Hirokos Freiheit

GeschichteAbenteuer, Romanze / P12
OC (Own Character) Sesshoumaru
22.04.2017
13.08.2019
29
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Kapitel 29

Hiroko konnte ihn nur entgeistert anstarren. Nie in ihrem Leben hätte sie damit gerechnet, dass sie ihn ausgerechnet hier wiedersehen würde.
„Es freut mich auch, dich zu sehen.“, begrüßte Naoto sie und kam einen Schritt auf sie zu.
Wie ein verschrecktes Reh wich sie einen Schritt zurück. Er blieb stehen und blickte mit einem fragenden Ausdruck im Gesicht zu ihr. Erst jetzt bemerkte er, dass sie verändert wirkte.
„Hiroko, ich bin es. Naoto.“, seine Stimme wirkte beruhigend, er erkannte die Angst in ihren Augen, so sehr sie diese auch zu verstecken versuchte. Und gleichzeitig wirkte sie um einiges stärker, als noch bei ihrer letzten Begegnung.
„Was ist mit dir geschehen?“, fragte Naoto, blieb jedoch an Ort und Stelle stehen.
Ihr Körper begann unvermittelt zu zittern. Hiroko sank vor seinen Augen auf die Knie, schlug die Hände vors Gesicht und begann bitterlich zu weinen. Eigentlich hatte sie gedacht, dass sie sich ausgeweint hatte, doch ihn hier zu sehen, wie er vor ihr stand, der Dämon, der ihr einst ein guter Freund gewesen war und dem sie vieles zu verdanken hatte.. eine irrationale Angst ergriff Besitz von ihr.
Naoto ging auf sie zu, wollte ihr eine Hand auf die Schulter legen und sie beruhigen. Sie so zu sehen tat ihm weh.
„Hiro..“, bevor er zu Ende sprechen konnte sprang die junge Dämonin auf und knurrte ihn feindselig an. Wut mischte sich unter die Angst.
„Fass mich nicht an!“, fauchte sie und nahm erneut ihre Kampfhaltung an.
„Ich bin es. Naoto.“, wiederholte er mit seiner sanften Stimme. Hirokos Augen färbten sich schwarz, ihre roten Pupillen stachen deutlich hervor.
„Komm mir nicht zu nahe! Ich lasse mich nicht von dir hinters Licht führen! Niemand wird mich je wieder hintergehen!“, knurrte sie und Naoto verstand die Welt nicht mehr.
Was war nur aus der freundlichen Inuyoukai von vor einigen Jahren geworden? Aus ihren Worten schloss er, dass sie vor nicht allzu langer Zeit auf schlimme Weise verraten worden sein muss. Nicht einmal im Traum konnte er sich vorstellen, wie sehr sie das verletzt und traumatisiert haben musste, da sie jetzt in einem solchen Zustand vor ihm stand.

„Hiroko, bitte, du musst dich beruhigen.“, versuchte er es erneut, mit schwindender Hoffnung auf Erfolg. Sie schien gefangen zu sein in ihren Emotionen, gefangen in ihrem Selbst.
Ihrem Dämon. Nicht mehr lange und sie würde zwischen Freund und Feind nicht mehr unterscheiden können.
Blitzschnell preschte er nach vorn, machte einen Satz zur Seite und sprang hinter sie. Ein gezielter Schlag auf den Hinterkopf, natürlich nicht zu fest schließlich wollte er sie nicht ernsthaft verletzen, und Hiroko ging bewusstlos zu Boden.
„Was hat man dir nur angetan, Hiroko?“

- -

Ein angenehmer Duft stieg in ihre Nase, den Hiroko nicht sofort einordnen konnte als sie aus ihrem Dämmerzustand wieder erwachte. Wahrscheinlich handelte es sich um Tee, aber um welchen genau konnte sie nicht sagen.
Als die Dämonin sich aufsetzte bemerkte sie, dass sie auf einem provisorischen Lager aus Blättern und Ästen lag. Über ihr befand sich ein dünnes Dach aus demselben Material. Es dauerte einen Moment, bis sie sich wieder an alles erinnern konnte.
Das Meer. Die letzten Sonnenstrahlen. Die Wellen, die sich an der Bucht brachen.
Naoto.
Oh Gott, sie war kurz davor gewesen, Naoto anzugreifen. Wieso hätte sie das tun wollen?
Ihr Kopf begann zu puckern, sie musste einen heftigen Schlag abbekommen haben.
In diesem Moment betrat Naoto wieder die kleine Hütte und reichte ihr ohne ein Wort einen kleinen Becher voll mit einer dampfenden Flüssigkeit. Hiroko nickte dankend und nahm einen großen Schluck, der warm ihre Speiseröhre hinablief. Sie seufzte.
„Es tut mir leid, Naoto.“, murmelte sie und schaute dabei weiterhin auf ihr Getränk.
„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen.“, antwortete er und an seiner Stimme konnte Hiroko erkennen, dass er es ernst meinte.
Den Tränen nahe kniff sie die Augen zusammen. Innerlich ermahnte sie sich selbst, dass sie jetzt nicht schon wieder anfangen durfte zu weinen. Nicht jetzt.
Naoto setzte sich an der gegenüberliegenden Seite auf den Boden und trank ebenfalls von dem Tee. Ihr fiel es schwer den Blick wieder auf ihn zu richten.
„Wie lange ist es jetzt her, dass wir uns gesehen haben, Hiroko?“, fragte er und seine gesamte Ausstrahlung wirkte so freundlich wie damals.
„Ich weiß es nicht mehr genau. Vier oder fünf Jahre.“, murmelte sie.
„Wirklich? Ich dachte es wäre länger gewesen.“
„Nein..“.
„Wie gefällt dir das Meer?“, fragte er weiter. Er wollte unbedingt ein Gespräch mit ihr führen, jedoch über unverfängliche Themen. Naoto wusste, dass er sie zu nichts drängen durfte, solange sie in diesem Zustand war.
Ein winzig kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht, verschwand jedoch so schnell, wie es gekommen war.
„Es ist wirklich wunderschön.“, ihre Stimme wurde fester, das Zittern ebbte langsam ab.
„Ja, das denke ich auch. Beim nächsten Mal solltest du darin schwimmen gehen.“
„Ich kann nicht schwimmen.“, Hiroko schaute beschämt weg.
Naoto lachte kurz auf. „Unter diesen Umständen werde ich es dir wohl zeigen müssen.“, versprach er.
Ihre Augen weiteten sich. Dann schüttelte sie den Kopf.
„Nein, danke..“, ihre Stimme wurde wieder leiser und sie wandte sich von ihm ab.

Naoto stellte seinen Tee beiseite, einen mitleidigen Ausdruck auf seinem Gesicht. Sie brauchte Hilfe und was wäre er für ein alter Freund, wenn er sie jetzt einfach wieder würde gehen lassen? Er musste es wenigstens versuchen.
„Hiroko, erinnerst du dich an damals, in der Höhle?“
Sie nickte.
„Damals habe ich dir gesagt, dass ich gerne für mich allein bin, aber manchmal die Gesellschaft von anderen bevorzuge. Man kann nicht auf ewig für sich allein sein, weißt du?“
Keine Reaktion.
„Ich weiß nicht, was dir in all dieser Zeit widerfahren ist. Doch ich spüre deutlich, dass es dir nicht gut geht. Vielleicht ist es für dich an der Zeit, ebenfalls nicht mehr allein zu sein.“
Keine Reaktion.
„Du musst es mir nicht erzählen, wenn du nicht möchtest. Manchmal hilft es, darüber zu reden und manchmal ist es besser, wenn man es für sich behält. Man darf dabei nur nicht allein sein.“
Endlich hob sie wieder den Blick und schaute ihn an.
„Ich möchte nicht darüber reden.“
Verständnisvoll nickte Naoto. „Das kann ich akzeptieren.“
Er stand auf und hielt ihr eine helfende Hand hin.
„Dann komm, ich werde dir beibringen, wie man schwimmt.“
Ihm kam es wie eine Ewigkeit vor, in der Hiroko einzig und allein auf seine Hand schaute. Er konnte deutlich den Zwiespalt in ihrem Inneren erkennen. Sie rang mit sich selbst, als wüsste sie nicht, was sie als nächstes tun sollte. Aus irgendeinem Grund beschlich ihn das Gefühl, dass Hiroko ihm kein Vertrauen mehr schenken konnte. Trotzdem hielt er seine Hand weiterhin an Ort und Stelle.
Nach langem Zögern ergriff Hiroko seine Hand.

- -

Hiroko lachte leise auf und stocherte mit einem Stück Holz in dem kleinen Feuer herum, dass sie vor ein paar Stunden angezündet hatten.
„Was ist so lustig?“, fragte Naoto, der sie neugierig musterte, während er sich entspannt an die Wand der Höhle lehnte, in der sie Unterschlupf gefunden hatten.
„Es ist genau wie damals.“, sagte sie. Er brauchte einen Moment um zu verstehen, was genau sie meinte.
„Stimmt. Und wieder müssen wir uns in einer Höhle vor dem nassen Regen verstecken.“, lachte er nun ebenfalls und beobachtete sie aus seiner Ecke heraus. Ihr Lächeln auf den Lippen war echt, doch ihre Augen wirkten, als wäre sie gar nicht richtig anwesend mit ihren Gedanken. Die letzten Tage hatte er diesen Ausdruck des Öfteren bei ihr gesehen. Was war es, dass sie so sehr beschäftigte?
Hiroko warf das Stück Holz ins Feuer. Dann schaute sie zu ihm.
„Naoto. Ich.. Ich würde dir gerne erzählen, was.. damals passiert ist.“, ihre Stimme war leise und dennoch konnte er sie über das laute Prasseln des Regens hinweg deutlich verstehen. Und er wusste sofort, wovon sie sprach.
Sie waren seit einigen Wochen wieder zusammen unterwegs, doch sie beide hatten es tunlichst vermieden, ihr erstes Wiedersehen nochmal zu erwähnen und erst recht nicht anzusprechen, was genau es mit ihrer Reaktion auf sich hatte. Naoto hatte warten wollen, bis sie sich ihm von selbst öffnete und scheinbar war dieser Zeitpunkt nun gekommen.
„Ich werde dir zuhören.“, antwortete er ihr und wandte sich mit seinem Körper zu ihr.
Hiroko konnte ihn nicht anschauen, doch zum ersten Mal seit einer langen Zeit fühlte sich dazu imstande, über all das zu reden, was auf dem Schloss des Fürsten geschehen war.

Nicht ein einziges Mal unterbrach Naoto Hiroko, während sie ihm erzählte. Er stellte keine Fragen, redete nicht dazwischen und versuchte seine Reaktionen so gut wie eben möglich vor ihr zu verbergen. Sie stockte mehrere Male. Er hörte, wie sie gegen die Tränen ankämpfte, hörte, wie ihre Stimme mehrmals brach und gab ihr all die Zeit, die sie brauchte, um sich ihren angestauten Schmerz von der Seele zu reden.
In seinem Inneren entstand ein Kaleidoskop aus Gefühlen. Er fühlte den Schmerz, den sie erlitten hatte, fühlte die Wut, die ihn beim Gedanken an die beiden Herrscher ergriff und ein unbändiges Verlangen, sie in seine Arme zu ziehen und nie wieder loszulassen begann sich in ihm auszubreiten.
Naoto konnte schon gar nicht mehr sagen, wie viele Jahre, wenn nicht Jahrhunderte, es her war, dass er das Verlangen verspürte, Rache zu üben. Doch er verbarg es und vergrub diese Gedanken tief in seinem Innersten, Hiroko zuliebe.
Ein einziges Mal, währende Hiroko redete, verspürte er einen Anflug von Freude. Ihr Dämon war erwacht, auch er hatte damals nicht gespürt, dass dieser am Schlafen war. Trotzdem merkte er, dass sie selbst nicht zu wissen schien, ob sie sich darüber freuen sollte oder nicht und so behielt er auch das erstmal für sich.

Als Hiroko ihre schmerzerfüllte Geschichte beendete, blieb es für einige Minuten still zwischen ihnen. Naoto wusste gar nicht, was er dazu sagen sollte und wollte gleichzeitig so vieles zu ihr sagen. Doch er würde den Schmerz nicht von ihr nehmen können, so sehr er sich auch darum bemühen würde. Er tat das einzige, wozu er sich in der Lage fühlte und von dem er glaubte, dass es in diesem Moment das Richtige für sie war.
Der Dämon stand auf, überwand die kurze Distanz zwischen ihnen, und nahm Hiroko in den Arm.
„Danke. Ich danke dir, dass du es mir erzählt hast.“, flüsterte er in ihr Ohr und er spürte, wie Hiroko sich in seine Klamotten krallte. Ihr Körper erbebte unter Tränen und Naoto war ebenso froh wie sie, in diesem Moment bei ihr zu sein.
Beruhigend streichelte er über ihren Rücken.
„Ich kann nicht ungeschehen machen, was dir angetan wurde, so sehr ich mir das auch wünsche. Ich kann dir auch die Erinnerung und den Schmerz daran nicht nehmen, Hiroko. Ich wünschte, ich könnte es. Das war grausam. Aber ich kann jetzt verstehen, wieso du damals so reagiert hast, als du mich gesehen hast. Ich bin unheimlich froh, dass du mir nochmal dein Vertrauen geschenkt hast. Es muss dir sehr schwer gefallen sein, und vermutlich wird es dir auch in Zukunft sehr schwer fallen, anderen zu vertrauen.“
Er wollte ihr bei den nächsten Worten in die Augen schauen, doch Hiroko war noch nicht bereit, die tröstende Umarmung zu lösen und er ließ sie gewähren.
„Ich verspreche dir, eines Tages wird es leichter. Und ich verspreche dir auch, dass ich dich niemals so hintergehen werde. Niemals. Ich bin da, solange du mich bei dir haben willst. Ich bin froh, dass du endlich darüber reden konntest und ich hoffe inständig, dass es dir ein wenig geholfen hat.“
Naoto hörte das leise Schluchzen, dass aus ihrer Kehle drang und merkte, wie sehr sie es unterdrücken wollte.
„Danke.“, schluchzte sie und klammerte sich noch enger an ihn.

Eine ganze Weile verblieben die Dämonen in dieser Haltung, bis Hiroko letztendlich in seinen Armen einschlief.
Vorsichtig, um sie nicht zu wecken, bettete er sie zur Nachtruhe. Als er sich jedoch von ihr lösen wollte, ergriff sie im Schlaf seine Hand. Er sollte bei ihr bleiben.
Naoto löste sanft ihren festen Griff, ohne sie loszulassen. Der Dämon platzierte sich hinter ihr und legte sanft einen Arm über ihre Seite.

Wenn das ihr Wunsch war, würde er die gesamte Nacht bei ihr liegen bleiben und ihr den Halt geben, den sie gerade so dringend brauchte.
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