänzen dürfen?“ argumentierte Boo. „Canyo würde sicher nicht denken, daß du dich nur vor ihr profilieren willst. Dafür kennt sie dich mittlerweile doch gut genug.“
      „Ja… Trotzdem. Es ist ein komisches Gefühl. Bei ihr ist es irgendwie etwas anderes. Weißt du, sie ist mir wichtiger als meine Heldentaten. Ich würde mir selber ziemlich überheblich vorkommen, wenn ich ihr voller Stolz irgendwelche Heldenberichte präsentieren würde, in denen ich groß gefeiert werde.“
      Boo konnte sich nicht erwehren, seinem Freund einen beeindruckten Blick zukommen zu lassen. Seit Canyo nach Gaya gezogen war… Seit Zino Canyo kennengelernt hatte, hatte sich einiges verändert! „Ich glaube, sie würde es interessieren!“ sinnierte er. „Immerhin bist du ihr Ein und Alles, und auch wenn sie dich um deiner Selbst Willen liebt, und nicht wegen dem Heldenstatus, den du innehast, gehört das ja nunmal doch zu deinem - und damit auch ihrem - Leben dazu!“
      „Sie kann sich das ganze ja auch gerne mal angucken, wenn sie will, aber ich will es ihr nicht unbedingt präsentieren.“ lenkte Zino ein. „Du kannst ihr die Berichte ja mal zeigen, das sieht dann nicht so selbstherrlich aus.“
      Boo konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Während Zino weiter die durcheinandergeflogenen Seiten aufsortierte, brachte er das inzwischen leere Glas zu den anderen, die auf der Ablage standen und hielt sich zurück, für Zino abwaschen zu gehen.
      Zino lehnte sich mittlerweile weit über den Boden, um die Artikel aus dem weiteren Umkreis zu sich heranzuziehen. Als er eine weitere Seite griff, stockte er allerdings, bevor sie ihren Weg zu den anderen fand. „Gütiges Gaya…“ entfuhr es ihm plötzlich.
      Boo, der mittlerweile gelangweilt durch den Wohnraum streifte und den Blick von benutztem Geschirr auf dem Couchtisch über getragene Klamotten, die wahllos auf das Sofa geschmissen worden waren, schweifen ließ, drehte sich neugierig zu ihm um. Sein Freund starrte fassungslos auf eine Zeitungsseite in seinen Händen. „Was hast du da? Einen besonders heroisch geschriebenen Heldenbericht?“
      Zino war gar nicht in der Lage zu reagieren und starrte nur keuchenden Atems auf das Blatt in seinen Händen.
      Nun doch aufmerksam kam Boo zu ihm herüber und kniete sich gespannt zu ihm. Als er einen Blick auf die Seite warf, stockte selbst er überrascht. Es mußte eine Rückseite von Zinos Heldenberichten sein, aus dem Lokalteil von Skye. Auf der Seite war ein großer Bericht von einem Song-Contest, und ganz groß war die Gewinnerin abgebildet: Canyo! Die auf dem Foto noch sehr junge Gayanerin lächelte bestechend in die Kamera. Boos Blick flog zu dem Datum auf dem oberen Rand der Zeitung. Das Event war mittlerweile acht Jahre her.
      Zinos Hände zitterten.
      „Das ist ja ein netter Zufall!“ entfuhr es Boo.
      „Siehst du, ich wußte, es hat einen Sinn, daß ich die ganzen Zeitungsartikel aufbewahrt habe!“ Boo sah in einem Schaudern zu Zino. Selbst seine Stimme zitterte! Leiser, tonlos, wie nur für sich, fügte er an: „Du meine Güte, es lag die ganze Zeit hier in greifbarer Nähe, und ich habe es nicht gewußt…“
      „Wie hättest du es denn wissen sollen? Du hast sie damals doch noch gar nicht gekannt!“ Boo beobachtete seinen Freund besorgt. Diese kleine Begebenheit hatte ihn so aus dem Ruder geworfen, daß er nicht mehr klar denken konnte. Fast hatte er den Eindruck, der Blonde hätte die Seite am liebsten an seine Brust gedrückt, wenn er nicht gewußt hätte, daß er damit das ganze Papier zerknitterte. „Kann es sein, daß dir dieser Bericht mehr bedeutet, als deine ganzen Heldenartikel zusammen…?“
      Zino lächelte auf eine Weise, die Boo noch nie bei ihm gesehen hatte. „Sie ist eben meine Heldin…“
      Boo konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Wie gut, daß du immer die Seite mit deinen Berichten nach oben gelegt hast! Im Gegensatz zu der schäbigen, ausgeblichenen »Vorderseite« sieht ihr Bericht nämlich noch richtig gut aus!“
      Zino warf ihm einen schmollend strafenden Blick zu. Plötzlich stand er mit dem Artikel in den Händen auf und drehte sich auf der Stelle, um nach einem Platz an der Wand Ausschau zu halten, wo er den Ausschnitt aufhängen konnte.
      Alarmiert sprang Boo auf und griff ein. „Oh, nein-nein-nein, du wirst jetzt nicht den Artikel mit Klebestreifen an die Wand pappen!“ Er stellte sich seinem Freund in den Weg und hielt ihn an den Armen fest, um seine Aussage zu unterstreichen, und fing dabei seinen Blick strikt ein. „Warte! Ich habe da eine bessere Idee.“ Er ignorierte den perplexen Blick seines Freundes und zog ein Maßband aus einer Hosentasche, mit welchem er schnell die Größe der Zeitungsseite abmaß. Er nickte kurz für sich. „Gib mir einen Moment Zeit! Ich bin gleich zurück! In der Zwischenzeit unternimmst du nichts!“
      „Okay…“ ließ sich Zino überrascht vernehmen. Er sah Boo verwundert nach, als der aus dem Haus lief. In der Zwischenzeit kniete er sich mit dem Artikel an den Tisch und nutzte die Zeit, um den Bericht zu lesen. ‚… Star des Abends war zum zweiten Mal in Folge die junge Canyo, die mit ihrer Powerstimme Publikum und Jury gleichermaßen in ihren Bann zog. Nach ihrem überragenden Einstieg im letzten Jahr überzeugte sie auch diesmal mit weitem Abstand, und blieb mit dem Song »Exited« an diesem Abend unerreichbar für ihre Konkurrenten…‘
      Er spürte sein Herz gegen den Brustkorb hämmern. Boo hatte Recht – er hatte keinen Grund gehabt, Canyo schon zu diesem Zeitpunkt zu registrieren; das änderte nichts daran, wie bewußt ihm plötzlich wurde, daß er sich immer nur für seine eigenen Heldenartikel interessiert hatte, statt sich auch mal Berichte über andere Leute durchzulesen. In einer ihm eigenen Arroganz, die ihm bis jetzt nie wirklich bewußt gewesen war, hatte er nie einen Gedanken daran verschwendet, daß er nicht der einzige Held Gayas sein könnte – oder zumindest nicht die einzige Person im Land, die es wert war, gefeiert und mit einem Zeitungsartikel gewürdigt zu werden. In das latente Schuldbewußtsein, daß sich für ihn wie die Folge auf eine ihn selbst erschütternde Ignoranz anfühlte, mischte sich ein tröstlicher Gedanke: Diesmal war es gut gewesen, daß er sich um sich selbst gekümmert hatte – sonst hätte er jetzt den Artikel über sie nicht gehabt.
      Einer Eingebung folgend drehte er das Blatt um. Aha. Es war die Mission gewesen, als er und Boo den Schnurks bei einem Kunstraub das Handwerk gelegt hatten.
      Plötzlich hörte er ein Geräusch und sah auf. Boo kam gerade zurück, und er brachte etwas großes, schmales mit. Als der kleine Gayaner es auf den Tisch legte, erkannte Zino begeistert, daß es sich um einen Bilderrahmen handelte. „So, das machen wir jetzt mit ein bißchen Stil, oder?“ Der Brünette wartete keine Antwort ab, sondern löste bereits die Rückwand des Rahmens, plazierte den Zeitungsartikel mittig auf der Scheibe, taxierte noch einmal präzise die Position aus, und legte die Rückwand dann über den heroischen Artikel, auf dem wie immer nur Zino abgebildet gewesen war, obwohl die Mission ohne zwei seiner großartigen Erfindungen zum Scheitern verurteilt gewesen wäre. Nachdem er den Rahmen wieder fixiert hatte, drehte er ihn um und zeigte Zino das Ergebnis. Selten hatte er seinen Kameraden so strahlen sehen. „Wo willst du es hinhaben?“
      Zino stand auf und sah sich in dem Wohnzimmer um. Nachdem er einige mögliche Plätze verworfen hatte, blieb er vor seinem Sofa stehen, ließ sich auf den Sitz zwischen einer Auswahl an Hemden und Jeans fallen und deutete direkt vor sich auf die Wand gegenüber. „Dort!“
      Boo grinste. Es konnte keinen besseren Platz geben, wo Zino den Artikel immer im Blick hatte. Er nahm sein Werkzeug zur Hand, das er vorsorglich mitgebracht hatte, zog sich einen Stuhl heran, den er von einem Küchentuch und der Tagespost befreit hatte, und hatte in wenigen Augenblicken den Rahmen optimal ausgerichtet. Er sah fragend zu Zino herüber, dessen Lächeln für sich sprach.
      „Perfekt!“
      Zufrieden sprang Boo vom Stuhl herunter. Er hatte nichts anderes erwartet, wenn Canyo ihn so offensiv von seiner eigenen Wand aus anlächelte. „Falls sie dich fragt, wie du darauf gekommen bist, hast du jedenfalls einen perfekten Aufhänger, um ihr von deinen Heldenberichten zu erzählen!“ kommentierte er.
      „Unseren, wenn!“ korrigierte Zino. Zu Boos Überraschung stand er plötzlich euphorisch auf und schob die Wäsche zusammen, die über das Sofa verteilt lag. Mit einem Berg gemischter Klamotten in den Armen und einem ehrgeizigen Ausdruck in den Augen wandte er sich zu Boo um. „So, und jetzt räume ich den Rest hier auf!“
      Der Erfinder lächelte erstaunt. Irgend etwas hatte dieser kleine Zwischenfall bewirkt! Beeindruckt, und auch ein wenig erleichtert, ging er seinem Freund zur Hand.
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