Die Reise

GeschichteAbenteuer, Romanze / P16
Fabeltiere & mythologische Geschöpfe Gestaltwandler Zwerge
13.05.2017
20.08.2019
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Kapitel 12 ~ Flucht

Célia hielt den Atem an, wagte nicht, sich zu bewegen. Jacob stand ebenfalls mucksmäuschenstill.
„Chitsa… bitte, tu irgendwas! Bitte!“, flehte eine tiefe Stimme, die Célia bekannt vorkam. Wenn sie nicht alles täuschte, war das der Zentaur, der ihnen über den Weg gelaufen war, als Chitsa sie durch das Lager geschmuggelt hatte. Letzterer schien es die Sprache verschlagen zu haben.
„Ich… wie…?“ Sie räusperte sich. „Ich werde sehen, was ich tun kann. Wie ist das passiert?“
„Ich weiß es nicht. Als ich unser Zelt betrat, lag sie so da… Bitte, tu irgendwas! Du musst ihr helfen, bitte…!“
„Ist ja gut, natürlich. Beruhige dich erst mal. Lass mich mal sehen.“ Ein leises Wimmern durchdrang das Zelt. „Das sieht wirklich nicht gut aus“, murmelte Chitsa. Célia warf Jacob, der vor einem Regal aus dunklem Holz stand, in dem die Zentaurin ihre Tränke, Kräuter und Tinkturen zu verwahren schien, mit gerunzelter Stirn einen Blick zu. Sie hatte keine Ahnung, ob er verstand, was die Zentauren besprachen.
„Jemand muss sie überrascht haben, sodass sie keine Chance hatte, sich zu wehren. Anders kann ich mir das nicht erklären“, murmelte die Zentaurin. „Aber wer würde so etwas tun? Und weshalb?“ Chitsa zögerte. „Hat irgendjemand unser Gespräch vorhin mitbekommen? Hast du dich anderen Herdenmitgliedern gegenüber schon mal ähnlich geäußert?“
„Ich… du meinst…, wenn das gegen mich gerichtet war… das ist meine Schuld…”
„Kato, es ist nicht deine Schuld. Und sie wird es überleben. Dafür brauche ich aber deine Hilfe.“
„Natürlich“, antwortete Kato hastig, „was kann ich tun?“
„Komm mit.“ Dumpfe Hufschläge auf den Teppichen verrieten ihnen, dass die Zentauren sich auf den Vorhang, hinter dem Jacob und Célia standen zubewegten.
„Was haben sie vor?“, flüsterte Jacob Célia zu.
„Ein Zentaur ist verletzt. Aber damit haben wir doch nichts zu tun!“ Dann öffnete sich mit einem Ruck der Vorhang. Jacob griff nach Célias Arm und schob sie ein Stück hinter sich. Célia wurde drehte sich der Magen um. Sie waren aufgeflogen. Der männliche Zentaur – Kato – erstarrte bei ihrem Anblick für ein paar Herzschläge lang. Er hatte ein kantiges Gesicht und war so breitschultrig und muskulös wie ein Krieger.
„Bist du jetzt völlig verrückt geworden?“ Es war ihm deutlich anzusehen, dass er mühsam um Beherrschung kämpfte. Immer wieder sah er zwischen den Menschen und Chitsa hin und her, während Jacobs Griff um Célias Unterarm sich verstärkte.
„Du musst die beiden aus dem Lager bringen, während ich mich um Nikita kümmere. Ich wollte es selbst tun, aber Nikita hat sonst keine Chance.“ Dann schritt die Zentaurin zum Regal hinüber, und begann Verbände, Tiegel und getrocknete Kräuter herauszusuchen, als wäre damit alles geklärt.
„Warum sollte ich mein Leben für zwei Menschen riskieren?“ Chitsa hielt inne, den Arm voll beladen mit weißen Mullbinden.
„Weil ich es ansonsten selbst tun muss. Dann bleibt mir allerdings keine Zeit mehr, Nikita zu behandeln. Was glaubst du, wo sie als erstes suchen werden, wenn auffällt, dass die Menschen nicht mehr im Käfig sind?“ Kato schüttelte fassungslos den Kopf.
„Du kannst mich natürlich immer noch an Pohlavár verraten“, sagte Chitsa. „Nein. Das würde ich nie tun“, erwiderte Kato. Skeptisch sah er zu den beiden Menschen hinüber.
„Und wie hast du dir vorgestellt, sie hier raus zu bringen?“ Kato klang immer noch nicht ganz überzeugt.
„Nimm meinen Umhang, so sieht sie niemand. Du musst sie zu ihren Pferden bringen. Ansonsten haben sie keine Chance, von hier zu entkommen“, wies Chitsa ihn an. Sie war bereits zur verletzten Zentaurin zurückgekehrt, die auf die gemusterten Perserteppiche blutete und sich nicht mehr rührte. „Das ist unmöglich. Pohlavár hat die Pferde vor seinem Zelt angebunden.“ „Dann denk dir etwas aus und bring sie her! Hinter meinem Zelt können die Menschlinge in den Wald fliehen. Beeil dich!“ Kato sah zwischen Nikita, Chitsa und den Menschen hin und her. Dann nickte er grimmig. „Ich werde sehen, was ich tun kann.“ „Was habt ihr mit uns vor?“, schaltete Jacob sich jetzt ein.
„Kato wird eure Pferde holen und euch aus dem Lager bringen“, erklärte Chitsa konzentriert in Menschensprache, während sie einen Schnitt an Nikitas Flanke vernähte.
Célia löste sanft ihren Arm aus Jacobs Griff und trat einen Schritt vor. „Wie finden wir dann zurück zur Straße?“
„Das ist euer Problem.“„Wenn wir die Straße nicht finden, werden wir niemals in der Hauptstadt ankommen“, widersprach Célia. Und können deinen Gefährten nicht befreien, fügte sie stumm in Gedanken hinzu. Sie würden niemals aus dem Wald herausfinden, wenn der Zentaur sie einfach irgendwo in der Wildnis aussetzte. Chitsa verstand und sah auf. „Kato wird euch begleiten und zum Weg bringen.“
„Das war nicht Teil der Abmachung!“, protestierte dieser.
„Anders geht es nicht!“ Die Zentauren starrten sich an, jeder hielt den Blick des anderen, die Gesichter wie in Stein gemeißelt. Schließlich gab Kato nach.
„Gut. Schön, ich mach‘s“, grollte er. Dann stapfte er aus dem Zelt, nicht ohne Nikita noch einmal sorgenvoll anzusehen.

Angespanntes Schweigen erfüllte das Zelt der Zentaurin, die konzentriert Salben und Tinkturen auftupfte, Wunden säuberte und verband. Das goldene Kerzenlicht malte dunkle, tanzende Gestalten an die Wände. Célia und Jacob tauschten einen beunruhigten Blick. Es fühlte sich an, als wäre Kato schon seit Stunden weg. War etwas schiefgelaufen? War er aufgeflogen? Oder hatte er sich am Ende doch dazu entschieden, sie zu verraten?
Nach einer gefühlten Ewigkeit schlüpfte endlich ein dunkler Schatten durch den Eingang. Sofort beugte der Krieger sich zu Nikita hinunter. „Wie geht es ihr?“ „Sie wird wieder, aber das dauert seine Zeit. Hat alles geklappt?“, antwortete Chitsa. Kato nickte.
„Die Pferde. In den Bäumen. Mitkommen.“ Kato beherrschte die Menschensprache nicht so gut wie Chitsa, sodass sein Akzent allen Wörtern einen harten, gebrochenen Klang verlieh. Erleichtert atmete Célia auf. Sie hatten tatsächlich eine Chance, zu entkommen! So leise wie möglich folgten sie dem Zentauren, der an der Rückwand des Zeltes einen schmalen Durchgang öffnete. Bevor er hindurch ging, musterte er die Umgebung aufmerksam. Dann deutete er ihnen, ihm zu folgen. Célias Nerven waren zum Zerreißen gespannt, als sie hinter Kato ins Freie schlüpfte. Hektisch blickte sie von links nach rechts, hinter sich und nach vorne in den Wald. Sie befanden sich hinter einer Reihe von Zelten, direkt am Waldrand. Die Freiheit schien nur noch wenige Meter entfernt, in der Dunkelheit zwischen den Baumstämmen zu liegen. Mit vorsichtigen Schritten drangen Célia und Jacob Meter für Meter ins Dickicht ein, stiegen über Äste und stolperten über Wurzeln, während der Zentaur hingegen sich lautlos vorwärtsbewegte. „Sch! Leise! Ihr trampelt! Wie… wie Troll!“, zischte er und blickte beunruhigt zum Lager zurück. Die beiden Menschen erstarrten, als wütende Rufe und zahllose Hufschläge zu ihnen herüberwehten.
„Aufsteigen!“, befahl Kato. Plötzlich packten zwei starke Hände Célia an der Hüfte und wirbelten sie durch die Luft. Keinen Wimpernschlag später preschten sie auf dem Rücken des Zentauren durchs Unterholz, während die Rufe und Schreie hinter ihnen immer lauter wurden. Die feinen Haare in Célias Nacken stellten sich auf. Die Herde hatte ihr Verschwinden bemerkt.
„Die Menschlinge! Sie fliehen!”
„Holt sie zurück!”
„Kato! Wir wissen, dass du dahintersteckst!”
„Stehen bleiben!”
„Verräter!”
Etwas zischte nur wenige Zentimeter an Célias Ohr vorbei. Sie konnte nicht sehen, was es war, doch hörte, wie es mit einem Plong! im nächsten Baumstamm stecken blieb.
„Schneller!”, rief sie Kato zu, der plötzlich langsamer wurde und versuchte in ihrer Panik, ihn wie ein Pferd anzutreiben. „Hör auf mich zu treten!“, grollte Kato. Mit einem Ruck blieb der Zentaur auf einer kleinen Lichtung stehen und griff nach den Zügeln der nervös schnaubenden Pferde, die Célia in der Aufregung schon beinahe vergessen hatte.
„Weiter! Sie sind direkt hinter uns!”, rief Jacob. Panisch drehte Célia sich um, was sich als schlechte Idee herausstellte. Kato machte einen riesigen Satz nach vorne, sodass sie um ein Haar von seinem Rücken geschleudert wurde. Nur Jacobs Arm, der sich blitzschnell um ihre Taille schlang, rettete sie davor, hinunterzufallen. „Pass auf!” „Danke”, stieß sie atemlos hervor und klammerte sich an Katos ledernen Schwertgurt. Hinter ihnen ertönte das Krachen zahlloser Hufe, die über morsche Äste und Baumwurzeln immer näherkamen. Wieder verfehlte ein Pfeil sie knapp.
„Kannst du zurückschießen?”, rief sie Kato zu.
„Ich habe keine Pfeile!”
„Ich kann!” Der Griff um Célias Taille lockerte sich und sie hörte das Klicken eines Revolvers, der entsichert wurde. Ein Schuss zerriss die Dunkelheit, gefolgt von einem dumpfen Aufschlag und Schreien. „Hast du getroffen?”, rief Célia. „Vermutlich. Ich sehe nichts”, antwortete Jacob und schoss erneut. Die Herde schrie erbost auf, doch diesmal schien der Schuss danebengegangen zu sein. Kato preschte in vollem Tempo weiter voran, schleifte die Pferde an den Zügeln hinterher.
„Macht euch bereit! Abspringen und aufsteigen!” Célia wurde mit voller Wucht gegen den Oberkörper des Zentauren geschleudert, als er aus dem Galopp zum Stehen kam. „Hier ist der Weg. Schnell.” Ihr Absprung war mehr fallen als springen. Der Zentaur war um einiges größer, als sie es von den Pferden gewohnt waren. Kato drückte ihnen die Zügel der Pferde in die Hand. „Die Richtung! Ich lenke sie ab“, sagte er und zeigte links den Weg entlang. Die Schreie der Herde kamen näher und näher. Hastig schwangen Jacob und Célia sich auf ihre Pferde, die bereits nervös auf der Stelle tänzelten. „Danke für deine Hilfe!” Der Zentaur nickte nur knapp und gestikulierte in die Richtung, in die sie reiten sollten. „Los! Geht!” Dann verschwand er mit einem lautlosen Sprung auf der anderen Seite des Weges in den Wald. Célia und Jacob gaben ihren Pferden lange Zügel und drückten ihnen die Fersen gegen den Bauch.

Die kalte Luft schnitt Célia wie Messerklingen in die Wangen, brannte mit jedem Atemzug wie Eisfeuer in ihrer Lunge, doch sie spürte es kaum. Die Pferde fegten über Stock und Stein den Weg entlang, von der Angst ihrer Reiter angetrieben. Sie rannten um ihr Leben, während eine Herde wütender Zentauren ihnen auf den Fersen war. Célias Herz raste im Takt der donnernden Hufe. Immer wieder drehte sie sich im Sattel um, doch in der Dunkelheit konnte sie ihre Verfolger nicht ausmachen. Jacob feuerte seine restlichen Schüsse ins Blaue hinein. Ob er traf, oder nicht, konnte niemand sagen.

Schließlich wurden die Pferde langsamer, die Schreie hinter ihnen wurden leiser und verstummten. „Haben wir sie angehängt?“, keuchte Célia atemlos. „Scheint so.“ Unruhig drehten Jacob und Célia sich im Sattel um, spähten zwischen den dicken Bäumen hindurch. Inzwischen war es hell geworden. Aus einer trostlos grauen Wolkendecke rieselten winzige, feine Schneeflocken herab, die sich kaltschmelzend auf Célias Wimpern setzten. Sie blinzelte und fuhr sich über die Augen. War dort drüben nicht ein Schatten vorbeigehuscht? Nein, da war nichts außer den kahlen Bäumen und Sträuchern, deren Stämme sich dunkel von der farblosen Umgebung abhoben.

Sie ritten den ganzen Tag, mal langsamer, mal schneller, ohne Pause, immer auf der Hut. Bei jedem kleinsten Geräusch zuckten sie zusammen und griffen nach den Waffen. Die winzigen Schneeflocken verwandelten sich langsam in große Regentropfen, die unablässig auf sie herabprasselten. Célia zog den Mantel enger um sich und schon die Kapuze tiefer ins Gesicht, doch es half nichts. Innerhalb kürzester Zeit war sie bis auf die Knochen durchnässt. So hing sie zähneklappernd auf Vorons Rücken, der müde die Ohren hängen ließ. Die Köpfe gesenkt, kämpften die Pferde sich gegen den aufkommenden Wind voran. Zentauren sahen und hörten sie den ganzen Tag nicht mehr. Kato schien die Herde erfolgreich von ihrer Spur abgelenkt zu haben. Was wohl mit ihm passiert war? Die Herde wusste, dass er für ihre Flucht verantwortlich war. Célias Magen zog sich zusammen. Sie waren entkommen, doch Kato...? Die Zentauren hatten nicht so gewirkt, als würden sie mit Verrätern Gnade walten lassen. Schnell schob sie den Gedanken beiseite. Sie hatten keine Wahl gehabt, oder? Und den Verlauf der Dinge konnten sie auch nicht mehr ändern. Als in der Abenddämmerung kleine Lichtpunkte, wie Glühwürmchen zwischen den Bäumen auftauchten, hatte sie ihr schlechtes Gewissen erfolgreich verdrängt. Konnten das tatsächlich Häuser sein?  



Célia zitterte vor Kälte als sie, vom Regen völlig durchnässt, endlich den Gasthof des Dorfes gefunden hatten. Regen und Wind waren noch unangenehmer, als die trockene Kälte, die der erste Schnee mit sich gebracht hatte. Sie konnte es immer noch kaum glauben. Schnee, Anfang November, nachdem doch gerade erst der Herbst begonnen hatte, der die Blätter der Bäume bunt sprenkelte. Das Klima in Chatellerault war vergleichsweise mild. Der Winter bestand meist aus einer dünnen Schneedecke, die sich irgendwann im Januar oder Februar auf die Straßen und Häuser legte und nach einigen Tagen wieder verschwand, als wäre sie nie dagewesen.
Die Arme eng um den Körper geschlungen, hockte Célia sich so nah wie möglich an das Kaminfeuer, das bereits in ihrem Zimmer prasselte. Unablässig bahnten sich eisig kalte Tropfen den Weg durch ihre Haare und fielen lautlos um sie herum zu Boden, während sie sich fröstelnd über die Arme rieb.
„Gib mir mal deinen Pullover“, bat Jacob sie, „ich hänge ihn mit zum Trocknen auf.“ Er war immer noch viel zu blass, fand sie, doch er beharrte darauf, dass es ihm blendend ging. Nach ihrer Ankunft im Dorf hatte er sich erst einmal hinlegen müssen – genauer gesagt, hatte Célia ihn dazu gezwungen und ihm Prorochitsas heilende Tropfen eingeflößt. Ihm war übel und schwindelig gewesen und seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, plagten ihn immer noch Kopfschmerzen. Trotzdem war er keine zehn Minuten später wieder auf den Beinen gewesen und hatte mit ungesund bleichem Gesicht angefangen, ihre nasse Wäsche einzusammeln. Typisch Mann.
„Mir ist aber kalt“, protestierte Célia. Das letzte, woran sie jetzt dachte, war sich in irgendeiner Weise auszuziehen. „Und du solltest dich hinlegen, oder wenigstens hinsetzen und ausruhen.“ Auffordernd klopfte sie neben sich auf den Boden.
„Das mache ich ja gleich. Aber in dem durchnässten Teil holst du dir noch den Tod.“ Auffordernd streckte er seine Hand aus.
„Ach was, so schnell passiert das nicht. Du willst nur, dass ich mich ausziehe“, murrte Célia, zog jedoch trotzdem widerstrebend den tropfenden Pullover aus, sodass sie nun nur noch ihre dünne Bluse trug. Schnell griff sie mit klammen Fingern nach der Decke, die Jacob ihr unter die Nase hielt, um sich darin einzuwickeln. „Vielleicht“, sagte dieser mit einem verschmitzten Grinsen. Dann setzte er sich wie selbstverständlich neben sie, ebenfalls dick in eine Decke eingepackt und begann, ihr mit einer Hand über den Rücken zu reiben, um sie aufzuwärmen. Unwillkürlich rückte sie näher an ihn heran. Jacob zitterte ebenso wie sie. Zögerlich legte er die Arme um sie und zog sie an sich. Célia protestierte nicht, ließ sich von ihm wärmen, drückte ihr Gesicht gegen seine Schulter, als bleierne Müdigkeit sie überkam. Sie fühlte sich, als hätte sie seit Jahren nicht mehr geschlafen, die Wunden an ihren Schultern und Handgelenken brannten – nicht allzu schlimm, doch der stetige Schmerz war zermürbend. Nur einen Moment die Augen schließen… Die Hände auf ihrem Rücken waren inzwischen zu einem sanften Streicheln übergegangen, was sie zusätzlich einschläferte und einen Augenblick lang gestattete sie sich, dem Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit in ihrer kleinen Blase nachzugeben. Das Prasseln des Kamins und das Klopfen des Regens gegen die Fensterscheiben vermischten sich zu einem fernen, dumpfen Rauschen. Alles um sie herum schien weiter und weiter in die Ferne zu rücken. Sie spürte sanfte Hände auf ihrem Rücken, auf ihrem Haar, irgendwo weit, weit weg. Es war warm und sicher. „Célia?“, vernahm sie plötzlich Jacobs tiefe, leise Stimme an ihrem Ohr.
„Mhmmm?“ Ihre Unfähigkeit, verständliche Wörter zu bilden sprach dafür, dass sie tatsächlich kurz weggenickt sein musste.
„Es hat an der Tür geklopft.“ Ihre Antwort war nichts als ein unzufriedenes Grummeln. Jacob lachte leise. „Ich mach kurz auf.“ Célia blinzelte träge, gähnte, fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht und starrte für ein paar Herzschläge lang in die tanzenden Flammen. Das eben ist aus rein pragmatischen Gründen passiert. Mir war kalt. Es hat nichts damit zu tun, dass ich ihn mag… oder er mich. Sie sollte sich wirklich professioneller verhalten und sich auf ihren Auftrag konzentrieren, anstatt sich von fremden Männern einlullen zu lassen. Das Problem mit dem Auftrag war, dass sie keine eindeutigen Anweisungen erhalten hatte. Und in dem Trubel seit Beginn ihrer Reise, hatte sie kaum Zeit gehabt, darüber nachzudenken. Bisher hatte der Fokus eher darauf gelegen, am Leben zu bleiben. Sie seufzte leise und sah zu Jacob hinüber. Trotz seines malträtierten Zustands sah er gut aus. Das nasse Hemd klebte ihm am Oberkörper und betonte seine Muskeln. Seit ihrer Übernachtung im letzten Dorf hatte er sich nicht mehr rasiert. Der Bart verlieh ihm etwas Verwegenes, Abenteuerliches und stand ihm ausgezeichnet. Gerade strich er sich ein paar lästige, zu lang gewordenen Haarsträhnen mit einer unbewussten Geste zurück – was ebenfalls ziemlich gut aussah und das Mädchen, mit dem er sich gerade unterhielt, leicht verlegen dreinblicken ließ. Es war die Tochter des Wirts, ein unscheinbares, etwas schüchternes Mädchen. Célia schätzte sie auf 15, vielleicht 16 Jahre. Jetzt drückte Jacob ihr ihre durchweichte Kleidung in die Hand. Célia war dem Gespräch nicht gefolgt, doch allem Anschein nach hatte sie angeboten, ihre Sachen zu trocknen. Jacob bedankte sich und schenkte ihr ein überaus charmantes Lächeln, woraufhin sie errötete – wenn er wollte, konnte er durchaus den charmanten Gentleman spielen. Die Betonung lag hierbei auf „wenn er wollte“, denn seine andere Seite hatte Célia bereits zur Genüge kennen gelernt. Während sich das Mädchen mit rotem Kopf umwandte und Jacob die Tür schloss, fing er Célias belustigten Blick auf.
„Süß, die Kleine. Ein bisschen schüchtern“, bemerkte er. Célia verdrehte die Augen. „Das lag daran, dass sie dich toll fand.“ Warum rieb sie ihm das überhaupt unter die Nase? Doch zu ihrer Überraschung winkte Jacob ab. „Ach was. Sie war doch viel zu jung dafür.“
„Gehörst du zu der Sorte Mann, die man mit dem Zaunpfahl erschlagen muss, damit sie kapieren, was man von ihnen will?“, grinste Célia.
„Falls das die Frage danach ist, ob du mir deutlicher sagen solltest, wie sehr du mich…“, konterte Jacob jetzt amüsiert. „Muss ich das denn?“, unterbrach Célia ihn, „ich meine, wir sind immerhin seit 3 Jahren verheiratet…“ Jacob brach in Gelächter aus.
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