Das Kängurunavigationssystem

von Perscitia
KurzgeschichteHumor, Freundschaft / P12
Axel Krapotke Das Känguru Der Schredder Friedrich-Wilhelm Gott Marc-Uwe Kling
13.05.2017
31.10.2017
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13.05.2017 3.043
 
Hallo,
Schön, dass ihr euch hierher verirrt habt. Dies ist ein Beitrag zum Wettbewerb Die neue Navi-Stimme von obit und Nemo-Mortua.
Es geht darum, einem Charakter(Marc Uwe) ein Navigationsgerät zu schenken, das in einer ihm vertrauten Stimme(das Känguru) zu ihm spricht. Zusätzlich erhalten wir Vorgaben, was genau das Navigationsgerät für Anweisungen gibt. Diese dürfen wir in beliebiger Reihenfolge bearbeiten.

Die Vorgaben für die erste Runde waren:

1.Eine (vermeintlich) lustige Begrüßung
2. Die Anweisung, an einer „T-Kreuzung“ geradeaus zu fahren, obwohl dort Gebüsch steht
3. Der Hinweis, schneller zu fahren, kurz darauf gefolgt von dem Hinweis, langsamer zu fahren
4. Die Anweisung, in eine Einbahnstraße entgegen der Fahrtrichtung zu fahren
5. Die Anweisung, abzubiegen, während der Charakter sich auf einer Brücke befindet
6. Die Anweisung, eine Straße zu nehmen, die schon lange nicht mehr existiert
7. Die Aussage, dass sich das Ziel auf der rechten Seite befindet, dort aber nichts zu sehen ist

Und die Zusatzvorgabe, dass überwiegend aufLandstraßen oder Autobahnen gefahren werden soll.

Meine Betaleserin ist die fantastische Il Re dei Ladri, vielen, vielen Dank dir noch einmal. :-)

Ich freue mich natürlich über jegliche Rückmeldung und wünsche euch viel Spaß mit dem vermutlich unproduktivsten Navigationsgerät der Welt.


1. Kapitel: Die Route wird neu berechnet

A journey of thousand miles begins with a single step-Neil Armstrong

Ich ziehe meinen kaputten Rollkoffer hinter mir die Treppe herunter. Seit etwa einem Jahr nehme ich mir jetzt schon vor ihn zu ersetzen.
„Dies ist deine letzte Tour“, verkünde ich dem schweren Ding und schleppe es den Flur entlang zur Haustür.
Ich öffne in dem trügerischen Glauben, dass jetzt nur noch der kurze Weg zur U-Bahn-Station zwischen mir und der Tour liegt und werde direkt eines Besseren belehrt.

Vor der Tür, mitten auf dem Gehsteig, steht ein pinker Lada. Er parkt derart eng an der Tür, dass ich mit dem riesigen Koffer nicht mehr rechtzeitig bremsen kann und direkt in ihn hinein stolpere. Mit einem lauten Knall fällt der Koffer zu Boden und ich reibe mir fluchend das schmerzende Knie, mit dem ich gegen den Wagen gestoßen bin. Ungläubig starre ich das Auto an. Wie zum Teufel ist das überhaupt dorthin gekommen? Und wie bekomme ich es weg? Mit dem riesigen Koffer komme ich bestimmt nicht daran vorbei.
Ohne wirklich an den Sinn dieser Aktion zu glauben, greife ich nach der Beifahrertür. Sie öffnet sich.
Misstrauisch kneife ich die Augen zusammen und klettere in den Wagen.
Der Schlüssel steckt.
„Hm“, mache ich nachdenklich.

Wer auch immer mir den Wagen in den Weg gestellt hat, hat auf jeden Fall nicht versucht zu verhindern, dass ich ihn dort wegbewege. Aus welchem Grund auch immer.
Andererseits bin ich spät dran und das Rätsel des Autos interessiert mich nur halb so sehr wie meine U-Bahn.

Verzweifelt versuche ich meinen monströsen Koffer durch die Beifahrertür zu ziehen um damit durch den Wagen zu klettern. Desillusioniert muss ich allerdings feststellen, dass mein Gepäck in allen Dimensionen breiter ist als die klapprige Ladatür und der großzügig gepolsterte Beifahrersitz. Keine Chance, den hier hinein und dann auch noch durch die Fahrertür wieder hinaus zu verfrachten. Ihn über das Dach zu heben kann ich angesichts seines Gewichtes wohl auch vergessen.

Da bleibt mir wohl nur, den Lada wegzufahren. Ich schubse den Koffer zurück in den Hausflur, schließe die Beifahrertür und klettere auf den Fahrersitz. Zögernd greife ich nach dem Schlüssel, in der Absicht, den Wagen zu starten.
„Guten Morgen, Kai-Uwe!“, begrüßt mich das Auto lauthals mit einer mir nur allzu bekannten Stimme. Beziehungsweise das überraschend moderne Navigationsgerät des Ladas, das sich gerade gruseliger weise von alleine eingeschaltet hat. Ein riesiger „Witzig“-Stempel leuchtet auf dem Display. Ja, das finde ich auch unglaublich witzig. Vor allem, weil ich MARC-Uwe heiße. Und der Besitzer jener Stimme das nur zu genau weiß.

„Beuteltier“, knurre ich genervt. Immerhin ergibt dieses Theater auf einmal erschreckend viel Sinn. „Was soll das?“
„Deine Tour kann warten, Pinky“, freut sich das Navi. „Wir müssen nur mal kurz die Welt retten.“
„Oh nein“, murmele ich.

Entschlossen zu flüchten versuche ich die Fahrertür zu öffnen, aber natürlich ist sie zugesperrt. Genau wie alle anderen Türen, selbst die, durch die ich gerade hineingeklettert bin.
„Die Mühe hättest du dir sparen können“, kommentiert das Känguru, als ich noch genervter auf den Fahrersitz zurück klettere.

„Ja, vermutlich“, seufze ich und gebe mich, mit einem letzten, sehnsuchtsvollen Blick auf meinen einsam in der halbgeöffneten Haustür liegenden Koffer, geschlagen.
„Also was willst du von mir?“, frage ich und mache mich (zum wiederholten Mal) für den größten Blödsinn bereit.

„Wohin diese Reise geht, wirst du früh genug erfahren“, verkündet das Känguru geheimnisvoll. „Jetzt fahr erst einmal los. Richtung Nordosten. Und pass' auf die Eiche da auf!“
„Sehr witzig“, erwidere ich, drehe aber den Schlüssel herum.
Nichts geschieht.
„Ah, Moment“, sagt das Navi. „Dieses Auto verfügt über einen eingebauten Idiotenfilter: Um den Wagen zu starten, nennen Sie bitte die drei Hauptwerke von Thomas Mann.“
„Nicht ernsthaft, oder?“, stöhne ich. Ich hätte heute Morgen einfach im Bett bleiben sollen.
„Diese Eingabe ist leider nicht korrekt“, antwortet das Känguru in bester Roboterstimme.
Ich seufze. Das kann noch länger dauern.

Nachdem das Känguru-Navi die Eingabe „Joseph und seine Brüder“, „Doktor Faustus“ und „Der Zauberberg“ endlich akzeptiert hat, fahre ich einigermaßen besänftigt in Richtung Alexanderplatz den Mühlendamm entlang. Der Wagen hat beim Ausparken nur eine winzig kleine Schramme erhalten, als ich an den Müllcontainern unserer Nachbarn hängen geblieben bin.

„Wo hast du das Auto eigentlich her?“, frage ich interessiert.
„Mööp-irrelevant“, kommentiert das Känguru. „Bieg mal lieber da vorne links ab.“
„Das ist eine Einbahnstraße“, stelle ich fest.
Als das Känguru nicht antwortet, füge ich hinzu: „Ich fahre nicht falsch herum durch eine Einbahnstraße.“
Immer noch erfolgt keine Reaktion und zum ersten Mal frage ich mich, ob das Känguru mich eigentlich hören kann oder doch nur ein eingespielter Text bisher so treffsicher auf mich reagiert hat, weil es mich so gut kennt.

„Jetzt links abbiegen“, fordert das Känguru, als die Einbahnstraße neben uns auftaucht, samt leuchtend rotem Verbotsschild.
„Nee“, mache ich und fahre geradeaus weiter.
„Hey!“, beschwert sich das Navi, kaum dass ich die Straße passiert habe. „Was soll das? Jetzt muss ich die ganze Route neu berechnen!“
Ich verdrehe die Augen und sage nichts.

„Na und?“, fragt das Känguru eingeschnappt, als hätte ich das Einbahnstraßenargument erst jetzt verkündet. „Hab ich das Schild etwa aufgestellt? Oder mein Einverständnis dazu gegeben? Nein. Also muss ich mich auch nicht daran halten.“
Soviel dazu, ob ich mich hier mit dem Känguru unterhalte oder nur einem Computer zuhöre, in den es typische Sätze einprogrammiert hat.

„Ich aber“, antworte ich der eingespeicherten Audiodatei trotzdem. „Denn ich sitze schließlich im Auto und verliere im Zweifelsfall für deine Mini-Rebellion meinen Führerschein.“
„Wie bitte?“, fragt das Känguru entgeistert. „Du wagst es, dich mir zu widersetzen. Mir? Dem allwissenden Navigationsgerät? Wie solltest du ohne meine Hilfe je irgendwo ankommen?“
„Sehr witzig“, sage ich.
„Ganz im Gegenteil. Das ist kein bisschen wichtig“, meint das Känguru treffsicher.

Ich verfluche im Stillen ein wenig den Tag, an dem es beschloss, von nun an die Bedeutungen der Worte „wichtig“ und „witzig“, beziehungsweise „relevant“ und „amüsant“ auszutauschen. Das verwirrt mich immer noch regelmäßig.

„Ist dir mal aufgefallen, wie viele Leute ihrem Navi tatsächlich blind vertrauen?“, führt das Känguru aus. „Die sehen da quasi eine verkappte Gottheit drin. Wenn du denen das Ding umprogrammierst und sie unter dem Namen „Hamburg“ nach München fahren lässt, merken die das gar nicht.“
„Und wenn man dann noch die Stadtschilder überpinselt, glaubt bald die ganze Welt, München liege an der Elbe“, füge ich hinzu, obwohl ich mich doch etwas bescheuert fühle, dem Computer zu antworten. „Diese Diskussion hatten wir schon einmal.“

„Insofern hätten wir die Machtverhältnisse in diesem Auto wohl geklärt“, befindet das Navi selbstzufrieden. „Ich befehle, du fährst. Zum Beispiel jetzt links in die Jostystraße.“

„Die gibt es schon nicht mehr, seit dein Freund Walter Ulbricht beschloss, geringfügige Veränderungen im Stadtbild vorzunehmen“, informiere ich das Känguru und fahre weiter geradeaus. „Außerdem bin ich immer noch Anarchist. Ich tu, was ich will. Immerhin haben wir ein Netzwerk ohne Hierarchien gegründet. Da kann auch ein Navi nicht über einen Hauptmann bestimmen.“

Mittlerweile komme ich mir doch etwas albern vor, immer mit dem Navi zu sprechen, das mir eh nicht zuhört. Obwohl, wer weiß… Höchstwahrscheinlich hat das Känguru irgendwo eine Kamera installiert und macht sich später darüber lustig, wie ich mit einer Kassette streite. Prophylaktisch strecke ich dem Navigationsgerät die Zunge heraus, während ich an der Stelle vorbeifahre, an der früher mal die Jostystraße abging.

„Was tust du da?“, beschwert sich das Navi. „Ist dir die Rettung der Welt so gleichgültig?“
„Gib mir vernünftige Anweisungen, dann halte ich mich auch daran“, gebe ich pampig zurück.

Und ja, die Rettung der Welt ist mir gleichgültig, wenn es schon danach fragt. Ich verpasse gerade meine Tour wegen irgendwelcher Känguruspielchen. Wahrscheinlich hat nur der Shredder einen Trotzanfall und das Känguru keine Lust sich allein darum zu kümmern.

„Egal“, meint das Navi. „Wir müssen eh gerade aus. Folg mal der Straße und beschäftige dich mit dir selbst. Das ist echt voll anstrengend, sich ständig was auszudenken, um dich zu unterhalten.“

„Weshalb es mir auch ein Rätsel ist, dass du es trotzdem immer wieder mit derartigem Aufwand tust“, murmle ich und rechne nicht damit, dass das Känguru sein Versprechen einlöst und wirklich die Klappe hält.

Überraschenderweise bleibt das Navi aber tatsächlich still, während ich Berlin-Mitte hinter mir lasse und in Richtung Prenzlauer Berg fahre. Auch Weissensee lässt es mich kommentarlos passieren. Als es sich bis Malchow immer noch nicht wieder zu Wort gemeldet hat, und das Berliner Stadtbild weiten Feldern und Landstraßen weicht, werde ich misstrauisch.

„Bist du noch da?“, frage ich, erhalte aber natürlich keine Antwort.

Na super. Da das Display des Kängurunavis schon seit Beginn nichts Anderes als den „Witzig“-Stempel-Abdruck zeigt, bin ich mir nicht mal sicher, ob das Känguru tatsächlich für diesen Streckenabschnitt eine Quasselpause eingeplant hat, oder das Navi einfach nicht mehr funktioniert. Vielleicht ist es auch nur ein Witz und das Känguru hat Wetten mit sich selbst abgeschlossen, wie lange ich wohl geradeaus weiterfahre, bis ich merke, dass es mich hereingelegt hat, und keine weiteren Richtungsanweisungen folgen.

Außerdem will ich ja auch immer noch eigentlich zu meiner Tour. Ob sich wohl die Türen mittlerweile öffnen lassen?

Kurzerhand trete ich auf die Bremse und halte den Lada auf dem Grasstreifen neben einem Weizenfeld an. Ich ziehe die Handbremse und drehe den Schlüssel herum.

„Was tust du da?“, beschwert sich das Navi sofort. „Wir haben unser Ziel noch nicht erreicht!“

Ich ignoriere den anhaltenden Protest und versuche, die Fahrertür zu öffnen. Natürlich erfolglos.

Eine Weile starre ich unschlüssig durch die Frontscheibe, beide Zeigefinger in den Ohren in dem Versuch, das zeternde Känguru auszublenden. Es regt sich heftiger auf, als letzten Freitag, als der Shredder es bei World of Warcraft spielen gestört hat. Ich warte darauf, dass die Audiodatei ihr Ende erreicht, aber dann erinnere ich mich an den zweistündigen kritischen Klingelton und gebe die Hoffnung auf. Da bleibt mir wohl nur übrig, weiter zu fahren.

Seufzend greife ich nach dem Schlüssel um den Wagen wieder zu starten. Sofort verstummt das Gezeter. Stattdessen meldet sich wieder der Idiotenfilter zu Wort.

„Wie lautet das neunundsechzigst-letzte Wort des Nirvanasongs „Smells like teen spirit“?“, fragt das Känguru.

„Allgemeinwissen, klar“, meine ich ironisch und beginne zu rechnen, während mir das Navi freundlich erklärt, diese Antwort sei aber nicht korrekt.

Nach sehr langem Überlegen (und der Hilfe meines Smartphones) komme ich schließlich auf die offensichtliche Antwort „Nevermind“. Gnädig setzt sich das Auto in Bewegung.

Allerdings hat das Navi wohl beschlossen, dass sein Schweigen lang genug gedauert hat.

„Fahr mal etwas schneller“, meckert es. „So kommen wir ja nie an.“

Unwillig trete ich aufs Gas.

„Langsamer!“, brüllt das Känguru sofort. „Willst du, dass wir einen Unfall bauen?!“

„Kannst du dich mal entscheiden, was du willst?“, knurre ich, bremse aber leicht und fahre in meinem Ursprungstempo weiter.

„Ist dir klar“, beginnt das Känguru und ich mache mich auf einen weiteren, vielleicht relevanten, aber sicherlich nicht amüsanten, Vortrag bereit. „Mit wieviel mehr Gleichgültigkeit man einen zuerst noch unannehmbaren Zustand -wie etwa dein lahmes Gefahre- hinnimmt, wenn man für eine kurze Zeit einer noch größeren Katastrophe -wie etwa einem rasenden, Geschwindigkeitsbegrenzungen übersehenden Marc-Uwe- ausgesetzt war?
Des gleichen Mittels bedient sich die Politik. Dwix‘s PKW-Maut war von Anfang an eine wahre Schnapspralinenidee. Aber jetzt plötzlich, als die Partei seines Bruders, diese „Alternative für Dwix“, derart rechte Äußerungen von sich gibt, interessiert sich keiner mehr dafür, was für ein Schwachkopf Dwix selbst eigentlich ist und er und sein Konzept werden trotzdem unterstützt.
Oder Clinton. Keiner wollte sie haben, aber jetzt, wo Trump Präsident ist, wünscht man sich trotzdem plötzlich, man hätte sie gewählt.“

„Warte mal…“, murmele ich, worauf das Navi natürlich nicht hört, sondern nervtötend weiterquasselt. „Willst du damit implizieren, du hast in den USA wählen dürfen? Du hast doch nicht etwa Trump gewählt, oder?“

Statt einer (natürlich von mir nicht erwarteten) Antwort kreischt das Navi plötzlich: „Rechts abbiegen!“

Ich reiße das Lenkrad herum und sehe das Geländer der Brücke auf mich zu rasen, die ich gerade überquere. In letzter Sekunde kann ich das Auto wieder gerade auf die Fahrbahn bringen. Das Navi kichert.

„A-ha-muh-muh-muh“, mache ich. „Dieser Spaß hätte mich gerade fast das Leben gekostet.“

„Die Macht hat große Auswirkungen auf die geistig Schwachen“, zitiert das Känguru. „Forrest Gump.“

„Wir werden alle verrückt geboren. Manche bleiben es“, kontere ich. „Ein Hutmacher.“

„Reg dich ab“, weist mich das Navi zurecht. „Konzentrier‘ dich lieber aufs Fahren. Du musst da vorne links.“

Zu meiner Überraschung geht an erwähnter Stelle tatsächlich eine befahrbare Straße ab. Ich setze den Blinker und nehme die breite Landstraße, die an sonnengelben Rapsfeldern vorbeiführt.

„Wie schön, dass du auch mal tust, worum ich dich bitte“, lobt mich das Känguru. „Zur Belohnung spiele ich dir jetzt ein bisschen Radio.“

Mir schwant Übles.

Unglücklicherweise werden meine Befürchtungen noch übertroffen, denn das Känguru beginnt, die „Ode an die Freude“ auf einer Trompete zu spielen. Leider hat es sich seit seiner letzten Übungsstunde mit diesem Lied und Instrument kein bisschen verbessert. Und das Navi verfügt über ein erstaunliches Audiovolumen. Sofort bekomme ich Kopfschmerzen.

Verzweifelt versuche ich mir die Ohren zuzuhalten, ohne dabei von der Straße abzukommen und ins Rapsfeld zu brettern. Der Versuch misslingt.

Wütend nehme ich die Hände wieder ans Lenkrad und manövriere den Lada zurück auf die Straße, die Zähne ob des lauten Gequietsches zusammenbeißend.

Als das Känguru das fünfte Mal nervtötend von vorne beginnt, weil es sich in den ersten Tönen verspielt hat, halte ich es nicht mehr aus. Ich fahre doch eh die ganze Zeit geradeaus. Ich brauche das Navi gar nicht. Entschlossen drücke ich auf den Ausschaltknopf.

Nichts geschieht.

Ich drücke erneut. Wieder nichts. Selbst als ich meinen Finger mehrere Sekunden lang auf dem Knopf ruhen lasse, ändert sich nichts. Das Navi zeigt nach wie vor den „Witzig“-Stempel und gibt apokalyptische Geräusche von sich.

Ich versuche umständlich, ohne von der Fahrbahn abzukommen, den Akku des Gerätes herauszunehmen und es so zum Abstürzen zu bringen. Nur um festzustellen, dass es, natürlich, über einen internen Akku verfügt.

Seufzend klemme ich das Navi zurück und füge mich erneut meinem Schicksal. Immerhin finde ich heraus, wie ich den Ton ein wenig leiser, wenn auch nicht ausstellen kann.

Zwanzig Minuten später, als ich gerade Bernau passiere, ertappe ich mich sogar dabei, wie ich leise mitsumme. Mittlerweile ist das Känguru so weit, dass es das ganze Lied, so fehlerhaft es auch sei, jedes Mal bis zum Ende durchspielt.

Als ich hinter Bernau zurück auf die Landstraße gelange, hört das „Radio“ plötzlich mitten im Stück auf.

„Danke, danke“, erlöst mich die Stimme des Kängurus schadenfroh. „Du kannst jetzt aufhören zu applaudieren, Marc-Uwe.“

Seufzend reibe ich mir die schmerzende Stirn. Wenigstens entlässt mich das Känguru für eine Weile in wohltuende Stille. Ungestört fahre ich weiter durch die Einöde Brandenburgs.

Irgendwann erscheint eine T-Kreuzung und ich warte darauf, dass mir das Känguru sagen wird, ob ich rechts oder links abbiegen soll. Nichts dergleichen geschieht.

„Hey, Beuteltier“, rufe ich und werde langsamer. „Wo muss ich lang?“

Keine Antwort. Langsam werde ich nervös. Vorsichtshalber bremse ich noch ein bisschen.

„Fahr einfach der Schnauze nach“, sagt das Känguru endlich, als ich fast im Schritttempo fahre.

„Hä?“, mache ich.

„Geradeaus“, erläutert das Känguru. „Einfach geradeaus weiter.“

„Da ist nur Gebüsch“, erkläre ich ihm überflüssigerweise.

Allerdings ziemlich leckeres Gebüsch, stelle ich mit Blick auf die Brombeerranken fest. Vielleicht könnte ich anhalten und mir ein paar genehmigen?

Doch die Angst vor einem neuen Idiotentest und das Wissen, dass die Türen vermutlich immer noch verschlossen sind, hält mich davon ab. Und da vom Känguru offensichtlich keine vernünftigen Anweisungen folgen, treffe ich eben selbst die Entscheidung.

„Im Zweifelsfall immer links“, murmele ich und biege auf die Landstraße Richtung Norden ab.

„Machst du eigentlich irgendwann einmal, was ich dir sage?“, seufzt das Navi. „Du machst mich echt fertig.“

„Und du mich erst“, grummele ich.

„Egal“, meint das Känguru heiter. „Wir sind eh fast da. Das Ziel erscheint in hundert Metern auf der rechten Seite.“

„Was soll‘n das für ein Ziel sein?“, frage ich skeptisch, denn vor mir befindet sich nur plattes Land und Felder. Kein einziges Gebäude ist zu sehen, nur in weiter Ferne kann ich eine Schafherde ausmachen. Sonst scheint dieser Landstrich absolut leer zu sein.

„Du bist da!“, freut sich das Känguru trotzdem kurze Zeit später und ich parke das Auto neben einem Maisfeld.

„Hier ist nichts“, spreche ich das Offensichtliche aus.

Keine Antwort. Das Navi scheint zu warten, oder es hat sich ausgeschaltet, da es seine Aufgabe erledigt hat. Der rote „Witzig“-Stempel ziert auf jeden Fall immer noch den Bildschirm.

Ich versuche erneut, die Türen zu öffnen, aber sie sind, wie gehabt, verschlossen.

„Hey!“, rufe ich. „Wenn du willst, dass ich die Welt rette, lass mich wenigstens raus!“

Nichts geschieht.

Ich überlege gerade, ob ich wohl einfach wieder losfahren kann, als das Navi ein Hüsteln von sich gibt.

„Ist sie da?“, fragt das Känguru.

Ich habe keine Ahnung, wovon es spricht, aber „Nein“ scheint mir eine treffende Antwort zu sein.

„Mist!“, flucht das Känguru, als ich antworte. „Das ist mal wieder typisch!“

„Was?“, frage ich verwirrt. „Was bedeutet das?“

„Gott ist spät dran.“
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