Skulpturen

OneshotAllgemein / P16
Jack Simon aka November 11
30.04.2017
01.03.2018
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Teil I – Eismeer


November wusste gar nicht so recht, was ihn hierher gezogen hatte.
Eigentlich hatte er es ahnen müssen, dass er hier sterben würde. Nein – er hatte es geahnt. Oder sollte er besser sagen, dass er es sogar gewusst hatte?
Auch, wenn er seine Antworten  von seinem Vorgesetzten erhalten wollte – nun, wo er dem Ganzen endgültig auf die Schliche gekommen war – stellte es eine absolut irrationale Entscheidung dar, für dieses Wissen tatsächlich hierherzukommen. Einfaches, logisches Denken verriet einem, dass man beseitigt werden würde, wenn man Gefahr lief, das System zum Stürzen zu bringen. Oder zumindest auch nur ein klein wenig daran zu rütteln. Niemand mochte Erschütterungen.
Was war es, das ihn hierher gebracht hatte? Neugierde? Ein Todeswunsch? Selbstüberschätzung? Oder einfach nur die rationale Überlegung, dass er vermutlich so oder so sterben würde, wenn Amber es ihm prophezeit hatte? War das wirklich der Grund?
Theoretisch hätte er das Gebäude einfach nie verlassen können. Irgendwann wäre der Faktor, welcher seinen Tod herbeiführte, sicherlich vorbeigezogen. Konnte Ambers Eingriff wirklich dazu führen, eine gesamte Linie abzuändern? Nur, weil er nun wusste, dass er heute sterben sollte, würde er nicht mehr sterben? Als Contractor hätte er es zumindest versuchen müssen. Schließlich würde ein Contractor immer versuchen, am Leben zu bleiben. Das war die einzig richtige Entscheidung. Die einzig rationale.
All das spielte sich in seinem Kopf ab, während die Männer hinter ihm die Gewehre auf ihn gerichtet hatten. Nicht die Frage, wie er am ehesten überleben könnte, sondern die Frage, warum er hierhergekommen war, spukte dort umher. November hielt noch immer die Flasche in der Hand, dessen Flüssigkeit er nutzen könnte, doch so großartig interessierte es ihn gar nicht. Vermutlich war er doch nicht ein so guter Contractor, wie er es gerne vorgab zu sein. Was Misaki Kirihara wohl dazu sagen würde?
Ein leichtes Lächeln erschien auf seinen Lippen, ehe er sich rührte und die Flüssigkeit mit einer geübten Handbewegung in dem Raum verteilte.
Erst spürte er die Schüsse gar nicht. Hörte nur, wie das Feuer auf ihn eröffnet wurde, als er den Mann vor sich mit einem Speer aus Eis durchbohrte und sich währenddessen bereits umdrehte. November würde so viele von ihnen mitnehmen wie möglich, das stand für ihn fest. Doch als er sich gerade dem dritten Mann widmete, gab seine Hand unter einem scharfen Schmerz nach. Ein Schuss traf allerdings auch die Flasche, welche in mehrere Einzelteile zersprang. Die Flüssigkeit darin suchte sich ihren Weg in die Luft und November ließ alles zu einem See aus Eis werden.
Schwer atmend prallte der blonde Contractor gegen den Schreibtisch hinter sich, rutschte halb an dem Holz hinab. Keiner der Männer regte sich noch länger, doch schwere Schritte von außerhalb des Raumes sagten ihm, dass gleich Verstärkung eintreffen würde. Nun hatte er nichts mehr, mit was er sich zur Wehr setzen konnte.
Ein Schuss hatte ihn an der rechten Hand getroffen, einer an der linken Schulter. Beides Durchschüsse, und an seinem linken Arm spürte er zudem einen Streifschuss. Es verwunderte ihn, dass sie ihn nicht töten konnten. Sie hatten wohl einfach zu spät angefangen, zu schießen. Aber nun würde die Verstärkung den Rest erledigen.
November zog sich mit der unversehrten, aber dennoch zitternden Hand wieder an dem Schreibtisch hinauf. Mit einer vorteilhaften Position würde er vielleicht doch noch ein, zwei von den Menschen erledigen können. Es passte nicht zu ihm, sich einfach so widerstandslos erschießen zu lassen. April und July wären sicherlich nicht erfreut darüber.
Ein Strich wurde ihm durch die Rechnung gemacht, als die ersten beiden Gewehrläufe in der Tür auftauchten. Zwei Schüsse ertönten und November sank zähneknirschend zu Boden, als die Kugeln sich in sein linkes Bein bohrten. Allmählich spürte er die Schmerzen der Einschüsse deutlich; seine anfängliche Resignation schwand, wich stattdessen einer bleiernen Schwere.
Die eisblauen Augen richteten sich langsam auf das Geschehen vor ihm, als nach den zwei Schüssen nichts mehr folgte. Ob sie sich nun doch dazu entschlossen hatten, ihn erst einmal in Gewahrsam zu nehmen und zu verhören, ehe er aus dem Weg geschafft werden würde? Da würde er sich lieber vorher noch selbst erfrieren lassen…
Doch die bewaffneten Gestalten vor ihm rührten sich nicht weiter, sondern standen bloß starr wie Eisskulpturen auf der Stelle. November brauchte einige Sekunden, bis er registrierte, dass sie tatsächlich erstarrt waren und nicht einfach nur abwarteten. Schwach hob sich eine seiner Brauen. Was bedeutete das nun?
„Ganz schön merkwürdige Entscheidung für einen Contractor, hierherzukommen.“ Die Stimme klang ein wenig dunkel, aber eindeutig weiblich. Wie ein Schatten huschte eine schmale Gestalt zwischen den Angreifern entlang und blieb mit einem entspannten Lächeln unweit von ihm stehen. November erinnerte sich nicht, sie schon einmal gesehen zu haben. Das Gesicht war schmal und die Stirn hoch; beides wurde von dunklem, glatten Haar umgeben, welches sich offen seinen Weg bis zur Bauchmitte hinab suchte.
„Auch ein Contractor?“, fragte November überflüssigerweise mit rauer Stimme. Allmählich fiel ihm das Atmen schwer.
„Mhm. Aber du kennst mich vermutlich nicht.“
„Nein, leider nicht.“ Der Blonde, welcher mittlerweile die Hände auf die Wunden an seinem Bein presste, lächelte schwach. „Also sterbe ich durch dich? Das gefällt mir besser, als mich durch Menschenhand verabschieden zu müssen.“
„Nein, eher im Gegenteil.“ Die Frau – November schätzte sie auf Mitte zwanzig – hob eine blasse Hand und deutete neben sich. Da sein Blick bereits leicht verschwommen war, musste er die Augen zusammenkneifen, um überhaupt etwas erkennen zu können. Er meinte, etwas Funkelndes ausmachen zu können, welches mitten in der Luft schwebte, völlig losgelöst von allen Gesetzen der Schwerkraft.
„Die hier wäre wohl in deiner Bauchregion gelandet… und die hier auch.“ Nachdenklich legte sie den Finger der anderen Hand ans Kinn und neigte den Kopf leicht zur Seite. Waren das etwa Patronen? „Komisch. Amber meinte, dass du es noch aus dem Gebäude schaffen würdest. Aber ich sehe hier nichts, was du noch als Waffe benutzen könntest. Oder könntest du auch dein Blut nutzen…?“
„Theoretisch schon.“ November zuckte mit den Schultern. „Allerdings würde ich wohl nicht mehr herankommen, bevor mich eine der Kugeln am Kopf erwischt. Hast du etwa die gleiche Fähigkeit wie Amber?“
„Nein, nein, bei weitem nicht. Ich kann nur ein paar Dinge oder Personen erstarren lassen, und das auch für keine allzu lange Zeit. Gruslige Zukunftsvisionen bleiben bei mir ebenfalls aus.“ Die Frau lächelte erneut und ging vor dem blonden Contractor in die Hocke. November betrachtete sie skeptisch, als sie sich daran machte, sein Sakko zu öffnen.
„Schau nicht so“, entgegnete sie belustigt. „Ich stoppe die Blutungen, sonst kommst du hier wohl nicht mehr lebendig heraus. Nur muss ich sehen können, was ich behandeln will.“ Er hielt still, als sie ihm auch das dunkelblaue Hemd öffnete, sodass sie es an der linken Seite herunterziehen und seine Schulter freilegen konnte. Einzig die Zähne biss er zusammen, um keinen Schmerzenslaut zu verlieren. Ihre kühlen Fingerspitzen legten sich nacheinander an die Schusswunden, woraufhin die Schmerzen an der betroffenen Stelle abflauten und der Blutfluss stoppte. Es erinnerte ihn ein wenig an seine eigene Fähigkeit, als die rote Flüssigkeit in der Bewegung einfach erstarrte.
„Es stirbt übrigens nicht ab“, fügte die Frau hinzu, während sie sich nun seinem Bein widmete. Sie vergrößerte das durch die Kugel entstandene Loch in seiner Hose mit einem scharfen Messer, um die Wunde besser sehen zu können. „Falls du dir darüber Sorgen machen solltest. Aber es hält wie gesagt auch nicht allzu lange an. Wir sollten uns also beeilen.“
„Darüber mache ich mir momentan eher weniger Sorgen“, antwortete er schwach, als sie nun seine rechte Hand in ihre nahm. Auch dort spürte er für einen Moment die lähmende Kälte, dann nichts mehr. Einzig die erdrückende Schwäche blieb in seinem Körper zurück. „Ich nehme an, du arbeitest für kein Syndikat, wenn du hier bist?“
„Richtig. Aber du ab jetzt wohl auch nicht mehr.“
Sein Kopf fiel bereits zur Seite und November schaffte es nicht mehr ganz, eine Braue anzuheben: „Was tust du dann hier?“
Ein Grinsen huschte über ihr in spärliches Licht gehülltes Gesicht. Durch die dunklen Schatten entstanden harte Kanten, welche ebenso an eine Skulptur erinnern ließen wie die Männer hinter ihr. „Sagen wir, ich wollte schauen, ob sich die Zukunft verändern lässt oder nicht.“  



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AN: Spielt in Episode 22 des Animes. Ich mag November unheimlich gerne und hatte beim zweiten Mal Anschauen die Idee hierzu. Ob ein zweiter Teil folgen wird, weiß ich noch nicht so recht. Ideen dafür sind auf alle Fälle vorhanden und auch bereits Vorgeschriebenes existiert teils. Was meint ihr?
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