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Hirokos Freiheit

GeschichteAbenteuer, Romanze / P12
OC (Own Character) Sesshoumaru
22.04.2017
26.08.2020
35
89.635
27
Alle Kapitel
85 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
22.04.2017 2.500
 
Kapitel 1

(Circa 50 Jahre nach dem Anime)

„Hiroko, kommst du mit uns?".
Angesprochene schaute überrascht auf. Sie lag auf dem Rücken in den Vorgärten des Schlosses und hatte gedankenverloren in den strahlend blauen Himmel geblickt, der heute ebenso wolkenleer war, wie auch gestern schon. „Rin-sama!", begrüßte Hiroko die in die Jahre gekommene Frau, die sich seit ihrer Geburt um sie gekümmert hatte. Wie um all die vielen anderen Kinder hier im Schloss, deren Eltern den Tag damit zubrachten, dem Fürsten Sesshomaru gut zu dienen. Rin lächelte sie freundlich mit all ihren Falten im Gesicht und den inzwischen grau melierten Haaren an. Zu ihrer Seite standen noch zwei weitere Kinder, vielleicht gerade drei oder vier Jahre alt.
„Wir gehen in die königlichen Gärten, Meister Sesshomaru hat es uns für heute erlaubt", erklärte Rin weiter und Hiroko erhob sich langsam. Trotz das Rin ein Mensch war, bekam sie von ihrem Fürsten allerlei Freiheiten, was viele andere verwunderte. Hiroko jedoch nicht. Sie kannte die Geschichte zwischen den beiden, denn Rin hatte sie oft genug erzählt und erzählte sie auch immer noch, sofern man sie darum bat.
Mit ihren jungen sieben Jahren sprang Hiroko freudestrahlend auf. Es ergab sich nicht oft die Möglichkeit, die königlichen Gärten betreten zu dürfen, die einzig für den Fürsten und seine Familie vorgesehen war. Wobei er noch keine eigene Familie hatte und wie Hiroko durchs Lauschen herausgefunden hatte, missfiel das manchen Dienern des Schlosses. Sie selbst hingegen machte sich da keinerlei Gedanken drum. Ihr Fürst regierte, ob nun mit oder ohne Familie und sie hatte, als Tochter ihrer dienenden Eltern zu folgen, da blieb ihr keine andere Wahl.
Der Garten lag genau in der Mitte des Schlosses und bildete ein perfekt angelegtes Quadrat, das an jedes Zimmer der Königsfamilie angrenzte und auch nur durch diese betretbar war. Rin, Hiroko und die beiden anderen Kinder waren durch einen der leerstehenden Räume gegangen, denn auch wenn Sesshomaru ihnen die Erlaubnis gegeben hatte, so mussten sie das ja nicht unbedingt ausreizen, indem sie sein Gemach als Durchgang benutzen.

Hiroko lief eilig zu dem kleinen Teich mit den Koi-Fischen, die in beinahe manischer Routine ihre Runden in dem kleinen Fleckchen Wasser drehten, das bereits seit Jahren ihr Heim darstellte. Die junge Dämonin konnte sich an diesem Anblick kaum satt sehen. Die Sonne, die sich auf der Wasseroberfläche spiegelte, die kleinen Wellen, die die Fische erzeugten und das Leuchten unbewusst brachen und auf eine faszinierende Art in Bewegung brachten. Der augenscheinlichen Hektik zum Trotz hatte dieser Anblick auf Hiroko schon immer eine beruhigende Wirkung ausgeübt, seit sie es das erste Mal gesehen hatte. Die Kois waren mit ihren glitzernden Schuppen wunderschön und obwohl sie in diesem kleinen Teich inmitten der fürstlichen Gärten lebten, schienen sie doch nicht gänzlich Teil dieser Welt zu sein.

Eine der Türen zum Garten wurde aufgeschoben und noch bevor Hiroko es sah, spürte sie, wer dort den Garten betreten hatte. Seine Präsenz füllte mit einem Schlag die gesamte Umgebung aus und sie brauchte nur den Bruchteil einer Sekunde, bevor sie sich in seine Richtung wandte und tief verneigte. Seit sie noch ganz klein gewesen war, war dies die oberste Regel. Sobald der Fürst den Raum betrat oder auf den Fluren an einem vorüberging, hatte man sich zu verneigen und ihm Platz zu machen. Er war der Fürst, sie die Dienerin.
Einzig Rin schien von dieser Regel ausgenommen. Sie verneigte sich nicht vor dem Fürsten, sondern trat ihm ohne Weiteres gegenüber.
Sesshomaru nahm keine Notiz von den drei Kindern und schritt augenblicklich zu Rin, die ihn noch immer bei jeder Begegnung mit einem Lächeln begrüßte, wie sie es schon damals als kleines Mädchen getan hatte.
„Rin, Asuka steht kurz vor der Niederkunft", sagte er mit seiner tiefen, monotonen Stimme, dass es Hiroko durch Mark und Bein ging. Es kam nicht oft vor, dass man den Fürsten reden hörte, zumindest, solange man nicht ständig in seiner direkten Umgebung arbeitete.
„Das ist ziemlich früh..", murmelte Rin, versuchte der Kinder zuliebe jedoch die Ruhe zu bewahren. Sie würde Asuka bei der Geburt helfen, wie vielen anderen Frauen des Schlosses auch, aber dass es bereits so früh geschah bedeutete nichts Gutes.
„Hiroko, Ayumi, Yui. Kommt, wir müssen die Gärten leider verlassen", wandte sie sich an die drei Mädchen, von denen einzig Hiroko bereits zuordnen konnte, was eine Niederkunft sein sollte, wenn auch nicht bis ins kleinste Detail. Sie konnte den beiden anderen Kindern ihr Unverständnis ansehen und wie enttäuscht sie waren, nicht noch länger an diesem wundervollen Ort bleiben zu können. Sie waren einfach noch zu jung, verstanden aber zumindest schon, dass sie in der Gegenwart ihres Herren lieber den Mund halten sollten.
Rin nahm die Jüngeren bei der Hand, während Hiroko ihnen stumm folgte, den Blick immer gesenkt, damit sie ihrem Fürsten unter gar keinen Umständen direkt ins Gesicht schaute, dass gehörte sich nicht.

Bis tief in die Nacht konnte Hiroko immer wieder unterdrückte Schreie hören, wenn auch gedämpft, da Rin und Asuka sich für die Geburt von den Zimmern der Diener und deren Familien entfernt hatten. Hiroko konnte die Schreie nicht ausblenden und ihr junger Verstand malte sich das Schlimmste aus. Wie es wohl war, ein eigenes Kind zu bekommen?
Sie zitterte am ganzen Leib und wollte es sich lieber gar nicht vorstellen, besser noch, niemals selbst erleben, damit sie diese Pein nicht am eigenen Leib würde ertragen müssen.
Mit einem Mal war es still im gesamten Schloss. Die werdende Mutter war verstummt und Hiroko war einzig und allein froh, dass endlich Ruhe herrschte und ihren geschundenen Ohren eine Pause gegönnt wurde. Jetzt würde sie friedlich einschlafen können.
Das die Frau ihr Kind verloren hatte, konnte Hiroko hingegen nicht ahnen.

_____


„Musst du wirklich schon wieder gehen?".
Mit großen Kulleraugen schaute die inzwischen dreizehn Jahre alte Hiroko zu ihrem Vater auf, der erst vor wenigen Wochen aus einer langen Schlacht zu ihnen zurück gekehrt war und soeben verkündet hatte, dass er bereits am nächsten Morgen wieder aufbrechen musste.
„Ja, mein Liebes, das muss ich leider", erwiderte er mit einem aufmunternden Lächeln, während er seinen zwei Jahre alten Sohn auf dem Arm hielt. Hirokos Mutter saß scheinbar teilnahmslos daneben und sagte nichts dazu, sie erwartete bereits wieder ein Kind, doch das würde auch nichts daran ändern, dass ihr Mann, der im Heer des Fürsten als Soldat diente, wieder in einen Krieg ziehen würde, um das Machtgebiet Sesshomarus auszuweiten.
Bisher waren sie immer siegreich, trotz großer Verluste, aus ihren Kämpfen hervorgegangen.
Hiroko zog einen Schmollmund. Seit sie klein war lief das so. Ihre Mutter arbeitete den ganzen Tag über fleißig im Schloss während ihr Vater immer wieder in Schlachten geschickt wurde und immer nur für wenige Tage nach Hause zurückkehrte.
Manchmal kam es ihr vor, als wäre Rin ihre Mutter und teilweise auch ihr Vater, und nicht die beiden erwachsenen Youkai, die hier mit ihrem kleinen Bruder vor ihr saßen.
„Dann auf bald", verabschiedete sie sich monoton und stand vomTisch auf, obwohl sie ihr Essen noch gar nicht beendet hatte. Noch bevor ihre Eltern etwas hätten erwidern können, hatte sie den kleinen Raum bereits verlassen und machte sich auf den Weg zu ihrer Ziehmutter.

„Ach, Hiroko. Deine Eltern lieben dich, da bin ich mir ganz sicher!", sagte Rin mitfühlend, die, wie so häufig in der letzten Zeit, meist auf einer Bank in den Vorgärten saß und den Wolken beim weiterziehen zuschaute. Sie war schon lange nicht mehr die Jüngste und Hiroko konnte immer mehr dabei zusehen, wie sie schwächer wurde und ihr menschliches Leben auf das Ende zuging.
„Hmpf.. Dafür verbringen sie aber reichlich wenig Zeit mit mir", maulte das junge Mädchen und zog eine regelrechte Schnute, über die Rin jedoch nur lächeln konnte.
„Bald wirst auch du unserem Fürsten dienen und dann wirst du verstehen, dass sie bestimmt gerne Zeit mit dir verbracht hätten. Doch das Leben auf diesem Schloss fordert seine Pflichten, die sorgsam erfüllt werden müssen. Da bleibt leider nicht viel Zeit für die wichtigen Dinge im Leben".
Es war das erste Mal, dass Hiroko bei Rin einen traurigen Unterton in der Stimme wahrnahm.
„Gefällt euch denn das Leben auf dem Schloss nicht, Rin-sama?", hakte sie daher ehrlich neugierig nach .
Rins Blick schweifte in die Ferne als sie zu erzählen begann und Hiroko glaubte, dass sie mit den Gedanken in einer ganz anderen Zeit war und nicht im Hier und Jetzt.
„Weißt du, es hat mir schon immer dort am besten gefallen, wo auch mein Meister war. Aber du musst wissen, Kind, es war nicht immer so, das wir in diesem prachtvollen Schloss lebten. Ich hab den Fürsten getroffen, als ich noch ganz jung war, nur wenige Jahre jünger als du jetzt. Damals besaß er noch kein Schloss und auch nachdem wir Naraku besiegt hatten, die Geschichte kennst du ja, bin ich bei ihm geblieben. Viele Jahre gab es nur mich, Fürst Sesshomaru, Jaken-sama und Ah-Uhn, die du beide leider nicht mehr kennengelernt hast. Bis über die Grenzen der westlichen Länder hinaus sind wir umhergezogen, ich habe beinahe das ganze Land gesehen, so kam es mir als junges Mädchen zumindest vor. Inzwischen bin ich davon überzeugt, dass ich nicht einmal die Hälfte gesehen habe. Ich wusste nicht, dass Meister Sesshomaru während all dieser Zeit bereits sein Schloss hatte bauen lassen. Er war zwar immer wieder für einige Tage verschwunden, aber es hatte mich nicht zu interessieren, wohin er gegangen war oder wann er wiederkommen würde. Ich wusste nur, dass er wiederkommen würde und das genügte mir. Ja und dann kamen wir eines Tages hier an und seitdem leben wir hier und um deine Frage zu beantworten: Das Leben auf dem Schloss gefällt mir, aber das Leben draußen, in der Freiheit, Hiroko, das vermisse ich trotz allem" und dabei lächelte Rin.

Als Hiroko abends auf ihrem dünnen Futon lag, gaben ihre Gedanken keine Ruhe. Das, was Rin ihr erzählt hatte spukte in ihrem kleinen Kopf umher und ließ sie unruhig im Bett hin und her wälzen.
Sie vermisste das Leben in der Freiheit, sie hatte beinahe das ganze Land gesehen. Hiroko fragte sich, ob sie überhaupt jemals auch nur vor die Mauern des Schlosses würde gehen können. Freiheit? Was bedeutete das schon? Sie war die Tochter eines Soldaten und einer Dienerin, auch sie würde bereits nächstes Jahr, sobald sie vierzehn Winter vollendet hatte, dem Fürsten dienen. Ob sie dann noch so etwas wie Freiheit besaß? Oder bestand ihre Art der Freiheit einzig und allein darin, dass sie sich aussuchen konnte, welche Aufgaben sie im Schloss übernahm?

Sollte das ihr ganzes Leben bestimmen?

-

Tapfer versuchte Hiroko ihre Tränen zurückzuhalten. Nur wenige Wochen nach ihrem Gespräch war Rin bei einem kleinen Spaziergang durch die königlichen Gärten plötzlich vor ihren Augen zusammen gebrochen. Hiroko hatte verzweifelt um Hilfe geschrien, bis einer der Wachen sie gefunden und Rin auf ihr Zimmer gebracht hatte, während Hiroko hilflos daneben stand und zusehen musste, wie ihre Ziehmutter bewusstlos in den Armen des Youkai davon getragen wurde. Schon seit mehreren Tagen durfte niemand mehr zu ihr gehen und Hiroko ahnte bereits, was das zu bedeuten hatte.
Rin lag im Sterben.
Mitten in der Nacht hatte die junge Dämonin sich in Rins Zimmer, das glücklicherweise nicht rund um die Uhr bewacht wurde, geschlichen und sich zu ihr gesetzt. Ganz still und leise, um die alte Dame nicht zu wecken.
Von all den Kindern des Schlosses hatte Hiroko am meisten Zeit mit ihr verbracht und der nahende Verlust schmerzte sie sehr.
„Hiroko..", nur ganz leise, leiser noch als ein Flüstern, sprach Rin ihren Namen aus. Hiroko schreckte auf, sie hatte gar nicht bemerkt, dass Rin erwacht war.
„Ssch, ssch.. Rin-sama, ich bin ja hier. Ihr dürft euch nicht überanstrengen", murmelte sie und die ersten Tränen bahnten sich den Weg über ihr Gesicht.
„Ach Liebes, meine Zeit ist gekommen. Ob ich rede oder nicht ändert daran auch nichts. Aber ich bin froh, dass du hier bist".
Hiroko nickte, zu mehr war sie gerade nicht imstande.
„Weißt du noch, was ich dir vor ein paar Wochen erzählt habe?", fragte Rin und Hiroko musste sich bemühen, all ihre Worte zu verstehen.
„Ja, ja das weiß ich noch", antwortete sie mit tränenerstickter Stimme.
„Hiroko, wein doch nicht. Mein Leben war schön, sowohl draußen, als auch hier auf dem Schloss. Ich durfte dir und vielen anderen Kindern beim aufwachsen zusehen. Ihr habt euch alle so wunderbar gemacht", Rin holte tief Luft, das Sprechen fiel ihr zunehmend schwerer.
„Ich durfte mein ganzes Leben bei meinem Meister bleiben... Aber Hiroko, es gibt da noch etwas sehr Wichtiges, das ich dir sagen möchte. Hörst du mir zu, Kind?".
„Mhm..", murmelte sie und schniefte laut, während Rin weitersprach „Wir beide sind uns so ähnlich. Mir ist aufgefallen, wie still du in letzter Zeit warst. Hiroko, lass mich dir einen letzten Rat geben: Geh immer deinen eigenen Weg und such deine eigene Freiheit. Versprichst du mir das?".
Überrascht schaute Hiroko auf. Rin lächelte sie warmherzig an, so warmherzig wie eh und je, als würde sie nicht gerade im Sterben liegen.
Ob Rin genau wusste, worüber sie in den letzten Tagen immer wieder nachgedacht hatte?
„Ja, ich verspreche es euch, Rin-sama".
„Dann bin ich beruhigt".

Noch bevor Hiroko ihr etwas hätte antworten können, wurde die Tür zum Gemach aufgeschoben und Sesshomaru trat ein. Hiroko kam nicht umhin, erschreckt zu ihrem Fürsten aufzublicken, der Schock war zu groß, als dass sie in diesem Moment an ihre guten Manieren dachte.
„Geh", befahl er, ohne jegliche Gefühlsregung im Gesicht oder in der Stimme. Er schien nicht einmal wütend zu sein, dass Hiroko den Befehl, Rins Gemach nicht zu betreten, missachtet hatte.
Mit wackeligen Beinen stand Hiroko auf und verließ so schnell es ging den Raum, schob die Wand hinter sich zu und lief eiligst zurück auf ihr Zimmer. Erst dort fiel ihr auf, dass sie die ganze Zeit über die Luft angehalten hatte. Nach Luft ringend ließ sie sich auf ihren Futon fallen, die Stimme des Fürsten, seine Teilnahmslosigkeit, seine alles einnehmende Präsenz...
Die Tränen brachen aus ihr hervor, sie konnte nicht länger dagegen ankämpfen.

Sesshomaru blieb die ganze Nacht bei Rin, wachte über ihren ruhigen Schlaf, aus dem sie nie wieder erwachen würde.


//

Hallöle!
Willkommen bei meiner neuen FF, deren Idee sich in den letzten Tag in meinem Kopf kristallisiert hat. Wie man glaub ich bereits sieht, besteht bereits das erste Kapitel aus mehreren Zeitsprüngen, darauf basiert diese FF auch. Anfangs mag es wie viele kleine OneShots wirken, bis es jedoch irgendwann in eine fließende Geschichte übergeht.
Ich werde dieses Mal auch versuchen, einen etwas anderen Schreibstil anzuwenden, mal sehen, wie gut mir das wirklich gelingen wird.
Die Altersempfehlung und das Genre könnten im Laufe der Zeit noch wechseln, da bin ich mir noch nicht ganz einig :D

Ich hoffe, euch gefällt die Idee und ihr seid neugierig geworden, trotz des ziemlich kurzen Einstiegs!
Ich sitze jedoch bereits an einem zweiten Kapitel!
Über Reviews würde ich mich freuen!

Man liest sich, Fabs!
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