Hirokos Freiheit

GeschichteAbenteuer, Romanze / P12
OC (Own Character) Sesshoumaru
22.04.2017
25.05.2020
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Kapitel 26

Hiroko konnte hören, wie die Klinge des Schwertes durch Takerus Fleisch schnitt, wie es die Haut aufriss, Adern durchtrennte, durch die Rippen brach und sich schließlich in sein Herz bohrte. Es hörte sofort auf zu schlagen.
Sesshomaru schaute noch immer zu ihr, er wandte den Blick nicht von ihren feuerroten Augen ab. Und sie konnte sich kaum von ihm abwenden. Ganz langsam zog er die vor Blut triefende Klinge aus dem Brustkorb heraus und hielt die Waffe dann locker in der Hand, als hätte er nicht gerade jemanden damit getötet, als hätte er das Schwert einfach aus dem dreckigen Boden gezogen.
Takeru war für ihn ein Nichts, eine lästige Fliege, die ihm in den Weg gekommen war und jetzt hatte er ihn beseitigt.

Hiroko hörte auf zu atmen. Mit einem Mal fühlte sich ihr Körper eiskalt an. Sie nahm kaum wahr, dass Ryūsei ihre Arme und Hände wieder frei gab. Der Blick von Sesshomaru wirkte teilnahmslos und dennoch glaubte Hiroko etwas darin zu erkennen.. Eine Art von.. Neugier? Nein, seine Augen wirkten eher abschätzend, als würde er auf irgendeine Reaktion von ihr warten. Als würde er unbedingt sehen wollen, wie sie vor ihm zusammenbrach, auf die Knie ging und um ihren getöteten Freund weinte. Er wollte die Verzweiflung sehen.

Takeru war für ihn noch weniger gewesen, als eine lästige Fliege. Er war nur ein Versuchsobjekt, ein Mittel zum Zweck für einen von Sesshomarus Plänen. Schon wieder hatte der Inu sie nur testen und auf die Probe stellen wollen.

Ganz langsam setzte sie einen Fuß vor den anderen, ging auf den am Boden liegenden Takeru zu, ohne den Blick von Sesshomaru abzuwenden. Er sollte es sehen. Er sollte sehen, dass sie nicht zitterte, dass keine Träne über ihre Wangen rollte, wie er es wohl gern gehabt hätte.
Er sollte sehen, dass sie stark war und das er sein Ziel nicht erreicht hatte.
Und niemals erreichen würde.
Je näher sie Sesshomaru kam, desto ruhiger wurde sie. Es schien, als ob jegliche Gefühle ihren Körper verlassen würden, mit jedem Schritt.
Die Angst vor ihm verflog. Die Trauer um Takeru drang nicht zu ihr durch. Die Enttäuschung gegenüber Ryūseis Verrat spielte in diesem Augenblick keine Rolle für sie.

Kurz vor Sesshomaru blieb Hiroko stehen. Seine gewaltige Aura peitschte ihr entgegen. Es interessierte sie nicht. Seine Argusaugen beobachteten jede ihrer Bewegungen. Doch es geschah nichts. Hiroko schreckte nicht vor ihm zurück, ihre Augen zeigten ihm keine Angst, ihr Körper schien angespannt und doch, als hätte sie nicht gerade mit ansehen müssen, wie er ihren Freund niederstreckte. Kein Muskel an ihr zuckte. Auch ihr Herzschlag blieb normal, erstaunlich ruhig. Sesshomaru legte seinen Kopf leicht schief, mit einer solchen Reaktion von ihr hatte er definitiv nicht gerechnet.

Dann wandte Hiroko ihre Augen ab und schaute zu Takeru. Sie ging neben seinem leblosen Körper auf die Knie und nahm seine Hand in ihre. Er fühlte sich bereits kühl an.
Hiroko beugte sich vor und verschloss seine Augen. Mit ihrer freien Hand streichelte die Dämonin ihm ein letztes Mal über die blasse Wange. Dann gab sie ihm einen sanften Kuss auf die Stirn. Ein Abschiedskuss.

Hiroko erhob sich, hielt den Kopf gesenkt und Sesshomaru konnte einzig ihren Rücken sehen. Der Inuyoukai rührte sich nicht, wartete nur ab.
Sie drehte sich zu ihm um und hob ihren Kopf an. Ihre Augen waren nicht einmal feucht, da waren keine Tränen. Ihr Gesicht wirkte ausdruckslos, so wie das seine. Diese manische Ruhe war unerwartet.

Sesshomaru sah es nicht kommen. Von einer Sekunde auf die andere stieß Hiroko sich vom Boden ab und preschte in einem gewaltigen Satz nach vorne. Ihre Klauen bohrten sich tief in seinen Bauch, das Blut sickerte sofort aus der Wunde, aber Sesshomaru wich keinen Millimeter zurück, nicht einmal die Wucht des Schlages brachte ihn ins Wanken. Er war unvorbereitet gewesen, nur deswegen hatte Hiroko ihn treffen können.
Die Verletzung spürte er kaum und sie zog ihre Klauen nicht zurück, still und starr stand sie mit gesenktem Blick vor ihm, als würde sie das austretende Blut beobachten wollen.
Sesshomaru schaute nach unten, legte eine Hand unter ihr Kinn und zwang sie, ihn anzuschauen.

Das Weiß in ihren Augen war tiefschwarz verfärbt, wodurch ihre roten Pupillen nur noch deutlicher hervorstachen. Plötzlich traf ihn eine gewaltige Wucht dämonischer Energie, Hirokos Youki trat explosionsartig aus ihrem Körper hervor, stärker, als jemals zuvor.
Diese gewaltige Freisetzung ungezügelter Energie traf Sesshomaru mit purer Gewalt und ließ ihn wiedererwartend einige Millimeter zurückweichen.

Hirokos Dämon war erwacht, der Inu konnte es deutlich spüren. Sein Plan war aufgegangen.

Absichtlich ließ Sesshomaru sein Schwert fallen und noch bevor es auf dem Boden aufschlug griff Hiroko erneut an. Ihre Bewegungen waren blitzschnell, präzise und bei jedem anderen wären sie tödlich gewesen, er hingegen konnte ausweichen, ohne jedoch einen Gegenangriff zu starten. In ihrer Brust stieg ein bestialisches Knurren auf und Hiroko fletschte die Zähne. Ihre Fangzähne traten deutlich hervor, sie schienen gewachsen zu sein und waren schärfer als jedes Schwert. Mit einem Blick auf ihre Klauen bemerkte Sesshomaru, dass auch diese etwas größer wirkten, schärfer und gestärkt durch ihren erwachten Dämon.
Sie attackierte ihn mit einer rasanten Schlagabfolge, von dem er jeden einzelnen parierte, was ihre rasende Wut nur noch zu steigern schien. In diesem Moment übernahm der Dämon vollständig von ihr Besitz und demonstrierte was es bedeutete, ein vollwertiger Youkai zu sein.

Sesshomaru hatte bereits geahnt, dass dieser Frau eine unbändige Kraft innewohnte, schon im schlafenden Zustand war sie sehr stark und schnell gewesen. Doch diese Schnelligkeit und Stärke übertraf seine Erwartungen sogar noch. Sobald sie die Kontrolle zurückgewinnen und ihre Macht beherrschen lernte, würde sie eine mächtige Dämonin werden. Sehr mächtig.

Nur ein kleiner Schritt fehlte noch, er würde sie noch mehr reizen müssen. Hiroko griff wieder und wieder an, ohne jedoch einen schweren Treffer zu landen. Beim letzten Schlag beendete Sesshomaru sein Ausweichen und ging zum Gegenangriff über. Blitzschnell packte er sie am Hals und schleuderte sie einige Meter weit weg. Noch im Flug fing Hiroko sich wieder und landete schlitternd auf ihren Füßen. Ohne zu zögern stieß sie sich vom Boden ab und rannte wieder auf ihn zu. Das Knurren in ihrer Brust schwoll an, ihr Blickfeld konzentrierte sich einzig und allein auf den Inu vor ihr, alles andere um sie herum verschwand in den Hintergrund ihrer mordlustigen Gedanken.

Ryūsei stand noch immer am Rande des Feldes und beobachtete den Kampf mit einem traurigen Blick. Ihr Dämon war wirklich erwacht, nur zu welchem Preis? Sein Blick glitt kurz zu Takerus Leiche, dann wieder zu den Kontrahenten. Hiroko schien in ihrer Raserei gefangen zu sein, vollständig unter der Kontrolle ihres Dämons.
Andere Dämonen waren mit diesem Gefühl aufgewachsen, konnten es kontrollieren, ihr Blut und ihre Youki zu ihrem eigenen Vorteil nutzen und steuern. Der Dämon war nicht nur ein Teil von einem selbst, man war der Dämon. Sie hingegen kannte das nicht. Jetzt, da ihr Dämon erwacht war, wirkte sie eher wie ein Hanyou, dessen dämonische Hälfte ihn blind machte und in einen Blutrausch verfallen ließ. Der Fürst hatte das schon oft gesehen.
Und er selbst musste sich in diesen Minuten anstrengen, um nicht in den Kampf zwischen Hiroko und Sesshomaru einzugreifen. Der Fürst der Inus hatte es ihm ausdrücklich untersagt. Ryūsei wusste genau, was sein alter Freund jetzt noch im Sinn hatte. Das Erwachen allein war noch nicht alles gewesen, aber mit jedem Schlag fiel es ihm schwerer, dabei als stiller Beobachter zuzusehen.

Hiroko war inzwischen bereits mit Wunden übersät, aber auch Sesshomaru konnte nicht behaupten, unversehrt aus diesem Kampf hervorzugehen. Doch sie schien die Verletzungen gar nicht wahrzunehmen. Ununterbrochen setzte sie zu erneuten Angriffen an, ihr Atem ging bereits schwer und ihre Bewegungen wurden nach und nach langsamer. Einzig ihre Dämonenenergie schien nicht nachzulassen und das ließ Sesshomaru erwarten, dass auch sein nächster Plan aufgehen würde. Er durfte nur keine Zeit verlieren, wenn es jetzt nicht geschah, würde es nur umso schwieriger werden.

Die Angriffe des Inus wurden weniger, er fokussierte sich wieder darauf, die Attacken von Hiroko zu parieren, nur schien sie das in ihrer Raserei gar nicht wahrzunehmen, geschweige denn es zu verstehen. Ihre Instinkte übernahmen und genau das war es, worauf Sesshomaru gewartet hatte.
Trotz der nicht enden wollenden Einschläge auf ihn konzentrierte der Fürst sich hauptsächlich auf sich selbst, er sammelte seine gesamte dämonische Energie im Zentrum seines Körpers, staute sie in einer gewaltigen Masse auf, um auf den richtigen Moment zu warten.
Und da war er. Hirokos erneuter Schlag ging ins Leere, sie strauchelte und war für einen sehr kurzen Augenblick abgelenkt. Genau so explosionsartig wie es eben bei ihrer Erweckung geschehen war, ließ nun auch Sesshomaru seine gesammelte Energie frei und schleuderte sie ihr entgegen. Aber er war geübter, er wusste, wofür das gut sein konnte. Hiroko wurde zurückgedrängt, die starke Energiewelle überraschte sie und ihr Körper reagierte auf das, was in den nächsten Sekunden geschah.
Sesshomaru schleuderte seine Youki nicht nur nach außen, er nutzte sie auch für sich selbst, um den Dämonen in sich freizulassen. Binnen eines Wimpernschlags stand vor Hiroko der riesige weiße Hundedämon, mit den Malen im Gesicht, den rot-türkisen Augen und dem gewaltigen Körper. Der Hund heulte auf und schaute dann Hiroko direkt in die Augen.

Schlagartig verharrte Hiroko in ihrer Position. Wie hypnotisiert schaute sie den weißen Hund an. Das Heulen ließ ihren Körper vibrieren und hallte tief in ihr wieder. Die Dämonin konnte es spüren, auch in ihr ruhte ein Wesen, das freigelassen werden wollte. Ihre Instinkte reagierten auf Sesshomarus Verwandlung, es geschah wie von selbst.

Ihr Körper begann sich zu verformen, die Knochen knackten laut, bogen sich und setzten sich neu zusammen. Ihre Muskeln verspannten sich, lösten ihre menschliche Gestalt auf und passten sich dem Knochenwuchs an. Auf ihrem Körper wuchs Fell, schwarzes Fell, wie die Farbe ihrer Haare und ihr Gesicht verzog sich zu seiner Hundeschnauze. Der Boden unter ihr entfernte sich stetig ein Stück mehr, ihre Körpergröße nahm zu. Adrenalin rauschte durch Hirokos Adern, es war ein überwältigendes Gefühl, das mit Worten kaum zu beschreiben war. Sie konnte die Macht in ihrem Körper spüren, diese rohe, ungezügelte Energie. Mit einem Mal fühlte es sich für Hiroko ganz natürlich an, auf vier Pfoten zu stehen, einen langen Schweif zu haben und ihre Fangzähne zu fletschen. Eigentlich hatte Hiroko Sesshomaru erneut anknurren wollen, doch der Hund in ihr stieg in das bestialische Heulen ein, zumindest für einen kurzen Augenblick.

Dann brach es ab und die beiden Hunde gingen aufeinander los, verwickelten sich in einen Kampf, in dem es nicht nur um Leben und Tod ging, sondern vor allem darum, wer von ihnen die Überhand gewinnen würde.
Die Entscheidung war schnell gefallen. Hiroko war zu erschöpft von den Strapazen, ihr Geist wollte ihn zerfetzen, aber ihr Körper war zu sehr von dem vorherigen Kampf geschwächt und die erste Verwandlung in ihre dämonische Gestalt kostete sie noch viel mehr Energie, die sie nicht mehr aufbringen konnte.
Sesshomaru packte sie mit seinen Fangzähnen im Nacken und drückte sie mit ganzer Kraft zurück auf den Boden, sodass sie nur ein unterwürfiges Winseln und Fiepen von sich geben konnte, trotzdem versuchte sie sich noch in einem letzten Akt der Verzweiflung gegen ihn zu wehren. Ihre Muskeln versuchten ein letztes Mal, sich gegen sein Gewicht zu stemmen, aber Hiroko hatte keine Chance mehr. Sesshomaru war zu stark für sie.
So schnell wie sich ihr Körper in einen Hund verwandelt hatte, verwandelte die Dämonin sich wieder zurück und Sesshomaru tat es ihr gleich.
Bewusstlos lag sie vor ihm auf dem Boden, der Kampf war entschieden, wenn er das nicht sogar schon lange vorher gewesen war.

Ryūsei rannte auf die beiden Kontrahenten zu, ohne Sesshomaru jedoch großartig zu beachten. Der Fürst sah einzig den noch immer ausdruckslos wirkenden Blick im Gesicht des Hundedämonen, der nicht einmal jetzt so etwas wie Bewunderung für eine solch starke, junge Dämonin aufbringen konnte, denn genau das war Hiroko in den Augen des Fuchses.
Vorsichtig hob Ryūsei Hiroko vom Boden auf. Sie war mit Blut, Schweiß und Dreck übersät, trotzdem wirkte ihr Gesicht entspannt. Er trat einen Schritt auf den Inu zu und gab ihm einen bedeutungsvollen Blick.
Sesshomaru nickte.
Dann verließ Ryūsei mit Hiroko auf seinen Armen das Kampffeld, um sie zurück auf ihr Zimmer zu tragen. Er ignorierte dabei die neugierigen Blicke der Soldaten und Bediensteten, die ihm auf seinem Weg entgegen kamen und die bestimmt so manches von diesem Spektakel mitbekommen hatten. Doch zu ihrem eigenen Glück waren sie alle schlau genug, ihn nicht weiter danach zu fragen.

- -

Mitten in der Nacht erwachte Hiroko aus ihrem tiefen Schlaf. Sofort blitzten Erinnerungen vor ihren geschlossenen Augen auf.
Sesshomaru, wie er Takeru zum Kampf herausforderte. Ryūsei, wie er sie an ihren Armen festhielt.
Takeru, wie er bleich und reglos vor ihr auf dem Boden lag. Tot. Niedergestreckt von Sesshomarus Schwert. Danach herrschte gähnenden Leere in ihrem Kopf, ihre Erinnerungen wurden schwarz.
Der Schmerz umklammerte ihre Brust, drückte auf ihr Herz und schnürte ihr die Luft zum Atmen ab. Takeru war tot. Sesshomaru hatte ihn getötet und Ryūsei hatte seelenruhig dabei zugesehen.
Mörder. Verräter.
Wut und Zorn stiegen in ihr auf. Ruckartig setzte Hiroko sich auf und versuchte erfolglos die Tränen zurückzuhalten. Bitterliche Qual umschloss ihr Herz. Wut, Zorn, Verzweiflung, Trauer.. all diese starken Gefühle tobten wie ein wilder Sturm in ihr und beflügelten ihren Entschluss.
Sie musste fort von hier.

Ihre Augen brauchten einen Augenblick, um sich an die Dunkelheit in ihrem Zimmer zu gewöhnen, es war tiefste Nacht und der Mond schickte nur sehr fahles Licht in den Raum.
Ohne zu zögern stand sie auf, griff in manischer Routine nach ihren Trainingsklamotten und ihrer Kettenpeitsche, die an der Wand hing, und verließ, getrieben von ihren Emotionen, ihr Zimmer, auf direktem Wege zu Ryūsei. Für so vieles hätte sie ihm dankbar sein müssen, sie war ihm dankbar für alles, was er für sie getan hatte, doch sein Verrat wog schwer. Zu schwer. Bevor sie ging, wollte sie ihn ein letztes Mal zur Rede stellen. Und dann nie wieder hierher zurückkehren.

An der Tür zu seinem Arbeitszimmer machte sie keinen Halt. Sie scherte sich nicht mehr um die Etikette, achtete auch nicht auf die Umgebung und machte sich keine Sorgen darum, dass Ryūsei gar nicht anwesend sein könnte, oder das sich vielleicht sogar Sesshomaru in diesem Raum befinden würde. Es war ihr egal.
Mit einem gewaltigen Ruck riss die Dämonin die Tür auf und marschierte in das Zimmer des Fürsten. Dort saß er, ein Schälchen Tee vor sich auf dem Tisch und schaute mit vor Überraschung geweiteten Augen zu ihr auf.
„Hiroko, ich habe…“, setzte er an.
„Schweigt!“, fauchte sie und kümmerte sich nicht darum, dass jeder, der in einem solchen Tonfall mit einem Fürsten sprach, den Kopf verlieren würde. Ryūsei stoppte sofort, erkannte er doch die Wut und den Schmerz in ihren Augen.
„Wie konntet ihr mir das antun? Ihr habt mich verraten! Ihr habt Takeru verraten!“, ihre Stimme wurde hysterisch, unkontrolliert liefen salzige Tränen über ihre Wangen, ihre Sicht verschleierte, doch es war ihr egal.
„Ihr habt ihn umbringen lassen! Ihr habt Euer Wort gebrochen! Sesshomaru war hier, um Takeru zu töten, und ihr habt es zugelassen!“
„Ihr habt mich festgehalten und dabei zugesehen, wie euer Soldat eiskalt von ihm niedergestreckt wurde!“
Hiroko spürte, wie ihre Beine anfingen zu zittern. Mit einem flehenden Ausdruck in den Augen schaute sie den Fürsten an. Ihre Wut zerbrach und die Trauer gewann die Oberhand.
„Wieso? Wieso habt Ihr das getan?“, ihre Beine gaben nach und Hiroko fiel auf die Knie. Verzweifelt legte sie die Hände vor ihr Gesicht. Ihr Körper bebte und all die Kraft, die die Wut ihr gegeben hatte, war wie weggeblasen.

Ryūsei erhob sich von seinem Platz und ging langsam zu ihr, in einer beruhigenden Geste legte er ihr eine Hand auf die Schulter. Sofort riss Hiroko sich von ihm los und schaute zu ihm auf. In seinen Augen konnte sie Schmerz erkennen. Reue. Schuldbewusstsein.
„Wieso habt ihr das getan?“, wiederholte sie mit flehender Stimme und war sich gar nicht sicher, ob sie die Antwort hören wollte.
„Hiroko, ich weiß, dass keine Entschuldigung dieser Welt und keine Erklärung mein Verhalten rechtfertigen wird, aber bitte, wenn du es hören möchtest, werde ich dir alles erzählen.“, sprach er ruhig und ging erneut einen Schritt auf sie zu, doch Hiroko wich zurück. Nie wieder sollte er ihr zu nahe kommen. Ryūsei verstand und setzte sich auf den am weitesten entfernten Platz.
„Erklärt es mir.“, verlangte Hiroko mit brüchiger Stimme. Egal, was er ihr gleich sagen würde, es würde nichts an ihrer Entscheidung ändern, und doch wollte sie jetzt es unbedingt hören, wollte einen Grund für diesen ganzen Wahnsinn kennen.
In diesem Moment wurde die Tür erneut aufgeschoben und eine weitere Person betrat den Raum. Ihr Herz setzte für einen Schlag aus.

„Takeru“, hauchte sie. Dort stand er. In Fleisch und Blut. Lebendig.
„Du lebst? Wie ist das möglich?“
Am liebsten hätte Takeru in diesem Moment mit einem flapsigen „Ich freu mich auch, dich zu sehen“, geantwortet, doch er konnte nur erahnen, was für ein Schock das für sie sein musste und hielt sich lieber zurück. Er selbst wusste ja kaum, wie das möglich war. Seit er gestern aufgewacht war, hatte er nur auf Hiroko gewartet.
Ryūsei antwortete für ihn.
„Ich werde es euch beiden erklären.“, und bedeutete ihnen Platz zu nehmen.
Takeru setzte sich direkt neben Hiroko und nahm ihre Hand in ihre. Seine sanfte Berührung wirkte wiedererwartend nicht wirklich beruhigend auf sie, dennoch ließ sie es zu. Ihr Herz krampfte die ganze Zeit über und sie war sich gar nicht mehr so sicher, ob sie hören wollte, was Ryūsei zu sagen hatte. Die Unentschlossenheit und Unsicherheit nagte an ihr.
Der Fürst schien nicht einmal selbst zu wissen, wo er eigentlich anfangen sollte, er schluckte mehrmals und holte tief Luft. In Hiroko machte sich ein abartiges Gefühl der Genugtuung breit. Gut, er litt scheinbar auch.

„Als Fürst Sesshomaru das letzte Mal zu Besuch war, fand er heraus, dass dein Dämon schläft, Hiroko..“, begann er und erzählte ihr alles.
Was es mit ihrem schlafenden Dämon auf sich hatte, wie Sesshomaru gedachte, sie zu erwecken, wie er zu Bokuseno, dem alten Dämonenbaum gegangen war und schlussendlich, wie er vor drei Tagen zu ihm ins Arbeitszimmer gekommen war und ihm seinen neuen Plan offenbarte. Während Ryūsei sprach, lag sein Blick nur auf Hiroko.
„Fürst Sesshomaru hatte dich und Takeru auf dem Hof gesehen, als er hier angekommen war. Am selben Abend kam er zu mir. Er eröffnete mir, dass er einen Weg gefunden habe, deinen schlafenden Dämonen zu erwecken. Ich habe mich anfangs geweigert. Takeru vor deinen Augen töten zu lassen, erschien mir zu grausam. Und noch dazu wollte ich meinen besten Soldaten nicht für etwas hergeben, das im Endeffekt vielleicht gar nicht funktionierte. Es war alles reine Spekulation.“
Dies war der erste Moment, in dem Hiroko ihn mit dünner, tränenerstickter Stimme unterbrach „Und doch habt ihr es zugelassen. Wieso?“
„Er versicherte mir, dass es einen Weg gäbe, durch den Takeru nicht endgültig sterben würde. Außerdem zählst du, Hiroko, noch immer zu Sesshomarus Untergebenen, es lag allein in seiner Entscheidung, wie er mit dir verfahren würde. Nicht in meiner.“
Hirokos Körper begann zu beben.
„Und ihr habt es nicht für nötig gehalten, mich zu involvieren? Mir die Chance zu geben, es auf eigene Faust zu versuchen?“, zum Ende hin wurde sie lauter.
Ryūsei schüttelte betrübt den Kopf.
„Mir blieb keine andere Wahl. Sesshomaru hat es so entschieden und..“
„Sesshomaru! Natürlich! Wer sonst könnte so grausam sein!“, damit sprang Hiroko wutentbrannt auf. „Und das alles für was? Einen schlafenden Dämon? Ich hätte gut und gerne darauf verzichten können! Ich bin auch so klar gekommen! Und es hat nicht einmal funktioniert! Es reicht. Ich verschwinde von hier!“, sie klang hysterisch, wütend, traurig. Der Fürst stockte jedoch kurz.
„Aber.. Hiroko, weißt du denn nicht mehr? Dein Dämon ist aus seinem Schlaf erwacht.“, sprach er ganz leise und vorsichtig.
War das der Moment gewesen, in dem ihre Erinnerungen sie verlassen hatten? Sie schüttelte den Kopf. „Das ist mir egal.“

Und damit rannte sie raus, weit weg vom Fürsten, hinaus auf den Hof.
Plötzlich spürte sie eine Hand an ihrem Arm, sie wollte sich umdrehen und sofort zuschlagen, doch es war nicht wie erwartet Ryūsei, sondern Takeru, der sie festhielt. Abrupt hielt sie inne.
„Hiroko, was hast du denn vor?“, fragte er mit einem Hauch Verzweiflung in der Stimme. Er wusste es ganz genau.
„Ich muss weg von hier! Ryūsei ist ein Verräter! Sesshomaru ein Mörder!“
„Aber, ich lebe doch noch!“, warf er ein.
„Das sehe ich! Trotzdem. Sie haben leichtfertig mit deinem Leben gespielt! Haben dich vor meinen Augen ermorden lassen! Ich kann hier nicht mehr bleiben. Ich gehe.“, sagte sie vehement und musste erneute Tränen unterdrücken.
„Hiroko, ich bin mir sicher, dass es nur zu deinem besten war! Sie wollten dir deine vollen Kräfte ermöglichen. Siehst du das denn nicht?“, obwohl ihm noch immer nicht alles vollständig klar war, so war er sich dieser Tatsache doch sicher. Zumindest was die Absichten von Ryūsei anging.
„Du verteidigst sie auch noch! Lass mich los!“, fauchte Hiroko, riss sich von ihm los und rannte davon, so schnell ihre Beine sie trugen. Das Tor war geschlossen, doch sie kümmerte sich nicht darum, sprang einfach über die Mauern hinweg und landete auf der anderen Seite.

Ohne sich noch einmal umzudrehen rannte sie weiter. Weg von Ryūsei, weg von Takeru, weg von dem Leben auf diesem Schloss und tief in die Nacht hinein.
Wie lange würde sie noch laufen müssen, um endlich frei zu sein?

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Ich hab echt lange an diesem Kapitel gebrütet, es immer mal wieder umgeschmissen. Besonders die letzten Szenen gingen mir gar nicht mal so leicht von der Hand, ich hoffe, es gefällt euch und ihr lasst mir vielleicht ein Review da!

Man liest sich, Fabs! :)
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