- Mingo und Viki -

von vivi99
GeschichteRomanze, Freundschaft / P12
Domenico Manuel di Loreno Maya Fischer Michele Domingo di Loreno OC (Own Character)
14.05.2017
12.02.2018
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Mein Kopf sank Millimeter für Millimeter gen Tischplatte und meine Gedanken schweiften fort zum bevorstehenden Wochenende. Langsam fielen meine Augenlider zu und bevor es dunkel wurde und ich das Licht um mich herum zurück gelassen hatte, schrak ich abrupt auf. Etwas peinlich berührt sah ich mich in meinem Klassenraum um. Puh, keiner hatte gesehen wie ich mit dem Schädel auf der Brust fast eingeschlafen wäre. Ich rieb mir verstohlen die Augen und blickte auf die große, runde Uhr über unserer Tafel, die direkt neben dem Kruzifix hing. Zwei Minuten vor halb zehn. Mit hypnotisierenden Augen starrte ich die tickenden Zeiger an, die sich nur in Zeitlupe fortzubewegen schienen. Die Stimme unserer Englischlehrerin drang nur noch von ganz weit weg zu mir durch. Als das erlösende Klingeln ertönte, atmeten meine Klassenkameraden und ich erleichtert auf. ,,Please, don't forget to read the text on page 224!", rief Frau Senger uns zu. Doch die Meisten achteten überhaupt nicht auf die kleine, zierliche Frau und waren schon längst aus unserem Klassenzimmer gestürmt. Ich kritzelte die zu lesende Seite schnell auf ein Arbeitsblatt aus meinem Ordner, das ich wahrscheinlich eh nie wieder aufschlagen würde, und begab mich mit den anderen nach draußen in den großen Pausenhof. Das Wetter war ziemlich wechselhaft, der Himmel bewölkt und als wir uns unter die große Eiche am Rande des Pausenhofes stellten, fing es an zu nieseln. Da wir eine Gesamtschule waren, hatten wir einen großen Pausenhof für alle Schularten gemeinsam, auf der anderen Seite des jeweiligen Gebäudes hatte jede Richtung jedoch nochmals einen eigenen, kleineren Hof. ,,Bahh, nach der Pause Doppelstunde Deutsch!", quengelte mir Gabi ins Ohr. Ihr Hassfach, mein Lieblingsfach. ,,Besser als Mathe", entgegnete ich nur, packte mein Käsebrot aus und stellte mich zu unseren Klassenkameraden. Und da sah ich ihn. Er saß ganz hinten auf der Mauer, die rechts des Hofes an die Mittelschule angrenzte und an deren Ende ein Unterstand für Kleinkrafträder war. Unsere Eiche war ein paar Meter weiter vorne Richtung Schulgebäude. In aller Ruhe drehte er sich eine Zigarette, obwohl rauchen hier streng verboten war. In den separaten Höfen des Gymnasiums und der Fachoberschule war das zwar erlaubt, auf dem gemeinsamen Pausenhof jedoch nicht, da hier auch viele Grundschüler und Schüler aus niedrigen Jahrgangsstufen ihre Pausen verbrachten. Zwischen seinen Lippen steckte ein Filter, auf seinem Schoß lag ein Longpape, das er mit einer Hand festhielt, während er mit der anderen Hand den Tabak darüber verstreute. Mit einem gekonnten Handgriff rollte er den Tabak mit dem Papier zusammen und steckte den Filter hinein. Dann zündete er in aller Seelenruhe seine selbstgedrehte Zigarette an. Ein paar jüngere Schüler um uns herum musterten ihn kritisch und gingen ein paar Schritte tuschelnd von ihm weg. Das schien ihn jedoch nicht im Geringsten zu stören, er blies ungeniert seinen Rauch in kleinen Kringeln in die Luft. Während sich die Anderen unterhielten, beobachtete ich ihn. Er hatte eine wirklich schöne und faszinierende Haarfarbe: das untere Haar schien kastanienbraun zu sein, während es Schicht für Schicht nach außen heller wurde. Sein Deckhaar war schließlich bronzefarben. Die kupfrigen Strähnen ließen es jedoch nicht orange wirken sondern trotzdem noch dunkler. Als hätte er gemerkt dass ich ihn anstarrte, hob er plötzlich seinen Kopf und sah mir mitten in die Augen. Mir war, als würde das Blut in meinen Adern gefrieren. Seine grauen Augen brachten mich dazu, den Blick schnell auf den Boden zu senken. Schüchtern blinzelte ich wieder zu ihm hinüber und merkte, dass er anscheinend gar nicht mich sondern einen anderen Jungen angesehen hatte, der seine Kapuze tief in sein Gesicht gezogen hatte und den Jungen auf der Mauer am Arm packte. Er warf seine Kippe auf den Boden und die Beiden gingen gemeinsam Richtung Mittelschuleingang davon. Im Gehen konnte ich sehen, dass er seine schwarze Jeans bis über die Knöchel hochgekrempelt und mit unzähligen Rissen versehen hatte. Der Kerl war locker schon achtzehn Jahre. Ich hatte überhaupt nicht mitbekommen, dass es schon gegongt hatte und etwas benommen ging ich hinter meinen Freunden zurück ins Klassenzimmer. Komisch, dass ich diesen Jungen seit diesem Schuljahr noch nie hier gesehen hatte.

Hingegen meiner Hoffnungen ließ sich der mysteriöse Junge in der zweiten Pause nicht mehr auf der Mauer blicken, dafür fing mich mein Deutschlehrer nach der sechsten Stunde jedoch an der großen Drehtür am Eingang ab. ,,Veronika, du warst vorhin so schnell weg. Ich wollte dir noch etwas wegen des Nachhilfeunterrichts mitteilen. Neben den Fünft-, Sechst-, und Siebtklässlern kommt noch ein gleichaltriger Junge hinzu." Ich schaute ihn ein wenig erschrocken an. ,,Also ich weiß wirklich nicht, ob mein Wissen soweit ausreicht", jammerte ich. Ich hatte mich, um mir ein wenig hinzu zu verdienen, bei einem Programm unserer Schule angemeldet. Ich gab Schülern, die Probleme in Deutsch oder Englisch hatten, einmal pro Woche Nachhilfe. Doch vor allem in Englisch könnte ich einem Gleichaltrigen sicher nicht viel weiterhelfen. ,,Keine Sorge", beruhigte mich Herr Zink. ,,Der Junge weist große Defizite auf, mehr als das. Er kann weder gut lesen noch beherrscht er die Rechtschreibregeln. Deshalb wollte ich dich eigentlich fragen, ob du dir das überhaupt zumuten möchtest. Für ein effektives Ergebnis müsstest du mindestens zwei oder dreimal in der Woche mit ihm pauken." Ich wollte nicht, dass der Junge, wer auch immer er sein möge, erfuhr, dass ich mich weigern würde, ihm zu helfen. Und ich wollte auch nicht, dass Herr Zink schlecht von mir dachte. Also willigte ich ein. ,,Super.", lächelte mein Lehrer und drückte mir einen Plan in die Hand. Etwas konfus faltete ich den Plan , ohne einen Blick darauf zu werfen, zusammen und schob ihn in die hintere Hosentasche meiner Jeans.
Dann ging ich zum Eingang des Gebäudes auf der anderen Seite: dem Gymnasium. Hier traf ich mich immer nach der Schule mit meiner Freundin Luci, um gemeinsam heimzulaufen. Sie wohnte nur zwei Straßen von mir entfernt. Luci wartete schon auf mich und wir machten uns auf den Weg. Ich knöpfte schnell meine Jacke zu und verbarg das weiße Spitzenhemd, über das ich einen roten Strickpulli gezogen hatte, da ich wusste, Luci würde bloß einen blöden Kommentar über meinen Style machen.  Heute früh, als ich mich im Spiegel angesehen hatte, hatte mir mein Outfit wirklich gut gefallen. ,,Sag mal, hast du Bock am Samstag mitzukommen? Wir gehen in die Kanone, wird super.", sagte meine Freundin und mit einem vergewissernden Blick nach hinten raunte sie mir zu: ,,Kannst auch ne E haben, wenn du magst." Ich schüttelte den Kopf. ,,Ne, lass mal. Ich hab dir doch schon gesagt, dass mehr als Kiffen bei mir nie drin sein wird." ,,Du kannst doch trotzdem mitkommen." ,,Ich bin keine 18?" ,,Na und, du und Resi schaut euch vom Gesicht her total ähnlich, das fällt keinem auf." ,,Ich will aber nicht. Falls doch was passiert." Und weil deine Freunde eine Spur zu krass für mich sind, fügte ich innerlich hinzu. ,,Man, bist du langweilig." Wir trotteten ein paar Minuten schweigend nebeneinander her. ,,Wollen wir am Wochenende trotzdem was machen?", fragte sie. ,,Klar" Sie nickte und dann trennten sich unsere Wege. Luci bog links in eine Straße ein, während ich weiter geradeaus ging.

Als das Wochenende vorbei war blickte ich dem Montag mit gemischten Gefühlen entgegen, da heute meine erste Nachhilfestunde mit dem Problemjungen war. Ich hatte wirklich keine Ahnung, wie ich mit einem Gleichaltrigen umgehen sollte, dem ich schreiben beibringen musste. Der Vormittag ging viel zu schnell vorbei und so wartete ich nach der sechsten Stunde in unserem Klassenraum. Der Junge ließ wirklich lange auf sich warten. Ich blickte immer wieder abwechselnd ungeduldig auf meine Uhr und auf den Plan, den mir Herr Zink gegeben hatte, um mich zu vergewissern, richtig zu sein. Ich wollte schon aufgeben und nach Hause gehen (er war zwanzig Minuten zu spät!), da ertönte eine heisere, warme Jungenstimme. ,,Sorry. Hab das heute voll verpeilt und dann den Raum nicht gefunden." Er kam mit schlurfenden Schritten näher. ,,Passt schon", sagte ich großzügig und drehte mich um. ,,Ich heiße .. Veronika." Ich starrte den Jungen an. Das glaubte ich ja jetzt wohl nicht! Ein kupferfarbener Schopf tauchte neben dem Tisch, an dem ich saß, auf. Unter seinem rötlichen Haar blitzte eine Reihe silberner Ringe auf, die in seinem Ohr steckten. Er nickte. ,,Mingo", sagte er bloß. Vermutlich ein Spitzname, schließlich war auf meinem Zettel Michelle Domingo gestanden. ,,Äh du kannst mich gerne Viki nennen.", bot ich deshalb freundschaftlich an. Er nickte wieder und lächelte mich an. Wow, diese Augen. Alles so zart und der Übergang so weich, dass diese Augen wirklich ein Meisterwerk waren. Noch dazu so schön groß, mandelförmig und mit so dichten, langen schwarzen Wimpern. Sein Gesicht schien nahezu perfekt: eine feingeschwungene Nase, volle aber doch zarte Lippen und braun gebrannte Haut. Da konnte man ja wirklich neidisch werden. ,,Nun gut, fangen wir an.", sagte ich schnell und Mingo nickte wieder. Er drehte sich ein wenig auf die Seite und ich sah die lange Narbe an seiner Wange, die noch ziemlich frisch aussah. Ich erschrak mich ein wenig, so ein hübscher Junge und dann ließ er sich durch so ein hässliches Mal das Gesicht entstellen. Die hätte unbedingt behandelt werden müssen.  ,,Äh also Herr Zink hat mir gesagt, dass du Probleme hast beim Lesen und Schreiben?" Der Junge knirschte ein wenig mit seinen Zähnen. ,,Ja. Deswegen auch die kack Nachhilfe. Hab da eigentlich gar keinen Bock drauf." ,,Das wird schon.", sagte ich ein wenig beleidigt, da er mir ja irgendwie vermittelt hatte, unerwünscht zu sein. Ich schob ihm ein Buch hin. ,,Versuch mal den Text hier zu Lesen."

Nach etwa einer halben Stunde lag Mingos Kopf auf der Tischplatte und er sagte, er sei für heute unfähig weiter zu machen. Irgendwie ging von seinen Haaren und Klamotten ein komisch süßlicher Duft aus. Er sah eh ganz schön wild aus: Mingo trug eine Lederjacke mit Nieten, seine Hose bestand größtenteils aus Löchern und wurde aufgrund seiner mageren Beine nur von einem breiten Gürtel, der auf der Schnalle einen silbernen Totenkopf trug, zusammen gehalten. Seine seinen schwarzen Springerstiefel machten die Sache auch nicht besser. Er zog seine Jacke aus und holte das Drehzeug aus der Innentasche. Er hatte bloß ein Tanktop an, sodass ich seine Tätowierung an der Schulter sehen konnte. Er bemerkte wohl meinen interessierten Blick, den er drehte sich um, damit ich das komplette Bild sehen konnte. Vorne an der Schulter hatte ich bloß die Mähne eines Löwen gesehen, nach hinten erstreckte sich das Tier in voller Pracht. Der Kopf sah friedlich, aber gleichzeitig auch unberechenbar und gefährlich aus. Die Augen strahlten eine unglaubliche, fast gefährliche Ruhe aus. ,,Wow", hauchte ich. Er grinste. ,,Gefällt's dir? Ist mein Sternzeichen" Ich nickte. ,,Genau die gleiche Idee habe ich eigentlich schon lange, ich bin nämlich auch Löwe. Aber naja.. das bleibt ja für immer, deswegen hatte ich dann doch irgendwie Panik. Und meine Eltern hätten so ein großes Tattoo eh nie mitgemacht." Er drehte sich wieder eine Zigarette und sah mich ein wenig irritiert an. Ich kam mir plötzlich unheimlich spießig vor. ,,Wie machste das?", fragte ich deshalb schnell und deutete mit einem Kopfnicken zu der Kippe. ,,Ist ganz leicht und kommt einem viel billiger", sagte er bloß und sah mich ein wenig unsicher an. ,,Soll ich's dir.." Er redete nicht weiter und senkte schüchtern den Kopf nach unten. Ich rückte ein wenig näher an ihn heran und sah ihm dabei zu. Eigentlich sah das Ganze nicht wirklich kompliziert aus, bloß den Tabak einzudrehen, ohne dass er herausfiel, stellte ich mir schwierig vor. Er steckte sich die Zigarette hinter das Ohr und holte einen neuen Filter heraus. ,,Darf ich mal?", fragte ich nach kurzem Zögern. Er zuckte mit den Schultern und schob mir die Utensilien zu. Mit ein wenig zittrigen Händen streute ich den Filter auf das Pape. ,,Du.. du musst mehr nehmen." ,,So?" ,,Hm." Beim Eindrehen sagte er nichts mehr, doch ich merkte als ich fertig war, dass das Pape viel zu locker war und der Tabak langsam herausrieselte. ,,Oh.. sorry." Ich grinste ihn ein wenig zerknirscht an. Er lächelte zurück, kehrte meine missratene Zigarette in seinen Beutel und stand mit einem Blick auf die Uhr auf. ,,Shit ich muss gehn." ,,Äh wir sollten eigentlich noch ein bisschen weitermachen." Ich kam mir schon wieder unheimlich spießig vor und biss mir schnell auf die Lippe. ,,Na ja, was soll's." Wir gingen gemeinsam nach unten, wo er sich mit leicht zittrigen Fingern schnell die Zigarette anzündete. Ich holte meine Eigenen erst hervor, als wir vom Pausenhof gingen. Er sah mich etwas schräg von der Seite an, damit hätte er wohl nicht gerechnet. Irgendwie war mir die Situation total unangenehm. Er war unglaublich hübsch, aber ich hatte keine Ahnung was ich sagen sollte und ob er es irgendwie blöd von mir fand, dass ich einfach so neben ihm herdackelte. Nach ein paar Minuten brach ich das Schweigen. ,,Bist du schon lange auf der Schule?" Er schüttelte bloß den Kopf und kramte in seiner Jackentasche nach einer weiteren Zigarette. Ich hielt ihm meine Packung unter die Nase. ,,Da.", sagte ich. ,,Für meinen missratenen Erstversuch vorhin." Er grinste mich schräg an und lächelte, als er sich eine herausnahm. Ich schnippte meine weg. ,,Und wo musst du jetzt hin?" Oh man, ich verhörte ihn ja richtig! Er blies den Rauch aus. ,,Ich muss in die Stadt, treff mich da mit wem." Ich errötete ein wenig. Na klar, egal wie abgedreht er aussah, eine Freundin hatte er bestimmt bei dem schönen Gesicht. ,,Ich muss da lang.", sagte ich schnell und deutete auf eine kleine Seitenstraße Richtung dem grüngelegenen Wohngebiet, wo meine Familie lebte. ,,Ciao, wir sehen uns ja übermorgen wieder zur gleichen Zeit.", sagte ich und lächelte kurz. Er nickte mir zu. ,,Ja, ciao." Dann ging er schnell über die Straße davon. Ich stand da und sah ihm nach, doch kurz bevor er abbog drehte er sich nochmals um und sah mich an. Oh nein, wie peinlich! Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Ich musste total bescheuert aussehen, wie ich wie festgeklebt dastand und ihm hinterher gaffte. Na toll. Schnell drehte ich mich um und trottete nach Hause.

Fortsetzung folgt! :)
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