Strandgut

OneshotDrama / P16
OC (Own Character)
10.05.2017
10.05.2017
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Strandgut

Sie steht am Wasser und blickt auf die schäumende See. Braun-trübes Wasser klatscht an den neuen Küstensaum, spült Treibgut und verlorene Leben an Land. Am Horizont, weit im Westen, meint sie einen blassen Lichtstreif zu sehen, doch es kann sein, dass ihre Augen ihr einen Streich spielen und sie nur sieht was ihre Hoffnung sie glauben machen will.
Sie wendet sich ab, wandert den Strand entlang. Klettert über angeschwemmte Bäume, über Geröll, dass die Fluten mitgerissen haben. Hier und da auch ein Paar behauene Planken – Reste von Häusern womöglich. Verlorene Leben. Ihres?
Der aufgedunsene Leib einer Kuh liegt zwischen dem Strandgut, und vereinzelte Fliegen summen träge auf, als sie an dem Kadaver vorbeistolpert.
Was will sie noch hier? Sie ist sich nicht sicher. Sie weiß, dass sie nichts finden wird – hier ist nur Tod. Das Meer hat Mann und Sohn verschlungen und nichts zurückgelassen. Warum?
Warum hat Manwe ihre Familie zu sich geholt, während sie selbst von den tobenden Wellen an den Strand gespuckt wurde. Allein. Eine einzelne Träne läuft ihr die Wange hinunter, doch der Wind wischt sie unbarmherzig fort.

Etwas regt sich am Strand. Erst hält sie es für eine dicken Ast, ein knorriges Holz, dunkel, formlos, hin- und hergetrieben von den Wellen. Doch im Näherkommen erkennt sie schließlich, dass es etwas Lebendiges sein muss. Leben. Angespült an diesem toten Strand. Oder ist es doch nur das auf und ab des Wassers, das den Körper bewegt? Nein, das sind nicht die Wellen – das ist ein lebendes Wesen. Sie läuft darauf zu, banges Erwarten, hoffnungsvolle Erleichterung – sie ist nicht mehr das einzige Leben an diesem öden Ort – doch dann bremst etwas ihre Schritte.
Irgendetwas an dem Wesen stimmt nicht. Sie kann nicht einmal genau sagen, was, doch etwas ist falsch, lässt ein warnendes Unbehagen in ihre Glieder kriechen.
Sie sieht sich um, ergreift dann einen Ast. Schwer, unhandlich, doch als Knüppel ausreichend.
Dann erst nähert sie sich der Gestalt, die sich nun mühsam hustend in eine kniende Position hochstemmt.
Kein Mensch. Kein Elb. Kein Zwerg. Sie packt den Knüppel fester.
Die Erleichterung nicht mehr allein zu sein, wird von einer Woge der Angst verdrängt. Der Anblick der Kreatur zerrt lange verdrängte Erinnerungen in ihr Bewusstsein hinauf. Flammen, Schreie – die Rufe ihrer Mutter, schwarze Gestalten, die unbarmherzig alles niedermachen, was sich ihnen in den Weg stellt. Wesen wie dieses. Mörder. Monster. Orks.
Ungläubige Verzweiflung. Wie kann es sein, dass eine jener Bestien, die ihr schon einmal alles genommen haben, überleben durfte, während sie erneut ihr ganzes Leben verloren hat, davongespült vom Meer?
Verzweiflung schlägt in Wut um. Wut über das Schicksal, das so grausam mit ihr umgegangen ist. Wut auf die Orks, die plündernd durch das Land ziehen, Wut auf die Valar mit ihren sinnlosen Kriegen. Wut auf den Schöpfer selbst.
Sie holt aus. Mit einem Schrei lässt sie den Knüppel auf den Schädel des Orks niedersausen, ihre ganze Wut in diesem Schlag bündelnd. Blut spritzt. Ein zweiter Schlag und der Schädelknochen bricht mit einem hörbaren Knacken. Sie kreischt, kreischt wie eine Irre, schreit Wut und Verzweiflung heraus, schlägt auch noch das letzte Leben an diesem Strand tot, jenes widerwärtige Leben, das die Wasser ihr wie zum Hohn vor die Füße gespült haben, während sie ihr Mann und Sohn genommen haben.
Irgendwann lässt sie den Knüppel fallen. Ihr Atem geht rasselnd, und durch die Tränen kann sie kaum mehr als eine schwarze, unförmige Masse erkennen. Dunkle Spritzer formen ein blutiges Ornament auf ihrem Kleid. Sie lässt sich zu Boden fallen, verbirgt das Gesicht in ihren Händen. Was hat sie getan? Ekel – vor sich oder vor dem, was von ihrer Tat übrig ist?
Ist dies alles, was von mir übrig bleibt, wenn mir alles genommen wird? Was bin ich? Bin ich?
Lange sitzt sie da, wagt nicht, den Kopf zu heben, hinzusehen.
Als es dunkel wird und der Wind auffrischt, steht sie auf und geht ins Wasser.
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