Hirokos Freiheit

GeschichteAbenteuer, Romanze / P12
OC (Own Character) Sesshoumaru
22.04.2017
25.05.2020
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Kapitel 28

Hiroko lag im Gras. Die Füße weit von sich gestreckt, die Arme hinter ihrem Kopf verschränkt und die Augen geschlossen. Eine leichte Brise wehte über sie hinweg und die Sonne strahlte an einem wolkenlosen Himmel. Es war ein angenehmer Tag.
Und zum ersten Mal seit mehreren Wochen fühlte sie sich völlig entspannt.
Ihre Kleidung war zerschlissen, ihre gesammelten Vorräte bereits wieder aufgebraucht und ihre Waffe müsste auch wieder mal geschliffen werden.
Trotzdem fühlte sie sich so wohl wie schon lange nicht mehr. Heute wollte sie einmal nichts tun.
Die letzten Wochen war sie immer weiter quer durchs ganze Land gestreift, hatte sich nie auch nur einen Tag Pause gegönnt, egal, wie erschöpft sie auch gewesen war. Sie hatte sich an den Punkt ihrer puren Erschöpfung bringen wollen, hatte sehen wollen, wie weit ihre dämonische Energie sie bringen konnte.
Die Antwort: Sehr weit.
Außerdem hatte sie vor ihren düsteren Gedanken und den Erinnerungen fliehen wollen, die noch immer in ihrem Kopf umherspukten und nicht verschwinden wollten.
Doch heute würde sie einfach nur hier auf der Wiese liegen bleiben, sich zwischenzeitlich etwas zu Essen und zu Trinken besorgen, und dann weiter hier liegen, bis die Sonne unterging und es Schlafenszeit war.

Hiroko atmete tief ein, fühlte und genoss es, wie die frische Luft ihre Lungen füllte. Dann ließ sie die Luft ganz langsam wieder entweichen. Atmen. Mehr musste sie gerade nicht tun.
Entspannt gab die Dämonin einen leisen Seufzer von sich und ehe sie sich versah, war sie auch schon eingeschlafen.

- -

Als Hiroko wieder erwachte schmerzten ihre Arme von der steifen Haltung. Sie setzte sich auf und streckte sich ausgiebig, um ihre verspannten Muskeln wieder zu lockern.
Inzwischen war es bereits dunkel, aber das störte Hiroko nicht. Ihre Nachtsicht war ausgezeichnet.
„Na gut, dann wollen wir mal weiter.“, sprach die Inu zu sich selbst, verstaute ihre Peitsche auf ihrem Rücken und ging los, in eine unbestimmte Richtung. Momentan besaß sie kein Ziel, aber sie verbat es sich, heute auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, wohin sie gehen sollte.

In den letzten Wochen war nicht nur ihr Körper rastlos gewesen, sondern auch ihr Geist.

Wo sollte sie hin? Was sollte sie tun? Was war ihr nächstes Ziel?
Und die wichtigste Frage: Würde sie jemals frei sein? Oder war sie bereits frei? Sollte man sich nicht anders fühlen, wenn man wirklich frei war.
Besser?
Hiroko zuckte mit den Schultern. Nicht heute. Um die Beantwortung all dieser Fragen würde sie sich morgen wieder kümmern können, aber jetzt wollte sie sich erstmal einen sicheren Schlafplatz suchen. In der Nacht waren Dämonen besonders aktiv und die Luft verriet ihr, dass bald ein Sturm aufziehen würde.
Und den wollte sie lieber nicht auf einer ungeschützten Lichtung verbringen.

Schon bald fand sie einen geeigneten Baum. Ein Teil der Wurzeln verlief überirdisch und mit deren Hilfe würde sie sich aus Ästen und Blättern einen kleinen Unterschlupf bauen können, der fürs eine Nacht reichen sollte.
Mit übermenschlicher Geschwindigkeit suchte Hiroko sich die nötigen Materialien zusammen, schlug mit ihren Händen alles auf die richtige Größe zurecht und verzurrte es fest an den Wurzeln. Sie ließ einen kleinen Eingang offen, damit auch der Rauch von dem Feuer entweichen konnte und sie nicht in der Nacht erstickte.

Ein letztes Mal überprüfte Hiroko aus mehreren Metern Entfernung, ob ihr Nachtlager zumindest halbwegs gut versteckt war, bevor sie sich dort hinein begab und es sich auf dem provisorischen Bett aus Moos und Blättern bequem machte. Das Feuer lag gut geschützt in einem Loch im Boden, dass sie gegraben und mit Steinen umringt hatte.
Für eine Nacht würde es reichen.
Obwohl Hiroko beinahe den gesamten Tag verschlafen hatte, schlief sie auch jetzt wieder sehr schnell ein.

- -

Schlaftrunken öffnete Hiroko ihre Augen. Das Feuer war schon lange aus, die zurückgebliebene Asche war bereits kalt. Sie rieb sich über die Lider und setzte sich auf ihrem Lager auf. Ihr Kopf fühlte sich bleischwer an, obwohl sie eigentlich gut geschlafen hatte. Herzhaft gähnend streckte Hiroko sich und krabbelte dann letztendlich aus ihrem Unterschlupf hervor.
Der gesamte Boden um sie herum war nass. Einige Tropfen hingen noch an den abstehenden Blättern ihrer kleinen Hütte, manche fielen von den Blättern langsam zu Boden. Noch immer im Schlaf gefangen schaute Hiroko ihnen einige Minuten dabei zu.
Sie drehte sich langsam um ihre eigene Achse und beschaute sich die Gegend. Nur wenige Meter entfernt lag ein umgeknickter Baum. Verdutzt ging Hiroko zu dem Baum, der dem Anschein nach regelrecht aus dem Boden gerissen worden war. Die Erde um ihn herum war aufgewirbelt, die Wurzeln ragten aus seinem Stamm heraus, einige davon in der Mitte abgeknickt.

Hiroko schaute sich um. Überall lagen vereinzelte Bäume quer auf dem Boden, alles war nass und sie fand einen Stamm, der von innen verbrannt aussah. Es musste ein Blitz eingeschlagen haben. Die Luft war feucht, aber frisch. Hier musste ein Gewitter getobt haben.
„Wie fest habe ich denn geschlafen?“, fragte sie sich und bekam einen kurzen Schock. Wenn sie ein ganzes Gewitter so ruhig verschlafen konnte, was hätte dann noch alles passieren können?

Vehement schüttelte sie den Kopf, um die düsteren Gedanken zu vertreiben.
Noch einmal beschaute sie sich den Baum. Wie in Trance berührte sie die raue Rinde, vom Regen tiefbraun verfärbt. Einige Blätter klebten regelrecht daran, manche von ihnen in einem so hellen Grün, dass sie wirkten, als wären sie gerade erst erblüht.
Plötzlich durchzuckte eine Erinnerung ihre Gedanken.
Naoto.
Seine Haare waren so braun wie die Rinde des Baumes, seine Augen so grün wie die Blätter.
Mit einem Mal hörte Hiroko eine leise Stimme in ihrem Kopf. Und sie erinnerte sich wieder an etwas. Etwas, dass sie auch letzte Nacht wieder in ihrem Traum gehört hatte.

Es war Naotos Stimme, die zu ihr sprach.

„Hiroko, weißt du, jedes Land hat seine Grenzen. Und damit meine ich nicht die Grenzen innerhalb, zwischen den Fürsten. Nein, irgendwann einmal musst du dir das Ende dieses Landes ansehen. Das Meer, den Strand, die großen Klippen. Ich verspreche dir, es ist ein atemberaubender Anblick.“

Hiroko erinnerte sich daran, wie seine Augen dabei geleuchtet hatten, als er vom Meer erzählte. Vom Strand, von den Klippen. Es schien ihr wie eine Ewigkeit her zu sein, dass er das zu ihr gesagt hatte, und schon einmal hatte sie davon geträumt.
Aber erst jetzt wurde ihr bewusst, was es zu bedeuten hatte.
Oder vielmehr: Endlich wusste Hiroko, wohin sie gehen wollte. Schon einmal war es ihr Ziel gewesen, doch für eine lange Zeit hatte sie es aus den Augen verloren. Das würde ihr nicht noch einmal passieren.
Sie musste das Meer sehen, musste herausfinden, ob es wirklich so atemberaubend war, wie Naoto behauptet hatte.

Ein Gefühl keimte in Hiroko auf, dass sie schon lange nicht mehr verspürt hatte.
Zuversicht. Die Hoffnung, dass es besser werden könnte.
Zum ersten Mal seit sie Ryūseis Schloss verlassen hatte, legte sich ein leichtes Lächeln auf Hirokos Lippen.
Vielleicht würde es für sie nichts ändern, vielleicht wäre sie durch ihre Erwartungen enttäuscht, wenn sie den Rand des Landes sah. Aber ganz vielleicht würde sie dort oben, weit weg von allem, die Antworten finden, die sie nun schon so lange suchte.

Die Inu wandte sich von dem Baum ab, ging zurück zu ihrem Unterschlupf, um ihre Waffe zu holen und ging mit ihrer neugewonnen Energie entschlossen los.
Naoto hatte ihr einmal gesagt, dass man, wenn man das Meer erreichen wollte, immer nur geradeaus in eine Richtung gehen müsse, irgendwann würde es auftauchen. Dabei war es egal, in welche Richtung man ging, wenn man nur lange genug voranschritt, würde man sein Ziel schon erreichen.

Hiroko rannte los, so schnell ihre starken Beine sie trugen. So lange sie nur konnte, würde sie laufen, um so schnell dorthin zu gelangen, wo sie schon längst hätte gewesen sein sollen.
Am Meer.

- -

Die Tage zogen wie in einem Strom an ihr vorbei. Wenn sie sich abends ausruhte, legte sie immer einen Stein in die Richtung, aus der sie gekommen war und einen Ast in diejenige, in die sie am nächsten Morgen weiterziehen würde. Gleiches tat sie, wenn sie eine kurze Pause einlegte, um zu Essen und zu Trinken.
Nicht einen Millimeter wich sie von ihrer Route ab, Hiroko lief starr gerade aus.
Zwei Mal war ihr jedoch ein Dorf in die Quere gekommen. Obwohl ihre Kleidung inzwischen nur noch in Fetzen an ihrem Körper hing, würde sie sich noch nicht aufhalten lassen. Sie machte einen großen Bogen um die Siedlungen und lief dann unbeirrt weiter.

Nach ungefähr einer Woche jedoch gelangte sie wieder an ein Dorf, es war bereits später Abend, die Nächte wurden kühler und Hiroko kam nicht mehr umhin sich Gedanken über ihre Kleidung machen zu müssen.
Wie angewurzelt stand sie bis tief in die Nacht hinein vor dem Dorf, bis auch das letzte Licht in den wenigen Hütten erloschen war. Innerlich haderte sie mit sich selbst. Sie brauchte neue Kleidung, doch es war keine Zeit, um sich diese auf ehrliche Weise zu beschaffen.
„Ein letztes Mal.“, redete Hiroko sich gut zu, bevor sie auf leisen Sohlen in das Dorf schlich.
Innerhalb kürzester Zeit war sie in einer der Hütten verschwunden, hatte sich einen Kimono gegriffen, einen, der zumindest nicht allzu aufwendig und teuer aussah, und war aus dem Dorf wieder verschwunden.
Sie zog sich schnellstens um und lief weiter. Augenblicklich wurde sie von Gewissensbissen geplagt, die sie noch von damals kannte, vor ihrem Aufenthalt im Schloss. Schon damals hatte sie sich geschworen, eines Tages ihre Kleidung und Verpflegung auf ehrliche Weise besorgen zu können. Vielleicht durch Handel mit Tieren, die sie im Wald gefangen hatte oder indem sie Geld verdiente, weil sie Arbeiten für die Dorfbewohner erledigte, zumindest einen Tag lang. Doch irgendwie war sie auch froh, dass sie noch immer ein schlechtes Gewissen davontrug, wenn sie stahl. Es zeigte ihr, dass der Dämon in ihr nicht ihr gesamtes Denken veränderte.

„Beim nächsten Mal werde ich bezahlen.“, versprach sie sich selbst und verschwand in der Dunkelheit der Nacht.

- -

Hiroko trat aus dem Dickicht eines Waldes hervor. Plötzlich hörte sie ein Rauschen in weiter Ferne. Überrascht drehte sie sich um. Es kam nicht von den Bäumen hinter ihr, es war alles windstill.

„Das Rauschen der Wellen.. Du wirst es erkennen, wenn du es hörst.“

Wieder zuckte Naotos Stimme durch Hirokos Kopf und sie wusste, dass sie ihrem Ziel ganz nah war.
Mit einem Mal fühlten sich ihre Beine bleischwer an. Nur langsam konnte sie einen Fuß vor den anderen setzen und es lag nicht daran, dass sie in den letzten zwei Wochen beinahe durchgängig gerannt war.
Ihr Herz pochte ihr bis zum Hals. Gleich war sie da.
Was, wenn es nicht so war, wie sie es sich vorstellte? Was wenn sie hier nicht ihre Antworten finden würde? Wenn alles umsonst gewesen war?

Dann stand sie vor einem riesigen Abgrund.
Sie sah den Horizont, so weit entfernt war er noch nie gewesen.
Sie sah die rötliche Sonne, die am Abendhimmel unterging.
Sie sah die Spiegelung auf dem Wasser, wie funkelnde Diamanten brach sich das Licht der Sonne auf dem Meer.

Sie sah das Meer.
Die Wellen, die sich aufbauten und dann kurz vor dem Strand brachen. Einige prallten an die steilen Klippen, etwas weiter links von ihr. Die Luft um sie herum roch leicht salzig und sie wollte nichts lieber, als hier von dem Felsen runterzuspringen und ihre nackten Füße in den Sand stecken. Es kribbelte an ihrem gesamten Körper.
Für einen kurzen Augenblick hielt sie die Luft an.
Diesen Moment wollte sie ganz in sich aufnehmen. Hiroko fühlte es im tiefsten Inneren ihres Körpers.

„Na, habe ich zu viel versprochen?“
Erschrocken drehte Hiroko sich ruckartig um und ging innerhalb eines Wimpernschlags in Kampfhaltung, zum Angriff bereit.
Ihre Anspannung erschlaffte, als sie erkannte, wer dort hinter hier stand.
„Hab ich’s mir doch gedacht, dass ich dich gerochen habe. Hat ziemlich lange gedauert, bis du endlich hier warst, Hiroko.“

„Naoto..“
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