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Die Sage der Lygeia: "Auf der Suche nach dem Leben" - Teil 2

GeschichteAbenteuer / P16 / MaleSlash
Ephiny Gabrielle OC (Own Character) Valesca Xena
23.04.2017
09.07.2017
12
19.018
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14.05.2017 2.064
 
Vierter Gesang




Der Tempel des Helios stand auf einer Anhöhe, umgeben von Bergen. Niedrige Bäume und Ziersträucher wuchsen in geometrischer Form angeordnet um den Tempel herum. Schwere Platten aus glatt geschlagenem Stein pflasterten den Weg. Mehr als hundert Stufen führten vom Fuß der Anhöhe zum Tempel hinauf.

Der Tempel selbst war ein rechteckiges Steingebäude, nicht viel anders als andere Tempel in Griechenland. Hohe Säulen bildeten den Eingangsbereich. Wachen mit Schilden und Speeren standen Spalier. Über den Säulen war ein Relief des Sonnengottes Helios eingemeißelt, um zu zeigen wem dieser Tempel geweiht war.

Lygeia hatte sich in die Schlange der Gläubigen eingereiht, die zum Tempel des Helios kamen, um dort zu beten oder Opfer darzubringen. Doch die meisten von ihnen kamen aus einem ganz anderen Grund. Demselben, wegen dem auch Lygeia hier war.



Endlich hatten sie das Tor des Tempels durchschritten und kamen direkt in den Altarraum. Die Wände waren mit Fresken bemalt und mit Teppichen behängt. Öllaternen spendeten Licht. Riesige Tonkrüge standen in den Ecken. An der rechten Wand stand eine über zwei Meter große Statue, die jenen Gott Helios darstellen sollte. Als Lygeia zusammen mit den anderen Menschen an der Statue vorbeigeführt wurde, warf sie kurz einen Blick in das steinerne Gesicht des Gottes. Es fühlte sich an als wüsste die Statue ganz genau, was Lygeia vor hatte und würde sie wie in Kläger einen Verbrecher anstarren.

Lygeia zog die Kapuze ihres Mantels noch etwas tiefer ins Gesicht und richtete den Blick wieder nach unten. Sie hob ihn erst wieder, als sie direkt vor dem Ziel war.

Von zwei Wachen flankiert, auf einem Samtkissen aufgebahrt, lag der Dolch des Helios.

Der Schlüssel zur Speise der Götter.

Die Frau vor Lygeia beendete ihr Gebet, verneigte sich ehrfürchtig und verließ den Tempel.

Nun war Lygeia an der Reihe.

Langsam, um den Eindruck jener Ehrfurcht zu erzeugen, trat Lygeia vor den Dolch. Sie faltete die Hände und legte ihr Gesicht auf die Knöchel.

Einen Moment blieb sie so stehen, als wäre sie in tiefes Gebet versunken. Sie wandte sich an den Priester, der nahebei stand und den Dolch nicht aus den Augen ließ.

„Bitte…ich wage es nicht Euch darum zu bitten den Dolch berühren zu dürfen…Aber bitte…lasst mich nur einmal, für einen Augenblick, den Sockel berühren auf dem er liegt.“

Der Priester schien ihren Wunsch ablehnen zu wollen. Doch Lygeias flehender Blick und ihre verzweifelte Stimme rührten das Herz des alten Mannes. Er nickte und trat nach vorne.

„Den Sockel darfst du berühren, mein Kind. Doch berühre nicht den Dolch!“ ermahnte er sie.

Lygeia verneigte sich. „Niemals würde ich mir solchen Frevel anmaßen den Dolch des Helios mit meinen unreinen Händen zu beschmutzen.“, hauchte sie, „Ich danke Euch, mein Vater.“

Lygeia kniete vor dem Dolch nieder und streckte ihre Hand aus. Vorsichtig, mit einem leichten Zittern, berührte sie die kunstvolle Verzierung des Sockels. Nur für einen kurzen Moment. Dann erhob sich Lygeia wieder, verneigte sich noch ein zweites Mal und wandte sich zum Gehen.

Sie hatte fast das Tor erreicht, als der Sockel plötzlich, wie von einer unsichtbaren Kraft gezogen, nach vorne kippte und mit einem lauten Krach auf den Steinboden fiel.

Sofort stürzten die Wachen herbei, um den Dolch zu schützen. Die Gläubigen, die ihre Chance sahen, wenigstens einmal den Dolch berühren zu können, wurden grob zurückgedrängt, während der Priester den Dolch an sich nahm.

Niemand beachtete Lygeia, die sich in dem Chaos in aller Ruhe an der Wand zur Hinterseite des Tempels entlangschob, und sich unter der Decke des Altars versteckte.

Die Tempelwachen drängten die protestierenden Menschen aus dem Tempel, während der Priester den Dolch auf sein Samtkissen zurücklegte und ihn wie das Kostbarste der Welt zu einem großen, reich verzierten Schrank trug. Zwei der Wachen, die ihn abschirmten, öffneten die Türen des Schrankes. Der Priester legte den Dolch auf einen zweiten Sockel, der in dem Schrank stand und verschloss die Türen mit einem großen, schweren Eisenschloss. Dann verließen er und die Wachen den Tempel und verschlossen die Tore.

Lygeia wartete noch einen Moment, bevor sie aus ihrem Versteck kam. Sie sah sich kurz um, entdeckte den Schrank und ging zielstrebig darauf zu. Sie hob das Schloss an und untersuchte es eingehend.

Es war ein großes und schweres Schloss. Aber das war auch schon alles. Es funktionierte wie alle Schlösser. Schlüssel, rein ins Loch, rumdrehen, fertig. Lygeia schüttelte den Kopf. Um so ein Ding zu öffnen musste man kein Profi sein. Solche Schlösser gingen schon durch anpusten auf.

Seelenruhig löste Lygeia die Klammer in ihren Haaren und begann im Schlüsselloch zu stochern.

>>Weißt du wie man Schlösser knackt?<< fragte Xena.

„Wo ich groß geworden bin, lernt man das gleich nach dem ABC.“ Antwortete Lygeia.

Sie konnte sich Xenas fragenden Gesichtsausdruck sehr gut vorstellen.

Ein leises Schnappen ertönte. Das Schloss war offen.

Lygeia steckte sich die Klammer zurück ins Haar und öffnete den Schrank. Der Dolch des Helios hatte eine geschwungene Klinge mit einem Griff aus Silber und zahlreichen Verzierungen aus purem Gold. Am Ende des Griffs war ein Rubin eingelassen.

Zwar hatte Lygeia nicht viel Ahnung von Hehlerei. Aber für dieses Ding hätte sie beim richtigen Anbieter ganz sicher einen Millionenbetrag bekommen.

Sie nahm den Dolch von seinem Kissen, schloss die Schranktüren und hängte das Schloss zurück.

„Et voilà.“, sagte sie stolz und steckte den Dolch ein, „Was kommt jetzt?“

>>Das Buch. In der Statue.<<

Lygeia drehte sich zu der Statue um. Sie ging um das Steingebilde herum und klopfte sie ab.

„Das Ding ist hohl.“ Stellte sie fest.

Ohne auf eine Antwort von Xena zu warten, packte Lygeia den Schaft der Axt, die Helios in den Händen hielt und riss die Statue um. Mit einem lauten Krachen zerbrach der Ton auf dem Steinboden.

Lygeia kniete sich hin, räumte einige Scherben beiseite und brachte ein kleines, graues Büchlein zum Vorschein.

„Bingo.“

In diesem Moment wurde das Tor zum Tempel aufgerissen. Wachen stürmten hinein. Sie erblickten Lygeia, die noch immer in den Scherben der Statue kniete.

„Ok, Xena. Die gehören dir.“



Sie hatten den Tempel des Helios schon weit hinter sich gelassen, als sie die erste Pause machten. Lygeia stieg von dem Hengst ab und ging zu einem nahen Fluss um etwas zu trinken.

Nachdem sie sich etwas Wasser ins Gesicht gespritzt hatte, lehnte sie sich zurück und sagte: „Na das ging doch im Handumdrehen. Wenn der Rest auch so gut funktioniert, können wir uns gratulieren.“

Lygeia wartete auf eine Antwort. Aber Xena blieb stumm.

„Xena? Bist du noch da?“

Erneut blieb es still. Dann antwortete Xena: „Wir müssen sofort weiterreiten. Gabrielle ist bei den Amazonen. Sie wollen meinen Leichnam verbrennen.“

Lygeia sprang sofort auf und rannte zu dem Hengt zurück. „Oh Scheiße, Gabrielle.“

Sie stieg auf und gab dem Hengst so hart die Sporen, dass sich das Tier protestierend aufbäumte, bevor es los jagte.

Dieses Mädel kann man nicht eine Sekunde aus den Augen lassen, dachte Lygeia.



Die Stimmung im Dorf der Amazonen war eine Mischung aus Aufregung und Betroffenheit. Alle wussten von Xenas Tod. Und auch die, welche nicht zu ihren Anhängern oder Freunden gehört hatten, trauerten um sie. Denn eine Kriegerin war sie. Und der Tod einer Kriegerin wurde immer betrauert. So war das Gesetz.

Als sich herumgesprochen hatte, dass Gabrielle wieder im Dorf war, mischte sich in diese Trauer die Aufregung. Alle wussten, dass sie von Melosa zur Amazonenprinzessin ernannt worden war. Die Geschichte darüber, wie sie versucht hatte Terreis zu schützen, war allgemein bekannt. Nun wurde darüber spekuliert, ob Gabrielle ihr Anrecht auf den Thron geltend machen würde.

Obwohl Velaska den Titel der Königin für sich beansprucht hatte.

Gabrielle saß gemeinsam mit Ephiny auf einem Feld abseits des Dorfes. Die beiden Freundinnen hatten sich viel zu erzählen. Gabrielle fragte nach Ephinys Sohn Xenan und war bestürzt zu hören, dass Ephiny ihn zur Familie ihres Mannes bei den Zentauren geschickt hatte.

„Warum hast du ihn fortgeschickt? Er ist doch dein Sohn.“ Fragte Gabrielle.

Ephinys Gesichtsausdruck bekam etwas Gequältes.

„Glaube nicht, dass mir das leicht gefallen ist.“, sagte sie, „Aber ich muss tun, was ich kann, um ihn zu schützen. Während ihr weg wart hat sich hier viel verändert.“

Gabrielle verstand, dass Ephiny nicht darüber reden wollte. Sie erzählte wie Xena ums Leben gekommen war. Von dem Kampf gegen diese seltsamen Menschen. Wie Xena von dem Baumstamm getroffen wurde. Von der beschwerlichen Reise zum Berg Nestos.

Und von Lygeias plötzlichem Verschwinden.

„Sie ist plötzlich verschwunden, sagst du? Aber wieso?“

Gabrielle zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht.“, antwortete sie, „Einfach wegzulaufen ist nicht ihre Art. Etwas muss passiert sein. „

„Und in dem Brief stand auch nichts?“ fragte Ephiny.

„Nur dass ich auf mich und Xena aufpassen soll, und dass sie sobald zurückkommt wie sie kann.“

Ephiny überlegte. „Ich hab kein gutes Gefühl dabei.“

„Ich auch nicht.“ sagte Gabrielle.

Eine Weile saßen Ephiny und Gabrielle nebeneinander im hohen Gras, das vom Wind hin- und hergeweht wurde. Von weitem hätte es so ausgesehen, als säßen sie in einem Meer aus Grün.

Genauso fühlte sich Gabrielle gerade. Als wäre sie in den Wellen eines Meeres gefangen, die sie hin- und herwarfen. Und sie versuchte einfach nur mit dem Kopf über Wasser zu bleiben, um nicht zu ertrinken.



„Ich hab Velaska noch nie gesehen, wenn ich hier war.“ Sagte Gabrielle.

„Sie kam kurz nach eurer Abreise zurück.“, antwortete Ephiny, „Sie hat das Dorf vor Jahren verlassen.“

„Wieso?“

Ephiny holte tief Luft. „Velaska ist Melosas Adoptivtochter. Ihre leibliche Mutter ist im ersten Zentaurenkrieg gefallen. Melosa hat sie nach Amazonengesetz adoptiert und wie ihre eigene Tochter großgezogen.“

Gabrielle erinnerte sich, was Ephiny bei ihrem Wiedersehen gesagt hatte.

„Sie hat ihre eigene Adoptivmutter umgebracht?“

„Das ist nichts Ungewöhnliches, Gabrielle. Wenn es um die Maske der Königin ging, war Blut meistens dünner als Wasser.

Als Melosa Therreis zur Erbin ernannte, hat Velaska die Entscheidung angefochten.  Aber man hat sie abgewiesen. Also hat sie das Dorf verlassen.“

Gabrielle dachte über das nach, was Ephiny ihr erzählt hatte.

„Wäre sie eine gute Königin?“ fragte Gabrielle. Irgendwie glaubte sie die Antwort zu kennen.

Ephiny zuckte mit den Schultern. „Manche sagen ‚Ja‘. Manche sagen ‚Nein‘. Sie ist stark und ehrgeizig, und hat sich im Dorf viele Freunde gemacht. Sie redet immer davon, dass sie das Land jenseits des Flusses wieder in Besitz nehmen würde. Das Land der Zentauren.“

„Das bedeutet Krieg.“, sagte Gabrielle, „Ist das der Grund, weshalb du Xenan weggeschickt hast?“

Ephiny presste ihre Lippen zusammen. Dann nickte sie.

„Viele seiner Freunde wollen oder dürfen nicht mehr mit ihm spielen. Einige tuscheln hinter seinem Rücken. Andere beleidigen ihn. Ich habe versucht mit den Leuten zu reden, aber für die bin ich eine Verräterin, weil ich mit einem Zentauren ein Kind gezeugt habe.“

„Hast du mit Velaska darüber gesprochen?“ fragte Gabrielle.

„Das ist zwecklos. Sie hasst die Zentauren. Und das Schlimmste ist, dass ich sie sogar verstehen kann. Die Zentauren haben ihre Mutter getötet. Und nicht jeder kann seine Vorurteile so hinter sich lassen, wie ich es getan habe.“

Gabrielle legte Ephiny einen Arm um die Schultern. Sie konnte nachvollziehen, wie sich diese innere Zerrissenheit, die Loyalität zur ihrem Volk auf der einen, und der Liebe zu ihrem Sohn auf der anderen Seite, anfühlen musste. Und wie sehr Ephiny, die immer eine sehr hohe und geachtete Stellung bei den Amazonen inne hatte, unter diesen Anfeindungen leiden musste.

„Sie sollte nicht über Euch entscheiden.“ Sagte Gabrielle wie zu sich selbst.

Ephiny rückte näher zu Gabrielle und erwiderte ihre Umarmung.

„Das muss sie ja nicht.“ sagte die Amazone hoffnungsvoll.

Gabrielle blickte ihre Freundin fragend an.

„Wie meinst du das?“

„Du hast immer noch das Stammesrecht. Sie ist nur Königin, weil du nicht hier warst. Aber jetzt bist du zurück. Wenn du die Maske der Königin übernimmst, dann muss sie das akzeptieren, ob sie will oder nicht. Sie weiß das.“

Gabrielle schüttelte bedächtig den Kopf. Sie wusste, was Ephiny ihr vorschlug. Und dass sie diesen Vorschlag nicht um des Rechts willen machte. Sondern wegen ihres Sohnes.

„Nein, Ephiny. Ich habe Xena versprochen, dass ich sie nach Hause bringen werde. Dieses Versprechen muss ich einlösen.“

„Gabrielle!“, Ephiny stoppte und versuchte ihre Stimme zu zügeln, die sich zu überschlagen drohte, „Xena ist tot. Ich rate dir, als Amazone und als deine Freundin: Xena sollte wie eine Amazone bestattet werden. Wenn wir ihren Körper dem Feuer übergeben, ist ihre Seele frei. Und vielleicht…kannst du sie…dann doch…“

„…gehen lassen.“ Beendete Gabrielle den Satz.

Ephiny nickte.
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