Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Mein Name ist Strider

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
15.05.2017
23.03.2019
6
7.662
1
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
24.01.2018 764
 
Strider starrte abwesend die Herde an. All diese Pferde, die er kannte, seit er ein Fohlen war, und die ihm jetzt doch so fremd vorkamen. Er fühlte sich so hilflos und allein wie noch nie in seinem Leben. Alles, woran er geglaubt hatte, lag direkt vor ihm, aber er konnte es nicht erreichen.

Strider war jetzt Anführer. Er hatte selbstverständlich gewusst, dass das eines Tages passieren würde, aber er hatte nicht gedacht, dass es so schnell kommen würde. Und er hatte gedacht, dass er, wenn es so weit war, Luna an seiner Seite hatte, der ihn unterstützte.

Das war nicht so. Es war einfach anders gekommen. Strider stand hier, vor seiner Herde, mit einer Aufgabe, die er schon sein ganzes Leben lang kannte- und die doch ganz anders war.

Strider fühlte sich zum ersten Mal in seinem Leben vollkommen hilflos. Hilflos und allein. Und doch durfte er sich auf keinen Fall etwas anmerken lassen. Er war der Anführer, er musste zu hundert Prozent wachsam sein. Die Herde steht über allem, das hatte sein Vater einmal zu ihm gesagt. Strider wusste das. Das Wohl der Herde stand an erster Stelle, das war das Wichtigste. Als Anführer war es nun einmal seine Aufgabe, die Pferde, die hier vor ihm standen, zu beschützen.

Und das würde er tun, komme, was wolle.

Strider senkte den Kopf. Er hatte gesehen, wie sein kleiner Bruder, nicht mehr als ein Fohlen, qualvoll gestorben war. Und in diesem Moment schwor sich Strider, dass kein Pferd, egal, wie alt es war, je wieder ein solches Schicksal erfahren sollte.

Nicht, solange er die Cimarron- Herde führte.

Strider hob den Kopf wieder, seine Augen funkelten. „Es tut mir leid, Luna“, flüsterte er. „Es tut mir so leid…“

„Mit wem redest du?“ Strider sprang erschrocken zur Seite und fuhr herum. Esperenza wich unsicher zurück. „Schlechter Zeitpunkt…?“

„Nein, nein.“ Strider senkte den Kopf. „Ist gut, dass du mich aufgeweckt hast. Ich sollte wachsam bleiben, ohne dass mich jemand dazu bringen muss.“

„Hör zu, Strider…“ Esperenza senkte den Kopf ebenfalls, sodass die beiden jetzt auf einer Höhe waren. „Natürlich bist du Anführer und hast die Verantwortung, aber du hast deine Familie verloren“, meinte sie leise. „Ja, die Herde braucht jemanden, der deine Aufgaben erfüllt, aber vielleicht…“ Sie zögerte kurz. „Vielleicht könnte ich dir helfen?“

Strider hob den Kopf überrascht wieder. „Du?“ Er konnte seine Gefühle scheinbar nur schlecht verbergen, denn Esperenza legte missmutig die Ohren an. „Traust du mir das etwa nicht zu?“, fragte sie beleidigt. Strider machte einen Schritt auf sie zu. „Versteh mich nicht falsch, natürlich traue ich dir das zu“, versicherte er.

„Und wie soll ich dich dann verstehen?“, fragte Esperenza, sie schien sich immer noch nicht ganz beruhigt zu haben. Strider schloss die Augen. Lügen oder die Wahrheit? Esperenzas Zorn riskieren oder… etwas noch viel schlimmeres?

Er schüttelte den Kopf. Was sollte das? Er war der Anführer der Herde von Cimarron, er hatte schon gegen Pumas gekämpft, jetzt sollte ihn diese kleine Frage nicht aus dem Konzept bringen!

Strider richtete sich auf. „Du musst auf dich aufpassen.“ Er wandte sich ab, bevor Esperenza noch etwas dazu sagen konnte, und ging davon. Als er hörte, dass die Stute ihm nicht folgte, blieb Strider wieder stehen und drehte sich zur Seite, sodass er sie sehen konnte.

Vollständig deuten, was sie dachte, konnte er nicht. Esperenza stand einen Augenblick lang noch ruhig da und sah ihn an, dann schüttelte sie den Kopf und ging langsam zur Herde zurück. Strider starrte die Pferde an. Kam es ihm nur so vor… oder waren es wenige? Dachte er nur so, weil Luna gestorben war? Weil sein Vater gestorben war?

Dachte er so, weil er jetzt der Anführer der Herde war?

Strider schüttelte den Kopf. Diese plötzliche, riesige Verantwortung baute sich vor ihm auf wie ein Bär, nur wartend auf eine Gelegenheit, endlich anzugreifen. Strider senkte den Kopf. Er würde das schaffen, koste es, was wolle. Das hier war seine Aufgabe.

Er entfernte sich einige Schritte von den übrigen Pferden, um einen besseren Überblick über sie und das Land um sie herum zu haben. Es wirkte alles so ruhig. Wunderbar ruhig… trügerisch ruhig.

Esperenza am Rand der Gruppe hob den Kopf und für einen Moment sah sie Strider direkt an. Sie sagte nichts, aber in ihren braunen Augen stand eine einzige Botschaft.

Ich bin bei dir.


*****************
Ich lebe noch!
Ja, ich halte mein Versprechen, auch, wenn es lange dauern wird. Dieses Kapitel hat sich so gezogen, aber demnächst wird die Handlung etwas in die Gänge kommen, ich hoffe, dass ich mich dann zu längeren Kapiteln in kürzeren Abständen motivieren kann.
~Silver
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast