Die Reise

GeschichteAbenteuer, Romanze / P16
Fabeltiere & mythologische Geschöpfe Gestaltwandler Zwerge
13.05.2017
14.10.2019
18
47321
2
Alle Kapitel
10 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Hallo zusammen,

das hier ist meine erste Geschichte auf fanfiktion, ich hoffe der ein oder andere liest sich den Quatsch durch :D Ehrliche Reviews sind mir sehr willkommen, da ich überhaupt nicht einschätzen kann, ob das was ich schreibe gut oder schlecht ist oder überhaut einen Sinn ergibt.

Viel Spaß beim Lesen, Chocolate Tree :)



Teil 1: Die Reise




Kapitel 1 ~ In die Wildnis

Célia Bowen sah gedankenverloren aus dem Fenster, hinter dessen schmutziger Scheibe der vom Herbst bunt eingefärbte Wald im Sonnenlicht strahlte. Die Fenster müssen wohl so schmutzig sein, wenn man in der zweiten Klasse reist, dachte sie. Der Zug ratterte gleichmäßig vor sich hin und hinterließ eine graue Dampfwolke in der klaren Luft. Bis zum nächsten Bahnhof, dem vorletzten auf der Strecke dauerte es noch eine Stunde, doch bis nach Bakov nad Roujiez, der Hauptstadt Smetanovas waren es noch 400 Meilen weiter.

„Mama, wann sind wir da?“, quengelte ein kleiner Junge von etwa 8 Jahren, der mit seiner Mutter ebenfalls im Abteil saß. Die Kleidung der beiden war mindestens genauso abgetragen, wie Célias eigener Reisemantel, wirkte jedoch gepflegt. Es war ungewöhnlich für eine junge Frau mit kleinem Kind alleine, ohne männliche Begleitung zu reisen und Célia fragte sich, wo der Vater des Jungen wohl sein mochte. Vielleicht war er gestorben und sie zogen nun zu Verwandten, die weit entfernt wohnten?

Der Mann, der ihr schon die ganze Fahrt lang gegenüber saß, warf dem Kind einen genervten Blick zu. In seinem teuren, makellosen Anzug passte er eigentlich gar nicht hier her, wirkte eher wie ein Fahrgast der ersten Klasse. Als er eingestiegen war, hatte er einen Zylinder getragen, den er die gesamte Fahrt über nicht abgesetzt hatte.

„Wir sind bald da, Jegor. An der nächsten Station steigen wir aus“, erklärte die Mutter. Der Mann wandte sich mit grimmigem Blick erneut seiner Zeitung zu, die er vor kurzem zu lesen angefangen hatte. Davor war er stundenlang in Akten und Notizen vertieft gewesen, die er in einem teuer wirkenden Koffer mit sich führte.

Célia öffnete ihre alte Ausgabe der Philosophischen Werke von Jean-Baptiste de Bourgé, die schon so oft den Besitzer gewechselt hatte, dass die Seiten abgegriffen und die Ecken und Kanten des Umschlags abgestoßen waren. Viele waren der Ansicht, es wäre unschicklich, wenn Frauen derartige Bücher läsen, doch ihr war es egal. Philosophie, Wissenschaft und Fremdsprachen faszinierten sie ebenso sehr, wie fantasievoll ausgeschmückte Abenteuerromane. Einige Männer fürchteten gebildete Frauen, als verbreiteten sich die eigenständigen Gedanken, die sie hatten wie eine tödliche Krankheit. Nicht jedoch Zar Wassilij Iwanowitsch Petrow von Smetanova. Er selbst hatte König Évry de Châtellerault nach seinem besten Experten für Fabelwesen gefragt und als Évry Célia vorgeschlagen hatte, die auch auf vielen anderen Gebieten bewandert war, hatte Wassilij sofort zugestimmt. Wassilij war leidenschaftlicher Sammler, jedoch hortete er nicht wie andere Menschen kitschige Porzellanfiguren oder Fabergé-Eier, sondern Fabelwesen. Angeblich hatte er schon einen halben Zoo an seinem Hof. Nur einige wenige der seltensten Kreaturen hatte er noch nicht zu Gesicht bekommen und aus diesem Grund benötigte er Célias Hilfe. Smetanovas Zar wollte ein Einhorn fangen – ein ziemlich schwachsinniges Unternehmen, wie Célia fand – doch diese können nur von denen gefunden werden, die wissen, wo die Einhörner sich aufhalten. Außerdem konnte ein Einhorn der Sage nach nur von einer Jungfrau reinen Blutes berührt werden – was auch immer das bedeuten mochte.

In Wahrheit nahm Célia den weiten Weg jedoch nicht auf sich, um dem reinsten aller Fabelwesen zu begegnen. Évry überließ sie nicht uneigennützig Wassili, sondern schleuste seine beste Spionin am Hof ein. König Henry von Albion und Évry de Châtellerault befürchteten, dass Wassilij gegen sie integrierte. Seltsame Vorkommnisse hatten sich in letzter Zeit gehäuft und Célia sollte diesen auf den Grund gehen, zusammen mit einem Spion Henrys, den sie in Bakov nad Roujiez treffen sollte. Sie kannte weder seinen Namen, noch wusste sie wie er aussah, doch trotzdem war sie überzeugt, dass sie wissen würde, wer er war, sobald er vor ihr stand.

Plötzlich quietschten die Bremsen des Zuges und die Fahrt verlangsamte sich. Schnaufend fuhr die Dampflok in den Bahnhof von Vaceslav ein und hielt am Bahnsteig. Jegor und seine Mutter erhoben sich und verließen samt ihrer zwei Koffer das Abteil. Über den Rand ihres Buches hinweg warf Célia dem Mann, der ihr gegenüber saß einen flüchtigen Blick zu. Er schien denselben Gedanken gehabt zu haben wie sie, denn ihr Blick begegnete seinen kühlen, eisgrauen Augen. Sie würde wohl oder übel auch die restliche Fahrt mit diesem unangenehmen Zeitgenossen verbringen müssen.



Der Zug stand still, über eine halbe Stunde schon. Uniformierte Bahnangestellte liefen hektisch auf und ab, sowohl drinnen als auch draußen am Gleis. Schließlich steckte einer von ihnen den Kopf ins Abteil. Er hatte einen großen Schnauzbart, der ihm etwas Walrossartiges verlieh.

„Was ist los? Warum steht der Zug? Wir haben bereits dreißig Minuten Verspätung!“, beschwerte sich der Mann, der Célia gegenüber saß aufgebracht.

„Ich bitte vielmals um Verzeihung, gnädiger Herr! Eine der Türen schließt nicht mehr richtig. Die Mechaniker arbeiten auf Hochtouren, um den Defekt zu beheben. Wenn Sie sich noch einen kleinen Moment gedulden würden…“

„Ich habe ja keine Wahl, immerhin ist dies die einzige Verbindung nach Bakov nad Roujiez“, erwiderte er.

„Es tut uns wirklich leid-“

„Es ist schon in Ordnung, solange wir nur irgendwann ankommen“, warf Célia ein, der das Gemecker des anderen Fahrgastes allmählich auf die Nerven ging. Scheinbar erleichtert, nickte der Bahnangestellte ihr zu.

„Ich werde ihnen berichten, sobald es weitergeht. Wenn Sie mich nun entschuldigen würden, ich muss noch den anderen Fahrgästen Bescheid geben.“ Mit diesen Worten zog er sich zurück und ließ sie beide wieder alleine.

Der Mann schüttelte den Kopf und murmelte etwas von „unmöglich“ und „unfähige Bahngesellschaft“.

Célia ignorierte ihn einfach und vertiefte sich wieder in ihr Buch. An der Verspätung konnte sie sowieso nichts ändern, wozu sich also aufregen?

Nach einer Weile ging die Fahrt endlich weiter. Der Schaffner hatte angekündigt, dass der Lokführer versuchen würde, schneller zu fahren und die Verspätung aufzuholen. Pünktlich würden sie es trotzdem nicht schaffen.

Die Landschaft hinter dem Fenster wurde immer hügeliger und bald waren in weiter Ferne die Silhouetten der Dymka Berge zu sehen, an deren Fuß Bakov nad Roujiez lag. Zu dieser Jahreszeit waren die Gipfel bereits schneebedeckt. Noch zwei Stunden sollte es dauern, dann würden sie die Hauptstadt des Landes endlich erreicht haben.

Doch plötzlich verlangsamte der Zug seine Fahrt, bis er schließlich mitten auf der Strecke stehen blieb. Auf der rechten Seite der Wagons befand sich ein von Bäumen bewachsener Abhang, auf der linken Seite lichter Wald auf ebenem Grund. Prompt beschwerte sich natürlich der Fahrgast, mit dem sich Célia das Abteil teilte. „Was ist denn nun schon wieder los? Wir kommen wohl heute gar nicht mehr an!“ Aufgebracht stürmte er auf den Gang hinaus, vermutlich, um nach einem Verantwortlichen zu suchen. Célia schüttelte nur seufzend den Kopf und vernahm kurz darauf, wie jemand versuchte, den Mann zu beschwichtigen und etwas von einer Rentierherde erzählte, die auf die Gleise gelaufen war und den Weg versperrte.

Die Tür flog auf, und der Mann stapfte wieder ins Abteil und ließ sich auf seinen Sitz fallen. „Ist das denn zu fassen? Angeblich steht eine Herde Rentiere vor dem Zug. So schaffe ich es im Leben nicht mehr rechtzeitig nach Bakov nad Roujiez!“, fluchte er.

Célia legte ihr Buch zur Seite, wobei sie darauf achtete, das die Seite, die sie gerade gelesen hatte nicht verschlagen wurde. „Jetzt beruhigen Sie sich doch mal! Die ganze Fahrt über beschweren Sie sich nur, ohne daran zu denken, dass Sie damit vielleicht anderen Leuten auf den Geist gehen.“ Ihr war klar, dass sie vermutlich besser nicht in diesem Ton mit einem fremden Mann reden sollte, doch sie konnte sich nicht mehr zurück halten. Wie konnte jemand nur so schlecht gelaunt sein und an allem etwas zu meckern haben?

„Ich habe einen wichtigen Termin in Bakov nad Roujiez, den ich keineswegs verpassen darf! Im Übrigen, was erlauben Sie sich eigentlich…“

Seinen Satz brachte er nicht mehr zu Ende, denn mit einem Mal durchlief ein Ruck den Zug – nicht so, als würde er losfahren, sondern als würde jemand von der Seite dagegen stoßen. Alarmiert setzte Célia sich kerzengerade auf. „Was war das?“ Der Mann öffnete den Mund, kam jedoch nicht dazu, zu antworten, denn diesmal schwankte der Wagon gefährlich von links nach rechts, sodass die Ausgabe der Philosophischen Werke von Jean-Baptiste de Bourgé vom Tisch auf den Boden rutschte. Célia hörte das Glas der Fensterscheibe splittern, als der Zug auf die Seite kippte und krallte sich mit aller Kraft am Tisch fest. Die Koffer flogen von der Ablage über ihren Köpfen und polterten durch den Wagen, der sich nun kopfüber drehte, auf der anderen Seite liegen blieb und so den Abhang hinunterrutschte. Irgendetwas knallte Célia gegen den Kopf und sie hörte jemanden schreien – vermutlich sich selbst – dann krachte der Zug gegen die Bäume am Ende des Hangs, die seinen spektakulären Fall bremsten.

Einen Moment lang drehte sich alles um sie. Als Célia wieder halbwegs klar sehen konnte, schien sich ein dunkler Schemen über das Fenster, das jetzt zum Himmel zeigte, zu legen. Dazu ertönte das dröhnende Geräusch von Schritten, die von einem gigantischen Wesen stammen mussten.

Eine kalte Gänsehaut überzog ihre Arme. Die einzige Kreatur, die ihr einfiel, die groß und stark genug war um einen Zug mit Leichtigkeit umzuwerfen und darüber hinwegzusteigen, als wäre er kein ernstzunehmendes Hindernis, war ein Steintroll. Doch die lebten normalerweise abseits der Zivilisation in den Bergen – von denen sie noch über 200 Meilen entfernt waren – und mieden die Menschen. Was hatte den Troll, falls es sich tatsächlich um einen handelte, so weit aus seiner Heimat und natürlichen Umgebung heraus getrieben?

„Wir sollten zusehen, dass wir hier rauskommen, bevor noch etwas passiert“, unterbrach der Mann ihre Gedanken. Célia nickte benommen, während sie zusah, wie er mit dem silbernen Knauf seines Spazierstocks die spitzen Kanten der Fensterscheibe einschlug und sich dann geschickt am Fensterrahmen nach oben zog. Den Kopf in den Nacken gelegt stellte sie fest, dass sie zu klein war, um ohne weiteres an den Fensterrahmen zu gelangen. Gerade überlegte sie, wie sie dennoch hinaus gelangen könnte, als der Mann ihr Problem zu bemerken schien. Er legte sich auf den Bauch, um ihr durch die Öffnung die Hände entgegen zu strecken. „Kommen Sie an meine Hand ran?“ Überrascht sah Célia zu ihm auf. Eine solche Hilfsbereitschaft hätte sie dem spießigen Miesepeter gar nicht zugetraut. Schnell griff sie noch nach ihrem Buch, das vor ihr auf dem Boden – beziehungsweise jetzt quasi auf der Wand – lag und verstaute es in einer der zahllosen Innentaschen ihres Mantels, bevor sie die Hände des Mannes ergriff. Sie wollte die Füße an der Wand abstützen, um daran hochzulaufen, doch er zog sie einfach nach oben, als wöge sie nichts. Schwankend kam sie vor ihm auf dem Zug zum Stehen und wäre beinahe wieder hinten über gekippt, hätte er sie nicht an den Schultern festgehalten. „Danke“, brachte sie hervor.

„Haben Sie gerade ernsthaft diesen alten Schinken mitgenommen?“

„Das tut doch überhaupt nichts zur Sache“, erwiderte Célia irritiert. Sie konnte sich gerade noch den Kommentar „Ein wenig Bildung hat noch niemandem geschadet verkneifen.

„Wie auch immer“, winkte der Mann ab und sprang mit einer Leichtfüßigkeit, die Célia ihm niemals zugetraut hätte vom Zug hinunter auf die Erde. Sie tat es ihm nach und landete in einer tiefen Mulde – der riesige Fußabdruck des Steintrolls, der den Zug wie Spielzeug von den Gleisen geschubst hatte. Den Spuren nach zu urteilen war er geradewegs weiter in den Wald hineingelaufen.

„Glauben Sie, dass er zurückkommen wird?“

„Ich denke eher nicht. Er hat ziemlich zielstrebig gewirkt, in diese Richtung voran zu kommen.“

Der Mann, dessen Namen Célia immer noch nicht kannte nickte und stapfte vorwärts, als würde er einem unsichtbaren Weg folgen. Unter seinen Füßen raschelten die bunten Blätter wie die Seiten eines dicken Buches.

„Warten Sie! Wo wollen Sie denn hin?“

„Möglichst weit weg von diesem Ungeheuer, bevor es doch noch zurück kommt. Außerdem muss ich rechtzeitig zu meinem Termin kommen!“ Während er sprach schob er sich immer weiter zwischen tief hängenden Ästen und Büschen hindurch. Célia lief neben ihm her, so gut es ging. „Aber es sind noch mehr Leute im Zug, die vielleicht Hilfe brauchen! Sie können sie doch nicht einfach im Stich lassen. Außerdem sind Sie zu Fuß-“

„- nicht schneller in Bakov nad Roujiez, als wenn ich auf eine Kutsche warten würde, die erst aus Vaceslav geschickt werden müsste? Ich glaube kaum. Im Übrigen, die anderen Leute im Zug gehen mich nichts an. Was sie machen ist ihre Sache“, fiel er ihr ins Wort.

„Wie kann Ihnen das einfach egal sein? Was wenn der Troll doch zurück kommt-“

„Dann bin ich nicht da, wo er ist. Außerdem, sagten Sie nicht gerade, er würde nicht zurückkommen?“

„Das war eine Vermutung!“

„Eben.“

„Warum sind Sie so ein alter Miesepeter?“

„Warum sind Sie so eine nervige Besserwisserin?“

Abrupt waren sie beide stehen geblieben und starrten sich streitlustig an.

„Wenn Ihnen das Schicksal der anderen Leute so wichtig ist, warum gehen Sie dann nicht einfach zurück, um ihnen zu helfen und lassen mich in Ruhe?“

Genau in dem Moment fiel Célia auf, dass sie keine Ahnung mehr hatte, wo sie sich überhaupt befanden. In ihrer Erregung hatte sie nicht auf den Weg geachtet, sondern war dem Mann einfach wütend hinterher gelaufen. Die grobe Richtung, aus der sie gekommen waren konnte sie zwar ausmachen, aber alleine würde sie niemals zurück finden. Wie konnte ihr das nur passieren? Eine tolle Spionin war sie – eine die sich nicht einmal merken konnte, wo sie lang gelaufen war.

„Ich weiß nicht mehr, wo wir her gekommen sind“, gestand sie zähneknirschend. Sie hasste es, Fehler zu machen und noch mehr hasste sie es, sie einzugestehen. Am liebsten hatte sie Recht und wusste möglichst alles, was es zu wissen gab. „Soll das heißen, Sie finden den Rückweg nicht mehr?“

„Was soll es denn sonst heißen?“, fauchte sie.

„Na toll, soll ich jetzt Ihre Amme spielen oder was haben Sie sich gedacht?“, stöhnte der Mann und klang sichtlich genervt, „Gehen Sie einfach in diese Richtung zurück, irgendwann werden Sie den Zug schon finden.“

„Ich werde mich hoffnungslos im Wald verirren!“

„Ich werde nicht den Aufpasser für Sie spielen!“

„Das müssen Sie auch nicht. Ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen!“

„Ja, das sehe ich“, schnaubte er.
Review schreiben