Eine schwere Entscheidung

von KJunge
KurzgeschichteDrama, Romanze / P12
OC (Own Character) Robin
10.05.2017
10.05.2017
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Author's Note:

Diese kleine Szene kam mir beim erneuten Lesen des ersten Buches aus der Waringham-Reihe. Bitte sagt mir, wie ihr sie findet und ob es sich lohnen würde, die Idee auszuarbeiten :)

***

Alle bekannten Personen, die genannt werden, entstammen der Feder von Rebecca Gablé. Mein OC ist natürlich von mir.

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„Henry, nimm England. Du brauchst nur die Hand auszustrecken, und es gehört dir. Du könntest es wieder zu dem machen, was es einmal war, wer weiß, vielleicht sogar mehr. Tu es, Henry!“

Henry seufzte. Der eindringliche Ton und die Schwere der Worte, die sein langjähriger Freund und Beschützer für diese verzwickte Situation fand, machten es ihm nicht gerade leichter.

„Du hattest schon immer die Gabe die passenden Worte für solche Momente zu finden.“

Robin musste grinsen.

„Wir wissen beide, dass dies nicht stimmt.“ Er erhob sich langsam und griff nach dem gläsernen Pokal, dessen Inhalt er die ganze Unterredung durch kaum angerührt hatte.

„Ich möchte dich auch nicht weiter bedrängen. Genau wie dein Vater es immer war, bin ich überzeugt, dass du die richtige Entscheidung treffen wirst.“ Er lächelte sanft auf das geneigte Haupt des Mannes, der ihm fast ein Sohn geworden ist, und trank den letzten Schluck Wein.

„Ihr zwei hattet schon immer den Hang zu verrückten Ideen.“ Henry musste lächeln als Robin sich grinsend, mit der Hand auf der Brust vor ihm verbeugte und ohne ein weiteres Wort den Raum verließ.

Die schwere Stille, die Robin of Waringham hinterließ, wurde ihm bald zu viel. Tief in Gedanken nahm er seinen Umhang und verließ das Zimmer Richtung Kapelle. Er wollte beten und Gott um Rat bitten. Doch anstatt die kühlen Mauern hinter sich zu lassen, fand er sich plötzlich vor der Tür des Gemachs jener Frau, die er seit seiner Rückkehr zu vermeiden suchte.

Das leichte Klopfen ließ sie von ihrem Buch aufschauen.

„Ja bitte?“ Ihre Stimme klang verwundert, so als hätte sie schon lange keinen Besuch mehr erwartet. Mit einem tiefen Atemzug öffnete Henry die Tür und fand sich wie versteinert von ihrem Anblick.

Lena, so wie nur er sie nannte, saß am offenen Fenster mit einem ihrer unzähligen Bücher im Schoss. Die Sonne schien ihr leicht ins Gesicht und ließ ihre silber-goldenen Haare, die in leichten Wellen auf ihre Schulter fielen, wie ein Heiligenschein leuchten. Ihre blauen Augen sahen ihn überrascht an aber der Glanz in ihnen zeigte ihm, wie sehr sie sich freute, ihn zu sehen.

Noch bevor sie sich erheben konnte, um ihm den gebührenden Respekt zu zeigen, eilte er mit wenigen großen Schritten auf sie zu und sank vor ihr auf ein Knie. Er nahm ihre zarten und doch kräftigen Hände in seine und bedeckte sie in sanften Küssen.

Sie war überwältigt von der Heftigkeit seiner Gefühle. Ihn so zu sehen, diesen starken jungen Mann, der ein Ebenbild seinen Vaters war, nicht nur in Äußerlichkeiten, dem eine so große Last vor die Füße gelegt wurde, schnürte ihr die Kehle zu.

„Vergib mir …“ Flüsterte Henry. Sein Kopf lag nun in ihrem Schoß, er hielt eine ihrer Hände und das Buch lag unbeachtet im Stroh.

„Was meint Ihr, Mylord?“ Auch Lena flüsterte, da sie ihrer Stimme einfach noch nicht trauen konnte.

„Ich hätte dich eher empfangen sollen, nein, ich hätte sofort zu dir kommen sollen.“ Er strich sanft über ihre Handfläche und spürte leichte Schwielen. Sie hatte wieder gearbeitet, bestimmt auch gekämpft, obwohl es sich für eine Frau nicht schickte. Doch sie hat es für ihn getan, sie hatte es immer nur für ihn getan.

„Eure Pflichten lagen woanders, Sir. England brauchte Euch, es braucht Euch noch, mehr denn je.“ Er schloss die Augen als ihre Hand durch seine Haare strichen. Er hätte nie geahnt, dass er jemals solche Gefühle für sie entwickeln würde und es wurde ihm mit einem Mal klar. Er spürte es ganz deutlich. Sie waren schon immer da gewesen, auch als er noch dachte, dass er Robins Tochter Anne nie vergessen könnte und auch als er mit Mary verheiratet war. Wie konnte ich nur so blind sein, dachte er nicht zum ersten Mal.

„Dein Pflichtbewusstsein ehrt dich mal wieder sehr. Aber wie oft habe ich dir schon gesagt, dass es zwischen uns keine Titel gibt? Wann wirst du aufhören mich ‚Mylord‘ zu nennen?“

Er schaute auf und sah sie frech grinsen. Doch unter seinem Blick errötete sie sofort, gab aber vor, über seine Frage nachzudenken, was ihn sehr amüsierte.

„Zu oft möchte mir scheinen, aber irgendwann habe ich einfach nicht mehr zugehört.“ Sie kicherte und es klang wie helles Glockenspiel in seinen Ohren. Doch dann wurde sie ernst und legte ihm die Hand auf die Wange, welche er sogleich mit seiner großen Pranke bedeckte.

„Aber du hast jetzt eine sehr große Aufgabe vor dir, Henry. Es ist nur richtig, dich bei deinem Titel zu nennen … Sire.“ Unweigerlich überkam ihn ein warmer Schauer als sie ihn so ansprach. Er drückte einen Kuss auf ihre Handfläche und erhob sich um die Tür zu schließen, die noch immer offen stand.

„Du hast es also auch gehört.“ Er seufzte und lehnte sich gegen die nun geschlossene Tür.

„Natürlich. Es pfeifen schon die Spatzen von den Dächern: Henry of Lancaster wird der neue König von England.“ Sagte sie und hob ihr Buch auf. Dann holte sie einen Krug von der Kommode und schenkte ihm einen Becher Wein ein.

„Dabei habe ich mich doch noch gar nicht entschieden. Es war nie meine Absicht, noch die meines Vaters, dass das Haus Lancaster auf den Thron Englands sitzt.“

Sie hob die Schultern und glättete ihre Röcke, bevor sie sich wieder setzte. Er kam und saß ihr gegenüber.

„Es hat auch niemand behauptet, dass du nur zu diesem Zweck zurückgekommen bist. Die Frage ist nur: Willst du verantworten, dass sich die Vergangenheit wiederholt oder die Dinge doch lieber selbst in die Hand nehmen?“

Er nickte und nahm einen Zug aus dem bescheidenen Becher. Er sah sie über dessen Rand hinaus an.

„Du bist also auch der Meinung, ich solle die Krone nehmen?“

„Ich denke, dass England dann endlich einmal Aufatmen könnte und ein echter Friede kein Wunschdenken mehr wäre. Jedoch kann ich mir denken, dass dies eine echte Mammutaufgabe darstellt und, um ehrlich zu sein, habe ich Angst, dass es dich kaputt machen würde.“ Sie schaute ihn mit ihren ehrlich sorgenvollen Augen an.

„Oh Lena …“ Er ergriff erneut eine ihrer Hände und küsste sie sanft.

„Es wird eine undankbare Aufgabe aber wer sonst könnte sie besser bewältigen als du? Außerdem werden deine Getreuen alles in ihrer Macht stehende tun, um dich darin zu unterstützen.“ Sie lächelte ihn an und er konnte nicht anders, als es zu erwidern.

„Und wirst du mich ebenso darin unterstützen und an meiner Seite für eine besseres England kämpfen?“ Wie erwartet errötete sie und wich seinem Blick aus. Sie hatte seine Frage durchaus richtig interpretiert und er hoffte inständig auf eine positive Antwort.

„Du weiß genau, dass es nicht an mir liegt, dass die Dinge so sind, wie sie sind.“ Hörte er sie sagen und sie drückte seine Hand.

„Nein, ich weiß.“ Sagte er mit einem Seufzen. Sie waren nicht vom selben Stand und sollte er die Krone annehmen, würde eine Ehe zwischen ihnen noch unmöglicher werden als sie jetzt schon zu sein schien. Es würde nicht das letzte Opfer werden, das Henry für diese Krone bringen musste und allein deshalb tat er sich um die Entscheidung so schwer. Lena schien dies zu ahnen.

„Dies sollte dich jedoch nicht von der richtigen Entscheidung abhalten. Hier geht es nicht um dich oder um mich, sondern um das Wohle Englands und …“

„Aber es ist so ungerecht!“ Stieß er hervor und unterbrach sie in ihrer Überzeugungsarbeit.

„Ich bin es ehrlich gesagt leid, immer nur für das Land zu leben. Mein Vater hat sich auch nicht immer daran gehalten und sieh welchen Status er hatte!“

„Du bist aber nicht dein Vater.“

„In einem Punkt schon. Ich will Dinge, die ich nicht haben kann.“ Er betrachtete sie mit einem bedeutenden Blick.

„Es hat jedoch Jahre gedauert bis er seinen Willen bekam und Katherine heiraten konnte.“

„Er war schon immer viel geduldiger als ich.“

Abermals errötete sie als er ihr verheißungsvoll zuzwinkerte. Seit wann hat er diese Wirkung auf mich und wie lange werde ich ihm wohl standhalten können, fragte sie sich und sendete ein stilles Stoßgebet gen Himmel.

Lena schüttelte lächelnd den Kopf und stand auf um ans Fenster zu treten. Es war ein wundervoller Tag und die dunklen Mauern des Tower wirkten weniger erschreckend. Sie mochte London, in dieser Zeit wie auch in ihrer. Es erfüllte sie mit Stolz, dass sie zu der Geschichte beitragen konnte, die sie schon immer so sehr fasziniert hatte. Doch nie hätte sie geahnt, dass sie ihre Gefühle so sehr unter Kontrolle halten musste, um das Richtige zu tun, besonders, wenn es um Henry of Lancaster ging.

„Du trägst das Kleid, welches ich dir zu Weihnachten schenkte.“ Stellte er leise fest. Sie zuckte zusammen als sie seine Hand in ihren mittlerweile langen Haaren spürte.

„Es ist mir das Liebste.“ Erwiderte sie und drehte sich langsam um.

Er war so groß und stattlich. Seine dunklen Haare trug er etwas kürzer als es die Mode vorhersah und sein Bart verleite ihm etwas Verwegenes. Sie konnte nicht anders, als ihn leicht daran zu ziehen.

Er musste grinsen als sie ihren bewundernden Blick sah und das verspielte Ziehen an seinem Bart spürte. Ohne nachzudenken legte er seine Hände auf ihre Hüften und zog sie näher. Ihre Hände lagen auf seiner Brust. Zweifellos musste sie spüren, wie sein Herz vor Aufregung raste.

„Henry …“

Doch ihre Proteste erstarben in den von beiden so lang ersehnten Kuss.

Ihre Lippen waren so weich und voll und schmiegten sich so sanft und liebevoll an die seinen, dass er sich an sich klammerte um nicht den Verstand zu verlieren. Wie um alles in der Welt hatten sie so lange darauf verzichten können?

Zu seiner Freude spürte er wie ihre kleine Zunge die seine nur allzu willkommen hieß und drückte sie näher an sich, als sie ihre Arme um seinen Hals legte. Gefühlt dauerte dieser Kuss unendlich lange, doch als sich ihre Lippen trennten, sehnten sie sich schon wieder nach dem anderen.

Er hielt sich noch eine Weile im Arm und genoss den blumigen Duft ihrer goldenen Locken. Sie würde immer bei ihm bleiben, das hatte er unmissverständlich aus dem Kuss entnehmen können. Und er war Gott unendlich Dankbar für dieses Geschöpf, das nicht scheute, ihm die Wahrheit zu sagen und ihn zu unterstützen, egal, was auf sie zukommen würde.

„Ich werde es tun.“ Murmelte er und drückte einen letzten Kuss auf ihre Stirn. Sie verstand mühelos.

„Lang lebe der König.“ Sagte sie und knickste vor ihm zum Abschied.

Lächelnd sah sie ihm nach, als er aus ihrem Zimmer eilte, um seinen Gefolgsleuten seine Entscheidung mitzuteilen. Die einzelne Träne, die ihren Verlust beweinte, lies sie unbeachtet ins Stroh fallen.

Ab jetzt würde alles anders werden.
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