Die Tochter des Bestatters

OneshotDrama, Romanze / P12
Zombies & andere Untote
20.04.2017
20.04.2017
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Die Geschichte, die ich euch heute erzählen möchte, ereignete sich vor zwanzig Jahren, aber sie prägt mich heute noch maßgeblich in meinem ganzen Sein. Es begann alles an dem Tag der Beerdigung meines Vaters.

Die Sonne strahlte heute besonders. Man sagt, wenn die Sonne lacht, dann fiele es dem Verstorbenen nicht schwer, diese Welt zu verlassen. Ich glaubte, dass es stimmte. Mein Vater war schwer krank gewesen. Über Jahre hinweg hatte er sich mit einer schweren Krankheit gequält. Er hatte gelächelt, als er starb. Ich hatte ihm das wirklich gegönnt, auch wenn ich ab dem Zeitpunkt alleine war.
Ich ging grade in die Kapelle. Die Zeremonie sollte in zwei Stunden beginnen und dann sah ich sie.
Das Mädchen kümmerte sich grade um die Blumen. Ihre blasse Haut leuchtete im Sonnenschein. Trotz der Hitze trug sie ein langärmeliges Kleid und einen Strohhut. Das Rot der Rosen stand in einem starken Kontrast zu ihren strohblonden Haaren.
Mein Fotoapparat fiel lautstark zu Boden und sie sah auf. Ihre Augen hatten die Farbe von flüssigem Quecksilber.
„Ich..äh…Entschuldige bitte. Ich wollte dich nicht erschrecken!“ stammelte ich und Hitze stieg mir ins Gesicht. Sie lächelte mich an. „MARINA!“ brüllte es von hinten in der Kapelle. Sie senkte den Kopf und ging zur Stimme hinter. Eine Weile später kam der Bestatter hervor. „Oh, Guten Tag Herr Schneider. Es ist noch reichlich Zeit. Was führt Sie schon her?“
„Ich hatte keine Ruhe und da zog es mich schon her. Ich dachte ich könnte ein wenig helfen.“
„Nein, nein. Sie müssen nicht helfen. Setzen Sie sich doch.“ Er schob mich sachte zu den Stühlen und ich setzte mich.
„Das Mädchen von eben-,“ setzte ich an, aber er unterbrach mich: „Sie ist nur eine Aushilfe. Mein Mitarbeiter ist leider erkrankt.“ Er beendete das Thema sehr abrupt und ging wieder in den hinteren Raum der Kapelle. Meine Neugierde war aber nicht gestillt und ich schlich in den hinteren Bereich. Jetzt bereitete sie die Blumengestecke hinten vor. Ich beobachtete sie eine Weile, bis der Bestatter wiederkam und die Gestecke vor brachte. Ich setzte mich schnell wieder auf meinen Stuhl und starrte die Urne von meinem Vater an. Langsam kamen die anderen Gäste. Ein Heuchler nach dem anderen. Mein Vater war ein namhafter Kaufmann und in der Stadt wohlbekannt gewesen. Ich pfiff auf ihre Beleidsbekundungen. Insgeheim rieben sie sich doch die Hände, dass sie seinen Bereich übernehmen konnten. Schließlich begann die Zeremonie. Ich suchte alles nach Marina ab, aber ich sah sie nicht.
Als endlich Ruhe einkehrte und alle abreisten, gelang es mir einen Blick auf sie zu erhaschen. Sie stieg in das Auto des Bestatters. Ich entschied mich dazu, später bei ihm vorbei zu schauen.
Gegen Nachmittag hielt ich es nicht mehr aus und ging in die Stadt zum Bestatter.
Ich trat ein und das Glöckchen über der Tür klingelte. Der Bestatter kam hervor.  „Oh, Herr Schneider. Benötigen Sie noch etwas? Habe ich Ihnen die Unterlagen vielleicht unvollständig ausgehändigt?“ besorgt sah er mich an, aber ich winkte ab: „Nein, nein, nichts dergleichen. Ich wollte nur fragen ob sie den Namen des Mädchens-,“
„Vergessen Sie das Mädchen. Es lohnt sich nicht, weiter über sie nachzudenken,“ unterbrach er mich forsch. Etwas klapperte und ein süßlicher Geruch breitete sich aus. „Ist das Formaldehyd? Wollen Sie etwas konservieren?“ fragte ich. Jetzt wurde der Bestatter richtig wütend. Unwirsch packte er mich am Kragen: „Junge, steck deine Nase nicht in fremde Angelegenheiten,“ und mit den Worten beförderte er mich unsanft aus seinem Geschäft und verschloss die Tür. Ich linste durch die Scheibe und sah Marina nackt und nass, im hinteren Bereich stehen. Der Bestatter drehte sich um und kam drohend vor. Ich sah machte flinke Füße und rannte davon.
Drei Tage lang konnte ich weder essen, noch schlafen. Ständig kreisten meine Gedanken um das blonde Mädchen mit den silbergrauen Augen. In der vierten Nacht, der Vollmond schien hell vom Himmel, stand ich auf und unternahm einen Nachtspaziergang. Mit meinen Gedanken war ich fernab der irdischen Welt und so bekam ich gar nicht mit, wohin meine Füße mich trugen. Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als ich eine liebliche, gesummte Melodie hörte. Ich fand mich vor dem Garten des Bestatters wieder und dort im bleichen Mondschein saß das Mädchen und kümmerte sich wieder um Blumen. Im Mondlicht sah ihre Haut noch blasser aus und sie wirkte unendlich zerbrechlich. Ich räusperte mich, um auf mich aufmerksam zu machen und sie sah rüber. Sie schaute kurz nach links und rechts, vermutlich nach dem Bestatter und kam zu mir rüber. „Guten Abend,“ sagte ich freudig: „Mein Name ist Simon, Simon Schneider. Wir haben uns letztens auf der Beerdigung meines Vaters gesehen.“ Ich sah sie an, doch sie blieb stumm. Nach einer Weile fragte ich: „Wie ist dein Name?“ aber sie sah nur traurig drein und schüttelte den Kopf. Ich begriff: „Du kannst nicht reden,“ stellte ich fest und sie nickte entschuldigend. „Ach, das macht doch nichts,“ winkte ich ab. „Der Bestatter hat an dem Tag Marina gerufen. Ist das dein Name?“ Sie nickte und lächelte. „Ah, ok und ist er dein Vater?“ Sie nickte abermals und lächelte wieder. Wir saßen zu zweit am Zaun und wir redeten die ganze Nacht. Was sie mit Worten nicht ausdrücken könnte, zeigte sie mit ihren glänzenden lebhaften Augen.
Bis die Tür aufging. Schnell machte sie eine scheuchende Bewegung und ich verstand: „Bist du morgen wieder hier?“ fragte ich schnell und leise und sie nickte. Schnell und überglücklich flitzte ich davon. Das Dauergrinsen war mir nicht mehr aus dem Gesicht zu wischen.
Am nächsten Tag war ich völlig fertig. In der Uni konnte ich mich kein Stück konzentrieren. Alles ließ ich fallen und nichts bekam ich auf die Reihe. Schon Stunden vorher saß ich am Fenster und sah zu, wie es dunkel wurde. Sobald es dann dunkel war, rannte ich aus meiner Wohnung, zum Garten des Bestatters.
Sie kam gerade zur Tür heraus. Heute trug sie ein langärmeliges rotes Kleid. Es unterstrich perfekt ihre Blässe.  Ich hatte ihr eine einzelne rote Rose mitgebracht und reichte sie ihr durch den Zaun. Sie sah etwas gequält drein.
„Freust du dich gar nicht?“ fragte ich besorgt. Sie schüttelte den Kopf und deutete auf ein Gänseblümchen. „Magst du Gänseblümchen lieber, als Rosen?“ Sie schüttelte wieder den Kopf, tat so, als würde sie das Gänseblümchen abschneiden und ließ sich dann ins Gras fallen, als wäre sie tot. Ich verstand: „Ah, du magst keine Schnittblumen, weil sie schon tot sind!“ Sie strahlte mich an nickte und lächelte. Wieder unterhielten wir uns die ganze Nacht. Kurz bevor sie wieder rein musste forderte ich sie auf, näher an den Zaun zu kommen. Sie kam näher. „Noch näher,“ forderte ich sie weiter auf: „Richtig mit deiner Wange an den Zaun,“ und sie lehnte ihren Kopf an den Zaun und durch den Maschendraht, gab ich ihr einen Kuss auf die Wange. Überrascht und dennoch freudestrahlend, sah sie mich an. Ich errötete und wünschte ihr eine gute Nacht und flitzte davon. Als ich zurückblickte, konnte ich sehen, wie sie aufgeregt kicherte. Auf dem nach Hause Weg stieg mir ein süßlicher Geruch in die Nase. Ich konnte die Quelle nicht ausmachen und weil meine Lippen trocken waren, leckte ich drüber. Sie schmecken bitter. Ich wischte mir mit dem Handrücken drüber und roch dran. Es roch süßlich, nach Formalin? Ich schüttelte den Kopf und setzte meinen Weg fort.
In der nächsten Nacht brachte ich ein Röschen im Topf mit, aber Marina war nicht im Garten. Ich wartete die ganze Nacht, aber ohne Erfolg. So ging es die nächsten drei Tage. Am vierten Tag saß sie wieder im Garten, aber sie sah irgendwie erschöpft aus. Ich kletterte über den Zaun und überreichte ihr das Blümchen. Sie freute sich riesig. Heute wollte sie eher ins Haus, doch bevor sie gehen konnte hielt ich sie am Arm fest: „Warte bitte!“ Sie sah mich fragend an und ich ging näher ran. Dann nahm ich ihr Gesicht sanft in meine Hände und küsste sie. Ihre Lippen waren trocken und spröde und ihre Haut fühlte sich gummiähnlich an.
Sie roch und schmeckte definitiv nach Formalin. Unauffällig schob ich meine Hand in ihre Halsbeuge. Ich fühlte keinen Puls. Ich öffnete die Augen und sie sah mich entsetzt an. Sie wollte fliehen, doch ich hielt sie fest und zog sie an mich: „Du bist tot, oder?“ Sie nickte an meiner Brust. „Das spielt keine Rolle. Ich liebe dich trotzdem, Ich habe dich seit dem ersten Augenblick geliebt. Du bist das wichtigste für mich.“ Ich strich über ihr strohiges Haar. Sie klammerte sich an mein Hemd. Wahrscheinlich wollte sie weinen, aber keine Träne verließ ihre Augen. Nach einer Weile ließ sie mich los und verabschiedete sich.
In den folgenden Nächten bemerkte ich einige Veränderungen an ihr. Ihre Haut wirkte sehr marmoriert. Unter der blassen Hautschicht sah ich deutlich grün die Adern hervorschimmern. Ein paar Tage darauf bildeten sich Blasen auf ihrer Haut. Ich recherchierte nach und mir blieb das Herz stehen. Sie verweste. Bei lebendigem Leibe, trotz der Behandlung mit Formalin. Ich musste mir schnell etwas einfallen lassen. Ich sprach mit Medizinstudenten und Ärzten, aber bis auf mumifizieren fiel niemandem eine Lösung ein. Mumifizierung würde aber bedeuten, dass sie sich nicht mehr würde bewegen können. Tag für Tag sah ich zu wie ihr Körper immer weiter verfiel, bis sie nicht mehr in den Garten kam.
Ich kletterte über den Zaun und brach kurz entschlossen in das Haus ein. Im Keller fand ich den riesigen Tank mit der Formalinlösung. Marina schwamm darin. Ihre Augen hatte sie geschlossen. Überall am Körper hatte sie Blasen und zum Teil hatte sich ihre Haut gelöst. Ich berührte das Glas und sie schlug die Augen auf. Sie legte ihre Hand auf meine und wir sahen uns eine Weile in die Augen. Sie waren nach wie vor lebendig und silbergrau. Nichts deutete darauf hin, dass ihre Besitzerin bereits tot war. Nach einer Weile machte sie anstalten, aus dem Tank zu kriechen. Ich wollte sie abhalten, aber sie ließ mich nicht. Schließlich stand sie nackt und nass vor mir. Bis ihr Bein nachgab und ich sie auffing. Tief betrübt sah sie mich an. Ihre lebhaften Augen wurden grau und stumpf. Sie deutete auf den Tisch und ich trug sie rüber. Sie nestelte an einer Schublade, bekam sie aber nicht auf Ich half ihr und sah eine Pistole. Ich verstand. Sie wollte nicht mehr. Sie hatte den verfallenden Körper und das ausharren im Tank satt. Tränen stiegen mir in die Augen. „Das kann ich nicht!“ sagte ich, aber sie legte mir einen Finger auf die Lippen und nickte ruhig. In ihren Augen konnte ich lesen, dass sie bereits wusste, was ihre Beweggründe waren. Ich setzte sie ab und zog meine Jacke und mein Hemd aus. Die Jacke formte ich zum Kissen und das Hemd zog ich ihr an. Ganz sachte legte ich ihren Kopf auf meine Jacke. Dann zielte ich auf ihren Kopf und sie lächelte mich an. „Ich liebe dich,“ hauchte ich und sie nickte kaum merklich. Dann schloss sie die Augen und ich schoss. Ich hatte Glück. Das Loch war nicht groß und wäre es nicht gewesen, dann hätte man glauben können, sie schliefe nur. Ein erleichtertes Lächeln war auf ihrem Gesicht.
Der Schuss hatte den Bestatter auf den Plan gerufen. Laut und ungehalten polterte er die Treppe runter. Dann sah er seine Tochter auf dem Boden liegen. Er packte mich am Kragen und schlug mir mit der Faust ungehemmt ins Gesicht: „WAS HAST DU GETAN?!“ brüllte er und schlug weiter auf mich ein. Mittlerweile hatte er mich auf den Boden geworfen und trat mich. Ich wehrte mich nicht. Ich ließ meiner Trauer freien Lauf und Blut und Tränen liefen mir über das Gesicht. „Meine Tochter!“ heulte der Bestatter: „Meine liebe, teure Tochter! Warum? Warum hast du das getan?! Ich habe sie geliebt!“ schrie er immer wieder, während ihm bittere Tränen übers Gesicht liefen. Als er endlich aufhörte, auf mich einzuschlagen richtete ich mich auf und sah ihm ins Gesicht: „Auch ich habe sie geliebt,“ hauchte ich. „Sie wollte nicht mehr. Sie hat den Verfall nicht mehr ertragen.“ Leise rannten die Tränen über mein Gesicht und der Bestatter ließ sich an meine Brust fallen: „Ich weiß,“ heulte er: „Ich weiß und dennoch kann ich sie nicht gehen lassen.“
Ich weiß nicht wie lange wir da saßen, aber irgendwann standen wir beide auf und klopften uns auf die Schulter.
Am Tag von Marinas Beerdigung regnete es in Strömen. Man sagt, wenn es regnet, wollte die Person noch nicht gehen. Ich verstand es. Sie war viel zu jung gewesen und dennoch wirkte sie erleichtert über ihren Tod. Wir waren zu dritt auf dem Friedhof. Nur der Bestatter, ich und der Redner. Niemand sah unsere Tränen, weil der Regen sie sofort wegtrug.
Der Vorfall ereignete sich vor zwanzig Jahren, aber er hat mich bis heute tief geprägt. Mein Name ist Simon Schneider, ich bin neununddreißig Jahre alt und Bestatter. Ich habe eine Tochter namens Marina und ihre Augen haben die Farbe von flüssigem Quecksilber.