Die Reise

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16
Fabeltiere & mythologische Geschöpfe Gestaltwandler Zwerge
13.05.2017
07.07.2019
15
38454
1
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
Kapitel 13 ~ Die Spionin

„Ich muss noch mal aufs Klo“, sagte Célia, als sie und Jacob gerade ins Bett fallen wollten.
„Na dann geh doch“, brummte Jacob, der sich schon in seine Decke eingemummelt hatte. Schell warf sie sich ihren zerschlissenen Mantel über und schlüpfte in ihre Stiefel. „Bis gleich.“
Nachdem sie sich erleichtert hatte – es war furchtbar kalt auf dem einfachen Plumpsklo gewesen und nicht wirklich angenehmer, als das Geschäft wie gewohnt im Wald zu verrichten – vernahm sie gedämpfte Stimmen hinter der Tür gegenüber der Treppe, die nach oben führte. Allem Anschein nach diskutierten zwei Männer heftig miteinander. Entgegen ihres Plans, sich so schnell wie möglich ins warme Bett zu kuscheln, schlich Célia sich vorsichtig umsehend näher und begann neugierig zu lauschen. Die eine Stimme kam ihr seltsam bekannt vor – warm, tief und wohlklingend - irgendwo musste sie sie schon mal gehört haben.
„Du wirst sie nicht mehr finden! Seit Wochen suchst du den Wald nach ihr ab, ohne eine Spur! Ich kann dir nicht länger den Rücken freihalten, der Zar wird allmählich misstrauisch! Seit du abgehauen bist, ist die Lage in Bakov nad Roujiez und den umliegenden Städten kurz vorm Eskalieren. Du stürzt einfach Hals über Kopf davon und lässt uns ohne jegliche Erklärung sitzen! Die ungefähren Informationen darüber, was überhaupt passiert ist, musste ich Roman einzeln aus der Nase ziehen! Reiß dich mal zusammen! Seit wann bin ich derjenige, der Predigten über Verantwortungsbewusstsein halten muss?“
„Sie kann nicht einfach weg sein, sie muss hier irgendwo sein, ich muss sie finden, verstehst du das nicht?“
Die Erkenntnis, wem die Stimme gehörte, traf Célia wie ein Blitz. Der warme Klang und die ungewöhnlich weiche Aussprache, die typisch für seine Heimatregion war und besonders jetzt in der Aufregung zur Geltung kam… Eine der Personen hinter der Tür war definitiv Valery. Was tat er hier? Hatte er nicht behauptet, etwas in der entgegengesetzten Richtung erledigen zu müssen? Erschrocken machte Célia einen Schritt zurück, als sie hörte, wie sich auf der anderen Seite der Tür Schritte näherten. Gleich darauf entfernten sie sich jedoch wieder. Erleichtert atmete sie auf. Einer der Männer schien unruhig auf und ab zu laufen.
„Du hast bereits den gesamten verfluchten Wald durchkämmt! Entweder, sie will nicht gefunden werden und taucht irgendwann von selbst wieder auf, oder… Jedenfalls musst du zurückkommen! Der Zar ist kurz davor durchzudrehen und meine Ausreden werden immer unglaubwürdiger. Vater kann auch nicht ewig als Alibi herhalten. Es fällt allmählich auf, dass du nie in Borovnà warst!“
Célia hörte Valery leicht verzweifelt aufstöhnen. „Ich weiß, ich weiß. Ich wollte Vladimir da nie mit reinziehen. Denkt euch irgendetwas anderes aus…“
„Ich werde mir gar nichts mehr ausdenken! Du kommst jetzt auf der Stelle mit mir zurück, und wenn ich dich persönlich durch den Wald schleifen muss!“
„Gib mir noch eine Woche. Dann komme ich wieder, versprochen. Ich muss sie finden! Was, wenn ihr etwas passiert ist, was, wenn sie… Ich könnte mir das nie verzeihen.“
„Eine Woche? Das ist nicht dein Ernst! Und was meinst du mit… Oh Himmel, erzähl mir nicht, dass du Gefühle für sie entwickelt hast! Ausgerechnet sie!“
„Ich…“
„Célia?“ Ertappt zuckte Célia zusammen und fuhr herum. Jacob stand am oberen Treppenabsatz und musterte sie mit zusammengezogenen Augenbrauen. „Was zur Hölle tust du da?“ Hastig legte sie einen Finger an die Lippen und erklomm möglichst lautlos die Stufen.
„Ich erzähle es dir drinnen, okay?“, raunte sie mit gesenkter Stimme und begann Jacob, der nur in Schlafkleidern vor ihr stand, auf ihr Zimmer zuzuschieben. Leicht widerstrebend ließ er sich von ihr durch den Flur bugsieren. Eigentlich hätte sie gerne noch das Ende des Gesprächs mitverfolgt, doch die Option stand nun nicht mehr offen.
„Also, was war das gerade?“, wollte er mit vor der Brust verschränkten Armen wissen. „Ich dachte, du wolltest aufs Klo gehen?“ Bevor sie antwortete, verschloss Célia sorgfältig die Tür hinter sich.
„Ja, da war ich auch.“
„Ach ja? So sah das eben aber nicht aus.“ Jacob beäugte sie mit einer Mischung aus Verärgerung und Misstrauen.
„Auf dem Rückweg habe ich hinter der Tür Stimmen gehört. Eine von ihnen kam mir bekannt vor und ich bin näher ran gegangen, um zu sehen, ob ich Recht habe“, erklärte sie schnell und erntete im Gegenzug eine hochgezogene Augenbraue.
„Es war Valery! Er hat mit einem anderen Mann darüber diskutiert, dass…“
„Du hast einfach das Gespräch belauscht? Die ganze Zeit über?“
„Ich… ja?“ Sie war so gewohnt daran, Leute zu bespitzeln, dass es ihr gar nicht in den Sinn kam, jemand könne darüber schockiert sein.
„Und es ist dir nicht der Gedanke gekommen, dass ich mir Sorgen machen könnte, wenn du nur kurz aufs Klo willst und dann ewig nicht wieder auftauchst?“ Jacob seufzte genervt. „Célia… ich dachte schon, dir wäre sonst was passiert! Abgesehen davon, dass es dich nichts angeht, was die beiden zu besprechen hatten. Du kannst nicht einfach anderer Leute Gespräche belauschen!“
Du kannst nicht einfach anderer Leute Gespräche belauschen“, imitierte Célia ihn, „hörst du dich eigentlich selber reden? Du kannst mir nicht wie einem Kind vorschreiben, was ich zu tun und zu lassen habe!“, fauchte sie gereizt. Schon wieder fing Jacob an, sie von oben herab zu behandeln. Plötzlich fühlte sie sich zurückversetzt an den Anfang ihrer Reise, wo dies an der Tagesordnung gewesen war. Jacob verdrehte die Augen. „Das meine ich doch gar nicht. Hör zu, solange wir zusammen unterwegs sind, bist du meine Frau. Alles was du tust, fällt auf mich zurück, und ich habe keine Lust, Probleme zu bekommen. Also reiß dich ein wenig zusammen!“
„Jetzt komm mal wieder runter! Ich habe lediglich ein paar Sätze mit angehört und du tust so, als hätte ich gerade jemanden umgebracht!“
„Es geht einfach ums Prinzip!“, knurrte Jacob. „Steck deine Nase nicht in fremde Angelegenheiten, und wir haben keinen Ärger, okay?“
„Interessierte es dich denn gar nicht, worum es ging?“, fragte Célia verständnislos. „Nein. Das einzige, was mich gerade interessiert, ist, dass du versprichst, dich nicht mehr in Sachen einzumischen, die dich nichts angehen!“
„Warum bist du so sehr darauf bedacht, nicht aufzufallen? Wer bist du wirklich? Weshalb bist du hier? Was arbeitest du?“, drehte Célia den Spieß um, stellte endlich all die Fragen, die ihr schon seit geraumer Zeit auf der Zunge brannten. Jacobs Gesichtszüge wurden leer, wie ein unbeschriebenes Blatt Papier.
„Ich bin Jacob und ich bin ein Geschäftsmann. Das weißt du bereits.“ Célia schnaubte. „Sag mir die Wahrheit.“ Sie war so nah dran. Sie hatte ihn.
„Warum sollte ich lügen?“
„Sag du es mir. Was arbeitest du? Wie heißt du wirklich?“ Jacobs graue Augen bohrten sich in ihre.
„Ich bin Jacob. Der Rest geht dich nichts an.“
„Wie soll ich dir vertrauen, wenn-“
„Musst du nicht. Ich bin müde. Gute Nacht.“ Ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, legte er sich ins Bett und zog die Decke bis zu den Ohren hoch. Célia stand da, als hätte jemand einen Kübel Eiswasser über ihr ausgekippt.
„Jacob… es tut mir…“
„Du musst mir nicht vertrauen, wir müssen uns auch nicht mögen. Wir sind ohnehin bald da. Und jetzt würde ich gerne schlafen.“
„O…okay.“  Sie konnte die Kälte, die er ausstrahlte praktisch auf der Haut spüren. Er war genauso abweisend und reserviert, wie an dem Tag, an dem sie sich kennengelernt hatten. Konnten sie es nicht einen Tag lang aushalten, ohne aneinander zu geraten? Waren sie nicht gerade erst knapp einer Herde wütender Zentauren entkommen und hatten eine Nachtalbin besiegt? Und schon hatten sie sich wieder in der Wolle. Zögerlich legte Célia sich neben Jacob. Er hatte Recht, sie mussten sich nicht mögen. Und seit wann interessierte es sie eigentlich, was er von ihr hielt? Sie hatte ihn doch von Anfang an nicht ausstehen können, er und seine Meinung waren ihr völlig egal. Nur warum fühlte es sich dann so an, als würde irgendetwas unangenehm an ihrer Magenwand nagen?

Célia seufzte leise. Nachdenklich starrte sie die spinnenwebenverhangene Decke an. Ein Gutes hatte der Streit jedenfalls gehabt – sie wusste jetzt definitiv, dass Jacob nicht der war, für den er sich ausgab. Doch wenn er der war, für den sie ihn hielt, nämlich Henrys Spion, warum hatte er es ihr nicht einfach gesagt? Ihm musste doch längst klar sein, dass sie keine ganz normale Frau war. Sie wälzte sich von einer Seite auf die andere. Fragen über Fragen kreisten unaufhörlich in ihrem Kopf. Von welcher Frau hatten Valery und der andere Mann gesprochen? Weshalb war sie so wichtig? Wer war der andere Mann gewesen? Und warum durchsuchte Valery auf eigene Faust, ohne das Wissen des Zaren die Wälder? Scheinbar war er dem Herrscher doch nicht so treu, wie die Gerüchte sagten. Offensichtlich war er ohne jemanden zu informieren verschwunden und jemand in Bakov nad Roujiez deckte ihn. Auch Jacob und Célia hatte er nicht die Wahrheit gesagt, als er behauptete, für den Zaren etwas in der anderen Richtung erledigen zu müssen. Célia erinnerte sich, wie er ihrer Frage danach ausgewichen war. Es wunderte sie, dass sie Valerys Stute bei ihrer Ankunft nicht im Stall gesehen hatte. Vermutlich war sie im Wald versteckt, damit niemand seine Anwesenheit bemerkte. Allem Anschein nach wussten nur der andere Mann und ein gewisser Roman vom Aufenthaltsort des Generals. Célia überlegte kurz, doch der Name sagte ihr nichts. Noch ein zweiter Name war während des Gesprächs gefallen. Vladimir. Wenn Célia es richtig verstanden hatte, war er der Vater des zweiten Mannes und lebte in Borovnà, wo Valery vorgab, sich aufzuhalten. Zu wem hatte Valery Kontakt, dessen Vater Vladimir hieß und in Borovnà lebte? Sie wusste, dass der General selbst in Borovnà aufgewachsen war… Dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen.
Natürlich, er war mit seinem besten Kindheitsfreund Alexej Orlow in der Nähe von Borovnà aufgewachsen… dessen Vater Vladimir Orlow war. Alexej also hielt ihm den Rücken frei und spielte dem Zaren vor, Valery würde seinen Vater besuchen. Alexej, Vladimir, Valery… was hatten sie mit der gesuchten Frau zu tun? Und warum war sie verschwunden? Weshalb war sie Valery so wichtig? Ob das alles etwas mit ihrem Auftrag zu tun hatte? Célia schloss die Augen und seufzte leise. Draußen hörte sie den Wind, der sicher reichlich Regen, oder Neuschnee brachte, ums Haus heulen. Die Fensterläden klapperten gespenstisch. Neben ihr drehte Jacob sich auf die andere Seite. Er schien eingeschlafen zu sein, denn er atmete leise und gleichmäßig und hätte sich zurzeit vermutlich nicht freiwillig zu ihr umgedreht. Interessierte er sich tatsächlich nicht im Geringsten dafür, was hier vor sich ging? Célia konnte sich das nur schwer vorstellen, denn sie selbst war furchtbar neugierig. Ganz egal, ob es sich dabei um einen Auftrag handelte oder ob sie, wie heute Abend, zufällig etwas erfuhr. Zu gerne hätte sie noch Valerys Antwort auf Alexejs letzte Frage mitgehört. Hatte er Gefühle für die Frau? War sie vielleicht sogar seine Verlobte? Nein, den Scherz, dass er noch zu haben wäre, hätte er dann sicher nicht gemacht.
Eigentlich, überlegte Célia, könnte sie noch einmal versuchen, sich nach unten zu schleichen, um noch mehr herauszufinden. Da Jacob bereits eingeschlafen war, würde er nichts mitbekommen – und dieses Mal würde sie besser aufpassen, unbemerkt zu bleiben. Vorsichtig schob sie die Decke zurück, richtete sich auf und hatte schon ein Bein aus dem Bett geschwungen – da wurde sie jäh von ihrem Vorhaben abgehalten. „Was machst du?“, murmelte Jacob verschlafen. Langsam drehte sie sich zu ihm um. „Ich dachte du schläfst schon?“ Er gähnte. „Jetzt nicht mehr. Ich hoffe für dich, dass du nichts Dummes vorhast.“
„Mir ist kalt. Ich wollte mir eine der Decken holen“, redete sie sich heraus und deutete auf die gefalteten Wolldecken, die auf dem einzigen Stuhl im Zimmer lagen. Jetzt, wo sie nicht mehr unter der warmen Bettdecke war, stellte sie fest, dass es in der Tat kühl durch die Fenster hereinzog und das Feuer im Kamin war längst erloschen. Obwohl sie ihn in der Dunkelheit kaum ausmachen konnte, spürte sie förmlich, wie sein wachsamer Blick sie zu durchdringen schien. Schnell huschte sie die wenigen Schritte über den eiskalten Boden, schnappte sich eine Decke und schlüpfte ins Bett zurück, als habe sie nie etwas anderes vorgehabt.  
„Gute Nacht.“
„Weck mich nicht noch mal“, grummelte Jacob und drehte sich demonstrativ auf die andere Seite.
Review schreiben