Die Reise

GeschichteAbenteuer, Romanze / P16
Fabeltiere & mythologische Geschöpfe Gestaltwandler Zwerge
13.05.2017
14.10.2019
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Kapitel 2 ~ Temného Lesa

Célia ärgerte sich maßlos über sich selbst. Wie hatte sie nur so dumm sein können? Einem völlig Fremden einfach so hinterher zu laufen, in einen Wald, in dem sie sich nicht im Geringsten auskannte und in dem sich ein Steintroll herumtrieb. Außerdem hatte keiner von ihnen irgendeine Art von Ausrüstung mitgenommen – ihr Gepäck lag immer noch im Zug. Wie wollte der Mann, dessen Name Jacob Callahan lautete, wie er ihr irgendwann während ihres nicht enden wollenden Streits verraten hatte, Bakov nad Roujiez überhaupt zu Fuß erreichen, ganz alleine, ohne jegliche Verpflegung oder Ausrüstung?
Abgesehen davon, dass es nicht mal einen richtigen Weg gab, und es auch nicht den Anschein hatte, als wäre irgendwo ein Dorf in der Nähe.
All diese Fragen schwirrten Célia durch den Kopf, während sie schweigend nebeneinander durch den Wald stapften.
Nach einer Weile – oder einer Ewigkeit – hatten sie aufgehört zu streiten. Sie waren darin übereingekommen, dass es keinen Sinn machte, sich zu trennen, auch wenn Mr. Callahan  sehr deutlich gemacht hatte, wie wenig Wert er auf Célias Gesellschaft legte. Ihr ging es nicht anders, doch zu zweit war es einfach sicherer. Einer konnte nachts wache halten, während der andere schlief.
Nun liefen sie schweigend Richtung Nord-Osten. Allmählich wurde es zunehmend kälter und ein kühler Nebel stieg langsam zwischen den alten, knorrigen Bäumen empor. Der Anblick hatte etwas Magisches, Faszinierendes an sich.
Als die Sonne sich dem Horizont neigte, begannen sie einen Rastplatz für die Nacht zu suchen. Sie sammelten Feuerholz und Steine, um die Nacht über ein wenig Wärme und Sicherheit zu haben. Célia war sich sicher, dass es in diesem alten Wald von Gnomen, Wichteln, Neblingen und anderen Kreaturen nur so wimmelte. Dem Troll waren sie unterwegs nicht mehr begegnet. Auch waren sie auf keine Spur von ihm gestoßen, wie etwa abgeknickte Bäume und Fußabdrücke.
Besonders der immer dichter werdende Nebel machte ihr Sorgen. Mit Neblingen war nicht zu spaßen, und sie waren mehr als mäßig bewaffnet. Außer dem Silberdolch, der wie immer  in ihrem Stiefelschaft steckte und einigen Wurfmessern hatte sie nichts dabei. Auch Mr. Callahan trug keine offensichtlichen Waffen bei sich, auch wenn sie vermutete, dass sich in dem Spazierstock eine verborgene Klinge befand.
Nachdem sie das Holz mit ein wenig trockenen Zweigen und Halmen aufgeschichtet hatten, zog Mr. Callahan aus einer Manteltasche Zunder und ein Feuereisen. Kurze Zeit später loderten Flammen auf, die eine angenehme Wärme verstrahlten und die Dunkelheit, die wie ein lebendiges Wesen zwischen den Bäumen hervorkroch, vertrieben.
Ein paar Mal meinte Célia, gelbe Augen zwischen den Bäumen aufblitzen zu sehen, doch sie waren so schnell wieder verschwunden, dass sie sich nicht sicher war, ob sie es sich nur eingebildet hatte. Unwillkürlich zuckte ihre Hand nach unten an den Stiefelschaft, wo sich ihr Dolch verbarg.
Sie war sich sicher, dass dies keine ruhige Nacht werden würde, selbst wenn sie zu zweit waren und ein Feuer hatten.
Da sie keine Verpflegung dabei hatten und in dem spätherbstlichen Wald kaum noch etwas Essbares wuchs, musste das Abendessen heute ausfallen. Am nächsten Tag würden  sie nach Beeren, Pilzen und Nüssen Ausschau halten müssen, um wenigstens etwas zwischen die Zähne zu bekommen.
„Ich kann die erste Wache übernehmen“, bot Mr. Callahan an. Célia willigte ein. Sie war todmüde von dem langen Marsch und spürte, dass sie sich nicht mehr lange würde wachhalten können. Mit knurrendem Magen legte sie sich an das Feuer, eine Hand am Griff eines Wurfmessers in den Mantel geschoben. Man konnte nie wissen, was einem des Nachts im Wald begegnete. Obwohl sie sich vorgenommen hatte, wachsam zu bleiben und nur vor sich hin zu dösen, fiel sie bald in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Mitten in der Nacht, als das Feuer schon zu einem kleinen, glimmenden Haufen zusammengefallen war, erwachte sie.
Alarmiert setzte sie sich auf. Irgendetwas stimmte nicht. Célia spürte die Anwesenheit magischer Wesen wie ein Kribbeln auf der Haut. Am beunruhigendsten war, das Mr. Callahan nicht mehr auf seinem Platz ihr gegenüber am Feuer saß, wo er sich befunden hatte, als sie eingeschlafen war. Hatte er sie allein gelassen und die Flucht ergriffen, oder war ihm etwas zugestoßen? Beides wäre denkbar. Langsam stand Célia auf, sodass sie einen Baum als Deckung im Rücken hatte, und spähte angestrengt in die Dunkelheit. Vorsorglich hatte sie ihren Dolch gezogen.
Im Gegensatz zu der Geräuschkulisse heute Abend, die von heulenden Wölfen zu munter von Ast zu Ast hüpfenden Eichhörnchen gereicht hatte, war es jetzt toten still. Zu still.
Sie überlegte gerade, ob sie nach Mr. Callahan rufen sollte, oder ob sie damit unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde, als sie das Rascheln trockenen Laubs vernahm. Darauf folgte ein unmenschliches, ohrenbetäubendes Kreischen, eine grauenvolle Mischung aus dem Schrei eines sterbenden Pferdes und einer gequälten Katze.
Entgegen ihres Instinktes, sich auf der Stelle umzudrehen und die Flucht zu ergreifen, riss Célia sich zusammen und schlüpfte zwischen den Büschen hindurch in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Sie spürte, wie ihr Herz wild klopfte, als sie Zweige zur Seite schob und trockene Blätter auf sie herab rieselten. Den Dolch hielt sie vor dem Körper ausgestreckt, bereit, sich jederzeit zu verteidigen.
Nach kurzer Zeit wurden die Büsche weniger und sie befand sich auf einer Lichtung. Im silbrigen Mondlicht konnte sie die Quelle des Kreischens ausmachen. Einer der Schatten war Mr. Callahan. Er kämpfte mit einer Klinge gegen einen geduckten Schemen, der erneut einen abscheulichen Schrei ausstieß, als er getroffen wurde. Ein Warg! Schoss es Célia durch den Kopf. Gefangen zwischen zwei Welten, steckten diese Wesen in zwei Körpern gleichzeitig fest. Warge waren Gestaltwandler, die sich zu oft verwandelt hatten und irgendwann mitten in der Transformation stecken geblieben waren. Zum Teil Mensch, zum Teil Tier, verloren sie den Verstand und zogen sich an Orte fernab der Zivilisation zurück. Manchmal rotteten sich ein paar zu einer Gruppe zusammen, andere waren Einzelgänger. Trotz ihrer unterschiedlichen Gestalt hatten sie alle eine Gemeinsamkeit: Sie hassten Menschen und versuchten diese zu töten, sobald sie einem begegneten.
Célia machte einen zusammengesunkenen Schemen auf dem Boden aus, offensichtlich hatte Mr. Callahan schon einen der Warge zur Strecke gebracht. Dem zweiten stieß er gerade die Klinge tief in den Leib, bis das Kreischen erstarb und das Wesen sich nicht mehr rührte. Sie kam nicht umhin, sich einzugestehen, dass er ein guter Kämpfer war. Nicht viele Menschen konnten es ganz allein mit mehreren Wargen gleichzeitig aufnehmen. Nicht, dass sie vorhatte, ihm das jemals zu sagen.
Mit einem metallischen Geräusch zog Mr. Callahan die Waffe aus dem letzten Warg und streifte das Blut an seinem Mantel ab, bevor er die Klinge wieder in dem Spazierstock verschwinden ließ.
Erst jetzt sah er auf und bemerkte Célia, die nach wie vor mit dem Dolch in der Hand die Szene beobachtete.
„Warge“, erklärte er knapp.
„Das sehe ich. Warum zur Hölle haben Sie mich nicht geweckt?“, fuhr sie ihn an.
Ihr war klar, dass er ihnen beiden vermutlich gerade das Leben gerettet hatte. Trotzdem hätte er sie wecken müssen, als er die Warge bemerkt hatte! Wahrscheinlich war es ihm völlig egal, wäre sie im Schlaf gefressen worden.
„Es war keine Zeit Sie aus ihrem Dornröschengleichen Schlaf zu erwecken.“
„Erstens, schlafe ich keinen Dornröschen Schlaf und zweitens, was denken Sie sich eigentlich-“
„Stecken Sie besser das Ding da weg, bevor Sie sich noch damit verletzten“, unterbrach er sie trocken und deutete im Vorbeigehen auf den Dolch, den sie nach wie vor in der Hand hielt, „und kommen Sie zurück zum Lager.“ Damit schlug er den Weg zurück durch die Büsche ein und erwartete offensichtlich, dass Célia ihm folgte.
Sie hasste es, wenn er ihr so ins Wort fiel, insbesondere, wenn es sich dabei um eine seiner direkten oder indirekten Beleidigungen handelte. Obwohl sie Mr. Callahans Gesicht nicht sah, da sie hinter ihm ging, wusste sie, dass sich der typische spöttisch-arrogante Ausdruck auf sein Gesicht gelegt hatte, den er wie eine Maske zu tragen schien.
Sie verzichtete auf eine schnippische Erwiderung, da sie wusste, dass es ihm sowieso egal war.
Als sie den Lagerplatz erreicht hatten, ließen sie sich wieder auf gegenüberliegenden Seiten des Feuers nieder.
„Sie können sich ruhig wieder hinlegen.“
„Danke, ich verzichte“, entgegnete sie kühl. Falls sie diese Nacht erneut von Wargen oder ähnlichen Kreaturen angegriffen wurden, wollte sie lieber wach sein, denn sie ging nicht davon aus, das Mr. Callahan sie das nächste Mal wecken würde.
Célia lehnte sich mit dem Rücken an einen Baum und zog die Kapuze ihres Mantels gegen die Kälte tief ins Gesicht, die Beine eng an den Körper gezogen.
So saßen sie da, bis der Morgen graute. Célia blieb die ganze Zeit über wachsam und angespannt, doch die Nacht über passierte nichts Ungewöhnliches mehr, niemand griff sie an und auch Tiere ließen sich, abgesehen von einer Schleiereule, nicht sehen.
Die Sonne erhob sich über den Horizont und durchflutete den Wald mit goldenem Licht, das sich wie Fäden in den Nebelschwaden, die immer noch zwischen den Bäumen hingen, fing.
„Wir sollten aufbrechen“, sagte sie und erhob sich mit steifen, durchgefrorenen Gliedern. Sie hoffte, dass die Sonne später an Kraft gewann und etwas Wärme spenden würde.
Mr. Callahan  nickte und erhob sich ebenfalls. Da sie nichts zu essen hatten, fiel das Frühstück aus. So machten sie sich schweigend, mit knurrendem Magen auf den Weg.
Zwischendurch blieben sie immer wieder stehen, um essbare Beeren zu sammeln. Zum Wiederholten Male fragte sich Célia, wie sie in die missliche Lage geraten konnte, mit einem wildfremden Mann quer durch ein ihr unbekanntes Land zu laufen, in dem sie sich nicht im Geringsten auskannte. Vielleicht hätte sie doch versuchen sollen, zurück zum Zug zu finden, doch jetzt war es zu spät. Ihr blieb nichts anderes übrig, als bei Mr. Callahan zu bleiben, der zu wissen schien, welche Richtung sie einschlagen mussten. Trotzdem traute sie ihm nicht über den Weg. Bei der nächstbesten Gelegenheit würde er vermutlich versuchen, sie loszuwerden – er hatte nur allzu deutlich gemacht, dass sie ihm eine Last am Bein war.
Der Tag neigte sich dem Ende zu, ohne dass sie auf einen Weg oder gar ein Dorf gestoßen waren. Ein paar Rehe, Füchse und Hasen waren ihnen begegnet und Mr. Callahan hatte mit bloßen Händen ein Kaninchen gefangen, das sie nun im Dämmerlicht über dem Feuer brieten. Célia war überrascht, dass er mit ihr teilte, schließlich war er es, der das Tier erlegt hatte.
Nach dem Essen versuchte sie, ihre langen Locken provisorisch mit den Fingern zu kämmen, denn ihre Frisur hatte sich vollkommen aufgelöst. Es war ein hoffnungsloses Unterfangen, sodass sie schließlich aufgab und die Haare mit zwei Haarnadeln zu  einem unordentlichen Knoten nach hinten steckte.
Mr. Callahan konnte es sich nicht nehmen lassen, einen Kommentar dazu abzugeben, dass sie besser eine Bürste anstatt dem Buch aus dem Zug mitgenommen hätte. Célia schnaubte bloß. Unterwegs waren sie immer wieder in größere oder kleinere Diskussionen geraten, doch die meiste Zeit hatte sie es geschafft, seine stichelnden Bemerkungen zu ignorieren, was die beste Methode war, um ihn zum Schweigen zu bringen.
Im Gegensatz zur ersten Nacht verlief die zweite vollkommen ereignislos. Célia übernahm die erste Wache, die zweite Mr. Callahan. Am Morgen zogen sie weiter. Der Nebel klärte sich im Laufe des Tages auf, aber dafür war der Himmel nun von schweren Wolken verhangen, die nach Regen aussahen.
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