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Mein Name ist Strider

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
15.05.2017
23.03.2019
6
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23.03.2019 2.485
 
Nach den bunten Blättern kamen die Kälte und der Schnee, danach kehrten die grünen Wiesen und zarten Blumen zurück. Die Bäume warfen ihr Blätterkleid ab, um Platz für den Winter zu machen. So verging Jahr für Jahr, und Strider wurde stärker und erfahrener. Mittlerweile musste er längst nicht mehr darüber nachdenken, wo er seine Herde wann hinführen musste. Zu jeder Jahreszeit kannte er die besten Plätze, um Futter, Wasser und Schutz zu suchen, und die Pferde wussten das und vertrauten ihm. Die Cimarron- Herde wuchs. Drei der Stuten erwarteten Fohlen, und eine davon war Esperenza. Strider, der eigentlich gedacht hatte, dass ihn nichts mehr so leicht beeindrucken könnte, wurde jedes Mal ganz warm ums Herz, wenn er den dicken Bauch seiner Gefährtin sah. Bei dem Gedanken, dass sie ihr gemeinsames Fohlen trug, seinen Sohn oder seine Tochter.

Es war seine gesamte Herde, an die er dachte, als Strider den Kopf hob und in den weißgrauen Himmel starrte, der langsam, aber sicher immer dunkler wurde. Es würde wohl bald ein Gewitter geben.

Noch einmal sah er sich um. Die Pferde standen an der Nordseite eines kleinen Hügels, umgeben von einigen Felsen, unter denen sie Schutz suchen könnten. Es war ein bewährter Platz; die Herde hatte bereits einige Gewitter hier verbracht. Quinn, eine alte, gescheckte Stute, hatte ihn schon vor einigen Tagen vor einem Gewitter gewarnt, und sie hatte Strider schon wiederholt bewiesen, dass man in solchen Fällen auf sie hören konnte.

So machte er sich nicht wirklich Sorgen, als der Wind die dunklen Wolken weiter zu ihnen hinüber trieb.

Entferntes Wiehern und die Gerüche von Pferden, die nicht zu seiner Herde gehörten, ließen Strider plötzlich aufschrecken. Normalerweise begegnete er keinen anderen Herden und die meisten Zusammentreffen waren friedlich ausgegangen, doch er hatte bereits einige Kämpfe erlebt und so einen gewissen Instinkt entwickelt, wenn sich fremde Pferde näherten.

Die Herde, die in einiger Entfernung vorbeizog, war kleiner als die von Strider und schien sich nicht für die anderen Pferde zu interessieren. Strider beobachtete sie dennoch weiterhin, wie sie sich langsam über das Land bewegten, und als er plötzlich den grauen Hengst an ihrer Spitze erkannte, schüttelte er den Kopf. Warum war ihm das nicht gleich aufgefallen?

Mit mäßigem Tempo trabte er zu Diego hinüber und blieb unweit von ihm entfernt stehen. „Diego!“

Sein Freund drehte nur den Kopf zu ihm, ohne auf den Gruß zu antworten. Strider dachte nicht weiter über diese Reaktion nach. „Was macht ihr noch hier?“, fragte er und sah wieder in den Himmel. „Das Gewitter kann jeden Moment losgehen.“

„Ich weiß.“ Diego wandte sich wieder ab. „Deshalb haben wir keine Zeit für irgendwelche Pausen. Wir müssen das Blütental erreichen, bevor es losgeht.“

„Aber…“ Strider machte einen kleinen Sprung vorwärts, was Diego, der sich bereits wieder in Bewegung gesetzt hatte, dazu veranlasste, noch einmal stehen zu bleiben. Einige seiner Stuten schnaubten. „Der Weg dorthin ist viel zu gefährlich! Ihr müsstet den Fluss überqueren, und wenn es einmal zu regnen begonnen hat, wird er viel zu schnell ansteigen. Deine Stuten werden den Sprung nicht mehr schaffen!“

Diego sah Strider immer noch nicht an. „Deshalb“, murmelte er, „müssen wir uns beeilen! Hör auf, uns aufzuhalten.“

„Ich…“ Strider drehte kurz den Kopf zu seiner eigenen Herde um. „Ich werde euch helfen!“, rief er. Diego blinzelte. „Wirklich?“ Seine Stimme klang nicht sehr begeistert, doch Strider ignorierte seinen Tonfall.

Das Gras hinter dem schwarzen Hengst raschelte und er drehte sich um. Esperenza, die sich wohl entweder gefragt hatte, was Strider hier tat, oder ihren alten Freund ebenfalls begrüßen wollte, war näher gekommen. Ihre Ohren zuckten fragend.

„Ich werde Diego und seine Herde kurz begleiten“, erklärte Strider. „Ihr werdet kurz allein sein. Bis das Gewitter losgeht, bin ich wieder da, versprochen.“

In Esperenzas Blick lag die gleiche Unverständnis, die zuvor Diego ausgedrückt hatte, jedoch wirkte sie eher ängstlich als aggressiv. Noch bevor sie etwas sagen konnte, legte Strider seine Nase auf ihren Kopf und blies sanft durch ihre Mähne. „Es dauert nicht lange“, versicherte er seiner Gefährtin. „Die Raubtiere werden Schutz vor dem Unwetter gesucht haben. Euch droht keine Gefahr, bis ich wieder zurück bin.“

Ganz überzeugt sah Esperenza immer noch nicht aus, doch sie senkte den Kopf. „Bitte beeile dich“, murmelte sie. Strider schnaubte leise. „Keine Angst.“

Mit einer Kopfbewegung bedeutete Diego seiner Herde, weiterzugehen, ohne auf Strider zu warten. Der ignorierte diese Tatsache großzügig und trabte ebenfalls los, nachdem er Esperenza noch einen letzten Blick zugeworfen hatte.

„Danke für deine Hilfe, Strider“, murmelte Diego, obwohl sein Tonfall etwas angespannt klang. „Wo du dich doch eigentlich um deine eigene Herde kümmern musst.“

Strider raschelte mit dem Schweif. „Meiner Herde geht es gut. Und wenn du meine Hilfe brauchst, bin ich da, schließlich bist du mein bester Freund.“

„Das ist sehr nobel von dir.“ Striders Ohren zuckten und er drehte den Kopf zu seiner anderen Seite. Eine von Diegos Stuten, die dunkelbraune mit den weißen Beinen, war neben ihm aufgetaucht. Strider fiel auf, dass sie ziemlich zugenommen hatte, seit er sie zum letzten Mal gesehen hatte. Wahrscheinlich erwartete sie ein Fohlen. „Eigentlich ist es ja nicht üblich, einer anderen Herde zu helfen, oder?“ Sie legte den Kopf auf die Seite, ihre Augen funkelten.

Mit gespitzten Ohren trabte Diego an Strider vorbei und heftete sich an die Seite der Stute. „So war er schon immer“, klärte er auf und Strider bemerkte, dass der seltsame Tonfall immer noch nicht aus seiner Stimme verschwunden war.

Die Stute schnaubte. „Gut für uns“, meinte sie belustigt und streckte den Hals, sodass sie Strider besser ansehen konnte. „Ich bin Sera.“

„Strider.“

Er hätte sich gerne länger mit Sera unterhalten, doch schon nahm Strider den Geruch des Flusses war und hörte das immer näher kommende Rauschen. Diego spielte unruhig mit den Ohren.

„Wir kommen an eine recht schmale Stelle“, beruhigte Strider seinen Freund. „Sie werden den Sprung alle problemlos schaffen.“

Diego warf ihm einen kurzen Blick zu. „Das weiß ich selbst“, entgegnete er spitz, doch bevor Strider antworten konnte, strich der graue Hengst mit der Nase offenbar besorgt über Seras Hals und Strider beschloss, ihm nicht zu antworten. Dass Diego sich sehr gut mit Sera verstand, war ihm schon beim letzten Mal aufgefallen, aber scheinbar verband die beiden eine weit tiefere Verbindung. Vermutlich war es Diegos Fohlen, das im Bauch der dunkelbraunen Stute heranwuchs.

Die Herde wirkte nicht, als ob sie Angst vor dem Sprung hätte. Wahrscheinlich machten sie das jedes Jahr, dachte Strider, und er war fast schon beeindruckt, als er sah, mit welcher Selbstverständlichkeit das Ritual ablief.

Diego warf Sera noch einen besorgten Blick zu, dann nahm er Anlauf und sprang als erster über den Fluss, und eine Stute nach der anderen folgte ihm. Nur Sera blieb neben Strider stehen, und der schwarze Hengst konnte spüren, dass sie nervös war. Scheinbar traute sie sich den Sprung nicht mit dem Fohlen in ihrem Bauch zu. Sie ließ ein Pferd nach dem anderen an sich vorbei, bis nur noch sie und Strider auf dieser Seite des Flusses standen.

„Du schaffst das“, munterte Strider sie auf und deutete mit dem Kopf auf die Herde, die am anderen Ufer wartete. Sera zögerte kurz, ihre Augen weiteten sich ein Stück, als sie das reißende Wasser anstarrte. Von der anderen Seite wieherte ihr eine Pintostute aufmunternd zu. „Es ist nicht so schwer, wie es aussieht!“, rief sie. Diego schnaubte und nickte mit dem Kopf. Auch Strider ging näher zu ihr und schnupperte an ihrer Wange. „Sie haben Recht“, meinte er. „Du schaffst das.“

Immer noch ängstlich machte Sera einige Schritte rückwärts, ohne etwas zu sagen. Strider konnte die Konzentration in ihren dunklen Augen sehen, als sie Anlauf nahm. In dem Moment, in dem sie jedoch abspringen wollte, grollte plötzlich der erste entfernte Donner durch den Himmel. Die Pferde auf der anderen Seite schnaubten und scharrten nervös mit den Hufen, doch Sera erschrak so sehr, dass sich ihre vorbereitete Kraft nicht richtig entfalten konnte. In einem viel zu kurzen Sprung stürzte sie in den Fluss.

Diego wieherte auf und stieg, doch Strider reagierte, bevor er der Stute zur Hilfe kommen konnte. Ohne darüber nachzudenken, was er überhaupt tat, preschte er los und sprang mit einem Satz in die Fluten.

Das kalte Wasser traf ihn wie die Krallen eines Pumas, doch alles, woran Strider denken konnte, war Sera. Mit all seiner Kraft schwamm er gegen die Strömung zu der dunkelbraunen Stute hinüber. Sie kämpfte, doch ihr schlanker Körper wurde von den Wellen herumgeworfen wie ein trockenes Blatt im Wind. Selbst Strider hatte große Mühe, nicht von dem Strom mitgerissen zu werden. Wasser spritze ihm in die Nüstern, als er Seras Seite erreichte und sich an sie heftete, um zu verhindern, dass sie weiter abtrieb.

Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, doch plötzlich spürte Strider festen Boden unter seinen Hufen. Er stemmte sich mit ganzem Gewicht nach vorne, den Hals um den von Sera gelegt, um die Stute zu stützen. Die Strömung wurde schwächer und Strider spürte den kühlen Wind auf seinem Rücken. Er konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt so erleichtert darüber gewesen war.

Seras Beine zitterten, als sie das Wasser verließ. Sie blieb mit gesenktem Kopf stehen und bewegte sich nicht. Vorsichtig reckte Strider den Hals in ihre Richtung, um sich zu vergewissern, dass es ihr gut ging, doch in dem Moment galoppierte Diego zu den beiden und legte seinen Kopf an die Wange seiner Gefährtin. Sera schnaubte leise und sah auf, Strider, der erwartet hatte, dass sie Diegos Geste erwidern würde, blinzelte überrascht, als die Stute sich ihm zuwandte. „Ich danke dir, Strider“, murmelte sie leise, aber ihre Augen funkelten schwach.

Strider neigte den Kopf. „Das ist doch selbstverständlich“, entgegnete er. Sera sagte nichts mehr, doch stattdessen trat Diego nun vor. Sein Kopf war in Striders Richtung gereckt und seine Ohren angelegt, seine dunklen Augen blitzten wütend.

Verwirrt wich der schwarze Hengst ein Stück zurück. „Was ist los?“, fragte er, noch nicht ganz im Klaren darüber, ob er die Feindseligkeit seines Freundes erwidern sollte.

Auch Diego schien kurz zu überlegen, dann wich die Wut aus seinem Gesicht. Er stellte sich wieder aufrecht hin und drehte den Kopf zur Seite. „Du riskierst also dein Leben, um eine Stute zu retten, die nicht zu deiner Herde gehört?“, fragte er leise, ohne Strider dabei anzusehen. "Das ist... alles andere als selbstverständlich."

Immer noch verwirrt zuckte dieser mit den Ohren. „Hätte ich sie einfach so sterben lassen sollen?“ Er sah von Diego zu Sera und zu deren Herde. „Außerdem sind wir doch Freunde. Also gehört sie auch irgendwie zur Familie.“

„Tut sie nicht!“ Da war er wieder, dieser unverständliche, verächtliche Zorn. Diego wirbelte herum. „Ich gehöre nicht mehr zur Cimarron- Herde, Strider! Wann begreifst du das endlich?“, fauchte er.

Striders Augen weiteten sich, er wich weiter zurück. „Ich…“

Diego machte einen Schritt auf ihn zu. „Sera gehört nicht zu deiner Familie, genauso wenig, wie es irgendeine meiner Stuten tut!“ Er hob den Kopf und drehte sich zu seiner Herde um. „Und ich im Übrigen auch nicht. Es wird langsam Zeit, dass du aus dieser Fantasiewelt aufwachst, Strider.“ Diegos Stimme wurde langsam wieder etwas ruhiger. Er stampfte mit einem Huf auf, bevor er sich umdrehte. Bereits halb zu seiner Herde gewandt, hielt er noch einmal inne. „Danke für deine Hilfe. Ich hoffe, es war das letzte Mal.“ Mit diesen Worten galoppierte er endgültig los. Seine Stuten folgten ihm ohne Protest oder Abschied. Allen voran Sera.

Einige Augenblicke lang fühlte es sich an, als würde ein Schneesturm langsam durch Striders Körper ziehen, und dieses Gefühl kam nicht von dem eiskalten Wasser, das er gerade durchquert hatte. Er konnte einfach nicht begreifen, was Diego gerade gesagt hatte. Natürlich hatte der graue Hengst seit Jahren seine eigene Herde, und auch Strider musste auf seine eigenen Stuten Acht geben, aber bisher hatte diese Aufgabe nie die Freundschaft der beiden beeinträchtigt. Jetzt, wo Diego ihn aus dem Nichts so angefahren hatte, fühlte sich Strider irgendwie verraten.

Erst nach einer Weile wandte er sich langsam wieder ab und trottete ein Stück am Fluss entlang, immer noch darüber nachdenkend, was gerade geschehen war. Ob Diego sich plötzlich so anders verhielt, wenn er an das Fohlen in Seras Bauch dachte? Schließlich hätte er um ein Haar seine Gefährtin und sein Kleines verloren. Allein bei dem Gedanken, dass Esperenza oder seinem ungeborenen Sohn etwas zustoßen könnte, sank Striders Herz in seine Hufe. Bestimmt hatte sich Diego genauso gefühlt, als er Sera in den Fluss stürzen hatte sehen.

Und Esperenza…

Strider dachte daran, was seine Gefährtin wohl gefühlt hätte, wäre sie dabei gewesen, als er sein Leben für eine Stute riskiert hatte, die nicht einmal seiner Herde angehörte.

Obwohl er immer noch etwas verletzt war, begann Strider langsam, seinen Freund zu verstehen.

Mit neuer Entschlossenheit beschleunigte er sein Tempo, bis er die schmalere Stelle erreichte, an der Diegos Herde den Fluss überquert hatte. In einem kurzen Steigen drehte er sich um und galoppierte in die entgegengesetzte Richtung, um Anlauf nehmen zu können. Das Laufen fühlte sich gut für seine Beine an und er wurde noch schneller, hielt sich gerade so zurück, dass er den Absprung nicht verpassen würde. Ohne Probleme flog er über das Wasser und rannte auf der anderen Seite ohne Pause weiter. Der Wind trocknete sein schwarzes Fell und langsam beruhigten sich seine Gedanken. Der Gedanke an seine Herde, und vor allem an Esperenza und sein Fohlen, trieb ihn an. Wenn er bei ihnen war, würde er sie nie mehr in seinem Leben im Stich lassen, das schwor er sich.

Es dämmerte bereits, als er endlich den Hügel erreichte, hinter dem seine Herde wartete. Strider fiel in den Trab und schnaubte aufgeregt, bereit, den Rest des Tages, die Nacht, und schließlich sein ganzes Leben mit seiner Herde zu verbringen. Gerade, als seine Gedanken wieder zu seinem Fohlen wanderten, stieg ihm ein Geruch in die Nüstern. Ein Geruch, der auf schreckliche Art und Weise vertraut war.

„Nein…“

Seine Beine, nein, sein ganzer Körper fühlte sich wie gelähmt an, als er wieder losgaloppierte und sich mit aufgerissenen Augen der Quelle des Geruchs näherte.

Der Ort, an dem er seine Herde zurückgelassen hatte, war trostlos und verlassen. Das Gras war an manchen Stellen aus dem Boden gerissen worden, und die nasse Erde war blutig.

Strider bewegte sich nicht mehr. Wie vom Blitz getroffen stand er wie erstarrt da und betrachtete das Bild, das sich ihm bot. Und viel zu spät wurde ihm bewusst, dass er einen schrecklichen Fehler begangen hatte.

Diego hatte Recht. Er hätte nicht einer anderen Herde zur Hilfe kommen dürfen und dabei seine eigene Familie im Stich lassen. Und jetzt waren sie weg, tot, in alle Himmelsrichtungen verstreut.

Strider senkte den Kopf. Das war alles seine Schuld. Seine Freunde, Esperenza, seinen Sohn oder seine Tochter… er hatte sie umgebracht.

Als könnte er damit dem Schmerz oder dem Gefühl der Schuld entkommen, wirbelte Strider mit den ersten Regentropfen, die vom Himmel fielen, als würde jener mit ihm klagen, herum und jagte los, irgendwo hinaus in die endlosen Weiten der Prärie.
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