AK-47

OneshotThriller, Suspense / P18
Dr. Armin Zola OC (Own Character) Winter Soldier / James Buchanan "Bucky" Barnes
27.04.2017
27.04.2017
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AK-47


„Was mich antreibt, meine Neigungen sind an sich weder gut noch böse. Erst ihre Verwirklichung durch Freiheit macht sie böse oder gut. Das Böse beginnt mit der bloßen Schwäche der Nachgiebigkeit gegen Antriebe. Es steigert sich zu dem Willen, seinen Antrieben in jedem Fall bedingungslos zu folgen.“
- aus 'Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung', Karl Jaspers

„Beginnen wir“, sagte Morosow gerade und Zola nahm den Soldaten genau ins Visier. Er wollte jede noch so kleine Regung im Gesicht des eigentlich Regungslosen sehen können. Er wollte hinter die Fassade blicken, die Morosow so mühevoll aufgebaut hat.
Zola wollte sehen, dass ihr Experiment langsam zu einem Ende kam, das ihnen allen gefiel. Der Soldat sollte zeigen, was er gelernt hatte. Zu ihrer aller Vorteil war Sergeant Barnes im Krieg gegen die Deutschen ein Scharfschütze gewesen.
Schussübungen waren also höchstens nur wegen des Protokolls auf dem Programm vermerkt. Den Umgang mit Waffen zu lehren war recht schwierig, besonders wenn man es mit einem blutigen Anfänger zu tun hatte, doch genau deshalb war Barnes so wichtig für sie.
Er hatte als einziger die Injektionen des Serums überlebt und sogar einen Sturz in die Tiefe überstanden – es war wahrhaftig ein Wunder, dass dieser Mann immer noch atmete und nicht schon längst irgendwo verrottet herumlag.
Zola verfolgte gespannt Morosows Bewegungen um den Soldaten herum. Gerade sprach er auf russisch mit ihm, um ihm Instruktionen für die nächsten Minuten zu geben. Das Schusstraining vor den Wissenschaftlern und insbesondere vor Zola selbst war eigentlich nur eine Art Schaulaufen.
Morosow wollte bloß zeigen, was er konnte, nicht was der Soldat konnte.
Dass der Amerikaner schießen und töten konnte, das wussten sie alle, denn das war kein Geheimnis. Das hatte er im Krieg schon gemacht und es war in dem Zusammenhang auch nichts Besonderes mehr.
Doch musste Morosow die eigentlich wichtigen Eigenschaften herauskehren und gerade die wollte Zola ja zu sehen bekommen. Etwa fünfzig Meter von ihnen war deshalb eine Zielscheibe montiert, neben der einer der Genossen geduldig wartete, bis er sie abnehmen konnte, um das Ergebnis zu präsentieren.
„Ich möchte heute noch anfangen, Morosow. Es ist kalt hier draußen und nur weil Sie damit zurechtkommen, heißt das nicht, dass wir das auch tun. Beeilen Sie sich etwas und sparen Sie sich die Dramatik“, sagte einer der anderen Wissenschaftler, die von Beginn an dem Projekt 'Winter Soldat' beigewohnt haben.
Abwehrend und trotzdem breit lächelnd hob Morosow die Hände und entfernte sich ein wenig von Barnes, der mit leeren Händen vor ihnen stand.
Dann ließ sich der Russe von einem seiner Unterstellten eine AK-47 geben, die er sofort überprüfte. Sie war wohl schon geladen, doch nicht entsichert. Zola verdrehte die Augen, denn er wurde auch so langsam ungeduldig.
„Haben Sie etwas Geduld, es geht gleich los“, murmelte Morosow und drehte das Sturmgewehr in seinen Händen, warf es von der einen in die andere Hand und sah dann noch einmal lächelnd zu ihnen rüber.
„Und schon beginnen wir“, sagte er dann selbstgefällig und Zola konnte nicht anders als trotzig die Arme vor der Brust zu verschränken. Es ging ihm manchmal auch auf die Nerven, dass dieser Mann eine so unglaublich hohe Meinung von sich hatte.
Natürlich war er es, der Barnes programmiert und auch zu dem gemacht hatte, was er heute war, aber es hätte auch genau so gut jemand anderes ausgewählt werden können. Sogar Schmidt war austauschbar gewesen und diese Tatsache musste Morosow noch verstehen lernen.
Der Russe drehte sich zu dem Soldaten und sah ihn abschätzig von oben bis unten an. Dann begann er damit, was er ihnen schon einmal gezeigt hatte, nämlich die Nennung der Wörter, die den Geist des Soldaten in kontrollierte Bahnen lenkten.
Желание, Ржaвый, Семнадцать, Рассвет, Печь, Девять, Добросердечный, Возвращение на родину, Один, Грузовой вагон.“
Der Soldat stand aufrechter, sah noch ausdrucksloser auf seine eigenen Füße und wartete auf die Begrüßungsformel, die ihm zu sprechen erlaubte.
„Доброе утро, солдат.“
Der Soldat gab sein Gehorsam zu verstehen und wartete auf weitere Befehle.
„Schieß' auf die Zielscheibe dort hinten. Und triff“, forderte Morosow monoton und gab Barnes die AK-47, der sie direkt ausrichtete, entsicherte und für ein paar Sekunden vollkommen in seinem Auftrag versank.
Das Sturmgewehr war nicht unbedingt eine Präzisionswaffe, aber sie war funktionstüchtig. Wenn er damit traf, dann geschah hier wirklich ein Wunder. Zola wollte nicht enttäuscht werden, denn er hatte schon einige Rückschläge einstecken müssen, die ihm heute noch ziemlich sauer aufstießen und ihn wie ein nerviger Dorn im Fuß zwickten.
Barnes atmete sichtbar aus, zog den Abzugshahn und schon knallte der Schuss durch die ewige Stille Sibiriens, die just in diesem Moment aufgeschreckt zu werden schien. Irgendwo flatterte eine Gruppe Vögel aus ihrem Versteck hervor, das Echo des Knalls war noch zwei Sekunden später zu hören und die erdrückende Ruhe danach jagte Zola eine Gänsehaut über den Körper.
Es war so beeindruckend zu sehen was Morosow aus diesem amerikanischen Soldaten mit der Lungenentzündung, so wie ihn Zola eben kennenlernte, gemacht hatte. Diese Wandlung würde er selbst nicht glauben, wenn er nicht danebenstünde.
Der Genosse neben der Scheibe bekam das Zeichen zur Demontage und er lief dann auf sie zu, wie eine schwarze Gestalt mitten im blendenden Weiß.
„Wäre es nicht viel effektiver den Soldaten an einem sich bewegenden Ziel üben zu lassen?“ fragte einer der Wissenschaftler hinter Zola und interessiert zog Morosow die Augenbrauen in die Höhe.
„Kreativer Einfall!“ rief er dann und gab Barnes ein Handzeichen, das ihn dazu verleitete die Waffe erneut anzulegen und durchzuladen.
„Triff ihn. Lass ihn ein wenig laufen, spiel mit ihm“, flüsterte Morosow ganz angetan und stellte sich direkt neben Barnes, der die AK-47 ein paar Zentimeter sinken ließ.
Morosow bemerkte das Zögern und stellte sich noch näher neben Barnes, der sich nicht bewegte. „Meldet sich etwa dein Gewissen? Der Befehl hat oberste Priorität, verstanden Soldat?“ brüllte Morosow nun unvermittelt und Zola zuckte kurz zusammen.
Wütend schnaufend zog Morosow seine Handfeuerwaffe an seinem Gürtel und richtete sie auf den Genossen, der nun direkt vor ihnen stand und die Augen weitete.
Ohne Vorwarnung drückte Morosow ab und die Kugel durchschlug den Brustkorb des Genossen mit der Zielscheibe in der Hand. Der Getroffene ging sofort zu Boden und strampelte dort um sein Leben, während immer mehr Blut aus seiner Wunde im Schnee versickerte.
Dann holte Morosow mit der Waffe in der Hand aus und ließ sie auf Barnes' Kopf krachen, der danach bewusstlos in die Knie ging und mit dem Gesicht voran im Schnee landete. Anscheinend mussten sie dem Soldaten noch mehr das Gewissen verkrüppeln. Er sollte keine eigenen Entscheidungen treffen.
Und Zola wurde bewusst: Er war wieder enttäuscht worden.
Etwas, das er eigentlich hatte vermeiden wollen.

Anmerkung: Hier war das Special zum vierten Kapitel von Cо́бственность und ich hoffe natürlich, dass es euch und auch den Lesern außerhalb der längeren Erzählung gefallen hat! :)
Bei dem gewählten Eingangszitat darf man sich natürlich darum streiten, ob es auf den Winter Soldier oder doch eher auf Morosow bezogen werden kann... Buckys erste Gegenwehr hier trotz der Programmierung spielt für mich hingegen eine größere Rolle. Was meint ihr – realistisch?
LG, Erzaehlerstimme
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