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Mein Name ist Strider

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
15.05.2017
23.03.2019
6
7.662
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08.10.2018 1.322
 
Der Galopp wurde zu Trab, Schritt und schließlich blieb Strider ganz stehen. Er reckte den Kopf und ließ den Blick über das Land gleiten. Der Sommer neigte sich dem Ende zu, das Gras wurde bereits etwas matter und die Blätter auf den wenigen Bäumen verfärbten sich rot.

Er senkte den Kopf und schnaubte. Es würde bald an der Zeit sein, mit der Herde weiter zu ziehen, an einen Ort, den die Kälte des Winters nicht erreichen würde.

Es waren fast zwei Jahre vergangen, seit Strider zum Anführer der Cimarron- Herde aufgestiegen war, und mittlerweile trug er die Verantwortung wie einen zweiten Namen. Er hatte Kämpfe mit fremden Hengsten und Pumas hinter sich, Kälte und Krankheiten. Die Herde hatte unter seiner Führung bereits viel überstanden und Strider war froh darüber. Er hob den Kopf in den Wind und schloss die Augen.

Ein vertrauter Geruch drang in seine Nüstern und Strider raschelte erfreut mit dem Schweif. Eine Stute hatte sich von der Herde gelöst und trabte nun auf ihn zu. Esperenzas cremefarbenes Fell leuchtete im Sonnenlicht golden und Strider fiel jetzt erst auf, wie viel älter sie geworden zu sein schien. Ihr Körper war schön geformt und sie sah fast ein bisschen wie ihre Mutter aus.

Strider reckte den Hals in ihre Richtung. „Hoher Besuch“, meinte er belustigt. Esperenza schüttelte nur den Kopf. „Du hast gar keine Zeit mehr für mich, seit du begriffen hast, wie du die Herde führen musst“, entgegnete sie im gleichen Ton.

Strider schnaubte. „Ich soll das also tun? Wirklich?“

Plötzlich schien Esperenzas Stimmung umzuschlagen. „Also nicht?“, fragte sie. „Schade, Strider. Ich sehe deine Verpflichtungen gegenüber der Herde ein, aber ich dachte, dir würde etwas an mir liegen.“ Sie wandte sich ab und ging wieder einige Schritte auf die Herde zu.

„Warte!“ Strider machte einen Galoppsprung, dann war er wieder auf ihrer Höhe. „So war das doch nicht gemeint! Ich würde gerne mehr Zeit mit dir speziell verbringen, ich-“ Bevor er seinen Satz beenden konnte, trabte Esperenza zur Herde zurück. Strider starrte ihr nach.

Wie war das passiert? Was war aus seiner Freundin geworden?

Belustigtes Schnauben hinter ihm ließ Strider erschrocken herumfahren. Er hatte gar nicht gemerkt, dass Diego zu ihm gekommen war. Der Hengst hatte mittlerweile eine eigene Herde, doch die Freundschaft zwischen ihm und Strider war nie ganz zerbrochen.

„Wo kommst du denn so plötzlich her?“ Strider zuckte mit den Ohren. Diego senkte nur den Kopf. „Wir sind gerade ganz in der Nähe“, erklärte er. „Wir wollen weiterziehen, bevor es zu kalt wird, um noch genug Futter für alle zu finden.“ Er hob den Kopf wieder und sah zu Striders Herde hinüber. „Vielleicht solltest du auch langsam darüber nachdenken? Das Wetter wird bald umschlagen.“

Strider hielt die Nase in den Wind. „Ich weiß, wie ich meine Herde zu führen habe“, entgegnete er kühl. Diego legte die Ohren an und machte einige Schritte rückwärts. „War nur ein gut gemeinter Rat. Vielleicht solltest du nicht ständig denken, dass du der eine Auserwählte bist, der einzige, der weiß, was für die Pferde gut ist.“ Er drehte sich kurz um, dann wandte er sich wieder Strider zu, wurde aber unterbrochen, bevor er etwas sagen konnte.

Eine dunkelbraune Stute mit weißen Beinen trabte rasch auf ihn zu und drückte ihre Nase gegen seine Wange, wie um ihm zu sagen, dass er endlich wieder zurückkommen sollte. Strider erkannte den Geruch von Diegos Herde. Diese Stute gehörte zu ihm.

Der graue Hengst nickte ihr zu. „Gut, ich komme ja schon.“ Er schüttelte die Mähne und wandte sich ab, blieb jedoch noch einmal stehen und drehte sich zu Strider um, in seinem Blick lag wieder ein neckisches Funkeln und Strider entspannte sich ein Stück. Er war erleichtert, dass Diego nicht ernsthaft wütend auf ihn war, weil er seinen Ratschlag abgewiesen hatte. „Denk darüber nach, was ich gesagt habe, das wird dir vielleicht auch mit Esperenza weiterhelfen.“ Mit diesen Worten drehte er sich endgültig um und galoppierte wieder zu seiner Herde zurück.

Im ersten Moment wusste Strider nicht ganz, wie er reagieren sollte, dann schüttelte er entrüstet den Kopf. Er war schließlich der Anführer, und Esperenza einer seiner Stuten. Eine bezaubernde Stute…

Entschlossen drehte sich Strider um und trabte zurück. Inmitten der vielen Körper konnte er Esperenzas cremefarbenes Fell erkennen. Sie graste etwas abseits, Strider war sich sicher, dass sie ihn bemerkt hatte, aber absichtlich ignorierte. Noch einmal kehrte seine Unsicherheit zurück, dann zwang Strider sich, sich zusammenzureißen. Er war der Anführer der Herde von Cimarron, er hatte bereits Pumas besiegt, er würde das auch schaffen.

Langsam und mit gesenktem Kopf, sodass er auf einer Höhe mit Esperenza war, ging Strider zu der Stute hinüber. „Du hast Recht“, meinte er leise. „Und weißt du was? Das werden wir ändern. Noch heute Nacht.“

***

     
„Glaubst du jetzt immer noch, dass ich keine Zeit mehr für dich habe?“ Möglicherweise lag der Hauch einer Herausforderung in Striders Stimme, ohne dass er das selbst so wollte. Sollte es allerdings so sein, ließ sich Esperenza nicht beirren. Sie raschelte mit dem Schweif, während sie langsam im Kreis um ihn herum ging. „Das wird sich noch zeigen.“ Doch Strider konnte kaum auf ihre Worte achten. Esperenzas glattes Fell glänzte im Mondlicht fast silbern, ihre Augen funkelten wie damals, als sie noch als Fohlen miteinander gespielt hatten, und doch wirkte sie plötzlich so viel erwachsener.

Esperenza schnaubte. „Dein Blick sagt mir, dass du nicht nur einfach Zeit mit mir verbringen willst.“ Ihre braunen Augen glitzerten und Strider machte erschrocken einen Schritt rückwärts. Er fühlte sich auf eigenartige Weise ertappt. „Nun ja… unter anderem?“, schlug er vor und ließ die Ohren spielen. Esperenza nickte belustigt mit dem Kopf. „Unter anderem“, wiederholte sie.

Strider senkte den Kopf. „Ich weiß, dass ich nicht mehr viel Zeit für dich habe“, murmelte er, seine Stimme war plötzlich ernst geworden. „Ich muss einfach meine Verantwortung der Herde gegenüber bedenken.“ Er nahm es nicht als selbstverständlich an, dass Esperenza diese halbherzige Entschuldigung akzeptierte- Stuten waren so kompliziert- doch dann spürte er, wie sie spielerisch an seiner Mähne zog. „Weiß ich, du großer Anführer. Das stand schon fest, als wir Fohlen waren.“ Ein Anflug von Wehmut schlich sich in ihre braunen Augen. „Schade nur, dass das so schnell gekommen ist. Ich hätte gern noch mehr Zeit mit meinem Freund verbracht.“

Striders Herz machte einen Sprung. „Aber das kannst du doch!“, versicherte er. „Ich bin immer noch hier.“

Esperenza zuckte mit den Ohren, eine Geste, die Strider nicht ganz deuten konnte. „Schon, aber du bist der, der gerade von Verpflichtungen gegenüber der Herde geredet hat. Ich meinte nicht den Anführer Strider. Ich meinte den, der als Fohlen behauptet hat, er hätte einen Bison verjagt, und dabei noch Angst vor der Dunkelheit hatte.“
Halb belustigt, halb peinlich berührt schnaubte Strider bei dieser Erinnerung. „Das weißt du noch?“, fragte er leise. Esperenza blinzelte. „Selbstverständlich. Irgendetwas muss ich schließlich einmal deinem Sohn oder deiner Tochter über dich erzählen.“

Strider senkte den Kopf, ohne etwas darauf zu sagen. Esperenza hatte schon früher darüber gescherzt, welche Seiten sie von dem furchtlosen und starken Anführer der Cimarron- Herde kannte, doch er hatte gedacht, sie hätte damit aufgehört, als sie älter geworden war. Wie hatte er sich so von seiner Freundin entfernen können, dass er nicht einmal etwas so Wesentliches bemerkt hatte? „Warum kann ich nicht beides haben?“, murmelte er leise. Esperenza spitzte verwirrt die Ohren, als er weiter sprach. „Warum kann ich nicht Anführer sein… und gleichzeitig dein Freund? Warum nicht beides?“

Eine Weile lang sah ihn Esperenza einfach nur an, dann raschelte sie mit dem Schweif und trabte etwas weiter von der Herde weg. Strider folgte ihr langsam, ohne zu wissen, was sie vorhatte.

Und Esperenza sagte auch nichts mehr. Stattdessen reckte sie den Hals und blies sanft durch seine Mähne. Strider blinzelte, doch auch er blieb still. Und erst viel später, wenn er an dieses Ereignis zurückdachte, bestimmte er das als den Punkt, an dem sich aus der Freundschaft zwischen zwei Fohlen etwas anderes, größeres entwickelt hatte.
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