[über]lebenskünstler.

GeschichteDrama, Romanze / P16 Slash
27.04.2017
02.07.2017
5
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Dieses Kapitel
5 Reviews
 
 
 
Rating: P16-Slash
Genre: Drama, Romanze
Betaleser: Aslitis (Vielen Dank für deine Hilfe!)
Inhaltsangabe:
Newt fängt an zu zählen, weil er etwas braucht, woran er sich festhalten kann. Aus Angst, dass er bald kein Lebenskünstler mehr ist, sondern ein Überlebenskämpfer.





[über]lebenskünstler.




Kapitel 1


Als es zum ersten Mal passiert, ist Newt nicht darauf vorbereitet. Graves Lippen streifen seine nur für einen Moment und noch bevor er sich sicher sein kann, dass es real ist, sind sie auch schon wieder verschwunden, genauso wie Graves.
Newt ist den restlichen Tag damit beschäftigt, sich einzureden, dass es nur eine Einbildung war. Alles andere würde ihn zu sehr aus dem Konzept bringen.

Als es zum zweiten Mal passiert, zittert Newt danach am ganzen Körper. Er sitzt in dem gemieteten Zimmer auf dem Boden und drückt sich so fest gegen die Wand, wie er nur kann, doch er schafft es nicht, sich zu beruhigen. Immer noch ist es so, als könnte er Graves Lippen auf seinen spüren und es ist zu viel.
Viel zu viel, weil Newt es alleine nicht einordnen kann und Graves ihm anscheinend auch nicht dabei helfen will.

Als es zum dritten Mal passiert, hält Newt Graves fest, bevor er wieder flüchten kann. Sie stehen in einem verlassenen Büro, irgendwo im Ministerium. Wie sie hierhergekommen sind, weiß er nicht mehr, aber an den Kuss erinnert er sich. Stumm klammert Newt sich an Graves Arm und blickt zu Boden. Er kann nicht aussprechen, was er eigentlich sagen will.
»Ich muss gehen«, kommt es gepresst von Graves, doch Newt spürt, dass auch sein Körper bebt. Er hält ihn immer noch fest. Sieht ihn immer noch nicht an.
»Mr. Scamander … Newt, lass mich bitte los.« Graves Stimme ist beherrscht, aber Newt kann die Sanftheit trotzdem hören und hofft, es sich nicht nur einzubilden.
Er lässt nicht los und Graves lässt es geschehen.

Als es zum vierten Mal passiert, klopft es an Newts Tür und noch bevor er sie richtig geöffnet hat, drängt Graves sich schon hinein und drückt Newt an die Wand, während er ihn küsst.
Newt kann weder die Augen schließen, noch den Kuss erwidern, denn Graves ist dabei, langsam die schützende Mauer einzureißen, die Newt so mühsam aufgebaut hat. Nachdem das mit Leta zu Ende war, hat er sich damit abgefunden, alleine zu bleiben. Diese ganze Sache kann Newt deshalb nicht einordnen.
»Es tut mir leid.« Graves sieht ihn beinahe traurig an und streicht mit dem Finger über Newts Wange, nachdem er den Kuss beendet hat.
Newt fragt nicht, was genau ihm leid tut, denn vermutlich würde er keine Antwort bekommen und falls doch, würde sie ihn nur noch mehr verwirren.
»Möchtest du bleiben?«, will er stattdessen schüchtern wissen, doch Graves schüttelt den Kopf.
»Wir sollten damit aufhören.« Dann geht er und Newt bleibt mit der Frage zurück, womit er eigentlich angefangen hat.

Zwischen dem vierten und fünften Mal sitzt Newt auf einer Bank im Park und denkt nach. Eigentlich hat er einen Termin im Ministerium, doch er traut sich nicht, es zu betreten, aus Angst Graves zu begegnen.
Die letzten Nächte hat er kaum geschlafen und nicht einmal seine Tierwesen schaffen es, ihn länger als ein paar Minuten auf andere Gedanken zu bringen. Er fragt sich immer wieder, ob das zwischen ihm und Graves zu Ende ist, bevor es überhaupt richtig begonnen hat. Was immer das auch heißen mag.
Als Queenie sich plötzlich neben ihn setzt, zuckt er verschreckt zusammen. Er hat sie nicht kommen gehört.
»Ist alles in Ordnung, Newt? Du wirkst seit ein paar Tagen etwas ausgelaugt.« Sie sieht ihn mit einem warmen Blick an, dem er nicht standhalten kann. Newt hat wirklich das Bedürfnis, ihr alles zu erzählen, denn er selbst war schon immer schlecht darin zwischenmenschliche Situationen einzuschätzen. Vielleicht hätte sie ihm dabei helfen können. Doch er weiß auch, ohne dass er es mit Graves abgesprochen hat, dass diese Sache nicht für fremde Ohren bestimmt ist. Schnell denkt er an etwas anderes, in der Hoffnung, dass Queenie seine Gedanken noch nicht gelesen hat.
»Seit meiner Schulzeit habe ich mich irgendwie durchgeschlagen, weißt du?« Seine Finger tasten nervös nach dem Kanten seines Koffers.
»Ein wahrer Lebenskünstler, nicht wahr?« Quennie lächelt und legt ihm eine Hand auf die Schulter. Newt spannt sich an, weil er Körperkontakt nicht gewohnt ist.
»Oder eher ein Überlebenskämpfer …«, antwortet er in monotoner Stimmlage und blickt weiter auf seinen Koffer. Vielleicht war er tatsächlich mal ein Lebenskünstler, irgendwie. Aber seit Graves ihn geküsst hat, ist das Leben für ihn nur noch ein Kampf. Mehr nicht.

Als es zum fünften Mal passiert, ist Newt gerade dabei, das Ministerium zu betreten. Eine halbe Stunde zu spät, doch die Unterhaltung mit Queenie hat ihm gut getan. Auch wenn sie nichts geändert hat.
»Mr. Scamander, da sind Sie ja endlich. Auf ein Wort in mein Büro.« Graves geht selbstsicher an ihm vorbei und winkt ihn beinahe beiläufig mit sich. Newt will ihm nicht folgen, doch er hat auch nicht die Kraft, sich ihm zu widersetzen.
Als sie im Büro stehen, schließt sich die Tür von selbst. Newt merkt, wie er unruhig wird und klammert sich fest an seinen Koffer.
»Ich will nicht, dass du dich unwohl fühlst.« Graves steht so nahe vor ihm, dass Newt beobachten kann, wie sich bei jedem Atemzug seine Brust hebt und senkt. »Stell bitte für einen Moment den Koffer ab.«
Sanft nimmt Graves ihm seinen wertvollsten Besitz ab und stellt ihn auf den Boden. Dann spürt Newt seine kräftigen Finger unter dem Kinn, als sie es vorsichtig anheben.
»Ich weiß, dass du nicht gut darin bist, aber bitte sieh‘ mich an.«
Weil er sich wirklich flehend anhört, gibt Newt der Bitte nach. Es ist das erste Mal, dass er seine Augen schließt, als Graves die Lippen auf seine drückt. Immer so leicht, als hätte er Angst, Newt würde unter zu viel Druck zerbrechen. Vielleicht würde er das wirklich.

Als es zum sechsten Mal passiert, sitzt Newt an seinem Schreibtisch im Ministerium, der extra für ihn freigeräumt wurde, während der Zeit, die er in New York ist, um für den MACUSA zu arbeiten. Es ist ein winziger Arbeitsplatz im hintersten und dunkelsten Eck des Raumes, doch Newt beschwert sich nicht. Er beschwert sich nie.
Obwohl er sich eigentlich auf den Bericht vor sich konzentrieren sollte, ist er mit den Gedanken ständig wo anders. Bei Leta und wie die Sache damals geendet hat. Und wie viel Angst er seitdem hat, dass es wieder passieren könnte.
»Newt …« Graves steht da, mit den Händen stützt er sich auf der Tischplatte ab und er lehnt sich weit über den Schreibtisch. Automatisch weicht Newt ein Stück zurück.
»Ich bin hier, weil ich wissen möchte, ob es für dich in Ordnung ist.« Es ist nicht wirklich eine Frage, doch trotzdem weiß Newt nicht, was er antworten soll. Er weiß, was Graves meint, aber ist es in Ordnung?
Eigentlich ist gar nichts mehr in Ordnung, seit es angefangen hat. Hilflos zuckt er mit den Schultern und wendet den Blick ab. Er hat gelernt, sich unterwürfig zu verhalten.
»Sprich bitte mit mir …« Graves Stimme ist unsicher und trotzdem so fest und klar, dass Newt eine Gänsehaut bekommt.
»Ich weiß es nicht«, gesteht er schließlich, »ich glaube, Sie haben sich den falschen ausgesucht. Ich bin nicht … gut.« Newt schluckt und legt die Hände in den Schoß, um Graves nicht zu zeigen, wie sehr er zittert.
»Nicht gut?« Graves Stimmt klingt so ungläubig, dass Newt ein Blick in sein Gesicht riskiert. Er sieht irritiert aus. »Ich kenne keinen Menschen, der besser ist.«
Die Worte tun weh, weil es so falsch ist, sie zu hören. Newt ist nicht gut und er ist vor allem nicht das, was andere Menschen sich wünschen. Er ist merkwürdig und anders und eine Fehlkonstruktion. So hat Leta es damals genannt, kurz bevor sie ihn alleine gelassen hat. Die Worte haben den Nagel ganz gut auf den Kopf getroffen. Fehlkonstruktion.
»Sie wissen vieles nicht über mich und wenn Sie es wüssten, dann wäre Ihnen klar, dass ich Recht habe. Jemand wie Sie braucht niemanden wie mich«, antwortet Newt leise und kann es nicht verhindern, dass etwas Trauer in seiner Stimme mitschwingt.
Noch bevor Newt weiß, wie ihm geschieht, hat Graves den Schreibtisch umrundet und ihn geküsst. Vermutlich aus Mitleid, mehr nicht … weil es niemals mehr sein kann.

Als es zum siebten Mal passiert, treffen sich Newt und Graves in einer heruntergekommenen Muggelbar, irgendwo mitten in New York. Newt ist sich sicher, dass Graves diesen Ort absichtlich ausgewählt hat, weil sie hier niemand kennt. Sie sitzen ganz hinten im letzten Eck und Newt muss zugeben, dass er sich nicht unbedingt wohlfühlt.
»Es tut mir leid, dass ich nichts Gemütlicheres auswählen konnte«, entschuldigt sich Graves und Newt will gerade erwidern, dass das kein Problem ist, als er plötzlich dessen Hand an seinem Bein wahrnehmen kann. So hauchzart, dass es kaum zu spüren ist, doch für Newt ist es wie ein elektrischer Schlag und er rutscht augenblicklich nach hinten. Er kennt sofort, wie verletzt Graves von seiner Reaktion ist.
»Entschuldigen Sie, es ist nur …«, beginnt Newt zu erklären, stockt dann aber. Ja, es ist nur … was? Es ist nur so, dass er nicht mit Berührungen umgehen kann? Dass sie ihn verunsichern? Dass er Angst hat davor, dass das tiefer gehen könnte und er dann noch mehr verletzt wird?
»Ich würde dir gerne deine Furcht nehmen, doch ich weiß nicht wie.« Traurig sieht Graves ihn an und Newt starrt auf die Tischplatte. Danach verläuft das Treffen sehr schweigsam. Newt ist zu eingeschüchtert, um sich viel an der Unterhaltung zu beteiligen und Graves gibt es irgendwann einfach auf.
Als sie aufstehen und gehen wollen, zieht er Newt aber noch einmal am Handgelenk zu sich zurück.
»Wenn du Zeit brauchst, dich daran zu gewöhnen, will ich sie dir geben.«
Dann haucht er Newt einen Kuss auf die Stirn und verlässt die Bar, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Als es zum achten Mal passiert, spricht Newt gerade mit Tina. Sie kichert amüsiert, in dem Moment, als Graves an ihnen vorbeigeht. Er ist wirklich kein Experte, was das Deuten von menschlichem Verhalten angeht, aber er hat das Gefühl, dass sich Graves Gesichtsausdruck bei ihrem Anblick verfinstert.
Als das Gespräch kurz darauf beendet ist, will Newt gleich wieder an die Arbeit gehen, doch noch bevor er bei seinem Schreibtisch angelangt, hat Graves ihn auch schon abgefangen.
Beinahe harsch zieht er Newt mit sich. Ein Verhalten, das er bis jetzt nicht so von ihm gekannt hat. Als sie in Graves Büro ankommen, sieht Newt ihn einen Moment lang besorgt an. »Alles in Ordnung?«
»Das zwischen Tina und dir, was ist das?«, will er sofort wissen und Newt zieht verwirrt die Augenbrauen zusammen.
»Was meinen Sie?«
»Ich habe euch zusammen gesehen. Ihr scheint euch gut zu verstehen.« Graves Tonfall ist ernst und seine Stimme so unglaublich dunkel. Nun versteht auch Newt langsam, um was es geht, und er merkt, wie es ihm immer schwerer fällt, frei zu atmen.
Er hatte sofort gewusst, dass sich niemals jemand ernsthaft für ihn interessieren würde. Fehlkonstruktion.
»Keine Sorge, wir sind nur Freunde.« Newt will sofort aus dem Raum flüchten und sich für immer bei seinen Tierwesen verstecken. Doch noch bevor er das tun kann, hält Graves ihn zurück und gibt ihm einen Kuss auf die Stirn. »Ja, dann ist alles in Ordnung.«
In diesem Augenblick zerfällt Newts sowieso schon so kaputtes Herz in kleine Stücke. Aber er wird den beiden nicht im Weg stehen.
Denn er ist selbst schuld daran, dass er es zugelassen hat, so etwas wie Hoffnung zu entwickeln.
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