Tote Mädchen lieben nicht

GeschichteDrama, Romanze / P18
Blaise Zabini Draco Malfoy Ginevra Molly "Ginny" Weasley Luna Lovegood Theodore Nott
01.05.2017
02.08.2017
18
72408
37
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AN: Wie man am Titel erkennen kann basiert diese Story lose auf der Idee des Romans "Tote Mädchen lügen nicht" (Thirteen Reasons Why) von Jay Asher. Die Figuren gehören jedoch J.K. Rowling und die Geschichte ist im Harry-Potter-Universum angesiedelt. Es handelt sich nicht um ein Crossover. Die Handlung der Story selber gehört jedoch mir und meinem Kopf und es wäre wünschenswert, wenn das so bleibt.

Triggerwarnung: Suizid wird thematisiert, sexuelle Nötigung ebenfalls. Desweiteren ist das Rating durch (nicht gewalttätige) Lemonszenen zu rechtfertigen. Bitte wendet euch von der Geschichte ab, wenn ihr sensibel auf eines der Themen reagiert.

Trotz diesen Einschränkungen hoffe ich, dass ihr Freude habt diese Geschichte zu lesen oder, dass ihr sie zumindest gerne lest. Regelmäßige Updates sind ein erstrebenswertes Ziel, aber es wird vermutlich erstmal nicht öfter als einmal in der Woche dazu kommen. Immer montags.

Edit: Alle Kapiteltitel sind zugleich Songzeilen. Alle Interpreten und Titel werden zuvor erwähnt. Im diesem Kapitel wird Chelsea Hotel No° 2 von Leonard Cohen verwendet.

Genug gesagt :*




Tote Mädchen lieben nicht


I – And then you got away, didn't you babe

28. Januar 1997



Weiß und harmlos hatte der Briefumschlag auf seinem Kopfkissen gelegen. Abgesehen von dem einen braunroten Fleck auf der Rückseite war er vollkommen unbeschriftet. Er hatte es für einen blöden Scherz von Draco gehalten oder – noch schlimmer – einen schlichten Heuler seiner Mutter, weil sie von den unglücklichen Geschehnissen erfahren hatte und ihrer inneren Dramatikerin Luft machen wollte. Unangemessen gelangweilt hatte er den Umschlag geöffnet und sobald er die ersten Buchstaben sah – ohne ihre Bedeutung überhaupt zu erfassen – hatte er ihre Handschrift erkannt.

Ein Brief aus dem Jenseits. Blaise Zabini setzte sich auf sein Bett, denn er ahnte, dass es ihn umhauen würde. In welcher Art und Weise auch immer. Er hielt die Luft an und begann zu lesen.



Hogwarts, den 14. Januar 1997


Lieber Blaise,

wenn du diesen Brief hier erhältst, dann werde ich niemals erfahren, ob ich dir etwas bedeutet habe. Aber du erfährst, was du für mich gewesen bist und damit hast du gewonnen. Unser Spiel.

Ich weiß, dass du kein besonders guter Zuhörer bist, aber ich glaube, dass du ein guter Leser bist und deshalb habe ich mich für Briefe entschieden. Ja, du hast richtig gelesen: Briefe. Mehrzahl. Ich bin zu eitel und zu melodramatisch um dir einen einzigen Abschiedsbrief zu hinterlassen. Im ganzen Schloss habe ich Briefe für dich (und nur für dich) hinterlassen. Du wirst sie finden. Ich werde dir helfen. Ich will schließlich nicht, dass ich ein Geheimnis für dich bin.

Findest du es gemein, dass ich mit der Wahrheit um mich werfe, jetzt, wo sie niemandem mehr etwas nützt? Findest du mich selbstsüchtig? (Ich bin immer so wenig auf mich selbst konzentriert gewesen, dass es fast wehtut - meinst du nicht, dass ich es mir verdient habe einmal nur über mich zu sprechen? Über uns?). Die Briefe warten auf dich und ich hoffe, dass du nach ihnen suchst und ihnen die Anstrengung ersparst zu dir zu finden. Dieser erste Brief ist zu dir gekommen, den anderen mögest du entgegengehen.

Warum ich mich ausgerechnet an dich wende, fragst du dich? Ob ich niemanden habe, der mir wichtiger ist und an den ich meine letzten Worte besser verschwenden kann? Nein. Vielleicht. Doch. Eigentlich schon. Aber wenn ich meinem Vater einen Brief schreibe, dann wird er Trost darin finden, wenn ich Ginny schreibe, dann wird sie verständnisvolle Freunde haben, die ihr helfen damit umzugehen. Aber du kannst einfach nur lesen. Und leiden. Du kannst mit keinem darüber reden. Genau so wenig wie ich mit irgendjemandem darüber sprechen konnte.

Keine Geheimnisse mehr, einverstanden?

Kein einziges Geheimnis mehr.

Den ersten Brief findest du im vierten Korridor. Du weißt wo genau. Du weißt wo du hinsehen musst, das hast du immer gewusst.

In Ewigkeit, deine Luna.

PS: Weinst du? Ich würde gerne glauben, dass du weinst, aber ich bilde mir nicht ein, dass du es tust. Ich behalte mir einfach ein Stückchen Hoffnung, ich kann es brauchen. Oder hast du schon geweint? Dann brauche ich wohl gar nichts mehr.



Blaise Zabini weinte nicht und er hatte auch nicht geweint, obwohl er das Gefühl nicht loswurde, dass er es ihr schuldete.

Sie gab ihm nicht die Schuld, nicht wirklich, oder? Sie erinnerte ihn nur daran, dass sie zu kompliziert für ihn und zu gut für diese Welt gewesen war. Und klug und selbstreflektiert genug um das auch noch zu wissen. Und dumm und mutig und wahnsinnig genug um ihre Konsequenzen daraus zu ziehen. Und zu konsequent.

Die Tür zum Schlafsaal wurde geöffnet und ein grinsender Theodor Nott sah ihn stirnrunzelnd an. Reflexartig ballte er seine Faust und zerknüllte den Brief. Da es nicht das einzige Exemplar war, hatte es ohnehin keinen zu hohen sentimentalen Wert.

„Was machst du hier oben? Pansy bietet uns wieder eine ihrer Szenen. Dir entgeht was.“ Pansy Parkinson spielte sich seit drei Wochen als die verlassene Geliebte auf. Ja, sie war Dracos Freundin gewesen. Ja, Draco hatte nicht besonders sensibel mit ihr Schluss gemacht. Aber das rechtfertigte nicht die Tatsache, dass sie an diesem Abend scheinbar zum siebten Mal in aller Öffentlichkeit in Tränen ausbrach. Ironischerweise hatte Pansy - obwohl sie zwei Jahre lang mit Draco gegangen war - nie begriffen, dass sie ihn nicht mit Gefühlsausbrüchen beeindrucken konnte, während alle anderen dabei hatten zusehen können wie Pansys Liebe gewachsen und Dracos Begeisterung verschwunden war. Es war eine durch und durch traurige und halbwegs alberne Geschichte und sie alle waren Zuschauer. Mehr oder weniger unfreiwillig.

„Ich habe Kopfschmerzen.“ Theodor, den er nicht einmal besonders gut leiden konnte, machte ein mitleidloses Gesicht. Wenn es jemanden gab, mit dem er sich diesen luftleeren Raum hier teilte, der den Brief niemals zu Gesicht bekommen dürfte, dann war er es. Draco war zu sehr von seinen eigenen Problemen eingenommen, dass er sich auch noch auf Blaise Katastrophen stürzen würde, Goyle war zu nett um ihn für etwas zu verurteilen, was er nicht verstand und was Vincent Crabbe anging, war Blaise sich nicht einmal sicher, ob er lesen konnte. Aber Theodor war immer gelangweilt. Und grausam. Und intelligenter als man meinen sollte.

Aber immerhin schien er Blaise zu glauben, dass es körperliche Schmerzen waren, die ihn in seine Isolation getrieben hatten. Und nicht die leichtfertigen, unglaublich ehrlichen und gefährlichen Worte des Mädchens, das die ganze Schule kannte, weil sie vom Glockenturm gesprungen war. Und ihr Leben vor zwei Wochen mit der Ankunft auf dem Steinboden des Innenhofs beendet hatte. Mit Konsequenz.

Vor zwei Wochen. Zwei Wochen lang hatte er sich eingeredet, dass es ihn nichts anging. Dass er weder sie, noch ihre Gründe kannte. Dass er keine Rolle in ihrem Leben gespielt hatte, wenn sie es nicht einmal für nötig gehalten hatte sich von ihm zu verabschieden. Aus einem kindlichen, grausamen Impuls heraus war er sogar wütend geworden. Weil er ihr nicht so wichtig gewesen war. Nicht wichtig genug um nicht die Stufen des Turms hochzusteigen und den anderen Weg hinunter zu wählen. Den falschen Weg.

„Du siehst auch irgendwie krank aus.“ Schwäche. Theodor Nott hatte einen Blick für menschliche, peinliche, verheerende Schwäche. Du weißt wo du hinsehen musst, das hast du immer gewusst. Er selbst hatte diesen Blick auch.

Und doch hatte er nicht den Mut, nicht den Willen, ja nicht einmal die Lust, noch an diesem Abend in den vierten Stock zu gehen, sich vor die Statue von Gregor dem Kriecher zu stellen und sich daran zu erinnern, dass er auch einfach hätte wegsehen können. Dass er mit all dem nichts zu tun haben könnte.

Dass Luna Lovegood für ihn bedeutungslos hätte sein können.
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