Leave out all the rest

GeschichteRomanze, Freundschaft / P18 Slash
20.04.2017
13.08.2017
35
75682
80
Dieses Kapitel
24 Reviews
 
 
 
Hallo und herzlich willkommen zu meiner neuen FF "Leave out all the rest". Normalerweise haben meine FFs meist deutsche Titel, diese hier ist aber von dem gleichnamigen Lied von Linkin Park inspiriert, weshalb ich sie einfach so genannt habe.

Die FF ist abgeschlossen und hat 35 Kapitel. Posten werde ich die FF wieder wie gehabt jeden Montag und Freitag - bzw. an den Abenden davor ;-) Gebetat ist sie von StrandMeer und ich hoffe, sie gefällt euch.

Jetzt viel Spaß mit dem ersten Kapitel!

Eure Mrs Malfoy

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Kapitel 1

Die untergehende Herbstsonne tauchte die bereits fast kahlen Bäume und den hellen Kiesweg in ein unpassend angenehmes Licht. Der leichte Wind ließ trockene Blätter über den Weg huschen, während sich die Wärme des Herbsttages zurückzog und der Kälte der Nacht Platz machte, die Dunkelheit und Leere mit sich brachte.

Einsamkeit.

Es war wirklich niemand gekommen. Nicht, dass Draco es erwartet hatte. Nicht wirklich. Doch ganz tief in seinem Inneren hatte er es gehofft. Es war dumm gewesen.

Sie waren Geächtete. Nur geduldet.

Langsam ließ er den Blick über die beiden Gräber schweifen. Das eine mit Heidekraut und Efeu bewachsen, das andere frisch und irgendwie bedrohlich. Die Namen seiner Eltern auf dem schwarzen wuchtigen Stein zu lesen, der hinter den beiden Gräbern hockte wie ein unheilbringender Schatten war so unwirklich, dass Draco beinahe laut aufgelacht hätte. Die Worte darunter, von ihm selbst gewählt und so verlogen wie alles andere in seinem Leben. „Ruhet in Frieden. Für immer in unseren Gedanken“ Wer war dieses „Unser“? Der einzige, der einen Gedanken an seine Eltern verschwendete war er. Niemand anders hatte sich für die beiden Beerdigungen interessiert – geschweige denn für die beiden Menschen.

Als sein Vater vor zwei Jahren in Askaban gestorben war, hatte es niemanden interessiert. In aller Stille war er beerdigt worden, während Draco direkt neben seiner schweigenden Mutter gestanden und wie sie mit trockenen Augen und leerem Herzen auf die nasse Erde gestarrt hatte, unter der der Sarg seines Vaters verschwunden war. Sie hatten sich nicht berührt, hatten es nicht gekonnt, waren zu weit voneinander entfernt.

Heute hatte er allein vor dem Erdloch gestanden und hatte dem furchtbaren Geräusch der Erdbrocken gelauscht, die mit einem hohlen Poltern auf das edle polierte Holz des Sarges fielen, in der seine Mutter lag. Dracos Augen waren wieder trocken, wie bei der Beerdigung seines Vaters. Und er hasste sich dafür. Wieso konnte er nichts fühlen? Er müsste weinen. Doch er hatte nur dagestanden in seinem schwarzen Mantel und hatte den obligatorischen unpersönlichen Worten des Priesters, der die Beerdigung begleitete, gelauscht. Der Mann hatte seinen Text heruntergeleiert,  Draco hinterher die Hand gegeben, ihm noch einmal sein Beileid gewünscht  und war gegangen.

Wann war das gewesen? Es war noch hell gewesen. Es hatte genieselt. Dann war die Sonne mit ihren noch immer wärmenden Strahlen hervorgekommen, was jedoch eigentlich völlig gleich war. Jemanden zu beerdigen war beschissen. Egal, welches Wetter war.

Draco schlug seinen Kragen hoch und konnte seine Beine einfach nicht bewegen. Weiter starrte er auf den schwarzen Stein und überlegte, ob er die eingravierten Worte magisch noch einmal ändern könnte. Doch es würde sowieso niemanden interessieren.

Seinen Vater hatte er mit seiner Mutter begleitet. Seine Mutter hatte er begleitet.

Wer würde hier stehen, wenn er selbst beerdigt werden würde?

Die Antwort war so einfach wie ernüchternd.

Niemand.

Denn es würde niemanden interessieren.

Weder die Frauen und Männer, die in seinem Haus zu seinen Diensten waren und so taten, als würden sie sich für ihn interessieren, noch irgendjemand anders. Er hatte keine Verwandten mehr. Keine Freunde. Niemanden.

Mit einem hysterischen Lachen fiel ihm ein, dass er vielleicht gar nicht beerdigt werden würde, weil nicht mal jemand bemerken würde, wenn er im Malfoy Manor sterben und dort verwesen würde. Er schlug sich die Hand vor den Mund und sah sich um. Doch es war niemand außer ihm hier, der seinen Ausbruch hatte hören können.

Er war allein.

Ihm fiel ein, dass er vermutlich nicht verwesen würde, weil der alte Hauself, der der Familie noch geblieben war, vermutlich eine Beerdigung in die Wege leiten würde. Nicht, weil er Draco so schätzte, sondern weil er nicht wollte, dass er hinterher die Sauerei wegputzen musste.

Was sollte er jetzt tun? Doch nun ja, viele Möglichkeiten hatte er nicht, wenn er ehrlich war. Unter Menschen zu gehen kam nicht in Frage, denn er ertrug die Blicke nicht. Arbeiten wollte er nicht mehr heute und auch das brachte ihm keine Befriedigung. Vermutlich würde er einfach nach Hause gehen. In das leere alte Anwesen, würde sich an der Hausbar bedienen und anschließend jemanden zu sich bestellen, der ihm die Zeit vertrieb. Heute würde es ein Mann sein, das war ihm irgendwie klar. Und bereits jetzt wusste er, dass die kurzzeitige Befriedigung ihm keinen Frieden schenken würde. Sie konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass er einsam war.



Sein Kopf fühlte sich hohl und gleichzeitig riesig an, er schmerzte und Draco erschrak, als er neben sich ein grunzendes Schnarchen hörte. Nicht laut und auch nur kurz, doch es stieß ihn ab. Er versetzte dem jungen Mann einen harten Klaps gegen den Arm und dieser öffnete die Augen.

„Sir … kann ich noch etwas für Sie tun?“ Er lächelte sofort kokett und kroch auf Draco zu, doch dieser wandte dem anderen den Rücken zu und brummte: „Hau ab!“

„Wie bitte?“, fragte der junge Mann höflich, und Draco schnauzte ihn an: „Verschwinde!“

„Aber Sie haben für die ganze Nacht bezahlt, Sir.“

Draco fuhr zu dem penetranten Kerl herum und starrte ihm in die Augen. „Wie deutlich soll ich es noch sagen? Bist du zu unterbelichtet, um mich zu verstehen? Du sollst abhauen! Mach hin, bevor ich dir Beine mache, du Tölpel!“

Während der junge Mann hastig aufstand und seine Unterhose überstreifte, fragte er mit ängstlichem Unterton: „Aber Sie waren doch zufrieden, oder Sir? Sie werden sich nicht über mich beschweren?“

Draco verdrehte die Augen. Diese halblegalen Bordelle und Zuhälter waren doch wirklich eine Pest!  Er hatte schon öfter mitbekommen, dass die Huren, die ihm geschickt wurden, ob männlich oder weiblich, eine furchtbare Angst davor hatten, man werde sich über sie beschweren. Zu Anfang hatte er das sogar mal getan. Er war schlecht drauf gewesen und der Junge hatte sich beim Blowjob seiner Meinung nach ziemlich dusselig angestellt. Doch nachdem er sich beschwert hatte, hatte er kein gutes Gefühl dabei gehabt, denn irgendwie hatte er das Gefühl, dass der Junge schmerzhaft für seine Unerfahrenheit büßen musste.

„Wenn du dich jetzt endlich verpisst, beschwere ich mich nicht. Geh irgendwo einen Kaffee trinken. Aber nerv mich nicht.“

„Sie wollen ihr Geld nicht zurück?“ Erleichterung schwang in der Stimme des Jungen mit.

„Nein. Ich will nur meine Ruhe.“ Draco drehte sich um und hielt sich seinen schmerzenden Kopf. Er würde sich gleich von dem Hauselfen einen Schmerztrank bringen lassen und dann noch ein paar Stunden entspannt schlafen, damit er beim Frühstück halbwegs akzeptabel aussah. Er stutzte, bekam nur mit halbem Ohr mit, dass der Junge ein leises „Auf Wiedersehen, Sir“, murmelte und durch die Tür nach draußen schlüpfte, während ihm einfiel, dass er keinen Grund hatte, akzeptabel auszusehen. Es war niemand da. Niemanden interessierte, wie er aussah, ob er geduscht oder seine Haare gemacht waren.

Er legte den Kopf aufs Kissen und schloss die Augen. Vielleicht könnte er ja einfach hier liegen bleiben und warten, bis er starb?
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