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The Gods Mercy

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
Loki OC (Own Character)
25.04.2017
05.02.2021
20
43.002
12
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25.04.2017 1.920
 
Seit der Diagnose Krebs bei ihrer Mutter waren nunmehr zwei Jahre vergangen. Zwei quälende Jahre, die an den Nerven von Sophia und ihrer Familie gezehrt hatten. Eine Folgediagnose schlimmer als die andere…
Sollte man nicht annehmen, dass, wenn eine Tür zufiel, irgendwo eine andere aufging?
So langsam glaubte Sophia vom Pech verfolgt zu werden. Gerade eben war sie nach einem anstrengenden Wochenende – dank der Erledigung von viel Papierkram – wieder zuhause angekommen, nachdem sie die Strecke von 350 Kilometern Autobahn hinter sich gebracht hatte und ausgerechnet als sie die Füße kurz hochlegen wollte, klingelte das Mobiltelefon in ihrer Jackentasche.
Genervt schaute sie aufs Display, auf dem das Bild ihres Vaters aufleuchtete. Alarmiert nahm sie den Anruf an und hätte am liebsten nach dem Auflegen, das Telefon gegen die Wand geworfen.
Nun war auch noch der Fall eingetreten, dass sich diese Krankheit ausgebreitet hatte…
Zum Missfallen der Ärzte hatten Chemotherapie und gleichzeitige Bestrahlung nichts gebracht. Sophia war von alledem so oder so nicht sonderlich angetan gewesen, diente es doch in erster Hinsicht der Bereicherung vieler Kliniken und nicht dem Wohle des Patienten.
Selbst der letzte Hoffnungsschimmer war verblasst, als sie eine Klinik kontaktiert und sämtliche Befunde eingesandt hatte, diese jedoch mit ihren Möglichkeiten nichts mehr gegen den Krebs ausrichten konnte.
Was blieb nun noch übrig? Alle verbliebenen Kräfte und Reserven waren verbraucht. Der Körper, nur mehr eine leere Hülle der einst so starken Frau, die sie gewesen war.
Die Tatsache, dass sie in einer weit entfernten Stadt wohnte, war kein Grund, warum sie sich nicht einfach ins Auto setzte und die Autobahn hinunterdüste – nein! Ihr schien es jedes Mal aufs Neue das Herz zu zerreißen, wenn sie ihre Mutter sah. Jedoch wollte sie sich auch nicht selbst vorwerfen, sie nicht besucht zu haben. Wer weiß, wie lange sie die Möglichkeit hierzu noch haben würde. Wenn sie sich an die letzten zwei Jahre zurückbesann, verblieb leider nicht mehr allzu viel Zeit.
Kraftlos ließ sie sich nun zurück auf die Couch fallen, gab es schnell auf, gegen die Tränen zu kämpfen, wobei die Quelle jener schon längst versiegt sein müsste.
Was brachte es, traurig zu sein? Immer wieder versuchte sie sich damit zu trösten, dass jeden Tag Hunderte auf der Welt starben und ein jeder Angehörige wurde irgendwie mit dem Verlust fertig – warum nicht auch sie?
Es wäre niemand mehr da, mit dem sie lachen und streiten könnte, niemand mehr, der ihr Ratschläge im Bezug auf Haushalt und Kochen geben würde, niemand, der sie selbst jetzt im Erwachsenenalter noch darauf hinwies, dass sie ihr Zimmer aufräumen musste, wenn sie zu Besuch war.
Der Gedanke, plötzlich ohne Mutter zu sein, schwappte wie eine erneute Welle aus Traurigkeit über sie hinweg und hinterließ wieder diese kalte, dunkle Leere in ihr.
Wer entschied, dass Menschen so leiden mussten? Seltsamerweise dachte sie an ihre Katze, die vor etlichen Jahren eingeschläfert werden musste, weil sie ein Herzleiden hatte. Warum ermöglichte man „Tieren“, dass sie sterben durften, um unnötige Qualen zu vermeiden? Warum quälte man also Menschen, laugte sie bis zur totalen Erschöpfung aus? Nur damit sich Ärzte bereichern konnten? Allgemeinhin ist bekannt, dass Chemo und Bestrahlung auch gesundes Gewebe dauerhaft schädigen können.
Auch konnte sie ihre Oma nicht verstehen, die in solcherlei Hinsicht auf Gott vertraute.
Aus ihrer Wut heraus, hatte Sophia ihr an den Kopf geworfen, wo denn ihr Gott jetzt sei, wo so etwas Schlimmes geschah und warum er zuließ, dass ein Mensch so litt. Seitdem herrschte Funkstille und sie konnte es ihrer Oma auch nicht verübeln. Es konnte niemand etwas für die Gesamtsituation, jedoch…
Wieder klingelte das Mobiltelefon.
Dieses Mal war es ihr jüngerer Bruder, der sie sprechen wollte.
„Ja?“ war das Einzige, was sie mit ihrer heiseren, verheulten Stimme herausbekam.
Auch seine Stimme klang nicht viel besser, als er zu sprechen begann: „Hey Phi… ich… also Mutti liegt nun auf der Intensivstation und…“
Er seufzte und holte tief Luft, ehe er weitersprach. „Es sieht nicht gut aus. Der eine Arzt sagte, dass ein Spenderorgan ihr vielleicht helfen könnte. Denn… der Krebs hat bösartiges Gewebe in der Lunge hervorgebracht…“
Ein ersticktes Schluchzen war am anderen Ende der Leitung zu hören, dann ein sarkastisches Lachen.
„Weißt du, was er noch sagte? Dass auf eine Million Einwohner nur 11 Organspender kommen… Und irgendwas von einer Fünf-Jahres-Überlebensrate von 60 % bei einer Transplantation.“
„A-aber es besteht die Möglichkeit, dass man sie auf diese Liste für ein Spenderorgan setzt?!“ bohrte Sophia sofort nach.
„Phi… willst du ihr das, nach allem was sie bis jetzt durchgestanden hat, noch zumuten?“ seufzte ihr Bruder und räusperte sich im Anschluss, um ein Schluchzen zu unterdrücken.
„Selbst wenn die Chancen eins zu eine Million stehen, will ich mir nicht nachsagen lassen, dass man nicht alles versucht hat!“ fiel sie ihm ins Wort und setzte sich auf.
Wieder ein Seufzen vom anderen Ende der Leitung.

In der Frühe des nächsten Morgens hatte sich Sophia hinters Lenkrad geklemmt und raste mit ihrem Kombi die Autobahn entlang.
Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, mit dem zuständigen Arzt im Klinikum zu sprechen, auch wenn es Stunden dauern würde, bis sich jemand Zeit für sie nahm.
Noch nie waren ihr Kliniken jeglicher Art sympathisch gewesen und das würde sich auch nicht ändern. Hingegen aller Erwartungen, empfing sie der diensthabende Oberarzt, der ihr dasselbe wie ihr Bruder am Vortag erzählte.
Nachdem er etwas in seinen Computer gehackt hatte, lehnte er die Ellbogen auf den Tisch und faltete in einer eleganten Geste die Hände.
„Dann testen Sie mich! Komme ich nicht als Spender in Frage?“
Ihre Frage versetzte den Arzt sichtlich ins Staunen, jedoch fasste er sich schnell wieder.
„Sie-sie würden…?“ Gut, er war noch immer überrascht.
„Ich weiß, was das bedeutet, aber… ich… testen Sie mich einfach!“
„Wir entnehmen keinem gesunden, lebenden Menschen einfach so irgendwelche Organe!“
Der Arzt vor ihr verlor nun zusehends die Fassung.
Sophia presste die Kiefer aufeinander und schluckte eine bittere Bemerkung herunter, ehe sie sich erhob, zur Tür schritt und sich noch einmal umwandte.
„Sind Sie sich Ihrer Entscheidung sicher, Herr Doktor?“ Ihr Blick traf den seinen und bohrte sich tief hinein.
Er hatte stumm genickt.
Bis zum Auto gelang es ihr, die Beherrschung zu behalten, doch sobald sie auf dem Sitz platznahm, brachen sämtliche Gefühle aus ihr heraus. Allem voran war es Wut, weniger Hilflosigkeit, oder irgendetwas anderes.
Was sollte sie nun tun?
Sie schlug mit der flachen Hand aufs Lenkrad.
„Verdammt! Verdammt verdammt verdammt!“ Missmutig sah sie zum Eingangsportal der Klinik und fragte sich, warum dieses Schicksal gerade ihr vorbehalten war.
Sie würde vieles dafür geben, mit ihrer Mutter tauschen zu können. Sie erinnerte sich an ein Lied, das sie vor einiger Zeit gehört hatte. Wie war der Text noch gleich?
- Gib deine Schmerzen ab. Ich halt sie aus für dich, dann ist der Weg nicht mehr so weit –
Musik konnte tröstend sein, oder auch nicht, wenn sie einen immer und immer wieder daran erinnerte, in welcher verzweifelten Lage man sich befand.
Sie drehte den Zündschlüssel herum. Aus den Boxen des Wagens hämmerte Metalmusik und brachte Fensterscheiben zum Vibrieren.

>> Sold my soul,
and signed my name in blood.
Stole it back,
now praying in the dark.
Fooled the devil,
begging for a fight.
Count the dollars
make your bet tonight  <<

Sie hob den Kopf etwas und lauschte zum ersten Mal bewusst dem Text.

>> Knuckles crushed my eyes no longer see
I paid the price and fed the family <<

Warum fühlte sie sich denn plötzlich durch diesen Text angesprochen?

>> I get groovy now turn it on and fight
Seal the deal and let's boogie for a while
Let's get groovy burning out with rage
Seal the deal and let's do it all again <<

Wäre es möglich, ihre Mutter durch einen Pakt mit dem Teufel zu retten – bei allem, was ihr „heilig“ war – sie würde ihn eingehen! Egal, welche Folgen es hätte.
Es musste doch eine Möglichkeit geben, helfen zu können. Wo war der eine letzte rettende Strohhalm, nach dem man greifen konnte?
So etwas gab es im realen Leben einfach nicht!
Ein Happy-End gab es nur in Schnulzenfilmen…
Seufzend stellte sie den Motor wieder ab, stieg erneut aus, trottete die wenigen Stufen aus Beton hinauf und folgte der Ausschilderung zur Intensivstation.
Die Krankenhausgänge erstreckten sich ewig lang, hier und da huschten Ärzte und Schwestern entlang, doch dies schien sie nur am Rande mitzubekommen.
Ihre Konzentration richtete sich einzig und allein auf das, was sie sah; ein riesiges Krankenhausbett in dem eine ausgezehrte Frau lag, angeschlossen an allerlei Gerätschaften, die sie wohl am Leben hielten.
Keine Ahnung, wie lange sie dort stand und durch die Glasscheibe gestarrt hatte, als sie ein kühler Lufthauch streifte.
Sie war unwillkürlich zusammengezuckt und drehte sich langsam herum.
Seltsam, es war Sommer und zudem nicht gerade kalt. Selbst hier, in der vermeintlich klimatisierten Klinik herrschten sicher siebenundzwanzig Grad Celsius. Sie wandte den Kopf nach links.
In einiger Entfernung stand ein Mann – müsste sie seine Kleidung beschreiben, würde sie sagen, er sei einer Comic Con entsprungen und hatte sich hierhin verirrt.
Sie schüttelte den Kopf, schloss für eine Sekunde die Augen und öffnete sie wieder. Wahrscheinlich hatte ihr die Übermüdung einen Streich gespielt. Sie rieb sich angestrengt die Nasenwurzel, ehe sie beschloss, wieder die Heimreise anzutreten.
Klasse… fast vierhundert Kilometer für nichts und wieder nichts gefahren. Im Grunde hätte sie sich den Weg sparen können, da ihr keiner helfen wollte!

Mittlerweile waren einige Tage vergangen, in denen Sophia sich bei der Organspende hatte eintragen lassen, nachdem sie sich zahllosen Tests unterzogen hatte, bei denen festgestellt wurde, dass sie ein geeigneter Spender sein würde.
Ihr nächster Weg führte sie zu einem Notar, der ihr heute jenes Schriftstück aushändigen würde, das sie gestern mit ihm zusammen verfasst hatte.
So verrückt die Formulierung auch klingen musste, aber im Falle ihres eigenen Todes, stellte sie ihre Organe in erster Linie ihrer Mutter zur Verfügung.
Sie atmete hörbar ein-aus-ein-aus, ehe sie ihre Unterschrift daruntersetzte und somit ihre Entscheidung unwiederbringlich besiegelte, obwohl sie der Notar darauf hingewiesen hatte, dass diese Formulierung absurd sei.
Als sie den Kugelschreiber beiseitelegte und die wichtigen Dokumente in ihrer Tasche verstaute, wurde ihr richtig flau im Magen. Als sie nach draußen in die schwüle Nachmittagshitze trat, wurde ihr von jetzt auf gleich schwindelig.
Die Luft über dem aufgeheizten Asphalt flimmerte regelrecht. Auf der sonst so viel befahrenen Straße herrschte gähnende Leere.
Welche Person, die bei klarem Verstand war, lief auch bei fast vierzig Grad durch die Gegend, anstatt in ein Freibad zu gehen?
Mittlerweile stand sie neben ihrem Auto, schloss auf und ließ sich in den aufgeheizten Innenraum gleiten. Kurzzeitig hatte es ihr den Atem verschlagen, bevor sie sich an die Temperatur gewöhnt hatte.
Der Zündschlüssel steckte bereits im Schloss, als sie fieberhaft überlegte, was sie nun tun sollte…
Ihre Gedanken schweiften immer und immer wieder zu ein und demselben Thema – wie würde sie ihrer Mutter auf schnellstem Wege helfen können? Kopfschüttelnd verwarf sie den Gedanken des Suizids. Wie sollte sie es anstellen, dass ihr Körper unversehrt blieb und dass sie jemand schnellstmöglich fand? Natürlich wäre es sicherlich irgendwie möglich, doch das Risiko des Nicht-gefunden-werdens war einfach zu groß.
„Alles Schwachsinn!“ murmelte sie und lehnte die Stirn auf das heiße Lenkrad.
Die Worte des Arztes kamen ihr wieder einher >> Wir entnehmen keinem gesunden, lebenden Menschen einfach so irgendwelche Organe << Wieso denn einfach so?! Es gab doch einen ernsten Hintergrund!


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Inspirierende Sänger/ Lieder
*Volbeat - Seal the Deal
*Down Below - Während du schläfst
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