I - Die Lebenskünstlerin

GeschichteAllgemein / P12
19.04.2017
06.11.2017
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Martin stand mit Susanne vor der Gastwirtschaft.
Es war ein schöner Frühsommertag. Die wenigen Wolken am sonst blauen Himmel hüllten die Bergspitzen des Wilden Kaisers ein.
Es war erst kurz nach 10.00 Uhr.
„Hab ein Auge auf ihn, wenn sich sein Zusatnd nicht bessert, ruf mich an.“ meinte Martin gerade.
Susanne hatte ihn kommen lassen, weil ein Gast über heftige Magenschmerzen geklagt hatte.
„Okay, mache ich.“ antwortete Susanne und schaute Martin prüfend an. „Und wie geht es bei euch? Hat Hans sich wieder beruhigt?“
Martin winkte ab. „Er schmollt noch.“
Bevor er dies weiter ausführte, deutete er über Susannes Schulter.
Ein junges Mädchen quälte sich mit dem Fahrrad von rechts über den Platz bis sie schließlich absprang, das Mountainbike einfach fallen ließ und auf die Stufen des Aufgangs zur Kirche sank.
Sie stütze den Kopf mit den Armen auf den Knien ab.
„Sieht aus, als geht es ihr nicht gut.“ kommentierte Susanne.
„Hm.“ bestätigte Martin und bewegte sich schon in die Richtung.

Helena war total erschöpft. Ihr Kopf schmerzte und sie rang nach Luft. Sie fühlte sich, als sei sie bis zum Hartkaiser hinauf gefahren und nicht nur den kleinen Anstieg von der Hauptstraße bis hier.
Als ein Schatten auf sie fiel sah sie auf.

„Alles in Ordnung?“ fragte Martin und musterte das Mädchen. Er schätzte sie auf 12 oder 13 Jahre. Sie war schlank. Der augenscheinliche Erschöpfungszustand passte nicht zu ihrem sportlichen Äußeren. Ihr Gesicht war blass und die von der Anstregung hochroten Wangen traten hervor. Ihre kurzen dunkelbraunen Haare waren verschwitzt.

Er wartete noch immer auf eine Antwort, aber das Mädchen hatte den Kopf wieder gesenkt und rührte sich nicht.

„Ich bin Arzt, ich kann dir helfen.“ startete er einen neuen Versuch.

Helena blickte erneut auf. „Das kann ja jeder sagen!“ knurrte sie.
Sie wechselte ihre Sitzposition und stütze sich nun nach hinten mit beiden Armen ab, um Martin genauer anzuschauen.

„Darf ich?“ fragte Martin und schon hatte er seine Hand an die Stirn gelegt.
Helene drehte den Kopf weg.
„Du hast Fieber!“ kommentierte Martin.
„Ich weiß. Ich bin auf dem Weg nach Hause.“ murmelte sie.

Martin sah auf die Uhr und ging in Gedanken die angemeldeten Patienten durch. Es waren keine komplizierten Fälle dabei. Roman würde das schon machen.
„Wo musst du hin? Ich kann dich fahren.“ bot er an.

Helena schüttelte den Kopf. „Ich steige doch nicht zu Fremden ins Auto!“ stellte sie unmissverständlich klar. Dennnoch dachte sie über das verlockende Angebot nach. Nachdem sie jetzt schon hier hatte Pause machen müssen, würde die Fahrt den Berg hinauf zum Hof eine Qual werden. Sie fühlte sich wirklich elend.

„Anderes Angebot: Wir gehen dort in den Wilden Kaiser und ich untersuche dich kurz. Wenn ich denke, du schaffst die Tour, okay, sonst fahre ich dich.“ forderte er nun.

„Ey, ich weiß noch nicht einmal wie Sie heißen. Ich gehe doch nicht mit Ihnen mit!“ wies sie ihn abermals ab und schloss die Augen, um tief durchzuatmen.

Martin drehte sich kurzerhand um. Susanne beobachtete sie noch. Er winkte ihr zu und sie kam zu ihnen herüber. „Und?“ fragte sie.

„Würdest du der Dame bitte meinen Namen und Beruf nennen?“ forderte Martin sie auf.
Susanne schauteihn irritiert an. „Sie ist Fremden gegenüber sehr skeptisch.“ ergänzte er.

Helena saß unbeweglich und beobachtete die beiden.
Susanne drehte sich zu ihr: „Das ist Martin Gruber, von Beruf Arzt. Wir haben dich von dort hinten gesehen. Ich bin Susanne Dreiseitl und mir gehört dort die Gastwirtschaft 'Wilder Kaiser' .“
„Das wäre dann geklärt!“ meinte Martin, verschränkte die Arme und sah Helena auffordernd an.

Die Frau in Dirndel hatte Helena schon öfter gesehen, als sie hier vorbeigefahren war. Das mit der Gastwirtschaft konnte stimmen.

„Und mein Bike?“ fragte sie zaghaft.
„Du kannst es bei mir unterstellen und in den nächsten Tagen wieder abholen.“ bot Susanne an.
Helena blickte noch einmal zwischen ihnen hin und her bis sie schließlich nickte.
Sie stand auf und hielt sich kurz an dem Mauerpfeiler fest.

„Schwindelig?“ fragte Martin sofort.
Helena schüttelte den Kopf. „Mein Kopf brummt wie ein ganzer Bienenschwarm.“ gestand sie.
Als sie dann ihr Mountainbike aufhob, wollte Susanne ihr helfen.
„Ich mach das schon.“ maulte Helena sie an.
Susanne zog die Augenbrauen hoch und warf Martin einen Blick zu. Er schüttelte fast unmerklich den Kopf und sie ließen Helena gewähren.
Helena schob das Rad sehr langsam, auf den wenigen Metern hielt sie zweimal kurz an. Martin hielt sich an ihrer Seite, um gegebenenfalls einzugreifen.
Er ahnte, dass Helena einen starken Willen besaß und wollte den kleinen Zugang, den sie ihm zugestand nicht erneut verlieren.
Als Helena ihr Rad in den Fahrradständer gestellt und angekettet hatte, versicherte Susanne ihr, gut aufzupassen. Helena griff schließlich nach ihrem wenig gefüllten Rucksack, der auf dem Gepäckträger befestigt war.

„Du hast uns deinen Namen noch gar nicht verraten.“ erkundigte Martin sich freundlich.
Wieder blickte sie ihn abschätzend an, ehe sie antwortete: „Helena. Helena Bahr.“
„Okay, ich bin der Martin.“ er hielt ihr die Hand hin.
Helena nahm sie an und lächelte sogar leicht.
Martin fühlte wieder die deutliche Hitze der Haut. „Ich würde gerne mit dir kurz reingehen und Fieber messen.“ schlug er vor.
Sofort zog sie die Hand zurück und schüttelte den Kopf: „Ich möchte nach Hause.“
Martin lenkte ein. „Dort ist mein Wagen. Wo wohnst du?“
„Die alte Karre?“ entfuhr es ihr. Sie sah Susanne an: „Er ist wirklich Arzt?“
Susanne verkniff sich ein Lachen und nickte.
Ein Gast rief nach Susanne und sie verabschiedete sich.

Helena ging mit Martin. Er hielt ihr die Beifahrertür auf und nach einem letzten Zögern stieg sie ein.
Bevor Martin den Motor anließ, erkundigte er sich noch einmal. „Also, wo wohnst du?“
„Lierstättweg 17“ lautete die Antwort.
„Auf dem Astberg? Du wolltest mit dem Rad noch da hoch?“ lautete Martins ungläubige Gegenfrage.
Helena zuckte nur mit den Schultern. Im Grunde war sie froh, dass sie in einem Auto saß. Sie fühlte sich wirklich nicht gut und dachte bereits daran, wie sie Martin zu Hause schnell loswerden könnte.
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