Die Sage der Lygeia: "Auf der Suche nach dem Leben" - Teil 2

GeschichteAbenteuer / P16 Slash
Ephiny Gabrielle OC (Own Character) Valesca Xena
23.04.2017
09.07.2017
12
24302
1
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Erster Gesang




Der Morgen begann kalt und grau. Es sah nach Regen aus. Kühler Wind wehte über das Land. Lygeia stand mit verschränkten Armen neben der Tür zu Nickleos Hütte und betrachtete die dichten, tief hängenden Wolken. Sie hatte sich das Haar zusammengebunden, bis auf ein paar Strähnen, die ihr ins Gesicht hingen.

Die Tür öffnete sich und das dunkle Gesicht des Heilers erschien.

„Komm, mein Kind.“, sagte er sanft, „Hilf mir bitte.“

Lygeia drehte sich ihm zu und nickte. Sie betrat die Hütte und blieb kurz stehen, um einen Blick in die Richtung des Behandlungstisches zu werfen.

Xenas Leichnam lag noch immer dort. Ihr Gesicht war blass und entspannt. Das lange schwarze Haar lag ausgebreitet auf dem Kissen.

Hätte Lygeia es nicht besser gewusst, sie hätte geglaubt die Kriegerprinzessin würde tief und fest schlafen.

Ihr Blick wanderte von Xena zu Gabrielle. Die Bardin lag neben ihrer Freundin, hatte den Arm um sie gelegt und ihren Kopf auf Xenas Schulter gebettet.

Erinnerungen an Victor Hugos Roman Der Glöckner von Note Dame tauchten in Lygeia hoch. Wie war das Ende noch mal?

Als man ein Grab öffnete, fand man zwei Skelette.

Das eine gehörte einer Frau.

Das andere war merkwürdig verkrüppelt und hielt das der Frau im Arm.

Als man versuchte die Skelette zu trennen, zerfielen sie zu Staub. ..



„Lygeia?“

Nikleo stand auf der anderen Seite der Hütte, neben einem mit zahlreichen Schnitzereien verzierten Kupfersarkophag. Die viereckigen Schnitzereien  gingen von einem bestimmten Punkt auf der Unterseite des Sarkophags aus und vereinigten sich in einer kristallenen Kuppel. Dort, wo Xenas Kopf liegen würde.

Es war ein schlichter, aber sehr schöner Sarkophag.

Vorsichtig näherte sich Lygeia dem Totenlager. Sie legte Gabrielle eine Hand auf die Schulter und sagte: „Komm, Gabrielle. Wir müssen jetzt gehen.“

Die Bardin hob den Kopf und blickte Lygeia flehend an. Frische Tränen lösten sich aus ihren grünen Augen und liefen über ihr schönes Gesicht. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, um Abschied zu nehmen.

Lygeia setzte sich neben Gabrielle und streichelte ihr übers Haar.

„Wir können nichts mehr für sie tun, Gabrielle.“, sprach sie weiter, „Lass sie uns nach Amphipolis bringen, zu ihrem Bruder. Das hat sie sich immer gewünscht.“

Diese Worte schienen zu Gabrielle durchzudringen. Langsam, unter größter Anstrengung so schien es, löste sie sich von der Seite ihrer Freundin und stand auf.

Lygeia schob ihre Arme unter die Knie und den Rücken der Kriegerprinzessin und hob sie hoch.

Wie leicht sie ist, dachte Lygeia.

Mit ihrer kostbaren Last auf den Armen ging sie zu Nickleo und legte den Leichnam in das mit Samt ausgeschlagene Innere des Sarkophags. Bevor sie zurücktrat, nahm sie Xenas Hände und faltete sie.

Nun sah es wirklich so aus, als würde sie schlafen.  Ruhig und friedlich.

Als sie Nickleo helfen wollte den Deckel auf den Sarkophag zu legen, hielt Gabrielle sie auf.

„Wartet bitte.“

Die Bardin kniete neben den Sarkophag nieder und beugte sich hinunter.

Ein letztes Mal küsste sie die erkalteten Lippen ihrer Geliebten.

Mit gepeinigter Miene sah sie zu, wie Lygeia und Nickleo Sarkophag und Deckel miteinander verschlossen. Das schnappende Geräusch, als das Schloss einrastete, schien ohrenbetäubend in der Hütte wieder zu hallen.

Mit Nickleos Hilfe  hob Lygeia den Sarkophag hoch, trug ihn nach draußen vor die Hütte und setzten ihn auf dem Schlitten ab.

Nachdem Lygeia Argo vor den Schlitten gespannt hatte, verabschiedete sie sich.

„Es tut mir Leid, dass ich ihr nicht mehr helfen konnte.“ Sagte Nickleo.

Lygeia schüttelte den Kopf. „Es ist nicht deine Schuld.“ Antwortete sie.

„Lebt wohl.“ Sagte der Heiler.

„Bitte sag nicht ‚Leb wohl‘. Das macht es nur noch schlimmer.“

Nickleos Antwort war ein gequältes Lächeln. Er zeigte den Weg entlang Richtung Nordosten.

„Wenn ihr diesem Weg folgt, kommt ihr zuerst zu einer Höhle. Wenn ihr die durchquert habt, schlängelt sich der Weg am Berg hinunter. Ihr werdet mit dem Schlitten leichter hindurchkommen, als wenn ihr denselben Weg zurück nehmt.“

„Danke.“ Sagte Lygeia.

Sie griff nach Argos Zügeln. Holte tief Luft. Und zog die Stute vorwärts.



Sie brauchten nicht lange um die Höhle zu erreichen.  Der Eingang war hoch und breit. Doch der Weg war beschwerlich. Immer wieder blieb der Schlitten  an Unebenheiten ihm Boden, in Felsen und Spalten, hängen und musste von Gabrielle und Lygeia befreit werden. Dadurch kamen sie nur langsam voran. Und jedes Mal, wenn sich der Schlitten erneut verkeilte, stieg Lygeias Frustration.

Am liebsten hätte sie mit der Faust gegen die Wand der Höhle geschlagen und geschrien.

Als endlich der Ausgang der Höhle in Sicht kam, atmeten Gabrielle und Lygeia erleichtert aus.

Doch die Erleichterung hielt nur solange, bis sie erkannten, was hinter dem Ausgang der Höhle lag.

Die grauen Wolken waren noch dichter geworden. In der Ferne war leise Donner zu hören.

Lygeia blickte am Berg hinunter und folgte mit den Augen dem Weg, den sie zu gehen gedachten. Es war ein Trampelpfad, gerade breit genug, dass ein Pferd darauf gehen konnte, und führte durch Geröll von Steinen und Felsen. Wie eine Serpentine schlängelte sich der Weg den Berg hinunter, beschrieb unzählige Kurven und Wendungen.

Für den Transport eines Sarkophags war dieser Weg – von wem auch immer – niemals angelegt worden.

Lygeia überlegte, und sah zu Gabrielle. Ihre Freundin stand neben dem Sarkophag, die Hand auf die Kuppel gelegt.

Lygeia traf eine Entscheidung.

Sie ging zu Argo und begann die Stute vom Schlitten zu lösen.

Als Gabrielle bemerkte, was Lygeia tat fragte sie: „Was tust du da?“

„Wir kommen den Berg so nicht hinunter.“, antwortete Lygeia, „Der Weg ist gefährlich. Wenn der Schlitten losfährt, während Argo davorsteht…“ Lygeia beendete den Satz nicht. Sie bedeutete Gabrielle ihr zu helfen und gemeinsam schafften sie es, den Schlitten umzudrehen, sodass seine Vorderseite nun nach hinten zeigte. Anschließend band Lygeia Xenas Stute hinter den Schlitten.

Nachdem sie noch ein Seil vor den Schlitten gebunden hatte, drehte sich Lygeia zu Gabrielle um.

„Ich werde den Schlitten ziehen. Du bleibst bei Argo und passt auf sie auf.“

„Und wenn der Sarkophag abrutscht?“ fragte die Bardin.

„Wird er nicht. Ich stehe ja davor.“, antwortete Lygeia, „Bist du bereit?“

Gabrielle griff Argo bei den Zügeln und streichelte ihr den Kopf. „Ja.“

Entschlossen nahm Lygeia das Seil und begann zu ziehen. Doch der Schlitten war durch den Sarkophag schwerer als sie dachte.  Ihre Arme und Schultern schmerzten, als sie den Schlitten über die Unebene zog.

Dann senkte sich der Boden langsam ab und Lygeia merkte wie der Schlitten immer leichter wurde, je weiter sie auf den Weg kamen.

Doch schon bald wurde der Weg enger. Und das Geröll machte ihnen Schwierigkeiten. Immer wieder – wie schon in der Höhle – blieb der Schlitten an Steinen hängen und musste befreit werden.

Als sie zu der ersten Kurve kamen, die fast pfeilspitz zulief, brachten sie den Schlitten zum Stehen. Hier mussten sie Argo wieder losbinden und ihr Gefährt per Hand um die Kurve schieben.

Noch bevor sie überhaupt die dritte Kurve erreicht hatten, waren ihre Kleider von Schweiß durchnässt.

Doch eine Pause legten sie nicht ein. Wo denn auch? Es gab hier keinen Ort, wo sie hätten rasten können. Und was, wenn ihnen jemand begegnete? Weder Gabrielle noch Lygeia wollten es darauf ankommen lassen, dass es nur ein reisender Händler oder Wanderer war, der sich zufällig auf diesen Weg verirrte hatte. Und was, wenn er sie erkannte? Viele kannten Gabrielle als die Bardin, die von Xenas Abenteuern berichtete. Es hätte kein Genie gebraucht, um eins und eins zusammenzuzählen und zu dem Schluss zu kommen, wer in dem Sarkophag lag.



Der Nachmittag war bereits angebrochen, als sie endlich die letzte Kurve passierten und den Fuß des Berges erkennen konnten. Der Weg wurde immer flacher und schließlich fast eben.

Erschöpft ließ sich Lygeia zu Boden fallen. Ihre Arme schmerzten. Stundenlang hatte sie den Sarkophag den Weg hinuntergezogen, hatte Steine und Felsen aus dem Weg geräumt. Einmal war sie gestolpert und ein Stück den Berg abgestürzt. Sie fühlte ihre Arme kaum noch.

Gabrielle schien es nicht anders zu gehen. Obwohl sie hauptsächlich bei Argo geblieben war, um zu verhindern dass die Stute durchging, hatte sie wann immer möglich Lygeia geholfen den Weg für den Schlitten frei zu machen. Das lange goldene Haar war verknotet und verworren. Etwas Blut klebte an ihrer Schulter und ihre Hände waren aufgerissen.

Lygeia stemmte sich wieder auf die Füße und wankte zu Gabrielle. Ihre Freundin lag neben dem Sarkophag und hatte den Kopf auf den Deckel gelegt.

Lygeia legte ihr eine Hand auf den Rücken.

„Komm, Gabrielle. Jetzt kann Argo den Schlitten wieder ziehen. Ein bisschen noch, dann machen wir Pause.“

Gabrielle schüttelte den Kopf und presste sich noch enger an das Metall des Sarkophags.

„Am liebsten würde ich hier bleiben und sterben.“ Sagte sie mit erstickter Stimme.

Die Bardin spürte, wie Lygeia ihr die Arme um den Körper schlang und sie auf die Füße zog.

„Hör auf solche Scheiße zu reden und hilf mir lieber.“

Nachdem sie Argo wieder vor den Schlitten gespannt hatten, setzten sie ihre Reise fort. Doch obwohl Lygeia nach außen hin stark und entschlossen wirkte. Innerlich fühlte sie sich mutlos und verzweifelt. Schuldgefühle, der Schock über Xenas Tod, die Trauer um ihre Freundin. Lygeia hatte in den letzten Tagen keine Zeit gehabt sich damit zu befassen. Und jetzt, da sie wieder einigermaßen zur Ruhe kamen, wurde es für Lygeia immer schwerer ihre Maske aufrecht zu erhalten.



Sie ließen das karge, felsige Land, das diesen Teil des Berges umgab, bald hinter sich und erreichten die Wälder. Trotz der schwarzen Wolken hatte der erwartete Regen bis jetzt nicht eingesetzt. Auch das Gewitter war ausgeblieben.

Als sie die Waldgrenze schon eine Weile hinter sich gelassen hatten, hielt Lygeia Argo an und löste eine der Taschen am Sattel. Nickleo hatte ihnen so viele Vorräte mitgegeben wie er entbehren konnte.

Lygeia reichte Gabrielle etwas von dem Nussbrot. „Hier.“

Eigentlich hatte Gabrielle keinen Hunger. Trotzdem schlang sie das Brot begierig hinunter. Auch Lygeia langte gut zu. Den ganzen Tag über hatten sie fast nichts gegessen und getrunken, trotz des kräftezehrenden Abstiegs.

„Kennst du dich hier aus?“ fragte Lygeia.

Gabrielle schüttelte den Kopf. „Nein.“, sie hob verzweifelt die Arme, „Ich hab keine Ahnung, wo wir sind. Ich weiß, nicht wo wir hin sollen.“

Gabrielle schleuderte das Stück Brot in ihrer Hand beiseite. Sie schlug die Hände vor das Gesicht und brach in Tränen aus.

Sofort zog Lygeia die Bardin zu sich und hielt sie fest in den Armen, während der Körper ihrer Freundin von immer wiederkehrendem Schluchzen geschüttelt wurde. Die Trauer, der Schmerz, all diese Gefühle, die Gabrielle in diesem Moment empfand, wie gerne hätte Lygeia sie auf sich genommen.

Nur damit Gabrielle es nicht ertragen musste.

Sie standen lange zusammen auf dem Waldweg. Bis das Schütteln nachließ und Gabrielle ruhiger wurde. Die junge Bardin lehnte sich an Lygeia und ließ sich von ihr festhalten. Noch nie, seit sich Lygeia ihr und Xena damals angeschlossen hatte, war Gabrielle um ihre Gegenwart so froh gewesen.

„Ich bin froh, dass du da bist, Lygeia.“ Hauchte sie mit erstickter Stimme.

Lygeia sagte kein Wort. Sie hielt ihre Freundin nur weiter fest.

Sie hätte auch nichts sagen können, denn sie war selbst kurz davor ihren Tränen nachzugeben.

Mit zusammengepressten Lippen löste sie sich von Gabrielle und schob die Bardin etwas zurück.

„Komm, suchen wir uns einen Platz für die Nacht. Morgen sehen wir weiter.“



Es dämmerte bereits als Gabrielle und Lygeia endlich einen geeigneten Platz fanden. Gemeinsam mit Argo zogen sie den Schlitten etwas vom normalen Weg auf einen Pfad, der ins Unterholz führte. Von dort kamen sie auf eine kleine Lichtung, die vom Dickicht gut geschützt war. In der Ferne war leise das Plätschern eines Baches zu hören.

Schweigend machten sie sich ein einfaches Abendessen zurecht und bereiteten sich ihr Lager für die Nacht.

Lygeia wartete, bis sie sicher war, dass Gabrielle fest schlief. Dann schlug sie die Decke ihrer Schlafrolle zurück und ging zu dem Sarkophag.

Irgendwie war es Lygeia unmöglich sich klarzumachen, dass Xena wirklich in diesem Sarkophag lag. Dabei hatte sie die Kriegerprinzessin doch selbst hineingelegt.



Wie schön Xena ausgesehen hatte.

Wie ruhig und friedlich.

Lygeias Hände krallten sich in den Stoff ihrer Hose, als sie an Xena dachte. Ihr Lachen. Ihr liebevolles und tröstliches Lächeln. Die Zeit, die sie damit verbracht hatte Lygeia das Fischen, das Fallen stellen oder das Spuren lesen beizubringen.

Es gab so vieles, das sie der Kriegerprinzessin verdankte. So vieles, das sie ihr gern noch gesagt hätte.

Doch nun war sie tot.

Und es war Lygeias Schuld.

Die Tränen kamen langsam. Sie bauten sich auf, wie ein Sturm an einem heißen Sommertag. Wie schwarze Wolken am Horizont kamen sie zusammen um Unheil über das Land zu bringen.

Lygeia presste die Augen zusammen. Versuchte gegen die Tränen anzukämpfen, bis ihr Widerstand bröckelte und ihrer Trauer freien Lauf ließ.
Review schreiben