Back to home

von Seveny
GeschichteDrama, Sci-Fi / P18
Chakotay Der Doktor Kathryn Janeway Seven of Nine Tom Paris Tuvok
21.04.2017
08.12.2018
52
182597
22
Alle Kapitel
335 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
Sie wusste nicht, wie lange sie schon auf dem Baumstumpf saß. Zwei Stunden? Drei Stunden? Länger?
Neelix, Gilmore und Andrews hatten sich einen gut geschützten Platz unter dem Felsvorsprung gesucht. Einige erhitzte Steine spendete ihnen Wärme, die helle Glut des Steinhaufens verbreitete Zuversicht. Nur Paris hatte sich ebenfalls abseits gesetzt. Er kauerte an dem Schacht, durch den sie gekrochen waren, das Gesicht in den verschränkten Armen vergraben.

Sie umklammerte ihre angewinkelten Knie. Die Sturmböen trieben den Regen immer weiter unter den Felsvorsprung. Die nassen Strähnen klebten auf der Stirn, ihr Körper zitterte und die Uniform wies mehr dunkle Flecken als helle auf. Die Eiseskälte hielt sie lebendig. Schmerzverzerrt starrte sie in die Wildnis, ohne etwas zu sehen. Von Zeit zu Zeit wischte sie sich die Feuchtigkeit weg. War Chakotay im Stollensystem ertrunken? Sie hatten schon viel gefährlichere Missionen durchgestanden. Er durfte so nicht sterben. Nicht auf so banale Weise.

Schritte knirschten. Genervt drehte sie sich um. Lieutenant Andrews kam auf sie zu und setzte sich mit aller Selbstverständlichkeit neben sie. Ihr lag schon ein harsches Lassen-Sie-mich-in Ruhe auf der Zunge, aber der gutmütige Sicherheitsmann verbreitete eine Mischung aus Feingefühl und Besorgnis, dem sie sich nicht gut entziehen konnte. Betreten sah sie zu Boden, darauf wartend, dass Andrews das Wort an sie richten würde, doch er blieb stumm. Er richtete den Blick ebenfalls auf die Wildnis, ohne sie anzusehen. Stoisch ertrug er den eiskalten Wind, als wäre es das normalste der Welt, bei Unwetter im Freien zu sitzen. Auf eine merkwürdige Weise tat seine schweigsame Anwesenheit gut. Erst nach einer ganzen Weile sprach er zu ihr.

     „Wenn der verdammte Sturm aufhört, werden wir Commander Chakotay suchen. Dann lösen sich die Interferenzen auf und die Kommunikation funktioniert wieder.“ Er riskierte einen Seitenblick.

     „Sicher.“ Sie nickte, als wollte sie sich für ihr seltsames Verhalten rechtfertigen. „Es ist nur ... ich muss mich mit der Möglichkeit auseinandersetzen, dass der Commander es unter Umständen nicht geschafft hat ...“

     „Chakotay stand Ihnen persönlich immer sehr nahe. Wenn es die Fügung vorsieht, lebt er noch, denn für uns alle ist das Buch des Lebens bereits geschrieben.“

     „Und seines ist in einem vollgelaufenen Kanalsystem geschlossen worden.“

     „Heizen Sie nicht jetzt schon Ihre eigene Hölle an“, sagte er vieldeutig und fuhr sich durch die tropfnassen, kurzen Haare. „Ich weiß, dass Sie  sehr gut darin sind.“

     „Ich hätte vorsichtiger sein müssen. Für den Vorfall trage ich die volle Verantwortung.“

     „Nein, Captain“, widersprach er kopfschüttelnd. „Jeder von uns kennt die Risiken einer Mission. Auch der Commander war sich der Gefahren bewusst. Er würde Ihnen nie die Schuld dafür geben.“ Andrews berührte sie sanft am Arm. „Ich weiß, dass Sie trauern. Um ihn und alle die verpassten Gelegenheiten.“

     „Trauern ... wie kommen Sie darauf?“, wehrte sie ab.

Der Sicherheitsmann mit der afroamerikanischen Abstammung strich ihr tröstend über den Rücken. „Nachdenken kann man in der Gemeinschaft, trauern kann nur jeder für sich alleine.“

     „Mein Sohn wird ohne seinen Vater aufwachsen. Wir werden alleine sein.“

     „Sie sind nicht alleine, Captain. Sie finden jederzeit Halt und Zuspruch in der Crew. Jeder versteht Ihre Trauer, Sie müssen sich nicht rechtfertigen.“ Er strich ihr kurz über den Arm, dann ging er zu den Anderen zurück.

Sie sah Paul nach. Gedankenverloren wischte sie sich die Feuchtigkeit von den Wangen. Wie wenig kannte sie die Crewmen der Lower-Decks und wie loyal verhielten sie sich trotz allem. Bis heute hatte sie mit Andrews kaum zehn Sätze gewechselt. Trotzdem war es ihm ein Bedürfnis, ihr Trost zu spenden.

Der Regen ließ allmählich nach. Am Himmel konnte sie die ersten hellen Streifen erkennen. Sofort tippte sie auf den Kommunikator. „Janeway an Commander Chakotay?“ Die Funkverbindung rauschte nicht mehr, ein sicheres Zeichen, dass die Interferenzen sich aufgelöst hatten. Trotzdem blieb der Kanal stumm. Erneut berührte Sie das Combadge. „Janeway an Voyager.“ Stille. Wenn Tuvok nicht antwortete, musste das einen triftigen Grund haben. Die wahrscheinlichste Ursache behagte ihr am Allerwenigsten. Das Schiff befand sich nicht mehr in Kommunikationsreichweite. Was hatte den Vulkanier dazu veranlasst, die Voyager aus dem Orbit zu fliegen? Sie schüttelte den Kopf. Darüber mache ich mir später Gedanken.  Die Suche nach Chakotay war vorrangig.

Eilig ging sie auf das Außenteam zu. „Ich kann keinen Kontakt herstellen, obwohl die Interferenzen nachgelassen haben. Weder der Commander noch die Voyager antworten.“ Sie straffte sich, bemüht ihrer Stimme einen festen Klang zu geben. „Wir gehen zum Einstieg zurück. Von dort suchen wir nach weiteren Zugängen. Wir müssen Chakotay finden, bevor die Nacht hereinbricht.“

Andrews, Gilmore und Neelix erhob sich. Zügig verließen sie den Felsvorsprung. Paris folgte, hielt aber Abstand zu den Kollegen, als gehöre er nicht dazu. Nach wenigen Schritten erreichten sie den Waldrand. Aus dem stillen Bach, der heute Morgen plätschernd das Moorgebiet mit Wasser versorgt hatte, war ein reißender Strom geworden. Der Sturm hatte einige Bäume entwurzelt und Äste weggerissen. Über dem gesamten Waldgebiet lag ein süßliches Aroma.

     „Riechen Sie das?“ Janeway sah sich um, aber außer ein paar Nebelschwaden, die die langen Baumflechten einhüllten, konnte sie nichts erkennen. „Woher kommt der Geruch?“

Andrews zuckte mit den Schultern. „Vielleicht eine Pflanzenart.“

Janeway stakste weiter über den glitschig durchgeweichten Waldboden. Überall standen Pfützen, so gesättigt war der Untergrund. Der Boden ist kaum härter als die Pasten, die Neelix zu seinen Koch-Kreationen serviert.  Wie selbstverständlich blieb Paul an ihrer Seite, half ihr aus dem Morast, oder machte den Weg durch die Flechten frei.

     „Wir sollten im Bereich der Felsformationen bleiben“, schlug Lieutenant Andrews vor. „Irgendwo steht ein Hauptportal. Von dort suchen wir die Kanäle ab.“

     „Einverstanden“, war Janeways kalte Antwort. „Mister Paris? Haben Sie auch etwas Brauchbares dazu zu sagen?“

     „Nein, Ma´am“, sagte er leise, ohne aufzusehen. „Außer, dass es mir leidtut.“

     „Ich dachte eher an konstruktive Vorschläge für die Suche.“

     „Ich bin sicher, dass Lieutenant Paris alles tun wird, damit wir den Commander finden“, nahm Paul seinen Kollegen in Schutz. Janeway verteilte einen missbilligenden Blick, was Andrews nicht davon abhielt, Tom freundschaftlich auf den Rücken zu klopfen. „Chakotay kommt so leicht nicht um. Ich bin sicher, es ist ihm nichts passiert.“

Paris antwortete nicht, sondern ließ sich stumm zurückfallen. Er konnte die Gegenwart Janeways nicht ertragen. Wenn Chakotay tot ist ...  Er sah auf den Fluss, ein stürmisches, spritzendes Gewässer, das alles und jeden mit sich fortriss. Er hatte Mühe, seinen Blick zu lösen.

     „Captain? Ich habe etwas gefunden“, meldete Neelix unvermittelt.

Janeway war sofort zur Stelle. Sie nahm den Gegenstand und starrte ihn an. „Chakotays Messer ...“

     „Daraus kann man keine Schlüsse ziehen, Captain“, wiegelte der Talaxianer den Fund ab. „Mir fallen auch andauernd irgendwelche Sachen aus den Taschen. Das will nichts heißen.“

     „Nein ... sicher nicht.“ Sie umschloss das Messer. Er musste es verloren haben, als er sie heute Morgen von der Schlingpflanze befreit hatte. Sie sah sich um. Die Dämmerung setzte allmählich ein. „Wir brechen die Suche ab.“

Am Himmel zeigte sich die undeutliche Silhouette eines Mondes, der den Rückweg nur unzureichend ausleuchtete. Mit Mühe fanden sie zum Felsvorsprung zurück. Der Anbruch der Nacht brachte frostige Temperaturen und eisigen Wind mit sich. Sie erhitzten einige Steine, die sofort eine wohltuende Wärme abstrahlten. Erneut lag ein widerlich süßlicher Geruch nach Honig in der Luft, doch dieses Mal viel intensiver. Janeway drehte den Kopf. Woher kam der Gestank? Sie sah sich um. Unweit der dunklen, knorrigen Bäume konnte sie einen fahlen Nebel erkennen. Der dunstige Schleier huschte über den Boden, als tanze er mit dem Wind. Allmählich näherte sich die Erscheinung dem Felsvorsprung.

Janeway sprang erschrocken auf. Irgendetwas passiert hier.  Das Phänomen zerfiel in mehrere Teile. Fremdartige Wesen materialisierten sich daraus. Vor ihr standen ein Dutzend Gestalten in grauen Kutten und großen, mönchsartigen Kapuzen. Sie hielten die Köpfe gesenkt. Man konnte ihre leichenblassen Gesichter kaum erkennen, die Handflächen hatten sie wie zum Gebet aneinandergelegt. Regungslos verharrten sie, nur die Mäntel bauschten sich bei jedem Windstoß um ihre Beine.

Janeway hob in Zeitlupe die Hände und setzte ein solides Föderationslächeln-für-Erstkontakte auf. „Wir sind in friedlicher Absicht gekommen. Mein Name ist ...“

Die Fremden legten mit einer fließenden Bewegung die spitzen Kapuzen ab. Ihre haarlosen Schädel kamen zum Vorschein, dazu pupillenlose, milchige Augen, deren Blickrichtung sie nicht einschätzen konnte. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Die Wesen nutzen den Überraschungsmoment, rissen blitzschnell leuchtende Stäbe unter den Mänteln hervor, mit denen sie das Team in Schach hielten. Zur Demonstration schossen sie in die Felswand, die sofort ein glühendes Loch zeigte. Der Anführer schnellte vor, versetzte Janeway mehrere feste Hiebe auf die Stirn, bis sie blutüberströmt zu Boden ging. Die Atemfrequenz der Fremden stieg hörbar. Gierig leckten sie sich über die Lippen. Das Letzte, das sie halbbenommen wahrnahm, war eine Reihe blutroter Zähne und der Geruch von Honig.


Zur gleichen Zeit auf der Voyager


Tuvoks Nasenflügel hoben sich mittlerweile sekündlich, ein untrügliches Zeichen, dass seine vulkanische Geduld das äußerste Ende der Fahnenstange erreicht hatte. Seit sechs Stunden hielten sie einen sicheren Abstand zum subnukleonischen Nebel. Uns läuft die Zeit davon.  Der Computer hatte für das Außenteam eine Überlebensrate von unter einem Prozent errechnet. Der Doktor forschte an einem Schutz gegen die Strahlen, hatte aber bislang keinerlei brauchbare Ergebnisse geliefert.

     „Commander? Ein herannahendes Schiff ruft uns“, informierte Lieutenant Ayala.

Tuvok durchmaß die Brücke und positionierte sich in deren Mitte. „Stellen Sie die Transmission durch.“

     „Willkommen im Jagdgebiet der Crounds. Ich bin Levilat, der Herrscher.“ Ein glatzköpfiger Fremder in einer groben Mönchskutte starrte ihn mit unbeweglichen Gesicht an. „Sie sind ohne eine Erlaubnis in unser Jagdrevier eingedrungen.“

     „Mein Name ist Commander Tuvok von der USS Voyager. Ich verstehe nicht ganz? Wie meinen Sie das?“

     „Um diese Jahreszeit ist Jagd-Season."

     „Die Sensoren haben keinerlei Zivilisationen entdeckt.“

     „Ihre Scanner sind durch die starken kosmischen Strahlen unzuverlässig. Fakt ist: Sie sind widerrechtlich in das Clevari-System eingedrungen, um Ihre Vorräte auf Chokuza aufzufüllen.“ Der glatzköpfige Mann schüttelte den Kopf. „Sie glauben nicht, wie viele Kulturen versuchen, uns die vielfältigen Ressourcen zu stehlen.“

     „Ich entschuldige mich dafür. Wir waren uns dessen nicht bewusst, Herrscher Levilat. Ein Außenteam befindet sich auf Chokuza. Wegen der subnukleonischen Strahlung mussten wir den Orbit verlassen. Sowie die Crewmen an Bord sind, fliegen wir aus dem Clevari-System hinaus.“

     „Nein, Commander ... Ihr Außenteam gehört jetzt zu unserer Beute. Das ist der Preis für das Deuterium, das Sie ohne eine Zustimmung gefördert haben.“

     „Wie darf ich das verstehen?“

     „Ihre Spezies soll äußerst wohlschmeckend sein, hat mir Corporal Askwith versichert.“ Der glatzköpfige Mann leckte sich emotionslos über die Lippen. „Es ist ein gerechtes Geschäft: die Crewmen gegen eine Füllung Ihrer Deuteriumtanks.“

Der Vulkanier richtete sich zu seiner vollen Größe auf. „Ich kann diesem Handel aus ethischen Gründen nicht zustimmen. Gibt es eine Alternative?“

     „Ihnen wird nichts anderes übrigbleiben, als zuzustimmen. Wir haben eine ganze Kampf-Flotte in der Nähe.“ Levilats Miene blieb undurchschaubar. Das erste Mal fielen Tuvok die milchigen Augen und das ausdruckslose Mienenspiel dieser Spezies auf. Die Emotionen seines Gegenübers waren kaum einschätzbar. Selbst vulkanische Mimik wirkte dagegen wie ein brodelndes Meer feuriger Gefühlswallungen. Levilat ließ sich Zeit, bis er weitersprach. „Ihnen scheint viel an den Individuen zu liegen. Tauschen Sie vier Kinder Ihrer Crew gegen das Außenteam, dann lass ich die Crewmen auf Ihr Schiff bringen.“

     „Ihre Forderung ist absurd. Sie verlangen, dass ich vier Kinder zum Tode verurteile.“

     „Nein ... vier Kinder und einen Erwachsenen. Der fünfte wären Sie ... Commander ... Tuvok.“ Die letzten beiden Worte zog er genüsslich in die Länge. Dabei öffnete Levilat den Mund um einen Spalt und zeigte einen Teil seiner blutroten Zähne. „Auch wir verzehren lieber junges Fleisch. Sie haben eine halbe Stunde Bedenkzeit.“ Die Transmission erlosch.

     „Roter Alarm“, wies Tuvok Ensign Kim mit tonloser Stimme an, dann drehte er sich steif zu Lieutenant Ayala. „Alle Führungsoffiziere in den Besprechungsraum. Holen Sie den Doktor dazu.“



Zehn Minuten zuvor auf dem Planeten



Die Kutten beugten sich kollektiv über Janeway. Lieutenant Andrews nutzte den Moment, stellte den Phaser auf Streuung und zielte auf die Wesen. Es zischte. Ein greller Blitz schoss ihm aus der eigenen Waffe direkt ins Gesicht. Starr vor Schreck sah das Team, wie Paul schreiend zusammenbrach.

Dann ging alles rasend schnell. Die Fremden streckten ohne Vorwarnung Paris, Neelix und Gilmore mit einem gezielten Schuss nieder. Routiniert beugten sie sich über ihre Opfer. Durchsichtige, dünne Fäden, die ihnen aus den Fingerspitzen liefen, dienten dazu, die Füße und Handgelenke zu einem undurchdringlichen, milchigen Paket zu verschnüren. Der Anführer klopfte Haken in die Felsendecke. Mühelos hoben die Wesen ihre Beute hoch, um sie freischwebend mit dem Gesicht zur Felswand aufzuhängen. Zufrieden wandten sich die Kapuzen-Männer dem leise wimmernden Andrews zu.

Janeway kam langsam wieder zu sich. Das widerlich süße Aroma, das die Fremden verströmten, kurbelte ihren Überlebensinstinkt an. Schlagartig war sie hellwach. Der blutüberströmte Sicherheitsmann lag keinen Meter von ihr entfernt. Die gurgelnden Geräusche der Wesen hallten unerträglich in ihren Ohren. Sie riskierte einen Blick aus den Augenwinkeln. Blutiger Speichel floss ihnen aus dem Mund. Die Kreaturen rissen die Mäuler auf. Ein Fauchen. Der gesamte Kopf formte sich zu einer einzigen runden Fressluke, besetzt mit dichten Reihen blutroter, rasierklingenartiger Zähne. Ihre Augen waren in einer Falte verschwunden. Sie können Blut riechen.  Erschrocken registrierte sie, dass sie aus einer Kopfwunde blutete.

Die Nebelwesen hatten sich zu Andrews heruntergebeugt. Wie im Blutrausch bissen sie Fleischstücke aus Armen und Beinen. Pauls Schreie verhallten mit zigfachen Echo am Felsen. Janeway versuchte, die Hände freizubekommen, scheuerte in ihren Fesseln, bis ihr das Blut über die Handgelenke lief. Aussichtslos. Sie drehte den Kopf. Knochen brachen auseinander. Ein Zerknacken und Aufreißen, gurgelnde, schmatzende Geräusche, dazwischen Andrews Schreie. Sie presste die Augen zusammen. Warme Flüssigkeit spritzte ihr in mehreren Schüben ins Gesicht, tropfte zäh am Felsen herunter, um als dunkler Fleck im Boden zu versickern. Sie kämpfte gegen den Brechreiz. Der Anführer hielt den Knochen von Pauls Arm in den Händen, nagte daran und blickte dabei begierig zum Rest der Beute.

Sie schloss instinktiv die Augen. Ruhig bleiben. Sie dürfen nicht auf dich aufmerksam werden.  Sie beneidete ihre drei bewusstlosen Crewmen neben sich, die wie schlaffe Marionetten teilnahmslos in den Fesseln hingen. Ihr Körper versteifte, bei jedem Splittern und jedem Schmatzen. Ich kann Paul nicht helfen. Ruhig bleiben.  Die Schmerzensschreie ihres Sicherheitsmanns drangen tief, bis ins Innerste jeder Körperzelle. Sie musste etwas finden, das ihre Gedanken ablenkte, etwas, um die blutigen Bilder aus ihrem Kopf zu bekommen. Sie konzentrierte ihren Geist auf das Luftholen, löschte allmählich die Umwelt um sich herum aus. Das Einzige, was sie wahrnehmen wollte, waren die eigenen, gleichförmigen Atemgeräusche.

Einige Minuten später hörte das Schmatzen auf. Sie blinzelte vorsichtig. Die Fremden ließen von Andrews ab und wischten sich über den blutigen Mund. Sie sah Pauls abgerissenen Arm. Unermüdlich pulsierte aus der Wunde das Blut heraus. Eine Blutlache, die langsam in den sandigen Untergrund zog. Der helle Sand formte dunkle, verkrustete Brocken aus, die den Wesen achtlos an den Klauen haften blieben. Ob er noch lebt?  Seine Worte kamen ihr in den Sinn: Unser aller Buch ist schon geschrieben. Ist das nun ihre Bestimmung? Von einer unbekannten Spezies gefressen zu werden?

Es raschelte leise. Sie presste die Augen zu und hielt den Atem an. Jetzt ist der Nächste dran.  Sie registrierte jedes noch so kleine Geräusch. Das Geraschel klang, als würde man große Stücke Stoff bewegen. Die Mäntel mit den Kapuzen.  Wieder lauschte sie angestrengt. Schritte. Ein Windhauch. Stille. Nur die Schreie aufgeschreckter Tiere hallten durch die Dämmerung.

Sie wartete. Erst, als es eine Zeitlang totenstill blieb, öffnete sie die Augen ganz. Der Mond erhellte die Szene, hüllte alles in ein fahles Licht. Fahl und unheimlich, wie die Gesichter dieser Spezies. Sie schluckte. Gilmore, Paris und Neelix hingen immer noch bewegungslos an der Felswand, die Köpfe schlaff nach unten hängend.
     
      „Tom ... Neelix? Marla? Könnt ihr mich hören?“, flüsterte sie. Die Drei rührten sich nicht.

Janeway wand sich erneut hin und her, versuchte, die Aufhängung der Hände abzureißen, bis sich die Fesseln abermals blutrot färbten. Die elastischen Fäden, besaßen die Stabilität von Spinnennetzen. Sie waren sowohl flexibel als auch scharfkantig. Wahrscheinlich liefert nur ein Phaserstrahl genügend Energie, um das Material zu durchtrennen.  Sie sah sich suchend um. Die Fremden hatten die Phaser mitgenommen, sie waren wehrlos. Vorsichtig lenkte sie ihren Blick zur anderen Seite. Pauls Torso lag regungslos in einer Blutlache, umgeben von Knochenresten.
Sie wusste, es gab keine Hilfe, keine Chance sich zu retten, keinen Weg hinaus. Eine unüberwindbare Angst vor dem unausweichlichen Ende stieg in ihr hoch, verkrampfte den Magen und drückte die Brust zusammen, Es war eine der ausweglosen Situationen, auf die die Sternenflotte jeden Kadetten mit dem Kobayashi-Maru-Test vorbereitet hatte. Ich bin immer davon ausgegangen, dass mir so etwas nicht passiert.

Das erste Mal in ihrem Leben akzeptierte sie ihr Schicksal und obwohl die Angst sie kaum atmen ließ, sah sie vor ihrem geistigen Auge nur Bilder der glücklichen Momente. Kiran ... er sieht seinem Vater jeden Tag ähnlicher.

Ihre Mundwinkel umspielte ein schmerzliches Lächeln. Die allererste Begegnung mit Chakotay, dem gesuchten Rebellenführer. New Earth. Die Erinnerungen an Akari. Der Filmabend. Chakotays sanfte Art, die charmanten Grübchen, die er immer dann einsetzte, wenn er sie necken wollte, die Vertrautheit ...

Windböen fegten rau vorbei, kühlten die hängenden Körper aus. Schwindel überkam sie. Wie es sich wohl anfühlt von einer dieser Fressmaschinen bei lebendigem Leib auseinandergerissen zu werden?
Sie schüttelte den Gedanken ab. Der Augenblick kam noch früh genug. Erneut klammerte sich ihr Geist an Kiran, Momente voller Glück.  Kiran ... indianisch für Lichtblick.

Der Wind frischte abermals auf, umwehte die baumelnden Gestalten. Die Kraft verließ nach und nach ihren ausgekühlten Körper. Das letzte Bild, das sie bewusst wahrnahm, war Chakotays Lächeln, dann sackte auch ihr Kopf kraftlos zur Seite.
Review schreiben