Hirokos Freiheit

GeschichteAbenteuer, Romanze / P12
OC (Own Character) Sesshoumaru
22.04.2017
21.06.2019
28
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Kapitel 27

Hiroko rannte durch den Wald. Die Bäume rauschten in einem grün-braunen Strom an ihr vorbei. Ihre Kleidung wurde an mehreren Stellen von kleineren Ästen aufgeschnitten, manche Schnitte rissen ihr sogar die Haut auf, doch sie bemerkte es nicht. Blindlings lief sie in eine unbestimmte Richtung, beachtete ihre Umgebung kaum und versuchte das Gefühlschaos in ihr zu unterdrücken. So aufgewühlt und gleichzeitig innerlich leer hatte Hiroko sich in ihrem Leben noch nie zuvor gefühlt.
Sie wollte es nicht fühlen.

Die Sonne ging bereits unter und Erschöpfung machte sich in ihrem Körper breit. Ihre Beine brannten vom vielen Rennen, ihre Lunge presste angestrengt die Luft ein und aus und auch ihre restlichen Muskeln fühlten sich bereits jetzt an, als würde sie sich die nächsten Tage nicht mehr bewegen können.
Ihre Schritte wurden immer langsamer, bis sie letztendlich stehen blieb, mitten im Nirgendwo. Rings um sie herum befanden sich nur Bäume und Sträucher, ein dichtes Blätterdach verdeckte den orange-roten Himmel. Mit letzter Kraft schleppte Hiroko sich zu einem der Bäume und ließ sich an seinem breiten Stamm nieder.

Ihre Augen starrten ins Leere, Hals und Kehle waren staubtrocken, aber sie konnte sich jetzt nicht mehr erheben, um einen nahegelegenen Bach zu suchen.
Nur sehr langsam beruhigte sich ihre Atmung und sie konnte wieder Luft holen ohne das bedrängende Gefühl zu bekommen, gleich an ihrer eigenen Lunge zu ersticken. Inzwischen war die Sonne ganz verschwunden, die ersten Sterne zeigten sich vermutlich bereits am blauen Nachthimmel, durch die dichten Blätter konnte Hiroko das jedoch nicht sehen.
Es war ihr auch egal.
Alles war ihr egal. Zumindest für ein paar Minuten wollte sie diese Gleichgültigkeit willkommen heißen.
Doch die aufsteigenden Tränen zeigten ihr, dass es ihr eben nicht egal war. Das ihr Körper überhaupt noch Tränen produzieren konnte hätte sie überrascht, wenn sie nicht mit ihren Gedanken ganz woanders wäre.
Hiroko besaß keine Kraft mehr, um sich gegen ihre Emotionen zu wehren. Hemmungslos gab sie sich den Tränen hin, weinte und ließ ihrem Schmerz freien Lauf. Alles spielte sich in ihrem Kopf unweigerlich erneut ab, sie konnte es kaum ertragen.
Takerus Tod, Ryūseis Verrat, Sesshomarus Angriff.. Es war wie ein gewaltiger Strom aus Grausamkeiten.
Die Dämonin scherte sich nicht darum, ob ein Dämon in der Nähe war, oder Menschen, die sie wohlmöglich hören konnten. Sie schrie und weinte, bis sie nicht mehr weinen und schreien konnte und letztendlich vor lauter Erschöpfung am Stamm des Baumes einschlief.

- -

Als Hiroko am nächsten Tag erwachte, war es bereits wieder später Abend. Mehrmals blinzelnd öffnete sie ihre Augen und konnte nur anhand der orangen Färbung der Sonne erkennen, dass sie wirklich sehr lange geschlafen haben musste.
Sie richtete sich aus ihrer ziemlich ungemütlichen Position auf und streckte ihren gesamten Körper.
„Aua!“, fluchte sie laut, als ihr plötzlich die ganzen kleinen Schnitte an ihrem Körper bewusst wurden. Nicht besonders schlimm, aber nervig und zumindest unterschwellig brannten sie permanent. Hiroko fühlte sich kraftlos, sie brauchte dringend etwas zu Trinken und etwas zu Essen, doch dafür würde sie sich erheben müssen.
Leider blieb ihr keine andere Wahl und so erhob sie sich von ihrem nicht-vorhandenen Nachtlager, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen.
Noch hatte sie sich nicht aufgegeben.

- -

Beim Anblick der Hasen über dem kleinen Feuer lief Hiroko bereits das Wasser im Munde zusammen. Nur ein paar Meter weiter befand sich ein kleiner Bach, den sie zum Glück schnell entdeckt und gefühlt beinahe in einem Zug leergetrunken hatte, wenn das denn möglich wäre.
Kurz nachdem sie eine Menge Wasser getrunken hatte, hatte Hiroko bereits beobachten können, wie sich die kleinen Schnitte an ihrem Körper nach und nach verschlossen. Vielleicht hätte sie sich darüber freuen sollen, schließlich war ihr Dämon erwacht und ihre Regeneration damit um einiges besser als zuvor, doch irgendwie gelang es ihr nicht. Mit gleichgültigem Blick hatte sie dabei zugeschaut und sich dann wieder ihrem Essen zugewandt.
Ihr Kopf wollte sie schützen und nicht zulassen, dass sie sich erinnerte, warum ihr Dämon erwacht war.
Seit gestern Abend, nach ihrem Gefühlsausbruch, fühlte Hiroko sich auf eine seltsame Art und Weise besser. Es ging ihr nicht gut, aber auch nicht schlecht. Sie wusste, dass all das seine Zeit brauchen würde. Diese Wunden würden nicht so schnell verheilen wie die Schnitte.

Ihr Abendessen war inzwischen fertig und innerhalb kürzester Zeit in ihrem Magen gelandet. Satt war Hiroko jedoch nicht, es waren nur kleine Hasen gewesen, aber fürs Erste würde das reichen. Die Lichtung auf der sie saß wurde vom strahlenden Licht des Vollmondes beleuchtet, an Schlaf war nicht zu denken. In Hirokos Kopf arbeitete es unablässig.
Was sollte sie jetzt tun? Wo sollte sie hingehen?
Fragen über Fragen, die es zu beantworten galt. Mit einem Schlag war sie aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen worden, nicht freiwillig, wie damals, als sie aus Sesshomarus Schloss geflohen war. Jetzt musste sie sich wieder an ihr neues Leben gewöhnen. Da waren keine täglichen Pflichten wie das Training oder die Aufgaben im Schloss, da war nur sie und ihre Entscheidung, wo sie als nächstes hingehen sollte.
Eigentlich hätte Hiroko sich frei fühlen können, niemand sagte ihr, was sie zu tun oder zu lassen hatte. Niemand beobachtete sie, wie sie mit ihrer Kettenpeitsche trainierte. Niemand überprüfte, wie sauber sie den Stall oder die Zimmer gemacht hatte.

Niemand.. war da.

Wie um das zu bestätigen wanderten ihre Augen über die beschauliche Lichtung. Hier war wirklich niemand außer ihr. Und trotzdem fühlte sie sich nicht, als wäre sie an ihrem Ziel angelangt. Ganz im Gegenteil, es fühlte sich an, als wäre sie wieder ganz am Anfang.
In der Zeit auf Ryūseis Schloss konnte sie sich einiges aneignen. Kämpfen, Kochen, Tipps zum Überleben in der freien Natur. Sogar ein paar Kräuter und medizinische Techniken hatte sie sich nebenbei beibringen und verbessernkönnen. Und natürlich die ersten zehn Schriftzeichen, wenn sie die denn überhaupt jemals gebrauchen würde. Trotzdem hatte sie es lernen wollen, und wollte es immer noch. Nur nicht jetzt.
Auch wenn sie noch nicht wusste, wo sie hingehen sollte oder würde, so würde sie sich nicht schon wieder in jemandes Pflichten und Obhut stellen. Nein, das widerstrebte ihr.

Niemand war da. Und im Endeffekt, wenn sie ehrlich zu sich selbst war, war Hiroko das auch ganz Recht.

- -

Ein lautes Knacken im Geäst ließ Hiroko unsanft aus ihrem Schlaf erwachen. Innerhalb eines Wimpernschlags stand sie auf ihren Beinen und hielt ihre Peitsche zum Angriff bereit in den Händen. Mit ihren Augen suchte die Dämonin akribisch die Gegend nach dem Verursacher des Geräuschs ab. Totenstille umgab sie. Nichts bewegte sich, selbst der Wind ruhte. Nicht der kleinste Mucks drang an ihre Ohren, nicht einmal das Geräusch eines Atems oder Herzschlags.
Hatte Hiroko sich das Geräusch nur eingebildet?
Nein, ihr Gefühl sagte ihr, dass dort im Gebüsch etwas war. Etwas, das ihr durchaus gefährlich werden könnte. Doch sie verspürte keine Angst. Adrenalin rauschte durch ihre Adern und es war, als ob sie sich auf das, was auch immer dort war, freuen würde.
Ihre Haltung blieb angespannt, ihre Muskeln verlangten nach Bewegung.
Da! Es war kaum hörbar und doch drang an ihre Ohren das Geräusch sich leise bewegender Blätter. Ihre Augen fixierten blitzartig die Stelle, von der das Geräusch gekommen war.

„Zeig dich!“, befahl sie in die Dunkelheit. Ihre Stimme schnitt scharf durch die Luft.
Ein weiteres Rascheln ließ sie aufhorchen. Der Angreifer wechselte seinen Standort, doch er war unruhig und Hiroko konnte ihn problemlos mit ihren Augen verfolgen.
Als er abrupt anhielt zögerte die Inu nicht lange.
Mit einem gewaltigen Satz sprang sie in die Luft, genau in seine Richtung. In einer fließenden, schnellen Bewegung ließ sie ihre Peitsche niedersausen. Die unbekannte Gestalt sprang aus dem Gebüsch hervor, um der Attacke auszuweichen. Hiroko riss ihr Handgelenk herum und verfolgte ihn mit ihrer Peitsche.
Der Dämon schlug einen Haken und drückte sich mit voller Wucht von dem Baum ab, an dem er gelandet war, direkt auf Hiroko zu.
Erneut riss sie ihre Waffe herum, jedoch nicht, um ihn anzugreifen. Die Peitsche wickelte sich um den dicken Ast eines Baumes und noch bevor der Angreifer sie erreichen konnte, zog Hiroko sich daran in eine andere Richtung.
Das Blut rauschte in ihren Ohren, ihr Herz schlug wie wild. Nicht vor Angst, sondern vor Freude. Kampfeslust überkam sie. Seit mehreren Wochen war sie ziellos in der Gegend umhergestreift, nie war etwas geschehen und ihr Körper sehnte sich förmlich nach einer angemessenen Auslastung.

Jetzt konnte Hiroko auch erkennen, um was es sich bei der nächtlichen Störung handelte. Ein Panther-Dämon, seine Ohren und Schnurhaare verrieten ihn.
Hiroko landete auf dem Ast, löste die Umwicklung ihrer Peitsche und ließ diese direkt wieder auf den Panther zurasen. Diesmal war er nicht schnell genug, er war noch mitten in der Luft und ehe er sich versah umschloss die Peitsche sein linkes Bein. Die Klingen schnitten in seine Haut, er stöhnte gequält auf. Hiroko sprang vom Ast und nutzte den Schwung, um die Peitsche mit ganzer Wucht gen Boden zu reißen. Der Panther hatte keine Chance, hart landete er auf dem Boden, so dass ihm die Luft aus den Lungen gepresst wurde.
Hiroko zögerte keine Sekunde, sie schmiss sich auf ihren Angreifer, presste seinen Körper mit ihrem Gewicht und all ihrer Kraft auf den Boden. Ihre Klauen richtete sie direkt auf seinen Hals. Ein kurzer Stoß nach unten und sein Leben wäre verwirkt.
„Was willst du von mir?“, zischte sie ihn an. Sie spürte, wie ihre Augen sich tiefrot verfärbten.
„Dreckige Inu!“, er spuckte ihr ins Gesicht.
„Du hast hier nichts verloren!“.
Hiroko schaute sich um. Sie war, mal wieder, in irgendeinem Wald. Es war ihr gleich, wo sie sich befand.
„Na los, bring es zu Ende!“, fauchte der Panther.
Einen Augenblick lang schaute Hiroko ihn an und überlegte.
In einer schnellen Bewegung stieg sie von ihm runter, löste ihre Kettenpeitsche von seinem Bein und befestigte sie wieder auf ihrem Rücken.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren verschwand sie im Dickicht des Waldes und ließ den gedemütigten Panther zurück.

Nur kurze Zeit später blieb sie am Rande eines Abhangs stehen. Hiroko blickte auf ihre Hände. Sie zitterten. Der Rausch des Kampfes durchzog ihren Körper. Ein Gefühl von Macht.
Wenn sie gewollt hätte, hätte sie den Panther-Dämonen töten können. Sein Blut an ihren Krallen.. die Vorstellung bescherte Hiroko weder Angst noch Ekel.
Wie das wohl wäre?
Ihr Blick glitt hinauf zum nachtschwarzen Himmel. Kein Mond schien heute. Ihr Herz pochte in ihrer Brust. Seit sehr langer Zeit hatte Hiroko sich nicht mehr so.. lebendig gefühlt.
Sie dachte zurück an ihren ersten Kampf gegen einen Dämon. Wie sie vor Angst beinahe gestorben wäre, wie sie zu schwach gewesen war, um dem Oni auch nur ein Haar zu krümmen.
Jetzt war es anders. Hiroko war nicht mehr schwach. Der Dämon in ihr lechzte nach mehr. Mehr Kämpfe, mehr Siege, mehr Blut.
Mehr Tod.

Schlagartig stolperte Hiroko ein paar Schritte zurück und fiel unsanft auf den Boden.
Nein. Nein. Nein. Sie erschrak vor sich selbst. Mit einem Mal wurde ihr klar, was sie da beinahe getan hätte. An was für Dinge sie dachte.
Der Dämon in ihr wollte die Überhand gewinnen. Wollte sie dazu bringen, Leben zu beenden und grausam zu werden.
Nein.
Sie war noch immer Hiroko. Nur weil sie kämpfen konnte hieß das nicht, dass sie so werden müsste wie.. Sesshomaru. Niemals wollte sie so grausam und herzlos werden wie er.
Niemals.

Krampfhaft legte sie eine Hand auf ihre Brust. Der Kampf hatte ihr Befriedigung verschafft, das konnte sie nicht leugnen. Doch niemals würde sie zulassen, dass auch das Töten ihr dasselbe Gefühl verschaffen würde.
Hiroko wischte sich die vereinzelten Tränen aus dem Gesicht und rannte los, in der Hoffnung, vor ihrem inneren Dämonen fliehen zu können.

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Tut mir Leid, dass es diesmal so lange gedauert hat!
Ich hoffe euch gefällt dieses kleine "Übergangskapitel" trotzdem!

Man liest sich, Fabs!
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