Déjà vu

OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
02.05.2017
02.05.2017
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„Nein!“, schallte es langgezogen über den Platz. Heiser und erschöpft, mit letzter Kraft, schaffte es die Stimme dennoch, alles andere zu übertönen und auf dem freien Feld zu hallen, als stünden sie wahrlich in einer Schlucht und als wäre diese nicht nur ein Bildnis ihrer verhängnisvollen Situation, die über dem allgegenwärtigen Leid schwebte.
Margret schloss für einen Augenblick die Augen und wandte ihr Gesicht ab, solange, wie sie es sich erlauben durfte. Kaum eine Sekunde blieb ihr, um den akustischen Eindruck zu verdrängen und die Gänsehaut, die er ihr einjagte, zu vergessen. Er ließ sie frieren, obwohl es unendlich schwül war und Schweiß ihr den Rücken hinab lief. Sie hatte Durst, wie auch viele der anderen, ob Personal oder Patienten, obwohl man die Luft beinahe trinken konnte. Ihre Füße taten vom Stehen weh und sie war froh, wenn sie für einige Sekunden das Gefühl darin verlor, um die Schmerzen zu vergessen. Aber bei dem allgegenwärtigen Anblick, der sich ihr bot, verschwieg sie ihre Sorgen. Viel schlimmer waren die nie endenden Schreie, der Geruch verbrannten Fleisches und von Phosphor, Benzin - und Napalm.
„Danke, Schwester“, sagte der Arzt, dem sie gerade assistierte. Einer von vielen, deren Namen sie sich nicht hatte merken können. Es war nicht einmal Zeit gewesen, ihn überhaupt anzusehen und eine Chance zu haben, das Gesicht mit einem Namen zu verknüpfen. Wahrscheinlich hatte er sich nicht einmal vorgestellt. Keine Zeit. Obwohl es exakt der richtige Ort war, um die Zeit, die einem noch blieb, schätzen zu lernen. „Machen Sie den Rest, Major.“ Der Befehl klang hohl, weder förmlich noch herablassend noch bittend. Die Worte waren hohl.
Bevor Margret etwas erwiderte, schaute sie auf und musterte das müde Gesicht des Arztes.
Die Mütze verbarg seine Haare, die Maske jedoch hatte er bereits abgenommen. Ein ungepflegter braun-roter fünf-Tage-Bart prägt das Gesicht und Augenringe umrahmten die müden Augen, aus denen die pure Resignation sprach. Sie konnte es ihm so gut nachfühlen.

Als er sich wegdrehte, hinterließ er bei Margret ein merkwürdiges Gefühl. Das Gefühl des Bekannten. Aber es blieb eine Ahnung, für die sie keine Zeit hatte. Sie musste die Wunde des Soldaten vor sich versorgen, der das zweifelhafte Glück hatte, alles, was um ihn herum passierte, nicht zu erfassen.
Der Tag, die Patienten, die Menschen flossen wieder an ihr vorbei. Zu viele Namen, zu viele Gesichter, zu viele Verwundete, bei denen jede Mühe vergebens war. Zu viele, denen niemand die Schmerzen nehmen konnte, da die helfenden Hände fehlten.
Sie alle waren Leidensgenossen und durchlebten diese Hölle Tag für Tag. Doch Margret kam sich selten so verstanden vor, wie in den müden, ausdruckslosen Augen des unbekannten Majors. Kaum einer war in ihrem Alter. Für einige war es der erste Einsatz. Für viele der erste an einer Front. Und ohnehin blieb kaum Zeit, sich darüber auszutauschen. Sie kannte kaum jemanden aus dem Camp. Zu hohe Fluktuation, zu viel zu tun. Und das, wo sie schon über einen Monat hier war. Jetzt sehnte sie sich danach. Einer vertrauten Seele. Einem bekannten Gesicht. Und gleichzeitig ängstigte es sie zu Tode.
Es würde jegliche Mauer niederreißen, die sie um sich heraufbeschworen hatte, um sich von dem, was hier geschah, abzuschotten. Sie wollte ihre Arbeit machen und in einigen Monaten wieder heim. Das hatte sie sich gesagt. Keine großen Abschiedsszenen. Und vor allem wollte sie niemanden ins Herz schließen, den sie schlussendlich wieder verlor. Es war Krieg. Über jedem hier hing ein unsichtbares Damokles-Schwert. Ob es den Tod bedeutete, oder eine zerstörte Seele, es hinterließ Wunden, die vielleicht niemals wieder heilten. Würde sie es ertragen, jemanden an diesen Krieg zu verlieren? Noch einmal? Sie wusste es nicht. Aber sie wusste, dass sie sich jetzt gerade unglaublich alleine fühlte. Wie der letzte Mensch auf diesem Planeten. Unendlich weit weg von Freunden, Familie und allem, was ihr Leben einmal ausgemacht hatte. Ihr fehlte ein Stück Heimat.

Die Dunkelheit, die einbrach, besiegelte ihren Entschluss. Aber den Herrn zu finden, war in dem Lager nicht so einfach. Sie nahm an, dass er neu war, aber nur, weil er ihr noch nie aufgefallen war, hieß das nicht, dass er noch nicht lange hier stationiert war. Sie hatte irgendwann den Überblick verloren, wer ging und wer kam. Trotzdem konnte ihr bei der Suche irgendwann jemand weiterhelfen, der meinte, jemanden in Richtung Versorgungslager gehen gesehen zu haben. Allein. Zumindest diesen Versuch wollte Margret sich noch gewähren, bevor sie das Vorhaben aufgab und zu Bett ging, solange die Lage es erlaubte, zu schlafen.
Sie lief zum Versorgungslager und öffnete vorsichtig die Tür. Sie fragte sich, was sie gerade dazu bewegte, das zu tun. Was sie tun sollte, sollte sie ihn tatsächlich treffen. Vermutlich hatte er diesen Ort aufgesucht, um gerade keiner Gesellschaft ausgesetzt zu sein. Aber dann konnte er sie immer noch wegschicken.
Ein Lichtschein brach hinter einem der Regale hervor. Sie zog die Tür hinter sich zu und näherte sich dem Punkt. Ihre eigene Nervosität überraschte sie. Mit autoritärem Auftreten hatte sie sonst nie Probleme gehabt. Aber damit, wie sie sich eingestand, ihre Sorgen zu teilen.
Als sie endlich um das dritte Regal herum trat, schauten sie dieselben müden Augen an, die sie heute in der Tageshitze gesehen hatte. Braun. Ebenso, wie das von Grau durchzogene, krause Haar. Den Rotstich konnte man mit Mühe im Bart erkennen. Es dauerte immer noch, bis Margret erkannte, wen sie vor sich hatte und weshalb sie das Gefühl, einem Bekannten begegnet zu sein, den ganzen Tag über nicht losgelassen hatte.
In der Hand hielt der Major eine Weinflasche, in welcher nur noch ein kläglicher Rest im Kerzenschein zu erahnen war. Die Leichtigkeit, der Leichtsinn und die Ignoranz, mit der er den Krieg dementierte, waren ihm abhanden gekommen. Er saß auf einer Kiste, hatte ein Bein angewinkelt und seinen ausgestreckten Arm, in dessen Hand er auch die Flasche hielt, darauf abgestützt. Die andere hielt ein Stück Papier. „Sie gehen inzwischen auf‘s Collage“, meinte der Major und die Hand mit dem Papier zuckte in die Höhe. „Zehn Jahre hatte ich, sie aufwachsen zu sehen. Man möchte meinen, es wiegt das Jahr auf, das ich nicht da war. Oder, Margret?“
Ein müdes, lakonisches Lächeln passierte Margrets schmale Lippen, als sie einen Schritt auf ihn zuging. „Das tut es nicht.“
Der Blick ihres Gegenübers wurde glasiger. „Es kommt mir vor, als wäre ich nie weg gewesen“, murmelte er in Gedanken versunken, nein, gedankenverloren, denn verloren wirkte er in der Tat, vor sich hin. „Warum passiert das wieder?“ Und mit einem Mal sah er sie durchdringend an, vollkommen klar und unendlich traurig.
Die Frage traf sie vollkommen unvorbereitet und raubte ihr die Sprache, während Tränen ihr in die Augen stiegen. „Ich weiß es nicht“, antwortete sie tapfer und zwang sich erneut zu einem Lächeln, während ihre Augen zu schwimmen begannen. Sie hatte sich diese Frage verboten. Aber sie war allgegenwärtig.
Der Mann stand auf, stellte dabei die Flasche beiseite und umspielte deren Hals mit seinen Fingern fahrig. „Ich auch nicht.“
Margret trat noch einen Schritt auf ihn zu, nahm seine Hand und schlussendlich ihn in ihre Arme. „Es tut mir leid.“ Das tat es wirklich. „Aber ich bin froh, dass Sie hier sind.“ Damit wollte sie ihn wieder loslassen, doch er ließ sie nicht und hielt sie fest, woraufhin sie es sich erlaubte, dieses Gefühl freundschaftlicher Zuneigung zu genießen. Das erste Mal seit Wochen.
„Ich wäre lieber woanders“, gestand er leise. „Aber lieber hier, als ganz allein.“ Vollkommen unerwartet erklang ein leises, heiseres und gleichsam höhnisches Lachen. "Aber immer hin bin ich befördert worden."
Bitter verzog Margret das Gesicht zu einem letzten Lächeln. „Willkommen in Vietnam, McIntyer.“
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