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Brave New World

von MrsCurie
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
Beetee Finnick Odair Gale Hawthorne Haymitch Abernathy Katniss Everdeen Peeta Mellark
03.05.2017
08.01.2021
34
98.749
14
Alle Kapitel
90 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
03.05.2017 1.628
 
In meiner Geschichte geht es um die Zeit zwischen Ende der Revolution und dem Epilog. Da dieser doch recht kurz und für mich nichtssagend geraten ist, ist diese "meine" Version der Story. Viel Spaß beim lesen und ich würde mich sehr über Kritik, Anregung und natürlich auch Lob freuen :D

ACHTUNG: Die Geschichte wird momentan (Stand 02.09.2020) komplett überarbeitet, primär Kapitel 1 bis 11. Ich bin mit dem Anfang der Geschichte absolut unzufrieden (Anfängerfehler und cringe lässt grüßen), bringe es aber aufgrund all eurer lieben Reviews, Sternchen und Favos nicht übers Herz sie offline zu nehmen und nochmal von neuem zu beginnen. Daher die Überarbeitung. :)
Kapitel 1 bis 10 sind bereits neu hochgeladen, bitte entschuldigt dass dementsprechend ein kleiner Logik und Zeitsprung zwischen den Folgekapiteln ist. Ich versuche den REst aber schnellstmöglichst hochzuladen.

Liebe Grüße und viel Spaß beim Lesen,
MrsCurie ^.^
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Stille. Es ist, als hätte man um ganz Distrikt 12 eine schalldichte Kuppel gezogen, durch die kein Geräusch dringt. Nichts ist zu hören, kein Zwitschern der Vögel, kein Rascheln der Blätter, durch die der Wind fegt, nicht das Rattern der Kohlefabriken. Nur mein Atem und meine leisen Schritte. Ich suche mir einen Weg zwischen den ausgebrannten Gerippe der Häuser und versuche nichts zu berühren, denn wenn ich es tue, erzählen sie von dem dumpfen Knall der Bomben und den Schreien, als wäre der Kampf, der meine Zuhause auslöschte, in den verbleibenden Stein eingesickert. In die Asche, die durch die Luft tanzt, wie graue Schneeflocken im Winter und mit jedem meiner Schritte ihre Geschichte erzählt. In ihr, Madge, Delly, fast 10.000 Menschen, ausgelöscht in einem Flammenstoß. Stille wie auf einem Friedhof. Als sich mein Pfeil in Präsidentin Coins Herz bohrte, herrschte für einen kurzen Moment dieselbe gespenstische Stille wie hier. Es war, als würde die Welt ein weiteres Mal die Luft anhalten, bevor die Hölle losbrach.
Unschlüssig bleibe ich vor dem Tor stehen und starre auf den Pfad, der mich nach Hause bringen würde.
Zuhause, ein weiteres Grab.
Seit Gale und ich Butterblume und meine Jagdtasche aus unserem Haus geholt haben, hat niemand mehr Distrikt 12 betreten. Bis Haymitch und ich in einen der wenigen, noch funktionstüchtigen Züge gesetzt wurden und hier hingeschickt wurden. Vermutlich, um mich auf schnellst möglichsten Weg so weit wie es nur geht vom Kapitol zu entfernen. Wer weiß, vielleicht wäre mir noch ein weiterer Pfeil ausgekommen.
Posttraumatische Belastungsstörung. Dissoziation. Ein unbeabsichtigter Versehen. Mit diesen Worten hatte mir Dr. Aurelius die Freiheit erkauft. Er wollte mich in seiner Klinik in 2 behalten, denn mit den richtigen Medikamenten und einer Therapie könnte ich wieder gesund werden. Ich habe ihm nur gesagt, dass er sich diesen Vorschlag dorthin stecken kann, wo die Sonne nie scheint. Wir hatten uns in der Mitte getroffen und uns auf wöchentliche Telefongespräche geeinigt. Ich sollte das Telefonkabel aus der Wand reißen, denke ich.
Verrückt.
Bin ich das?
Ich stoße ein hysterisches Kichern aus und denke mir, wie verrückt es doch klingt, wenn man allein lacht.
Schritt für Schritt bahne ich mir meinen Weg durch das Geröll und versuche dabei nicht darüber nachzudenken, dass das Knacken unter meinen Fußsohlen möglicherweise von ein splitternden Stück Knochen stammt. Haymitch ist verschwunden, kaum das wir wieder festen Boden unter den Füßen hatten. Wohin weiß ich nicht, vermutlich nach Rippers geheimen Schnapslager suchen. Seit man uns den Zug verfrachtet hat, hat er kein Wort mehr mit mir gewechselt, aber das war auch nicht nötig. Seine Enttäuschung darüber, dass ich mal wieder jede Aussicht auf Fortschritt zerstört habe, hätte auch ein Blinder erkannt. Und so sind wir hier gelandet, am Anfang. Von den Hunderten Menschen, die in Distrikt 13 darauf warten, die tristen, grauen Steinwände der Wohnblöcke hinter sich zu lassen und nach Hause zurück zugkehren, hat man ausgerechnet die beiden Personen ausgewählt, auf die hier nichts mehr wartet. Schließlich erreiche ich mein Haus. Das Gras im Vorgarten ist verwildert und der Efeu an der Hauswand beginnt die Fensterrahmen zu verdecken, aber abgesehen davon sieht es wie vor 6 Monaten, als ich es mit Gale verlassen habe.
Zögerlich drücke ich die Klinge hinunter. Ich hänge die Lederjacke an die Garderobe, streife die Stiefel ab und werfe sie achtlos in die Ecke. Beinahe hätte ich meinen Schwester zugerufen, dass ich wieder zuhause bin, aus derselben alten Gewohnheit heraus. Im letzten Moment klappe ich den Mund wieder zu und was verbleibt ist ein Keuchen, dass im leeren Raum verhallt.
Schritt für Schritt durchquere ich den Flur, bis ich das Wohnzimmer erreiche. Ein Teil von mir muss gehofft haben, dass die Erinnerungen mit ihnen verschwunden sind, denn als ich den Raum betrete, muss ich mich darauf konzentrieren weiter zu atmen. Über dem Kamin hängen noch einige der getrockneten Kräuter und Blüten meiner Mutter, im Regal daneben die wenigen Bilder von uns dreien, die ich damals zurück gelassen habe. An den Wänden und auf dem Tisch finden sich überall liebevolle Dekorationen, die nur aus der filigranen Hand meiner Schwester stammen können. Ich weiß, dass oben im Büro, auf dessen breiter Fensterbank Prim so gerne gesessen ist, um während dem Stricken die Vögel zu beobachten, ein Strauß Rosen auf mich wartet. Weiß und schwer vom Blut. Vorsichtig nehme ich das Foto vom Regal. Prim, mit einem selbstzufrieden dreinschauenden Butterblume auf dem Arm, strahlt in die Kamera. Ich drücke sie mit einem Arm an mich, während ich mit dem anderen nach Gale aushole, der mit einem unanständig breiten Grinsen an meinem zerzausten Zopf zieht. Wir hatten uns, waren satt, hatten ein Dach über dem Kopf – mehr brauchten wir gar nicht.
Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, wie glücklich wir damals waren. Mit der Fingerspitze fahre ich die Kontur ihres Gesichts nach, die Primel, die hinter ihrem Ohr steckt und versuche mich daran zu erinnern, wie sie in ihrem blauen Kleid durch unser kleines Haus im Saum getanzt ist. Doch alles, was vor meinem inneren Auge aufblitzt, ist die Flammenkrone, die sich um ihr goldenes Haar schließt und sie verschlingt. Stück für Stück, bis sie wie der Schnee vor dem Fenster grau und schimmernd vom Himmel fiel. Ich kneife die Augen zusammen, um die Flammen nicht zu sehen, doch sie lodern heller in der Dunkelheit und so reiße ich sie wieder auf. Starre auf die vertrauten Gesichter. Da wird es mir zum ersten Mal bewusst und wieder stoße ich ein irres Kichern aus. Das Haus ist ein Friedhof und ich sein Wächter. Tick Tock, es geht weiter, immer weiter. Ich reiße den Mund auf und das hysterische Kichern verändert sich. Es sollte ein Schrei werden, aber meine Kehle ist wie zugeschnürt und der Schrei erstickt zu einem undefinierbaren Laut zwischen Flüstern und Kreischen. Unvermittelt presse ich die Hände an die Brust, der Bilderrahmen zersplittert zu meinen Füßen, während ich mich nach oben recke, höher und höher, den Blick in ein endloses, schwarzes Grauen gerichtet. So bleibe ich für ein paar Sekunden stehen, lautlos, zitternd. Es ist ein irrer Tanz auf einer Rasierklinge, während die Welt stehen bleibt. Dann schreie ich. Ich reiße die Bilder vom Regal und schleudere sie in die Ecke, die Vasen und Figuren, die getrockneten Kräuter und Tinkturen meiner Mutter, während ich weiter schreie, bis meine Stimmbänder versagen und der letzte Hauch von Kraft aus meinen Lungen weicht. Eins nach dem anderen, bis ich vor einer leeren Wand stehe. Die Scherben breiten sich vor mir auf dem Boden aus, wertlos ohne ihre Besitzer. Solche Dinge sind wie dazu gemacht, Geister zu werden die einen verfolgen und davon habe ich bereits mehr als genug. Während ich die Scherben anstarre, grabe ich in mir, suche nach Schuld, Trauer, Sehnsucht. Doch das Einzige, was ich finde, ist Gleichgültigkeit. Als hätte das Schreien jede Energie aus mir gezogen, beginnt der Boden unter meinen Füßen zu schwanken und ich schaffe es gerade noch so zur Couch zu taumeln, bevor ich zusammenbreche. Das Zittern, dass meinen ganzen Körper erfasst, lässt nicht nach und so wickle ich mich in die alte Patchworkdecke ein, die über der Lehne hängt. Fest genug, um darin zu ersticken.
Ich wünsche, es wäre so einfach. Wünsche, ich wäre nicht so feige. Die Couch wird zu meinem Floß, während sich das Haus kalt und leer um mich legt wie ein lichtloser Ozean. Ich kann mich nicht daran erinnern, wie lange ich dort liege, wann und ob ich esse, auf die Toilette gehe. Tage und Nächte ziehen unbemerkt an mir vorbei, unterbrochen nur durch einen unruhigen Schlaf. Meine Welt ist jetzt begrenzt auf 1,50 Meter und mit mir ist dort nur die Asche und die Mutationen, die jede Nacht an den Wänden kratzen. Es ist immer derselbe Traum. Ich bin zurück im Kapitol und Prim ist nur wenige Meter von mir entfernt hinter den Barrikaden. Ich weiß was passieren wird, schreie ihr zu, dass sie weglaufen soll, doch Prim steht nur da, ihre langen, blonden Locken im Gesicht und schüttelt den Kopf. Dann vergeht die Welt in Flammen und Rauch und ich ertrinke in ihr. Ich liege auf dem Boden, während die Asche auf mich fällt und mich immer tiefer und tiefer unter sich begräbt. Ich versuche mich aus diesem Grab zu befreien, rufe, dass mich jemand herausziehen soll, bitte, aber die Asche setzt sich in Mund und Nase, bis mein Schreie verstummen und die Asche einfach weiter fällt und fällt und fällt..

Eines Morgens werde ich vom Wind geweckt, der gegen die Fensterläden schlägt. Matt öffne ich die Augen einen Spalt breit und hebe den Kopf. Es hat geschneit in der Nacht, genug um das Fenster bis zur Hälfte zu bedecken. Da höre ich es, hauchzart in der Ferne, leise genug um nur eine Produkt meiner Fantasie zu sein. Das Glockengeläut des Rathauses und Stimmgewirr. Gesang. Ich glaube, es ist Weihnachten. Ich zähle die Tage schon längst nicht mehr.


[überarbeitet am 02.09.2020]
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