-THE GHOSTED CROWN- Die 150. Hungerspiele

GeschichteAllgemein / P16 Slash
23.04.2017
27.12.2017
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Vanitas Snow, seines Zeichens halber Präsident Panems und Urgroßenkel des legendären Gründervaters Coriolanus Snow, ballte die Hand zur Faust, so voller Siegessicherheit, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten. Doch es nützte nichts, denn Veritas Snow, seines Zeichens anderer halber Präsident Panems und Zwillingsbruder ersteren, hatte die Hand flach ausgestreckt.
„Verdammt.“ fluchte Vanitas und schlug den ausgestreckten Arm seines Bruders unwirsch zur Seite.
„Du bist ohne Frage der miserabelste Schere-Stein-Papier-Spieler von ganz Panem, kleiner Bruder.“  spottete Veritas. Sein Bruder schnaubte und wendete sich sich von ihm ab.
„Und der schlechteste Verlierer obendrein.“ fügte Veritas hinzu.
„Es gibt wichtigere Dinge.“ presste Vanitas missbilligend hervor.
„Nicht, so lange wir jede Entscheidung auf diese Art und Weise treffen.“ Veritas brach in hässliches, schadenfreudiges Lachen aus, das in ein heiseres Husten überging.
„Eines schönen Tages wirst du elendig an deinem Husten verrecken, Bruderherz, und dann bringt dir all dein Geschick beim Schere-Stein-Papier nichts mehr.“ war es nun an Vanitas zu verhöhnen.
Im Lachen glichen sich die beiden Brüder noch mehr, als ohnehin. Die vormals nichtssagenden und heute von mehr als zwei Dutzend Schönheitsoperationen entstellten Gesichter, reglose Masken aus porenloser, unnatürlich straffer Haut, waren zu grotesken Grimassen verzerrt, die Zähne gebleckt wie ein ängstliches Tier und die Augen zu schmalen Schlitzen verengt. Die von Haargel verklebten weißblonden Locken wippten im Takt ihrer Atemzüge wie eine tote Qualle auf der Meeresoberfläche.Nur langsam erholten sich die beiden von ihren Lachsalven und ihre Gesichtszüge wurden wieder hart, nur die Röte ihrer Wangen, die durch eine teigige Schicht Make-Up durchschien, verriet ihre Gefühlsregung.
„Dann bringt dir all dein Geschick nichts mehr...“ wiederholte Vanitas leise,dieses Mal ohne seine Rivalität hinter dem Deckmantel des Spotts zu verstecken.
Die Türe, ein zweiflügeliges Portal aus dunklem Kirschbaumholz mit schweren Eisenbeschlägen, öffnete sich und die zierliche Gestalt eines in rote Seidengewänder gekleidetes Mädchens trat hindurch in das private Arbeitszimmer der Präsidenten von Panem. Ihre karamellfarbene Haut und die zu einem Dutt hochgesteckten dunkelbraunen Locken ließen vermuten, dass sie aus einem der hinteren Distrikte stammte, doch keiner der beiden Brüder interessierte sich genug für sie, als dass er sie nach ihrer Herkunft gefragt hätte. Selbst wenn, das Mädchen hätte ihnen doch nicht antworten können, denn als Strafe für ein den Brüdern unbekanntes Vergehen hatte man ihr die Zunge herausgeschnitten und sie zu einem Avox gemacht. Langsam drehten sie sich zu ihr um.
„Ich nehme an, du bist hier, um uns zum Aufnahmestudio zu geleiten?“ fragte Veritas barsch, woraufhin sie hastig den Kopf senkte und sich tief vor ihm verneigte.
„Richtig, du kannst ja doch nicht antworten,“ er ließ erneut sein hässliches Lachen ertönen, „Bist du soweit Bruder?“
Vanitas stand gegen den linken Kirschbaumholzschreibtisch gelehnt und ließ seinen Blick langsam über das Avox-Mädchen gleiten, von ihrem puppenhaften Gesicht über die kleinen Brüste, die sich unter der roten Robe anzeichneten bis zu den nackten Knöcheln, die unter dem Saum hervorblitzten. Voller Gier fuhr er sich mit der Zunge über die unnatürlich vollen Lippen und bedachte sie mit einem vielsagenden Blick. Sie war schlau genug, den Kopf zu senken und ihr Abscheu vor den Augen des Präsidenten zu verbergen, denn jede noch so winzige Geste der Ablehnung hätte sie im besten Fall ihre Stelle im Palast, im schlimmsten Fall ihren Kopf gekostet.
„Denk nicht einmal dran, Bruder“, raunzte Veritas, „Das,“ er wies mit dem Kinn auf das Mädchen, „Ist nur Abschaum. Dreck aus den Distrikten.“ Er packte seinen Bruder unsanft am Ärmel und zog ihn mit sich Richtung Tür.
„Misch dich nicht in meine Angelegenheiten ein“, zischte Vanitas und befreite sich nur mit einem einzelnen kraftvollen Schlag aus dem Griff seines Bruders, dann schritt er ohne einen weiteren Blick hinaus auf den Korridor. Wortlos marschierte das ungleiche Trio die weitläufigen Gänge entlang, vorbei an Dutzenden kleineren Versionen des Kirschbaumholzportals und Ölgemälden, auf denen ehemalige Präsidenten und sonstige hohe Tiere, die sich um Panem verdient gemacht hatten, verewigt waren. Doch keiner der drei schenkte den Portraits große Aufmerksamkeit. Das Avoxmädchen nicht, weil sie es nicht wagte, ihren Blick zu heben, Vanitas und Veritas Snow nicht, weil sie sich weder für Kunst, noch für ihre verweichlichten Vorgänger interessierten.
Am Ende des Korridors, der zum persönlichen Arbeitszimmer der Präsidenten führte passierten sie einen offenen Aufzugschacht, der unübersehbar mit  an Bronzepfosten geschnürtem, rotem Satinband abgesperrt war.
„Verdammt, läuft das Scheißteil etwa immer noch nicht?“ fluchte Vanitas und trat missmutig gegen einen Bronzepfosten, der scheppernd zu Boden fiel, „Wenn ich noch einen weiteren Tag lang Treppen laufen muss, schmeiß ich diesen nichtsnutzigen Elektrotechniker höchstpersönlich den Schacht runter.“  Veritas stimmte grunzenderweise in das Lachen seines Bruders ein: „Und wenn du schon dabei bist, kannst du die Suppenköchin direkt hinterher schmeißen, meine Tomatensuppe heute Mittag war lauwarm.“
Nachdem das Avoxmädchen den Pfosten wieder ordnungsgemäß aufgestellt hatte konnten sie ihren Weg zum Aufnahmestudio im Keller des Palasts fortsetzen, begleitet von zahllosen Unmutsbekundungen der Präsidenten über das leidige Treppenlaufen und Verwünschungen des mit dem Aufzug betrauten Elektrotechniker, wenn gleich es nur bergab ging.
Es war mit Sicherheit für alle Beteiligten eine große Erleichterung, als sie schließlich das Privataufnahmestudio erreichten. Hier unten im administrativen Block, den kaum einmal ein Fremder betrat, hatte man auf Kirschbaumholz, goldene Kerzenleuchter und sonstigen Prunk zugunsten von metallenen Sicherheitstüren und flackernder Neonröhren verzichtet, was die beiden Brüder wie bei jedem ihrer seltenen Ausflüge in diesen Teil des Palasts mit einem Naserümpfen quittierten. Das Avoxmädchen öffnete den Präsidenten rasch die Türe, den Blick weiterhin unterwürfig auf das graue Linoleum gerichtet.
Im Inneren des Studios wurden Vanitas und Veritas Snow bereits von einer Reihe Personen erwartet, am sehnlichsten wohl von einem Herrn in blassrosa Jacket und einem farblich dazu abgestimmten Zylinder, der unverzüglich auf die Brüder zu eilte. Der Name des Herrn war Priamus Pye, seines Zeichens oberster Berater der Präsidenten. Vor gerade einmal zwei Wochen war er zu dieser prestigeträchtigen Stelle berufen worden und damit zählte bereits zu deren dienstältesten Inhabern selbiger, eine Tatsache, die ihn ohne Zweifel mit großem Stolz erfüllte.
„Mr. Und Mr. Snow“, er lupfte mit einer dramatischen Geste seinen Hut und verneigte sich tief, „Wie immer eine außerordentliche Freude Sie zu sehen!“
„Pye“,erwiderte Veritas Snow ohne jede Begeisterung, „Ich hoffe Sie haben soweit alles vorbereitet?“
„Selbstverständlich, es ist alles bereit,“ mit großer Geste umfasste er die bereitstehenden Kameramänner, „Sind die Herren denn bereits zu einer Einigung gekommen, wem die Ehre gebührt, die diesjährige Finesse des Jubeljubiläums zu verkünden?“
„Diese Ehre gebührt meinem Bruder.“ gab Veritas zurück und bedachte seinen Bruder mit einem hämischen Grinsen.
„Wunderbar, ganz ausgezeichnet!“ überschlug sich Priamus Pye, „Mr. Snow, wenn Sie dann bitte dort hinter das Pult treten würden.“
Er wies auf ein schlichtes weißes Rednerpult, auf dessen Vorderseite in goldenen Lettern „Panem heute, Panem morgen, Panem für immer“ prangte und hinter dem eine große Nationalflagge wirkungsvoll im künstlichen Luftzug eines Ventilators wehte.
Mit einem pikierten Blick in Richtung seines Bruders schlurfte Vanitas zu dem Pult und positionierte sich dahinter, während die Kameras auf Position gingen.
Der Präsident zog einen Briefumschlag aus der Innentasche seines taubenblauen Jacketts und es bedurfte keiner Detektivarbeit zu sehen, dass der Umschlag in der Vergangenheit bereits unvorsichtig aufgerissen und anschließend auf stümperhafte Weise wieder zusammengeklebt worden war, um den Anschein von Unberührtheit vorzutäuschen, doch keiner der Anwesenden wagte ein Wort über diesen Umstand zu verlieren.
„Wundervoll, Mr Snow,“ lobte Priamus Pye überschwänglich, „legen sie den Umschlag einfach dort auf das Rednerpult und sorgen sie dafür, dass er nicht zu lange im Bild sichtbar ist.“
Vanitas Snow nickte widerstrebend und strich sich die marineblaue Krawatte glatt.
„Sehr schön, Herr Präsident, wären Sie dann bereit?“
„Natürlich bin ich bereit, nun fangen Sie doch endlich an, ich habe keine Lust, den ganzen Tag in diesem Kellerloch zu verbringen!“ schnaubte Vanitas unzufrieden.
„Natürlich, natürlich, wie beginnen umgehend mit der Aufnahme! Und Cut!“ rief er den Kameramännern mit einem leichten Anflug von Panik zu, die ebenso hektisch auf die Aufnahmeknöpfe ihrer Kameras drückten. Es war eine allgemein bekannte Tatsache, dass man den Präsidenten besser nicht warten ließ, wenn man an seinem Leben hing.
Kaum dass die Kameras durch das Aufleuchten eines orangefarbenen Lichts signalisierten, dass die Aufnahme lief, bedeutete Priamus Pye dem Präsidenten zu beginnen.
„Liebe Damen und Herren, liebe Kinder, liebe Bürger Panems,“ ein heuchlerisches Lächeln, das seine Augen nicht erreichte legte sich auf sein Gesicht, „Wie Sie alle wissen ist dieses Jahr ein ganz besonderes Jahr in der Geschichte Panems, denn wir feiern das 150-jährige Bestehen unserer Nation! Seit 150 Jahren herrschen Gerechtigkeit, Ordnung und Frieden in unserem Land, doch auch 150 Jahre nach der Rebellion ist es uns, meinem Bruder und mir,  ein Anliegen, mit den alljährlichen Hungerspielen an diesen dunklen Schandfleck in der Geschichte unserer Nation zu erinnern. Und wie es die Tradition besagt, wollen wir dieses besondere Jahr mit ganz besonderen Hungerspielen, mit einem Jubeljubiläum, feiern! Und in diesem Umschlag hier“, er hielt den Umschlag kurz in die Luft, ließ in aber einen Wimpernschlag später schon wieder hinter das Rednerpult sinken, was ihm einige zustimmende Zeichen von seitens Priamus Pye einbrachte, „In diesem Umschlag steht, was sich wir alle so gespannt erwarten.Was sich unsere Gründerväter vor 150 Jahren für das 6. Jubeljubiläum haben einfallen lassen.“
Mit großer Geste schlitze er den Briefumschlag auf und entfaltete das darin enthaltene Blatt Papier. Wäre die Kamera hinter dem Präsidenten gestanden, hätte ganz Panem in diesem Augenblick gesehen, dass der Mittelteil des Blattes, innerhalb der goldenen Umrahmung auf Recht schlampige Art und Weise mit einem anderen Stück Papier überklebt worden war, doch von vorne konnte man bei bestem Willen nichts von diesem Eingriff erkennen.
Vanitas Snow machte eine dramatische Pause, während er seinen Blick über den ihm selbstverständlich längst bekannten Text auf dem Papierbogen schweifen ließ. Er kostete das Gefühl der Anspannung aller im Saal Anwesenden voll aus, ehe er fort fuhr.
„Zu den 150. Hungerspielen werden, in Erinnerung daran, dass vor allem unsere Frauen unter der Rebellion und dem Krieg litten, ausschließlich weibliche Tribute antreten. Die Siegerin der 150. Hungerspiele erwartet nebs Reichtum und Ruhm ein ganz besonderes Privileg, denn ihr wird zur Ehre gereicht, die Frau des amitierenden Präsidenten von Panems zu werden.“ verkündete er und schenkte dem Publikum ein weiteres falsches Lächeln.
„Nun konnten unsere Gründerväter freilich nicht ahnen, dass zum Zeitpunkt der 150. Hungerspiele nicht nur einer, sondern gleich zwei Präsidenten das Zepter über Panem in der Hand halten und da mein Bruder und ich uns ungern eine Frau teilen möchten,“ er stieß ein heiseres Lachen aus, in dass die Kameramänner pflichtbewusst einfielen, „wird es in diesem Jahr nicht nur eine, sondern zwei Siegerinnen der Hungerspiele geben, ist das nicht wunderbar?“ Er bemühte sich um ein gönnerhaftes Lächeln, doch das Ergebnis war abstoßend.
„Nun, meine Damen und Herren, ich bin mir sicher, sie alle freuen sich genauso sehr wie ich auf die 150. Hungerspiele, möge das Glück stets mit ihnen allen sein und mögen es die besten Hungerspiele aller Zeiten werden!“
„Cut!“ rief Priamus Pye und die Lichter der Kameras erloschen ebenso wie das künstliche Lächeln auf den Lippen des Präsidenten, „Perfekt, einfach fabelhaft! Ich stimme Ihnen voll und ganz zu, Herr Präsident, ich bin überzeugt, dass das die großartigsten und spektakulärsten Hungerspiele aller Zeiten werden! Ich werde umgehend Mrs Cassia Garance und die übrigen Spielmacher aufsuchen und alles in die Wege leiten!“
Er verneigte sich vor den Präsidenten und rauschte dann aus dem Aufnahmestudio, auch die Kameramänner und Regisseure verteilten sich langsam.
„Ausgezeichnete Arbeit, kleiner Bruder“ lobte Veritas Snow seinen Bruder beim Verlassen des Studios, „Ich kann die Partie Schere-Stein-Papier um das beste Mädchen kaum erwarten...“
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