Joan-Shepard-Chroniken: Das verlorene Spiegelbild – Teil III

von Taia
GeschichteRomanze, Sci-Fi / P18
30.04.2017
16.03.2019
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„Seltsam…“, murmelte Joan und sah den menschenleeren Flur entlang. Die Cerberus-Station im Asteroidengürtel von Micah, war verlassen. Zumindest den ein oder anderen Mech hätte Joan erwartet, aber nicht eine Sicherheitsmaßnahme sprang an.
So wichtig konnte diese Station nicht sein, dachte sie skeptisch, und hoffte, dass Kaidan sie nicht angelogen hatte und dieses Theater nur veranstaltete, um sich in ihrer Nähe aufzuhalten.
Mit einer knappen Handbewegung singlaisierte sie Roc, er solle den Flur entlang laufen. Der Varren war ein hervorragender Signalgeber. Er nahm Gegner mit seiner Nase wahr, lange bevor sie in ihr Sichtfeld kamen. Aber Roc schlug nicht Alarm, ganz im Gegenteil. Er wedelte fröhlich mit dem Schwanz und schien Spaß zu haben. Es würde sie nicht wundern, wenn er irgendwo einen Stecken fand und mit ihr spielen wollte.
Missmutig ließ sie ihre Pistole sinken, bemerkte, dass Kaidan neben ihr stehenblieb und warf ihm einen Blick zu.
Seiner angespannten Haltung und der ernste Miene zu urteilen, war das alles andere als ein Zeitvertreib für ihn. Gut so. Ein Grund weniger dem Bedürfnis, ihm eine Kugel in den Kopf zu jagen, nachzugeben.
Er erwartete etwas hier zu finden, während Joan nicht wusste, ob sie überhaupt Antworten wollte.
Sie hätte es nicht zugegeben, aber sie hatte Angst davor. Sie konnte sich nicht erinnern, diese Station je betreten zu haben. Manche Dinge sollten vergessen bleiben.
Ryan hatte ihr ins Gewissen geredet, bis sie auf die Normandy gewechselt war. Zeitgleich hatte Ryan Kaidans Angebot angenommen und war vorübergehend zu ihm, Suri und Meghan gezogen.
Ryan wollte bei seinem Enkel sein und hatte mehr als einmal betont, dass er gerne in Joans Nähe wohnen wollte, sofern sie sich dazu entschied auf der Erde zu bleiben. Aber ein Cerberusschiff würde er nie wieder in seinem Leben betreten.
Joan verstand ihn und ein winziger, sehr kleiner Teil in ihr wollte sich ihm gerne anschließen.
Eine Familie… Der Gedanke weckte eine befremdliche Sehnsucht in ihr.
Wieso kam sie nicht mehr mit sich klar? Sie war in vielen Dingen so zwiegespalten, dass sie es kaum noch aushielt.
Cerberus war nicht richtig, aber die Allianz auch nicht.
Kaidan war nicht richtig und Ben war tot.
Keine Missionen mehr, die sie bestreiten musste, keine Aufgabe mehr. Keine Galaxie, die gerettet werden musste.
Da war nur noch Leere in ihrem Inneren und es gab nichts, mit der sie diese Leere füllen konnte.
Sie war unfähig Entscheidungen zu treffen.
Etwas, das untypisch für sie war. Hier suchte sie eine Antwort darauf und erhoffte sich eine Lösung dafür.
Es hatte knapp zwei Wochen gedauert, bis die Normandy im Sol-System angekommen und weitere vier, bis das Portal im Sol-System wieder funktionstüchtig gewesen war.
Dann noch eine Woche, bis das Portal in der abgelegenen Walhalla-Grenze wieder funktionierte.
Jetzt endlich waren sie hier. Inmitten einer intakten Station, am Rande der Galaxie.
Mit einem Mann, mit dem sie ihr Leben hatte verbringen wollen und dessen Anwesenheit Joan kaum ertrug.  Sie durchliefen die schlecht beleuchteten Flure, um ein Ziel zu suchen, von dem sie nicht einmal wussten, wie es aussah.
Bis jetzt hatten sie nur unnütze Lagerräume, medizinische Behandlungszimmer und verlassene Quartiere gefunden, eine Messe, eine kleine Shuttlebucht und einen Fitnessraum.
Alles in allem nichts ungewöhnliches.
„Hier ist nichts.“ Joan seufzte ungehalten auf. Sie hätte sich mit einem Feuergefecht und Gegner deutlich wohler gefühlt. Stattdessen war sie mit Kaidan alleine.
Sie hätte Ryan mitnehmen können, er hätte sie sicherlich begleitet, aber aus unerfindlichen Gründen wollte sie nicht, dass er hier war.
Ein Squad hatte sie im Moment genauso wenig. Sie waren ihrer Wege gegangen. Genau so wie sie ihren Weg hätte gehen müssen. Aber Joan verharrte auf der Stelle und bekam nicht einmal einen Fuß hoch.
Samara folgte ihrem Ruf als Justikarin, Jack amüsierte sich vermutlich in irgendeiner Spelunke, Kasumi war mit Keiji zusammen und Javik flüchtete vor seinen Fans und Liara.
Im Augenblick blieb niemand übrig, den sie mit auf eine Mission nehmen konnte, aber wie es schien, ging es Bres´ nicht anders.
Kaidan hatte bei ihrem gestrigen, gemeinsam eingenommenen Abendessen in der Messe erwähnt, dass Grunt sich nach Tuchanka zurückgezogen hatte und Liara sich ein Büro auf der Citadel einrichten wollte. Zaeed überlegte ernsthaft, ob er der Allianz beitreten sollte, was vermutlich an einem gewissen Lt. Commander lag.
Thane hatte den Angriff auf die Citadel überlebt und lag in einem Krankenhäuser auf der Erde. Trotz Joans hartnäckigen Versuchen vor drei Jahren, eine Heilung für das Kepral-Syndrom zu finden, lag er im sterben. Doch dank den Testergebnisse, die Mordin mit ihm gewonnen hatte, entwickelte der Salarianer eine hoffentlich wirkungsvolle Heilmethode.
Obwohl sie Thane nicht besonders nahe stand, kam sie sich wie eine Versagerin vor.
Nicht nur, dass ihr nichts zu gelingen schien. Am Ende war es nicht einmal sie gewesen, die die Reaper gesiegt hatte. Sie hatte versagt. In allen Belangen war sie eine absolute Versagerin.
„Lass uns noch dort hinten nachsehen.“ Kaidan deutete mit dem Lauf seiner Pistole den Flur entlang, in dem Roc verschwunden war.
„Von mir aus“, murmelte Shepard und folgte ihm um die nächste Biegung, die direkt vor einem verriegelten Metalltor endete. Kaidan tippte auf dem Display herum und schloss dann sein Omnitool an.
„Die Türe ist mit einem komplexen Sicherheitssystem geschützt. Könnte eine Weile dauern, bis sie sich öffnet.“
Shepard schnaubte und warf die Hände in die Luft. Wenn es weiter nichts war. Vielleicht fanden sie dahinter zumindest etwas brauchbares. Rohstoffe oder Lebensmittelvorräte.
Ergeben hockte sie sich an die Wand gelehnt auf den Boden und streichelte Roc so ausgiebig, bis ihr Arm lahmte.
„Hab´s“, kam es irgendwann sehr viel später von Kaidan. Die schwere Sicherheitstüre glitt mit einem Zischen auf. „Dahinter war ein Vakuum.“
„Wozu?“, hakte Joan verwundert nach und rappelte sich auf. Der kurze Flur wirkte wenig einladend. Er war dunkel und abwesend knipste sie die Lampe an ihrem Helm an.
„Ich weiß es nicht“, gestand Kaidan, tat es ihr gleich und kurz darauf erhellten zwei Lichtkegel den Gang. „Der Bereich befindet sich mitten in der Station, es gibt keinen triftigen Grund dafür.“
„Vielleicht hatte das System eine Fehlfunktion?“, mutmaßte Shepard und stellte verwundert fest, dass der einzige weitere Durchgang direkt vor ihnen lag.
„Soweit ich sehen konnte, gab es keine Fehlfunktion. Es war Absicht“, erläuterte Kaidan, zeitgleich heulte Roc auf. Er schoss an ihnen vorbei, direkt durch den offen stehenden Durchgang. „Was hat er?“
„Keine Ahnung“, erwiderte Joan und folgte ihrem Varren wachsam. Wenn er Gegner wahrnahm, blieb er stehen und knurrte. Das war eindeutig weniger auffällig, als dieses Geheule gerade.
Der Raum, den sie als nächstes betraten, war großzügig angelegt. Mehrere Bürotische standen an den gewölbten Wänden, davor mehrere Terminals. Von der Decke hingen weitere Bildschirme und dahinter befand sich ein breites Sichtfenster.
Roc hockte vor der nächsten Türe und schabte mit den Vorderpfoten daran. Die kratzenden Krallen auf dem Metall verursachten ein unangenehm schrilles Quietschen.
„Roc, komm her“, forderte sie den Varren auf, der ihrer Aufforderung nur ungern nachkam. Er winselte, zog den Schwanz ein und trottete mit hängenden Ohren zu ihr. „Was ist dort drin?“, wollte Joan von Kaidan wissen und spähte durch das Sichtfenster in die Schwärze dahinter. Die Lampe an ihrem Helm spiegelte auf der gläsernen Fläche und machten es unmöglich genaueres zu erkennen.
„Warte.“ Kaidan ließ sich in einen der Stühle fallen und aktivierte das Terminal. Innerhalb kürzester Zeit fuhren sämtliche Bildschirme hoch und das Licht ging an. „Die Türe ist ebenfalls verriegelt, ich brauche ein paar Minuten“, erläuterte er abwesend. Immerhin konnte Joan jetzt erkennen, was sich hinter dem Sichtfenster befand. Sie zog sich ihren Helm ab, um besser sehen zu können und musterte das Zimmer angespannt.
Mehrere geschlossene Fächer befanden sich in der gegenüberliegenden Wand, ansonsten war der Raum leer.
Weswegen wollte Roc unbedingt dort rein? Gab es dort Fressen?
Wer riegelte Essensvorräte so gut ab? Sicher, vor wenigen Wochen lagen sie noch im Krieg. Vielleicht sollte das hier ein letzter Rückzugsort für den Unbekannten sein. Eine letzte Möglichkeit, den Reaperkrieg überleben zu können, wenn seine Pläne scheiterten.
„Jo“, Kaidans Stimme klang alarmiert und Shepards Blick folgte seinem Nicken in Richtung des Bildschirms über ihren Köpfen, „hier sind Aufzeigungen von dir. Jede Menge davon.“
Er spielte eine davon ab und Shepard sah sich selbst im Profil, mit roten, zerzausten Haaren. Sie hockte missmutig auf einer Pritsche in der Ecke, die Lippen zu einem Strich zusammengepresst, der ganze Körper angespannt, wie eine Sehne.
„Joan“, erklang eine Stimme in der Aufzeichnung, „du verstehst, warum du hier bist?“
„Das ist Ben“, stellte Kaidan grimmig fest, stand auf und stellte sich neben sie, um die Aufzeichnung besser sehen zu können. Ein Gefühl unbedingt Flüchten zu wollen, brannte in ihren Eingeweiden. Sie war nie davon gelaufen. Vor keinem einzigen Kampf, wieso wollte sie es jetzt unbedingt?
„Einen Teufel verstehe ich“,  zischte die Shepard in der Aufzeichnung. Ihre Stimme bebte vor unterdrückter Wut. Sie klang fremd in Joans Ohren. Hörte sie sich wirklich so an? Ein Seufzen von der Person außerhalb des Ausschnitts folgte.
„So viel dazu, dass du dich Cerberus freiwillig angeschlossen hast“, knurrte Kaidan neben ihr.
Die Shepard in der Aufzeichnung schrei auf, sie beugte sich nach vorn und presste beide Hände gegen ihren Kopf, als hätte sie starke Schmerzen.
„Es ist einfacher, wenn du dich nicht dagegen sträubst“, erläuterte die andere Stimme in einem sanften Tonfall.
„Einen Teufel werde ich… Ich gebe… nicht… nach.“ Shepards Stimme in der Aufzeichnung schien immer verfremdeter. Dann drehte die Shepard in den Vids ihr Gesicht vollständig in die Kamera und Joan keuchte erschrocken auf.
Die andere Hälfte ihres Gesichts war von dunklen Linien durchzogen, das Auge leuchtete unheimlich. Sie sah aus, wie ein halber Husk.
„Verdammt“, keuchte Kaidan auf, „was hat Cerberus mit dir gemacht!“
„Ich… kann mich nicht daran erinnern“, stammelte Joan und war dankbar, dass Kaidan die Aufzeichnung stoppte. Doch dann ließ er die nächste ablaufen. Der innere Drang wegzurennen und nie wieder stehen zu blieben nahm zu. Joans Finger ballten sich zu Fäusten.
Die Aufzeichnung einer Überwachungskamera wurde abgespielt. Sie zeigte Ben und Miranda in einem Flur. Andere Cerberus-Mitarbeiter huschten geschäftig an ihren vorbei.
„Die Indoktrination hat nicht den erwünschten Erfolg“, erläuterte Miranda, „Der Unbekannte wünscht, dass wir mit dem Plejaden-Projekt beginnen. Asterope ist bereit.“
„Verstehe“, nickte Ben abgehackt. Ein Knall erklang. Es musste sich um eine abgefeuerte Waffe handeln. Sofort waren alle in heller Aufregung und einer der Cerberus-Mitarbeiter rief Miranda im Vorbeirennen zu: „Shepard! Sie hat eine Waffe!“
„Wie konnte das passieren?“
Die nächste Aufzeichnung zeigte Shepard wieder auf einem Bett. Sie hatte die Beine angezogen, das Gesicht gegen ihre Knie gepresst und weinte.
Joan wurde schwindlig. Ohne sich dessen bewusst zu sein, krallte sie eine Hand in Kaidans Unterarm.
„Das kann nicht Ihr ernst sein, Miranda! Sehen Sie sie nur an? Sie ist nicht einmal halb sie selbst. Sie kann nicht mehr auf eine Mission.“
„Das ganze dauert schon zu lange. Wir machen weiter.“

Ben seufzte. Dann herrschte für einen Moment Stille in dem Raum, bis auf Shepards schluchzen.
Dann trat Ben in den Kameraausschnitt und hockte sich zu ihr aufs Bett. Er strich tröstend mit einer Hand über ihren Hinterkopf. „Schsch… schon gut. Du hast es bald überstanden.“
Die Aufzeichnung brach ab.
Kaidan hatte sich mittlerweile ebenfalls des Helms entledigt und wischte sich mit der behandschuhten Hand über das fassungslos wirkende Gesicht. Er war blass.
„Oh Gott, Jo. Wenn ich nur…“ Seine Stimme klang erstickt und er rang deutlich um Fassung.
Es dauerte eine Weile, bis er bereit war die nächste Aufzeichnung abzuspielen. Joan wollte ihn anschreien, dass er es nicht tun sollte, aber kein einziger Laut entwich ihrer Kehle.
Dann, bevor die Aufzeichnung startete schob Kaidan ihre Hand in seine. Ihre Finger verschränkten sich ineinander. Diesmal störte es Joan nicht, ganz im Gegenteil. Er war der einzige Fixpunkt in dem Chaos, dass in ihr tobte.
Die Aufzeichnung zeigte die kleine Shuttlebucht, in der sie wenige Stunden zuvor selbst gelandet waren. Shepard stand in ihrer Panzerung neben einem Cerberus-Shuttle und hob eine Pistole.
„Ich weiß, was ihr macht“, zischte sie und zielte auf einen Cerberus-Soldaten, „und ihr werdet keinen Erfolg damit haben!“
„Joan, nimm die Waffe runter!“ Ben erschien im Bildausschnitt, ebenfalls in einer Panzerung. „Nimm sie runter und wir reden darüber.“
Shepard lachte zynisch auf. „Irgendwann werden sie euch schon ausgehen.“ Dann hob sie die Waffe, drückte den Lauf an ihre Schläfe und drückte ab. Leblos sackte ihr Körper zusammen und schlug mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden auf.
Shepard keuchte. Ihr Verstand weigerte sich das Gesehene zu verarbeiten. Ihr ganzer Körper prickelte unangenehm.
„Jo?“, krächzte Kaidan und schien mit den nächsten Worten zu kämpfen, „Kannst du dich daran erinnern?“
„Nein“, hauchte sie und drückte seine Hand, so fest, dass ihre Finger taub wurden. „Ich kann mich an gar nichts davon erinnern.“ War das ihre Stimme? Sie klang so panisch.
„Ich denke, ich weiß auch warum.“ Kaidan drehte den Kopf zu ihr. Er sah blass aus und die gleiche Panik, die in Joans Stimme aufloderte, flackerte in seinen Augen.
„Das Plejaden-Projekt - es hat eine Weile gedauert, bis es mir wieder einfiel. Jacob hatte eine Datei mit dem Namen in seinen Unterlagen. Aber ich hatte gehofft…“ Er stockte, atmete tief durch und löste ihre Hand von seiner. Schwerfällig schleppte er sich zu dem noch verschlossenen Durchgang in den Raum dahinter. Roc folgte ihm und blieb vor einem der Fächer schwanzwedelnd hocken.
Joan brauchte die Antwort nicht mehr.
Bebend setzte sie einen Fuß vor den anderen, doch ihre Schritte brachten sie nur bis zu der offen stehenden Türe. Im Raum dahinter roch es steril, nach Desinfektionsmittel und Metall.
„Nach der Mythologie waren die Plejaden sieben Töchter des Atlas.“ Sie hörte Kaidans Stimme, doch sie verstand ihn kaum. In ihren Ohren rauschte es. Kaidan legte eine Hand auf den Verschluss des Faches vor dem er stand.
„Alkyone; Fehlgeschlagen.“ Die Klappe öffnete sich lautlos. Eine Liege schob sich in den Raum.
Joans Verstand setzte aus. Ihre Lippen zuckten. Am liebsten hätte sie aufgelacht, aber es blieb ihr im Hals stecken. Sie lag dort auf der Liege. Vollkommen unversehrt und doch bewegungslos, blass, kalt, tot.
„Asterope; Fehlgeschlagen.“ Kaidan zog die nächste Klappe auf. Eine Schusswunde klaffte an der Schläfe und erinnerte Joan an die Aufzeichnung, die sie gerade gesehen hatte. Wie oft konnte ein Mensch sterben? Einmal? Zweimal? Dreimal?
„Kelaino; Fehlgeschlagen.“ Die nächste Shepard zeigte deutliche Brandnarben.
„Elektra.“ Kaidans Hand strich zögernd über die Klappe und sah zu ihr. Für einen  Moment glaubte Joan, er wollte etwas sagen, doch dann schüttelte er den Kopf und öffnete das Fach.
„Zuversichtlich.“
Die Liege war leer und Joan lachte humorlos auf, dann schüttelte ein Krampf ihren Körper durch. Sie wusste nicht ob sie sich übergeben oder schreien oder lachen oder alles gleichzeitig tun wollte.
Sie wusste es. Sie hatte es schon immer gewusst!
Kaidans Hand wanderte weiter und strich über die drei verbliebenden Fächer.
„Maia, Merope, Taygete – Reserveposten… Ich denke, sie liegen in Stase…“ Während er sprach wanderte sein Blick zu dem Fach etwas abseits, vor dem Roc immer noch hockte und leise winselte.
Dann sah er zu ihr. Unsägliche Trauer verzerrte sein Gesicht.
„Sie müssen irgendetwas mit deinem Verstand gemacht haben. Ihn kopiert, ihn bearbeitet haben…Es… tut mir so leid, dass ich nicht…“
Shepard schüttelte den Kopf. Um Halt zu finden, krallte sie eine Hand in den Türrahmen.
„Ich war nie sie, nicht wahr?“ Woher sie die Kraft fand, einen vernünftigen Satz auszusprechen, wusste sie nicht.
Kaidan machte eine nicht zu deutende Geste. Ihm fehlten die Worte und er schloss für mehrere Herzschläge die Augen, versuchte sich zu sammeln.
Dann schüttelte er sacht den Kopf und wandte sich Roc zu.
Sie beobachtete Kaidan, wie er immer wieder über das kleine Display über der letzte Klappe strich.
„Subjekt One“ stand dort.
Es dauerte lange, bis er sich dazu überwinden konnte das Fach zu öffnen. Dort lag sie selbst, eine Gesichtshälfte entstellt durch Reaper-Technologie.
Joan starrte auf das ihr so vertraute Gesicht, dass sie jeden Tag im Spiegel sah und doch nicht ihres war.
Erst, als Kaidan mit trägen Bewegungen einen Handschuh auszog und behutsam die gefalteten Hände berührte, fiel Joan der Ring dort auf.
Silbern, mit einem kleinen eingefassten Diamanten.
„Jo…“ Diesmal galt dieses schmerzerfüllte Seufzen nicht ihr, sondern der tote Frau auf der Liege. Kaidans Hand ballte sich zur Faust, dann entspannte sie sich wieder und legte sich auf Shepards Finger mit dem Ring.
„Ich… bin zu… spät.“ Irgendwann zwischen diesen Worten brach seine Stimme ab und wurde durch ein Schluchzen unterbrochen.
Stolpernd taumelte Joan zurück, genau in den Moment, als Kaidan kraftlos auf die Knie sackte. Eine Hand presste er gegen seinen Mund, was die aufkommenden Schluchzer kaum zu dämpfen vermochte.
Joans Blick glitt durch den Raum, die vielen Leichen und alle waren sie!
Hastig machte sie auf dem Absatz kehrt und rannte. Sie hatte das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen!
Alles war falsch!
Sie war eine Kopie! Ein billiges Abbild ihrer Selbst. Ein gefügiger von Cerberus kontrollierter Klon. Eine Puppe! Eine Marionette!
Und Ben hatte es gewusst, er hatte… er hatte…
Atemlos stolperte sie gegen eine Wand und krümmte sich zusammen. Haltlos rollten Tränen über ihre Wangen, ihr Körper bebte.
Sie war nicht echt. Nichts an ihr war echt! Nicht ihre Vergangenheit, nicht ihr Name, absolut gar nichts! Sie sollte nicht einmal existieren!
Sie war ein Schatten!
Ein NICHTS!
Ein Nichts….

Auf dem Rückflug ins Sol-System wollte Joan niemanden sehen und ganz entgegen ihrer Erwartungen versuchte Kaidan nicht einen Versuch, sie zu sehen.
Sie hatte kein Recht dazu, deswegen verletzt zu sein.
Jetzt, da sie wusste wer, was sie war, konnte sie nicht mehr auf der Normandy bleiben.
Es war nicht ihr Schiff, es war Shepards Schiff.
Genau so wenig konnte sie zur Allianz. Dieses Angebot galt der echten Shepard, nicht einer billigen Kopie.
Sie existierte nur, weil sie nicht stark genug gewesen war. Es nicht hatte begreifen können. Es nicht hatte sehen wollen.
Die anderen Klone, sie hatten verstanden, was sie waren, nur Joan war zu schwach gewesen, zu dumm!
In einem Tobsuchtsanfall riss sie sämtliche Cerberus-Uniformen aus ihrem Schrank, griff sich eine Schere und zerschnitt sämtliche Kleidung. Zerbrach alles, was ein Cerberus-Symbol hatte und zerkratzte das groß an der Wand prangende Symbol bis zur Unkenntlichkeit.
Irgendwann sah ihr Quartier wie ein Schlachtfeld aus. Genau so, wie sie sich fühlte. Zerschlagen, verletzt, bis zur Unkenntlichkeit zerrissen.
Ihre Schiffs-KI informierte sie darüber, dass sie innerhalb der nächsten Stunde die Erde erreichten und Joan wandte sich in Ermanglung an noch tragbarer Kleidung dem einzigen Gegenstand zu, der noch unversehrt war.
Die Kiste mit ihren persönlichen Dingen, nein mit Shepards persönlichen Dingen, die Kaidan ihr mitgegeben hatte, bevor sie von der Shield aufgebrochen war.
Joan öffnete sie zögernd, fand zerschlissene Jeans, Stiefel, einige Shirts und eine Lederjacke.
Sie konnte nicht zurück zu Ryan, sie war nicht seine Tochter. Kaidan würde es ihm sicher erklären und dann würden sie gemeinsam um Shepard trauern.
Joan schloss die Arme fest um ihren Brustkorb. Es gab keinen Platz mehr, an den sie gehörte.
Außer vielleicht einen…

New York war genau so wenig von den Reaper verschont geblieben, wie die anderen großen Städte. Ganze Häuserblocks waren dem Erdboden gleichgemacht worden und selbst durch die tatkräftigen Aufräumarbeiten der Reaper, sah die Stadt immer noch wie ein einziges Schlachtfeld aus.
Es grenzte an ein Wunder ohnegleichen, dass der Wohnblock, in Brooklyn heilgeblieben war. Joans Blick glitt an der Häuserfront hoch. Dicke Flocken rieselten ihr entgegen und sie zog die Kapuze des Hoodies enger um ihr Gesicht, bevor sie ihre Hände wieder in den Taschen der Lederjacke vergrub.
Sie wusste nicht, ob sie überhaupt das Recht hatte hier zu sein.
Zögernd betrat sie den Eingang ließ Schnee und Kälte hinter sich, wie ihre ganze falsche Vergangenheit, das Kommando über die Normandy und die Allianz.
Sie kehrte allem den Rücken.
Immer noch unschlüssig entschied sie sich für die Treppe, statt den Aufzug und schleppte sich die zwölf Stockwerke nach oben. Der Weg war lange genug, um sich die ganze Sache noch einmal gründlich durch den Kopf gehen zu lassen.
Als sie schnaufend dem Flur im 12. Obergeschoss folgte, wägte ihr Verstand immer noch die Argumente ab, während ihre Füße sie einfach vorwärts trugen.
Dann blieb sie vor der Wohnung mit der Nummer 12.16 stehen und das Klingenschild an.
Was wenn? Was, wenn nicht?
Das hier fühlte sich realer an, als jede andere Erinnerung in ihrem Kopf.
Nein, sie hatte nicht das Recht dazu hier zu sein! Sie besudelte Shepards Andenken, das hier war kein Teil aus Joans Leben.
Hastig drehte sie sich weg und wollte zurück zu den Aufzügen, da rempelte sie jemand von hinten an.
„Entschuldigung…“ Kurzes Zögern. „Baby?“ Warme Hände umfassten ihre Oberarme. „Es geht dir gut! Gott sei Dank. Ich dachte schon…“ Die letzten Worte war kaum verständlich. Chris zog sie in eine feste Umarmung, die sich genau so real anfühlte, wie ihre Erinnerungen an ihn. Automatisch schloss Joan ihre Arme um seinen Rücken und lehnte sich gegen den anderen Körper.
„Ich bin nicht echt…“, murmelte sie gegen seine Schulter und presste die Augenlider fest zusammen. Was, wenn er sie auch nicht wollte?
Ihr ganzes bisheriges Leben existierte nicht. Keine Freunde, keinen Sinn, gar nichts, an dem sie sich festhalten konnte.
„Was?“, hakte Chris nach und schob sie ein Stück von sich.
„Ich bin nicht echt. Ich bin ein Klon. Die echte Shepard ist seit drei Jahren tot“, purzelte es aus ihrem Mund, noch ehe sie überlegen konnte.
Eine steile Falte bildete sich zwischen Chris Augenbrauen, dann wanderte sein Blick hastig an ihr herunter.
„Von was redest du da, Baby? Komm rein.“ Er zog sie mit sich. Einfach so. Die volle Einkaufstasche in einer Hand, Joan in der anderen. Behutsam lotste er sie Richtung Sofa. „Setzt dich und ich mach uns Kaffee. Dann erzählst du mir alles.“ Er wandte sich zu der kleinen Küchenzeile und schnaubte. „Verdammt, ich hab nur den Instantkaffee, richtiger Kaffee ist gerade nicht zu ergattern.“
Joan wollte etwas erwidern, aber ihr blieben die Worte im Hals stecken.
Das hier fühlte sich so gut an, nach einem Zuhause, einem Ort, an dem sie willkommen war.
Das hatte Chris immer wieder zu ihr gesagt.
Aber es galt nie ihr, sondern dem Original.
Sie wusste, dass sie gehen sollte, bracht es aber nicht über sich.
Dann begann sie zu weinen.  
„Schsch… Alles gut, Baby.“ Chris ging vor ihr in die Hocke und strich mit den Händen über ihre Oberarme, doch Joan schüttelte energisch den Kopf.
„Ich muss gehen… Ich gehöre nicht hier her.“
„Schwachsinn!“, entschied er und hinderte sie am aufstehen. „Ich sehe eine Posttraumatische Belastungsstörung wenn ich es sehe, vor allem bei dir. Genau wie nach Akuze. Was auch immer passiert ist, wir kriegen das wieder hin. Du bleibst auf jeden Fall hier.“
So viele Erinnerungen, die in ihrem Kopf waren und sie waren nur dort, weil Cerberus es so gewollt hatte. Weil Cerberus keine Bedrohung in ihm gesehen hatte, nicht wie bei Kaidan und Meghan.
Was, wenn sie ihn auch aus ihren Erinnerungen gelöscht hätten. Es gäbe überhaupt keinen Ort mehr für sie.
Sacht hob sie eine Hand und strich damit über seine Wange. In seinen Augen war das Braun verschwunden, dafür strahlte ihr das hellgrüne Hologramm entgegen. Dennoch, der Ausdruck darin war vertraut. Ihr Daumen strich über seine Unterlippe, bevor sie lautstark schniefte.
„Auch, wenn ich nicht sie bin?“
Chris wirkte besorgt, aber er schien ihre Frage ernst zu nehmen. Er überlegte gründlich, dann lächelte er.
„Auch, wenn du nicht sie bist. Es ist mir egal.“

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USA-Chat / Privat Channel Ryan Shepperd

Ryan Shepperd – November 17 10:12 AM
Joan, Kleines, wo steckst du?
Kaidan hat mir erzählt, was ihr auf dieser Raumstation gefunden habt. Glaube mir, es ist mir völlig egal! Du bist meine Tochter und nichts und niemand kann das ändern.
Ich verstehe, wenn du Zeit brauchst, aber du sollst wissen, dass ich für dich da bin. Genau wie Kaidan oder Meghan. Wir sind eine Familie, Kleines.
Sag mir einfach, wo du bist und ob es dir gut geht. Dann muss ich mir keine Sorgen mehr machen.

Joan Shepard – November 17 15:52 PM
Bin bei einem guten Freund. Mach dir keine Sorgen, Ryan.

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Von: Kolyat Krios
An: Kaidan Alenko
Betreff: Die Zeit wird knapp

Sehr geehrter Mr. Alenko,
mein Vater liegt im Asklepios Krankenhaus. Sein Zustand verschlechtert sich zusehends. Er würde sich freuen, wenn er Sie und Commander Shepard ein letztes Mal sehen könnte. Sie wissen nicht Zufällig, wo sie sich im Moment aufhält?
Jedenfalls, bitte ich Sie – sofern es Ihre Zeit zulässt – meinen Vater zu besuchen.
Mit freundlichen Grüßen
Kolyat Krios

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Von: Ashley Williams
An: Kaidan Alenko
Betreff: Danke

Hey Kaidan,
die letzten Monate scheinen härter gewesen zu sein, als der ganze Krieg. Zwei Beerdigungen innerhalb kürzester Zeit.
Irgendwie war es seltsam sich von Joan zu verabschieden, obwohl noch eine Ausgabe von ihr auf der Erde herum läuft. Es war schön, dass du sie als Joan Alenko beerdigt hast. Hättet ihr Zeit gehabt, wäre es bestimmt eine tolle Hochzeit gewesen. Wobei, Joan und heiraten, ich weiß nicht, ob das so zusammen passt. Kopf hoch!
Das mit Thane tut mir leid. Zaeed hat ihn öfters erwähnt. Er muss ein großartiger Kampfgefährte gewesen sein.
Danke für den schönen Abend, auch wenn ich gleich am nächsten Morgen los musste. Aber ein Weihnachten ohne, dass ich meine Schwestern gesehen hätte, wäre kein Weihnachten.
Nächstes Jahr feiern wir bei meiner großen Schwester, einverstanden?
Ciao
Ashley

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Von: Prof. Albert Steiner
An: Kaidan Alenko
Betreff: Ihre Anfrage

Sehr geehrter Herr Alenko,
Ihre Mutmaßungen bezüglich der Relativitätstheorie in Verbindung mit Interdimensionaler Reise und Verschiebung der Realitäten sind höchst interessant. Ich nehme nicht an, dass Sie diesbezüglich weitere Informationen besitzen? Ich wäre an einem Austausch sehr interessiert.
Hochachtungsvoll
Albert Steiner
Diplom-Physiker

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Von: Dr. Karin Chakwas
An: Ryan Shepperd
Betreff: Abschied

Hallo Ryan,
ich bin froh, dass du verstehst, dass ich wieder auf einem Allianz-Schiff arbeite. Irgendwie liegt es mir nicht, an einem festen Platz zu sein. Noch nicht.
Wir sehen uns bei meinem nächsten Landgang.
Viele liebe Grüße
Karin

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Von: Jeff Moreau
An: Garrus Vakarian
Betreff: Party

Hey Garrus,
Rannoch ist unglaublich! Und das Klima tat meinen lädierten Knochen richtig gut. Vielleicht sollten Edi und ich uns dort ein Haus kaufen.
Unglaublich, dass viele Quarianer mittlerweile ohne Masken auskommen. Tali sah wirklich verdammt gut aus. Edi meinte, sie möchte auch so ein Kleid.
Kannst du Tali fragen, wo sie es gekauft hat, sonst liegt mir Edi noch länger damit in den Ohren – nicht, dass sie selbst fragen könnte. Frauen…
Jedenfalls haben wir eure Hochzeit sehr genossen. Es war schön wieder einmal die alte Crew zu sehen. Schade, dass sich Shepard nicht dazu aufraffen konnte zu kommen. Sie scheint immer noch damit zu kämpfen, dass sie nicht die echte ist.
Ashley und ein Spectre! Ich kann es immer noch nicht glauben. Kann es sein, dass sich da was zwischen Ashley und Zaeed, dem alten Knochen, anbahnt? War doch seltsam, dass die beiden zusammen auf Rannoch gelandet sind. Vor allem konnte ich mir Zaeed nie in einer Allianz-Uniform vorstellen. *lach* Ich kann es immer noch nicht! Am Schluss bewirbt er sich auch noch als Spectre!
Wir sehen uns bei Meghans 5. Geburtstag!
Jeff

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USA-Chat / Privat Channel Kaidan Alenko

Kaidan Alenko – Mai 23 07:01 AM
Kannst du mich heute vertreten, Hamit? Suri geht es nicht gut und ich muss Meghan zur Vorschule bringen. Roc hat den Garten auch schon wieder umgegraben.
Lass sie Fokus-Übungen machen und wenn Nica meint, er hat Bauchschmerzen, dann drohe ihm mit Nachsitzen. Er versucht es jeden Tag aufs neue. So oft, wie ich ihn schon zum Arzt geschickt habe und er von Dr. Faas ein Eis wollte, kann ich gar nicht mehr zählen.

Hamit Aygur –  Mai 23 07:02 AM
Kein Problem. Deine Kids sind sowieso handzahm, wenn ich da an meine Klasse denke…
Fokus-Übungen, verstanden. Die werden schon wissen, was du damit meinst.
Sag Suri endlich, sie soll die Kekse aus dem Drogeriemarkt probieren, die haben Maggy immer geholfen. Gute Besserung!

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Von: Ross Industries
An: Surina Nicoletti
Betreff: Ihre Bestellung

Sehr geehrte Frau Nicoletti,

vielen Dank für Ihre Bestellung bei Ross Industries vom 02. Juni 2189 um 09:32.

Informationen zu Ihrer Bestellung:

Artikel          Pos.          Art-Nr.          Menge          Preis          Summe
Schulranzen
Pink/Einhorn     1          122-235     1          2500 C.          2500 C.
Schultüte     1          221-455     1          1100 C.          1100 C.
Buntstifte     1          541-554     1             350 C.             350 C.

Voraussichtlicher Liefertermin ist der 04. Juni 2189

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Von: Dr. Liara T´Soni
An: Surina Nicoletti
Betreff: Meghans Einschulung

Hallo Suri!
Soll wohl ein Scherz sein? Natürlich komme ich zu so einem großen Ereignis! Ich freue mich unglaublich darauf! Unfassbar, wie groß sie mittlerweile ist und sag ihr nochmals danke für das tolle Bild, dass sie mir geschickt hat.
Keine Sorge, ich verlasse Tessia rechtzeitig.
Viele Grüße
Liara

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USA-Chat / Privat Channel Surina Nicoletti

Surina Nicoletti – September 16 13:01 PM
Vergiss Meghans Termin nicht! Ich kann nicht, ich muss noch alles Mögliche vorbereiten! Wenn ich ihn jetzt absage, bekommen wir erst in einem halben Jahr wieder einen Termin.

Kaidan Alenko –  September 16 23 13:02 PM
Ich denke dran, bin schon so gut wie Zuhause. Mach dir nicht so viel Arbeit. Sie kommen alle wegen Meghan und nicht wegen dem Essen. (Auch wenn du unglaublich gut kochst)

Surina Nicoletti – September 16 13:03 PM
Ja, ja, beeil dich trotzdem!

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Joan bewegte ihre Schulter unbehaglich unter der Lederjacke. Sie hätte nicht gedacht, dass es in Vancouver im Herbst so warm sein würde.
Zum widerholten Male atmete sie tief durch und warf einen Blick die Straße entlang, dann zählte sie die Hausnummern und versicherte sich abermals, dass sie auch vor dem richtigen stand.
Sie passierte die wenigen Holzstufen und zögerte ein weiteres Mal, bevor sie sich endlich dazu durchrang anzuklopfen. Aus dem Inneren ertönte ein dumpfes: „Moment!“
Es war Suris Stimme und Joan räusperte sich hastig, da wurde auch schon die Türe aufgerissen. Offenkundig hatte die andere Frau mit viel gerechnet, nur nicht mit Joan.
Das Lächeln auf ihrem Gesicht geriet ins Schwanken, bevor sie sich aus ihrer Starre löste und sich die nassen Finger an einem Geschirrtuch abtrocknete.
„Commander…“
„Joan, reicht völlig. Ich bin nicht bei der Allianz, oder einem anderen Militär…“ Shepard schnaubte. „Eigentlich wollte ich zu Kaidan… ich meine, falls er mich überhaupt sprechen will.“
„Sicher“, erwiderte Suri und das Lächeln kehrte strahlender zurück, als zuvor. Ihre blonden Haare waren länger und als sie sich wegdrehte, um Joan einzulassen, bemerkte sie den deutlich gerundeten Babybauch.
„Setzen Sie sich.“ Suri deutete auf das großzügige Sofa in der Mitte des Raums. Auf der Kochinsel reihten sich mit Salaten gefüllte Schüsseln und belegte Platten aneinander.
„Ich störe“, erwiderte Joan, anstatt sich zu setzten und entlockte Suri ein energisches Kopfschütteln.
„Ganz und gar nicht. Ich hätte nur nicht gedacht, dass Sie überhaupt kommen, oder so früh.“ Auf Joans fragenden Blick hin, ergänzte Suri eilig: „Kaidan hat Ihnen doch eine Einladung geschickt, oder? Meghans Einschulung war diese Woche und wir feiern ihren Geburtstag nach, weil wir im August im Urlaub auf der Citadel waren. Wir haben alle eingeladen. Soweit ich weiß schafft es nur Ashley nicht. Sie ist auf einer Spectre-Mission, aber sie kommt, sobald sie Zeit hat. Meghan wird sich sicherlich freuen Sie zu sehen.“
„Ach so…“ Joan kämmte sich mit einer Hand durch die mittlerweile wieder roten Haarsträhnen. Die Einladung von Kaidan hatte sie ganz vergessen und deswegen war sie auch gar nicht hier.
„Jetzt setzten Sie sich doch, ich…“ Suri wurde durch die Türglocke unterbrochen. „Das wird hoffentlich die Torte sein.“ Sie verschwand an der Eingangstüre, während Joans Blick über die Bilder an den Wänden glitt. Dort hingen viele von Suri, Meghan und Kaidan, zusammen mit Ryan und Ashley und den anderen ehemaligen Squadmitglieder.
Daneben eines von einem älteren Ehepaar, dass Joan nicht ganz zuordnen konnte. Dazwischen eines mit Suri, zwei weiteren jungen Frauen und einem älteren Mann, scheinbar Suris Familie.
Und dazwischen sogar das Foto, welches sie an Meghans 3. Geburtstag geschossen hatte. Joan stand mitten drin und lächelte.
Joan seufzte und drehte sich weg. Hinter der Kücheninsel und dem ausladenden Sofa konnte man in den Garten sehen. Die Terrassentüre stand weit auf und trugen den angenehm, würzigen Duft des Herbstes herein.
Draußen hingen bunte Lampions von den Bäumen und dem Balkon und ein riesiger Tisch war mit sehr viel Mühe und endlos viel Material dekoriert worden.
Meghan hatte eine tolle Familie. Ryan pendelte im Moment ständig zwischen New York und Vancouver, weil er mit Joan, aber auch mit Meghan Zeit verbringen wollte und als Früh-Pensionist genoss er seine Freiheit in vollen Zügen. Außerdem, da war sich Joan sicher, hätte ihm ein ausschließlich sesshaftes Leben nicht gepasst.
Suri schleppte einen großen Karton herein.
„Meghan macht gerade diese Pferde-Phase durch. Überall müssen pinke Einhörner und rosa Pferde drauf sein. Furchtbar. Ich kann die Farbe bald nicht mehr sehen.“ Sie hievte den Karton in Richtung Kühlschrank und schob ihn ächzend hinein. „Kaidan hat sich sogar dazu breitschlagen lassen, eine Wand in ihrem Zimmer pink zu streichen.“ Suri richtete sich seufzend wieder auf und schloss den Kühlschrank zufrieden. „In einem Jahr will sie sicherlich wieder eine andere Farbe. Ich streiche sie garantiert nicht um.“ Sie grinste und griff nach einer Flasche Wasser und zwei Gläsern. „Kommen Sie, jetzt setzen wir uns aber wirklich.“ Sie verließ den Wohnbereich und trat auf die Terrasse, die von der Mittagssonne erwärmt wurde.
Sie schenkte Joan und sich ein und lehnte sich seufzend zurück, bevor sie an ihrem Glas nippte.
„Die Übelkeit ist Gott sei Dank vorbei, aber so langsam komme ich mir vor wie eine unförmige Robbe. Bald kann ich mich nicht mehr von der Stelle bewegen, geschweige denn mir die Schuhe zubinden.“
Joan lächelte und bedachte den runden Babybauch mit einem weiteren Blick.
„Ich will wirklich nicht stören. Wann ist Kaidan wieder hier?“
„Sie stören doch nicht!“, versicherte Suri nachdrücklich und lehnte sich zu ihr. „Wirklich nicht. Sie sind immerhin Meghans Mum.“
„Das… bin ich nicht.“
„Naja, dann eben eine Tante. Ich hatte vier davon und ich habe sie als Kind alle geliebt. Vor allem, weil sie bei ihren Besuchen immer etwas für mich mitgebracht haben.“ Joan runzelte die Stirn und zuckte mit einer Schulter. Sie hatte nicht daran gedacht Meghan etwas zu bringen, was Suri offensichtlich auch gerade auffiel. „Eine meiner Tanten war die etwas ungewöhnlichere Art. Sie ging mit mir zum Bungee Jumping und solchen Sachen. Mein Vater hat einen Tobsuchtsanfall bekommen, als er davon erfahren hatte, aber es hat unglaublich viel Spaß gemacht. Ach so… Bin gleich wieder da.“ Suri sprang auf und verschwind im Haus, während Joan sich ihrem Wasserglas widmete und nebenbei die Dekoration musterte.
Dann also eine Tante? Das passte eher zu ihr.
Wenn man es genau betrachtete, war sie auf eine recht obskure Art und Weise tatsächlich die Schwester von der Joan Shepard, die Kaidan begraben hatte. Eine Art Zwillingsschwester. Mit diesem Gedanken konnte sie leichter leben. Chris hatte so etwas ähnliche immer wieder zu ihr gesagt.
„Da bin ich wieder.“ Suri schnaufte lautstark auf. „Die Treppen werden auch jedes Mal mehr, wie es scheint.“ Sie ließ sich auf den Stuhl fallen und reichte Joan dann ein Datenpad. „Kaidan hat es Ihnen vermutlich noch nicht geschickt, oder? Ich weiß auch nicht, warum er zögert. Vermutlich will er Sie nicht verletzten, aber er war einverstanden damit. Jedenfalls, dass ist der Antrag auf Abgabe der Vormundschaft für Meghan. Ich würde sie gerne adoptieren und mit Kaidan zusammen das Sorgerecht haben. Falls Sie einverstanden sind, können Sie irgendwo ganz unten im Formular unterschreiben. Das muss nicht jetzt sein.“ Suri winkte hastig ab, als Joan das Dokument öffnete. „Sie können es sich in Ruhe durchlesen, mit einem Anwalt darüber sprechen und darüber schlafen.“
Joan zögerte, dann scrollte sie ans Ende des Formulars und unterschrieb. Meghan hatte hier eine Familie, sie würde es nicht noch unnötig verkomplizieren.
„Danke“, entwich es Suri schlicht, als sie das Datenpad entgegen nahm.
„Ich denke, Meghan ist sehr glücklich hier“, erwiderte Joan gelassen und brachte Suri wie es schien beinahe zum Weinen damit.
„Das hoffe ich…“ Suri blinzelte hastig und drehte den Kopf in Richtung Haus, als die Türe knallte.
„Mummy! Schau, was ich bekommen habe!“ Meghan erschien hopsend im Wohnbereich und steuerte Suri begeistert an. Dabei streckte sie eine Hand von sich weg und lachte.
„Oh, ein Ring. Sehr hübsch. Den hast du von der Kieferorthopädin?“
„Und sie sagte, ich brauche keine.“ Meghan kuschelte sich an Suri und legte ein Ohr auf den Babybauch.
„Noch nicht“, korrigierte Kaidan amüsiert, bevor er Joan sah und sein Gesichtsausdruck von ernst zu überrascht und dann zu Unsicherheit wechselte.
„Sie hat diese Zahnlücke“, plapperte Suri, um die aufkommende Stille zu vertreiben, „wir dachte, lieber früher, statt später.“
Kaidans Blick rutschte zur Seite und landete irgendwo auf dem Boden, während eine Hand in seinen Nacken wanderte.
Joan stand auf. „Ich will wirklich nicht stören.“
„Das tut sie nicht, das habe ich ihr schon gesagt…“, erwiderte Suri an Kaidan gewandt und dann zu Joan. „Und Sie bleiben auf jeden Fall zum Essen.“ Dann stand sie auf und strich Meghan liebevoll über die schwarzen Zöpfe. „Lass uns rein gehen, Känguru. Du musst mir noch helfen und die Torte ansehen.“
„Die Torte! Sind Einhörner drauf?“
Dann war Joan mit Kaidan allein. „Ich hätte nicht gedacht… Ich meine, es ist schön dich zu sehen.“ Er lächelte immer noch zwischen Unsicherheit und Unglaube gefangen, dann steuerte er Suris Stuhl an und bemerkte das Datenpad auf dem Tisch. „Du… hast du unterschrieben?“
„Natürlich“, erwiderte Joan und setzte sich wieder. Kaidan folgte ihr zögernd. Die Antwort schien ihm nicht zu gefallen. „Übrigens herzlichen Glückwunsch. In welchem Monat ist Suri?“
Flackerte da etwa Schuld seinen Augen auf.
„Ja, das… Sie ist im sechsten Monat“, seufzte Kaidan, „Es war nicht so geplant.“
„Das ist es meistens nicht.“
Dann kehrte ein längeres Schweigen ein und sie lauschte den teilweise unverständlichen Gesprächen zwischen Suri und Meghan.
„Warum ich vorbei komme…“, fing Joan an, „ich wollte nur sicher gehen, dass alles zwischen uns im Reinen ist. Die Situation nach der Cerberus-Basis im Micah-System war… sehr schwierig.
Für dich und für mich.
Jedenfalls, wenn du dir deswegen noch Vorwürfe machst, ich bin zwar nicht sie, aber ich weiß, dass sie dir keine Vorwürfe gemacht hätte. Das sollte auch nicht meine Art sein, es war nur die ganze Sache mit Ben…“ Joan atmete tief durch. „Es tut mir leid, was ich damals zu dir gesagt habe und auch, was ich getan habe. Vor allem, das Veilchen.“ Sie tippte mit einem Finger gegen ihren Wangenknochen und lächelte schief. „Es ist schön zu sehen, dass Meghan ein Zuhause hat und dass sie glücklich ist. Ich hoffe, du bist es auch.“ Eine weitere Pause entstand, in der Kaidan sie nur stumm anstarrte.
„Es hat eine Weile gedauert, aber ich habe etwas gefunden, was mir wichtig ist, ich weiß nicht, ob es Joan – die richtige Joan – auch so gesehen hätte, aber ich arbeite seit einem knappen Jahr an der N-Schule in Rio. Wir ziehen nach der Hochzeit dort hin.“
„H-hochzeit?“ Kaidan schien an dem Wort beinahe zu ersticken. Das erste Lebenszeichen seinerseits, seit sie zu sprechen begonnen hatte.
„Chris und ich heiraten. Es ist nur eine kleine Feier, mit Ryan, einigen Arbeitskollegen und Freunden. Ich… traue mich gar nicht euch einzuladen.“
Kaidan wirkte fassungslos, als hätte sie ihm gerade gesagt, dass die Reaper wieder Planeten zerstörten. Joan hatte das Bedürfnis sich zu rechtfertigen. „Ich verdanke ihm sehr viel. Unfassbar viel sogar und ich bin glücklich mit ihm.“
Kaidan nickte abgehackt.
„Ich wollte nur, dass du weißt, dass alles zwischen uns beiden in Ordnung ist und jetzt sollte ich gehen.“
Joan stand auf, ignorierte höflich Suris mehrmalige Proteste und verließ ihr altes Leben endgültig. Dort draußen wartete ein neues auf sie.
Eines, dass nur ihr allein gehörte.
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