Ich habe (keine) Angst (OS)

KurzgeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Alex Breidtbach Emma Wolfshagen Leo Roland
23.04.2017
23.04.2017
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Gewidmet ist diese Geschichte der lieben Ilcuvi. Ihr OS Morgengrauen dreht sich wie auch diese Geschichte um Leos Chemo. Beide Geschichten gehen in unterschiedliche Richtungen  - was die "wichtigen Dinge" angeht, sind sie sich doch auch wieder ziemlich ähnlich. Aber lest am Besten selbst und lasst gerne eure Meinung da :)
Viele liebe grüße, Jule

*edit* Ich hab die Geschichte vorgelesen, wer mehr Lust auf zuhören als auf lesen hat, klickt hier.

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„Ich habe keine Angst.“
Zum gefühlt tausendsten Mal flüsterte Leo diesen Satz stumm vor sich hin, obwohl er inzwischen wusste, dass die gewünschte Wirkung sich dadurch nicht einstellen würde.
„Ich habe keine Angst“.
Es war eine dreiste Lüge, die er sich da selbst zu erzählen versuchte. Und das, obwohl sein Körper ihm in jeder Sekunde, die er dem Chemoraum näher kam, genau das Gegenteil zuschrie.
„Ich habe keine Angst.“
Verdammt. Es änderte einfach nicht daran, dass seine Hände, die die Räder des Rollstuhls anschoben, immer langsamer wurden. Dass seine Handflächen schweißnass waren und sein Herz irgendwo in seiner Kehle schlug.
Er hatte Angst. Riesengroße Angst. Vor all dem, was ihn erwartete. Das Bekannte und das Neue. Denn keine Chemo war wie die andere. Immer, wenn er bisher geglaubt hatte, dass ihn nichts mehr schocken könnte – in seinen starken Momenten – hatte sie ihn hinterrücks überrumpelt und ihm eine neue ihrer zahlreichen Fratzen gezeigt. Jedes Mal war sie auf eine andere Art und Weise grausam und das einzige, was immer gleich blieb, war die verdammte Hilflosigkeit, mit der er ihr gegenüberstand.
Die Hilflosigkeit, die ihn jedes Mal aufs Neue in ihren eisernen Griff zog und ihn dort seiner Angst gegenüberstellte, ohne, dass er auch nur das geringste dagegen tun konnte. Er wusste nicht zu sagen, ob die Angst dieses Mal größer oder kleiner war als die vielen Male zuvor, in denen er sich schon auf den Weg zu Chemoraum gemacht hatte, aber es war auch egal. Sie war vor jeder Chemo so unendlich groß, dass Leo einmal das gigantische Weltall in den Sinn gekommen war, als Tabea ihn gebeten hatte, die Angst zu beschreiben. Seine Schwester hatte versuchen wollen, ihn zu verstehen. Doch er wusste, dass sie es nicht konnte. Niemand konnte das, der sie nicht selbst gespürt hatte. Er selbst hätte es vor ein paar Jahren nicht gekonnt. Und deshalb fand er auch auf Tabeas Frage keine Worte.
Denn wie erklärt man eine Angst, die unendlich groß ist? Bei der es keinen Unterschied macht, wenn sie an einem Tag ein wenig kleiner und am nächsten ein wenig stärker ist? Weil es egal ist, wie viel man von unendlich abzieht? Weil es immer unendlich bleibt.

„Ich hab Angst.“
Die Worte kamen tonlos über seine Lippen, obwohl Leo sie nicht gewollt hatte. „Ich habe keine Angst“, das war der Satz gewesen, den er seit dem Frühstück herunterbetete. Aber er war gelogen und jetzt hatten ihm sein Körper und seine Gedanken einen Streich gespielt, indem sie ihn ins Gegenteil verkehrt hatten, das der Wahrheit entsprach.
„Ich hab Angst.“
Noch einmal flüsterte Leo die Worte. Ganz langsam, als wolle er jede einzelne Silbe kosten, während eine Gänsehaut ihm den Rücken hinunter fuhr. Sich einzugestehen, dass er Angst hatte, ließ die Bedrohung, die im Chemoraum unweigerlich auf ihn wartete, noch furchteinflößender erscheinen. Er konnte das nicht. Er konnte keinen einzigen Meter weiter. Mit einem Ruck hielt er die Räder an. So abrupt, dass jemand in ihn hineinfuhr, der offenbar dicht hinter ihm gewesen war.
„Au scheiße, spinnst du?“, hörte er eine bekannte Stimme fluchen und als er sich umdrehte, sah er Alex, der sich die Knie rieb, mit denen er gegen Leos Rollstuhl geknallt war.

„Alex?“, Leo sah ihn irritiert an. „Du bist doch heute gar nicht dran. Ich hab gedacht, Emma spielt als erste meinen Aufpasser.“ Er versuchte, locker zu klingen, aber seine Stimme war zittrig. Er hasste sich dafür. Es war wahrscheinlich albern, aber vor Alex gab er am wenigsten gern zu, Angst zu haben. Alex, der auf jede schlechte Nachricht mit Ärger oder Gleichgültigkeit reagierte, aber niemals mit Schwäche. Der immer einen Spruch auf den Lippen hatte und bei dem es so schwer war, zu wissen, wie es in seinem Inneren aussah. Nicht nur für die Ärzte, die den Grund für Alex‘ Zusammenbrüche noch immer nicht gefunden hatten.
„Keine Sorge, ich hab nicht vor, euer Date zu stören“, witzelte Alex auch jetzt, rollte neben Leo und stieß ihm kumpelhaft mit der Faust gegen den Oberarm. „Ich wollt nur sicher gehen, dass du nicht kneifst.“ Leo wollte etwas ebenso flapsiges erwidern, aber ihm fiel nichts ein. Zu übermächtig war die Angst, die ihn fest im Griff hatte. Also wendete er den Blick ab und schob seine Räder wieder an. Er konnte Alex jetzt nicht ansehen. Er konnte nicht mit ihm sprechen. Er konnte ihn nicht einmal in seiner Nähe haben. Alex war jemand, der für jeden Spaß zu haben war. Draufgängerisch und furchtlos. Jemand, mit dem man lachen und Blödsinn machen konnte. Aber er war niemand für die dunklen Stunden im Leben. Seine sarkastischen Kommentare konnte Leo im Moment einfach nicht ertragen.
Doch so einfach war es nicht, Alex loszuwerden. Natürlich nicht.

„He, wer hat dir denn in die Suppe gespuckt?“, hörte Leo seine Stimme und sah aus dem Augenwinkel, dass Alex neben ihm herfuhr. Und als er keine Antwort bekam, redete er einfach weiter auf Leo ein: „Es ist nicht grade höflich, mich so abblitzen zu lassen, das ist dir schon klar, oder? Hast du Angst, dass Emma lieber mit mir durchbrennt, wenn wir gleich zusammen am Chemoraum aufkreuzen? Keine Sorge, Alter, ich misch mich da nicht auch noch ein. Du solltest lieber Jonas im Auge behalten, er ist nämlich auch ganz scharf auf...“
„Es geht hier nicht um Emma!“, platzte es aus Leo heraus, er stoppte und starrte Alex wütend an, der seinen Rollstuhl erst zwei Meter weiter zum Stehen brachte, sich nun zu ihm umdrehte und erst stoppte, als kaum mehr eine Handbreit Platz zwischen ihren Knien war.
„Nicht?“, fragte er mit einem Grinsen. „Leo, du Aufreißer! Hast du noch eine andere am Start oder was? Respekt, so hätte ich dich gar nicht...“ Rums. Leos gesundes Bein schnellte nach vorne und trat so hart gegen Alex‘ Schienbein, dass der in seinem Rollstuhl einen halben Meter zurück rollte und das Grinsen auf seinem Gesicht sich vor Überraschung und Schmerz verzerrte.
„Fuck, Leo, was soll der Scheiß?“, entwich es Alex so laut, dass ein Pfleger am anderen Ende des Flurs sich umdrehte und ihnen einen besorgten Blick zuwarf, bevor er offenbar beschloss, dass hier noch kein Grund einzugreifen vorlag und weiterging.
„Lass mich einfach in Ruhe, Alex, ok?“, zischte Leo und presste die Lippen aufeinander. Er wusste, dass er ungerecht war, aber es war ihm egal. Er konnte Alex einfach nicht mehr sehen. Nicht jetzt. Aber der dachte gar nicht daran, sich vom Acker zu machen. Stattdessen kam er wieder auf Leo zu, positionierte seinen Rollstuhl schräg neben Leos, sodass ihre Gesichter so nah wie möglich voreinander waren und schaute ihm fest in die Augen. Sein Blick war ungewohnt ernst.

„Du hast sie doch nicht mehr alle, du Spacko“, schimpfte er, leise, aber mit durchdringender Stimme. „Ich hab versucht, dich auf andere Gedanken zu bringen, wegen deiner scheiß Chemo, ja? Wenn‘s dich interessiert: Ich hab grad auch nicht die geilste Zeit meines Lebens, aber weißt du was? Ich wollt trotzdem schauen, ob bei dir alles klar ist. Ich hab gedacht, es hilft dir vielleicht. Aber sag mir nächstes Mal einfach Bescheid, wenn dir jemand vor die Tür gekackt hat, dann halt ich Abstand, du Vollidiot.“ Es waren nicht die Beleidigungen, die Leo trafen, sondern das, was unter dem Ärger mitschwang. Etwas, das Leo bei Alex noch nie wahrgenommen hatte. Etwas, das sich gut versteckte und nicht so schnell an die Oberfläche kam wie Wut und Gleichgültigkeit es taten. Aber in diesem Moment zeigte es sich. Ganz kurz nur. Vielleicht sogar nur deshalb, weil Leo Alex inzwischen ein wenig kannte. Weil er inzwischen unterscheiden konnte, wann Alex wirklich so cool war, wie er sich gab und wann er ihnen allen nur etwas vormachte. Meistens hatte er damit Erfolg, weil er sich einfach zu fies und überheblich aufführte, aber in diesem Moment sah Leo ganz deutlich, was eigentlich unter Alex‘ Fassade lag: In seinem Blick, in der Art, wie er die Augenbrauen zusammenzog und die Lippen aufeinander presste. Alex hatte Angst.

Sofort vergaß Leo seine Wut und auch die Furcht, die er selbst verspürte, wurde von etwas überlagert, das größer war. Wichtiger. Er sorgte sich. Sorgte sich um seinen Freund Alex, von dem er eigentlich gar nicht gedacht hatte, dass es jemals notwendig sein würde, sich ernsthaft um ihn zu sorgen. Doch in diesem Moment gab es keinen Zweifel.
„Sie haben immer noch nicht rausgefunden, was es ist, oder?“, fragte er ruhig und sofort wich der wütende Ausdruck aus Alex‘ Gesicht, als hätte ihn jemand fortgewischt. Die Stirn glättete sich, der harte Zug um seinen Mund fiel von ihm ab. Er sah sofort jünger aus. Und irgendwie hilflos. Er wandte den Blick ab, doch Leo hatte den ungewohnten Ausdruck in seinen Augen bereits gesehen.
„Nein“, sagte er, versucht, seine Stimme beherrscht klingen zu lassen, doch sein rastloser Blick und die Hände, die fahrig am Rand seines Krankenhaushemdes herumspielten, sprachen eine andere Sprache. „Und du hattest Recht, sie lassen mich hier nicht mehr raus.“
„Überhaupt nicht?“, fragte Leo.
„Naja, für einen Tag schon“, gab Alex zu. „Aber das ändert doch nichts. Danach sperren sie mich wieder ein und doktern an mir rum. Vielleicht finden sie was, vielleicht auch nicht. Mein Vater wird weiter nur noch mit den Ärzten reden und sich über jeden Mist beklagen, der gar nicht wichtig ist. Und Charlotte steht an meinem Bett und schaut mich so mitleidig an, dass ich am liebsten kotzen will.“
„Ja, das Mitleid ist ätzend“, bestätigte Leo. „Sie verstehen einfach nicht, dass sie es damit nur schwerer machen.“ Alex lächelte schwach.
„Ich kann es ihr ja nicht mal vorwerfen“, meinte er. „Sie gibt sich immerhin Mühe.“ ‚Im Gegensatz zu meinem Vater‘, waren die Worte, die unausgesprochen in diesem Satz mitklangen und Leo konnte sie beinahe hören, so deutlich waren sie impliziert. Und er wusste genau, wie Alex sich fühlte.
„Immerhin lässt dein Vater sich noch ab und zu blicken“, sagte er und dachte an seinen eigenen Vater, der ihn nicht einmal besucht hatte, seit seine Mutter gestorben war.
„Vielleicht wär es besser, er würde es lassen“, erwiderte Alex bitter. „Immer, wenn ich grad dabei bin, mich mit dem Krankenhaus abzufinden, kommt er vorbei, blufft alle an, dass das kein Leben hier ist und dass sie sich besser um mich kümmern sollen und lauter so Sachen. Das hilft nicht grade.“
„Hm“, machte Leo nur. Für sein Gehirn schien es immer noch schwer zu begreifen zu sein, dass Alex gerade tatsächlich mit ihm über seine Gefühle redete, ohne einen sarkastischen Unterton, sondern ganz ernst. Über seinen Vater, seine Stiefmutter und  über seine Angst. Es passte nicht in das Bild, dass er von Alex gehabt hatte und in diesem Moment schämte Leo sich dafür. Er hatte Alex falsch eingeschätzt, hatte die Fassade, die er aufgebaut hatte, für voll genommen, obwohl er es doch besser hätte wissen können. Vermutlich gab es keinen Menschen, der das Glück haben durfte, ohne Angst zu leben. Vor allem nicht hier im Krankenhaus. Nicht einmal Alex.

„Musst du nicht los?“, fragte der jetzt in die Stille, die sich zwischen ihnen eingestellt hatte. „Sorry, ich wollt dich nicht volllabern. Eigentlich wollt ich auch noch zu Frau Dr. Reusch, vielleicht lässt sich bei meinem Ausgang ja noch was verhandeln.“ Er grinste und es war beinahe wieder das alte, lässige Grinsen, das Leo von ihm gewohnt war. Trotzdem würde er es nie wieder so sehen wie vor diesem Gespräch.
„Ja, ich geh dann mal“, gab Leo zurück, in Gedanken noch immer gefangen in den neuen Erkenntnissen, die er gewonnen hatte. Es gab doch immer wieder Überraschungen, selbst in einer so kleinen Welt wie der, die das Krankenhaus für ihn war.
„Hm, „gehen““, meinte Alex in diesem Moment, malte mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft und sah mit bedeutungsvollem Blick auf Leos Bein hinunter. „Erzähl das deiner Großmutter, du Hochstapler.“ Sein Grinsen wurde breiter und Leo ließ sich davon anstecken.
„Dich zieh ich trotzdem ab, wetten?“, sagte er und legte auch sofort einen Blitzstart hin.
„He, das ist nicht fair!“, hörte er zuerst Alex‘ empörte Stimme, kurz darauf die Räder eines beschleunigenden Rollstuhls hinter sich.
„Na komm schon, beeil‘ dich mal, du Anfänger!“, lachte Leo nur und trieb seinen Rollstuhl schneller an. Zumindest bis er eine Tür zu seiner Linken erkannte, die ihn so schlagartig wieder in die Wirklichkeit zurückholte, dass er den Rollstuhl ruckartig anhielt und sie anstarrte. Hinter ihm zog Alex vorbei, riss wenige Meter später jubelnd die Arme hoch und kam dann zu Leo zurück. Gemeinsam sahen sie die Tür an.
„Chemotherapie“ stand in großen Buchstaben darauf und „Bitte nicht stören.“ Von einem Moment auf den nächsten verschwand das Lächeln von Leos Gesicht und allein der Anblick der Tür ließ ihn frösteln. Für ein paar Minuten, während seines Gesprächs mit Alex, hatte er die anstehende Behandlung beinahe vergessen. Und die Angst war in den Hintergrund seiner Gedanken getreten. So weit zurück, dass sie ihn kaum mehr erreicht hatte. Doch jetzt war sie wieder da. Groß und drohend schien sie sich hinter ihm aufzubauen und Leo zog wie automatisch die Schultern hoch.

„Muss echt scheiße sein da drin“, sagte Alex neben ihm und Leo konnte nur nicken, obwohl es in seinen Ohren wie die Untertreibung des Jahrtausends klang. Irgendwo unter der betäubenden Furcht spürte er, wie Alex ihm die Hand auf die Schulter legte.
„Hast du Angst?“, hörte er ihn fragen und er nickte sofort. Es machte keinen Sinn, es zu leugnen. Und mit einem Mal wollte er es auch nicht mehr. Nicht einmal vor Alex.
„Ja, hab ich“, sagte er heiser. „Ich hab Angst.“ Er sah zu Alex hinüber, der kurz seinen Blick erwiderte und dann an seinen Füßen vorbei auf den Boden starrte.
„Ich auch“, murmelte er. Ganz leise, als wär es das erste Mal, dass er sich erlaubte, das zuzugeben. „Ich hab auch Angst.“ Für ein paar Sekunden saßen sie einfach nur so da und starrten auf die Tür. Dann öffnete diese sich und eine Schwester lächelte sie beide an.

„Ach, hallo Leo“, begrüßte sie den altbekannten Patienten und legte die Hand auf seine andere Schulter. „Emma ist schon da, sie hat auf dich gewartet.“ Sanft aber bestimmt schob sie ihn durch die Tür, während Alex zurück blieb. Als seine Hand von Leos Schulter glitt, drehte der sich noch einmal um.
„Ich drück dir die Daumen“, sagte er. „Vielleicht darfst du ja doch länger draußen bleiben.“ Er versuchte ein Lächeln und es gelang erstaunlich gut. Wie viel einfacher es doch war, für andere stark zu sein.
„Und du rockst die Chemo“, gab Alex ebenfalls lächelnd zurück. Er reckte beide Daumen in die Höhe, winkte noch einmal und drehte sich dann um. Die Schwester schloss die Tür hinter ihm.
„Und, bereit?“, fragte sie an Leo gewandt. Im selben Moment entdeckte er Emma, die sich von einer der Liegen erhob und ihnen entgegen kam. Leos Herz schlug höher, als er sie sah.
Doch nicht nur, weil er sie wirklich ein bisschen mehr mochte, als gut für ihn war (was er vor den anderen natürlich niemals zugeben würde!), sondern auch, weil sie nach Alex nun schon die zweite in so wenigen Minuten war, die nur seinetwegen hier war. Die für ihn da sein wollte, weil er sich fürchtete. Die gerade deshalb ihre eigenen Probleme in den Schatten stellte. Sie vielleicht sogar vergaß, wenn auch nur für kurze Zeit? Leo dachte an den Moment im Flur zurück, als er sich um Alex gesorgt hatte. Als seine eigene Angst für ein paar Minuten verschwunden war, weil in seinem Kopf kein Platz mehr für sie gewesen war. Ging es ihr ähnlich?

Sein Blick fiel auf das Bild, das sie in ihrer nächtlichen Aktion an die Wand des Raumes gesprayt hatten und ein warmes Gefühl überkam ihn. Egal, wie groß seine Angst war, seine Freunde waren für ihn da. Sie ließen ihn nicht allein. War das nicht mehr, als er sich bei seinen letzten Behandlungen noch zu wünschen gewagt hatte?
„Hi“, sagte Emma in diesem Moment und riss ihn aus seinen Gedanken. „Alles gut?“ Er nickte und es fühlte sich nicht mehr so falsch an wie die Worte, die er auf dem Weg hierher noch erfolglos versucht hatte, über die Lippen zu bringen. Er wagte es kaum, sie jetzt auszusprechen, doch als er sich auf die Liege setzte und Emma sich ihm gegenüber niederließ, konnte er nicht anders. Er musste es einfach ausprobieren.
„Ich habe keine Angst“, sagte er. Leise, aber deutlich. Es klang zwar nicht ganz richtig, aber immerhin näher dran als alles vorherige. Und auf Emmas Gesicht erschien ein Lächeln. Ein aufrichtiges, erleichtertes Lächeln. Sie griff nach seiner Hand und drückte sie leicht.
„Das musst du auch nicht“, flüsterte sie. „Wir passen auf dich auf, Leo.“ Und die Worte ließen die Angst noch kleiner werden. Winzig klein. So, dass er sie ertragen konnte. Er war bereit.
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